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Nachricht , : Von rot zu grün

Afrikas Kampf für eine gerechte Energiewende

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Installations von Solarpanelen in Afrika: Die globale Energiewende kann für Afrika eine Chance sein - wenn sie fair verläuft.
Installations von Solarpanelen in Afrika: Die globale Energiewende kann für Afrika eine Chance sein - wenn sie fair verläuft.  CC BY 1.0, Foto: Wikimedia/IAfrica76

Die politische Unabhängigkeit Afrikas in den 1950er und 1960er Jahren wurde als finaler Schlag gegen Sklaverei, Kolonialisierung und Ausbeutung durch europäische Mächte gefeiert. Nach Jahrhunderten des Ressourcenraubs und der Unterwerfung war der Kontinent endlich frei und konnte seine eigenen Entscheidungen treffen. Doch die Souveränität blieb oft flüchtig, wie der ivorische Autor Mamadou Kourouma in seinem Roman Les soleils des indépendances eindrucksvoll vor Augen führt. Ein Beispiel dafür liefert der Fall von Guinea: Im Referendum von 1958 schlug das Land den Reformvorschlag des französischen Präsidenten Charles de Gaulles aus und sagte sich – anders als der Rest Französisch-West- und Äquatorialafrikas – vollständig von Frankreich los. Für seine souveräne Entscheidung zahlte es einen hohen Preis: Frankreich stellte umgehend alle Finanzhilfen ein und versuchte, Guinea zu isolieren. Zwei Jahre später erhielten auch die übrigen Länder Französisch-West- und Äquatorialafrikas ihre Unabhängigkeit. Aber auch Jahrzehnte später sind die Folgen des Kampfes um Unabhängigkeit weiterhin spürbar. Das formale Ende des Kolonialismus bedeutete nicht automatisch wahre Selbstbestimmung.

Ibrahima Thiam arbeitet zum Thema Klimawandel und natürliche Ressourcen im Westafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar, Senegal.

Bis heute ist Souveränität in ganz Westafrika ein zentrales Thema – in Parlamenten, Klassenzimmern und auf Märkten wird darüber debattiert. Darin spiegelt sich eine generationenübergreifende Frage: Wieso ist Afrika nach mehr als sechzig Jahren Unabhängigkeit weltwirtschaftlich immer noch randständig? Diese Frage ist in Diskussionen über die globale Energiewende besonders drängend, wie die UN-Klimakonferenz 2025 in Belém deutlich gemacht hat. Zwar sind die Industrieländer bestrebt, ihre Energiesysteme von fossiler auf erneuerbare Energie umzustellen, wollen dabei aber meist nichts grundlegend an ihrem Konsummodell ändern. Stattdessen lagern sie ihre Umweltkosten in den Globalen Süden aus. CO2-Kompensation, Waldschutz und Abbau von Mineralen wie Kobalt, Lithium, Nickel und Graphit für die erneuerbare Energietechnik haben gemeinsam, dass sie dem Globalen Norden Vorteile bringen, den afrikanischen Gesellschaften aber soziale und ökologische Kosten aufbürden. Jahrzehnte der Ressourcenausbeutung haben in der Praxis selten den afrikanischen Volkswirtschaften genutzt, sondern ihre ökonomische Abhängigkeit erhöht und die Schädigung von Umwelt und Gesellschaft fortgesetzt.

Bis heute ist Souveränität in ganz Westafrika ein zentrales Thema – in Parlamenten, Klassenzimmern und auf Märkten wird darüber debattiert.

Nnimmo Bassey, Gründer der Health of Mother Earth-Stiftung, hat diese Dynamik als «grünen Kolonialismus» beschrieben. Auch Hamza Hamouchene erkennt die Dringlichkeit eines Umstiegs auf erneuerbare Energien an, aber kritisiert die derzeitige Praktik, bei der Umsetzung die Enteignung, Ausbeutung und den sozioökonomischen Ausschluss der Länder des Globalen Südens fortzusetzen. Wenn die Energiewende nur den Interessen der Industrieländer dient, wirft sie grundlegende Fragen bezüglich ihrer Gerechtigkeit auf. Der Globale Süden fordert zunehmend nicht nur Reparationen, sondern eine wirklich faire Wende, die afrikanischen Ländern ermöglicht, sich auf sinnvolle Weise an der Bewältigung der Klimakrise zu beteiligen. Afrikanische Nationen, die auf fossile Brennstoffe verzichten, sollten nicht zu den Verlierern eines Systems werden, das Konsum und Profite des Globalen Nordens aufrechterhält.

Das Paradox des afrikanischen Ressourcenreichtums verdeutlicht diese Herausforderung. Der Kontinent verfügt über 24 Prozent der Ackerbauflächen weltweit und über Vorkommen von mehr als sechzig verschiedenen Mineralen, darunter Kobalt, Lithium, Platin, Tantal und Gold. Die Demokratische Republik Kongo (DRK) produziert zwei Drittel des Kobalts weltweit; Südafrika hat die größten Platin- und Manganvorkommen; und Sambia zählt gemeinsam mit der DRK zu den führenden Kupferproduzenten. Trotz dieses Potenzials bleiben viele afrikanische Volkswirtschaften weiterhin von Krisen geprägt. Die offizielle Entwicklungshilfe lag 2024 bei 73,6 Milliarden US-Dollar – doch zugleich erreichte der Schuldenstand rund 700 Milliarden US-Dollar. Das zwingt die Regierungen, substanzielle Teile ihrer Einkünfte in den Schuldendienst zu lenken und untergräbt ihre wirtschaftliche Souveränität. Von Rohstoffexporten abhängige Länder sehen sich oft mit unfairen Verträgen und geringer industrieller Entwicklung konfrontiert, während Importe die heimische Produktion ersetzen. Nigeria zum Beispiel importiert jährlich Lebensmittel im Wert von 10 Milliarden US-Dollar, während der eigene Agrarsektor schrumpft. Wirkliche politische Souveränität kann es nur geben, wenn auch ökonomische Souveränität gewährleistet ist. Doch das System, indem Afrika operieren muss, schränkt beides gleichermaßen ein.

Wirkliche politische Souveränität kann es nur geben, wenn auch ökonomische Souveränität gewährleistet ist. 

Afrikas Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel verschärft diese Abhängigkeit noch. Laut der Weltorganisation für Meteorologie war 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen, 1,55°C über der durchschnittlichen globalen Temperatur vor der Industrialisierung; 2025 war das drittwärmste Jahr, 1,47°C über vorindustriellem Niveau. Obwohl der afrikanische Kontinent nur 4 Prozent zu den globalen Emissionen beiträgt, leidet er überproportional an den Folgen des Klimawandels, darunter Küstenerosion, Desertifikation, Überschwemmungen, Versalzung der Böden, Verlust an Biodiversität und soziale Zerrüttung. Mechanismen, die eigentlich zur Unterstützung nachhaltiger Entwicklung entworfen wurden, wie Klimafinanzierung, Klimakredite und Emissionshandel, haben im Gegenteil zu höherer Verschuldung geführt, die Anfälligkeit Afrikas erhöht und seine Marginalisierung verschärft. Nur 5 Prozent der globalen Klimafinanzierung erreicht den Kontinent, und der größte Teil davon kommt in Form von Krediten, die ihn die Kosten einer Krise schultern lassen, zu deren Entstehung er wenig beigetragen hat.

Die Herausforderungen von Afrikas Energiewende lassen sich an drei Länderbeispielen veranschaulichen. In Nigeria hat die Ölproduktion das Wirtschaftswachstum befeuert, aber gleichzeitig Gemeinschaften und Ökosystemen schwere Schäden zugefügt. Über 13 Millionen Barrel Öl sind im Niger-Delta seit 1958 ausgetreten, die Ölförderung dort hat zu Umweltdegradation, sozialen Konflikten und tief sitzender Ungleichheit beigetragen. Trotz seines Ölreichtums tut sich das Land schwer mit der Industrialisierung, und Ressourcenabhängigkeit hat die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten verschärft, statt eine breite Entwicklung zu ermöglichen.

Der Senegal steht vor einem anderen, aber verwandten Dilemma. Die Gewinnung von Erdöl und Erdgas vor der Küste gefährdet den traditionellen Fischfang und löst Proteste seitens der lokalen Gemeinschaften aus. Eine Vereinigung traditioneller Fischer*innen reichte Beschwerde gegen das den Ölkonzern British Petroleum bei der OECD ein, die die Praktiken des Unternehmens verurteilte – ein kleiner, aber bedeutender Erfolg beim Versuch, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch laufende Projekte vor der Küste, darunter die Saint-Louis-Plattform zur Gasförderung und die Erschließung von Fördergebieten bei Kayar und im Saloum-Delta schränken den Zugang zu Fischgründen ein und bergen ein Verschmutzungsrisiko für kritische Küstenökosysteme. Die Regierung hat erklärt, die Erdölerschließung verantwortungsvoll handhaben zu wollen, doch die Konflikte zwischen Industrialisierung, Umweltschutz und Existenzsicherung bleiben ungelöst.

In der Demokratischen Republik Kongo zeigt der Abbau von Kobalt und anderen Mineralen für erneuerbare Energietechnik beispielhaft, wie sich neue Formen der Abhängigkeit in der sogenannten grünen Wende herausbilden. Die DRK stellt zwei Drittel der globalen Kobaltversorgung sicher, aber der größte Teil des Minerals wird in Industrieländer exportiert, in denen es für die Herstellung von Akkus und Solaranlagen verwendet wird. Lokale Gemeinschaften hingegen sehen sich oft mit Verdrängung und Umweltschäden konfrontiert, während die wirtschaftlichen Vorteile gering bleiben. Darin wird ein gleichbleibendes, an ein koloniales Erbe gemahnendes Muster der Rohstoffgewinnung sichtbar. Afrika liefert die Rohstoffe für die Energiewende, erhält aber im Gegenzug wenig für die heimische Wirtschaftsentwicklung und soziale Sicherheit.

Afrika liefert die Rohstoffe für die Energiewende, erhält aber im Gegenzug wenig für die heimische Wirtschaftsentwicklung und soziale Sicherheit.

Afrikanische Stimmen zu Energie- und Umweltpolitik verweisen auf unterschiedliche Ansätze, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Nnimmo Bassey plädiert dafür, die fossilen Brennstoffe im Boden zu belassen, um weitere ökologische und soziale Schäden zu vermeiden. Mbaye Hadj warnt hingegen davor, sich ausschließlich auf Solarenergie zu stützen, da dies die Wirtschaftsentwicklung hemmen könnte. Er schlägt vor, Erdgas zur Ankurbelung der Industrialisierung einzusetzen, während Solarenergie für private und landwirtschaftliche Bedürfnisse genutzt werden sollte. Dr. Mamadou Touré befürwortet eine gestaffelte grüne Wende, die Umweltethik, ökonomischen Realismus und finanzielle Tragfähigkeit in ein Gleichgewicht bringt und eine Verpflichtung gegenüber dem Klima signalisiert, ohne dafür das Wirtschaftswachstum zu opfern. Diese Perspektiven illustrieren die starke Verzahnung von Energiepolitik, Finanzierungsfragen, Souveränität und Entwicklungsstrategie. Sie werfen gleichzeitig die allgemeinere Frage auf, welche Art von Fortschritt Afrika wirklich will. Soll der Kontinent dem Industrialisierungspfad Europas, der USA oder Asiens folgen oder einen alternativen Weg gehen, der Mensch und Natur achtet?

Für eine faire und gerechte Energiewende ist zunächst einmal die Anerkennung der historischen und gegenwärtigen Schulden und Verantwortung der Industrieländer nötig. Die afrikanischen Nationen müssten Kontrolle über ihre Ressourcen, ihre Industriestrategien und ihre Energiesysteme behalten, um direkt von globalen Investitionen in die grüne Wende profitieren zu können. Prozesse des UN-Klimagipfels müssen sich nicht nur mit Klimafinanzierung, sondern auch mit Schuldenerlass befassen, um sicherzustellen, dass afrikanische Länder am Ende nicht als Netto-Verlierer dastehen. Der Kontinent sollte ermächtigt werden, aktiv an globalen Lösungen teilzuhaben, statt auf die Rolle eines Rohstofflieferanten und Risikoträgers reduziert zu werden.

Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit bleibt die politische, wirtschaftliche und ökologische Souveränität Afrikas beschränkt durch historische Vermächtnisse und gegenwärtige Abhängigkeiten. Die globale Energiewende bietet eine Chance, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren – aber nur, wenn dies von Gerechtigkeit, Fairness und afrikanischer Handlungsfähigkeit geleitet ist. Eine echte Wende muss Afrika in die Lage versetzen, wirklich selbstbestimmt zu handeln und seine Ressourcen und strategischen Entscheidungen in einer Weise geltend zu machen, dass daraus eine nachhaltige, gerechte und belastbare Zukunft erwächst.

Übersetzung für Gegensatz Translation Collective von Daniel Fastner & Charlotte Thießen.

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