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Hintergrund , : Wilhelm Liebknecht als Antimilitarist

Georg Fülberth über den Mitgründer der Sozialdemokratie, der vor 200 Jahren geboren wurde

Wichtige Fakten

Details

Wilhelm Liebknecht in London um 1895 (aus der sozialdemokratischen Zeitschrift „Die Neue Welt“)

Am 29. März 2026 ist der 200. Geburtstag Wilhelm Liebknechts. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat diesen Mitgründer der deutschen Sozialdemokratie in den Schatten seines Sohnes Karl gestellt, des Kämpfers gegen Militarismus und Krieg. Zeitgenossen der beiden sahen dies zunächst anders.

Georg Fülberth ist Politikwissenschaftler mit den Forschungsschwerpunkten Theorie und Geschichte des Kapitalismus und Geschichte der Arbeiterbewegung. Von 1972 bis 2004 lehrte er als Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg.

Nachdem Wilhelm Liebknecht 1900 gestorben war, folgten 120.00 bis 150.000 Menschen seinem Sarg von Charlottenburg im Westen bis Friedrichsfelde im Osten von Berlin oder säumten die Straßen. Der Sohn Karl, der wenige Tage später 29 Jahre alt wurde, stand noch vor dem Anfang seiner politischen Laufbahn, der Vater trug in der Partei u.a. den Namen „Der Alte“, wurde verehrt wegen zahlreicher Verdienste, darunter auch im Kampf gegen den Militarismus. Daran soll im Folgenden erinnert werden, nicht nur aus biografischen, sondern auch aus aktuellen Gründen: Schon bei Wilhelm Liebknecht und seinen Genoss(inn)en des 19. Jahrhunderts, darunter bei Marx und Engels, begannen grundsätzliche Überlegungen über das Verhältnis von Krieg, Frieden und Wettrüsten, Gesellschaft und staatlichem Gewaltmonopol, die gegenwärtig wieder sehr dringlich werden.

Miliz und stehende Heere

Wilhelm Liebknecht hat im Lauf seines Lebens an insgesamt vier Parteiprogrammen mitgewirkt. In allen findet sich ein knapper Passus zur Landesverteidigung, die bejaht wird, und zu stehenden Heeren, die abgelehnt werden. Beide Positionen waren also damals vereinbar. Wilhelm Liebknecht war ein Gegner der stehenden Heere, aber kein Pazifist.

Zusammen mit August Bebel beteiligte er sich 1866 an der Gründung der „Sächsischen Volkspartei“, die auch Bürgerliche umfasste, deren Massenbasis aber bereits aus Arbeitern bestand. In ihrem Programm wurde gefordert: „Volkswehr an Stelle der stehenden Heere“.

1869 ging die Sächsische Volkspartei in der von Bebel und Liebknecht geführten „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (SDAP) auf. In deren „Eisenacher Programm“ ist die ältere Forderung der Sächsischen Volkspartei übernommen. Jetzt wurde sie so formuliert: „Errichtung der Volkswehr an Stelle des stehenden Heeres“.

1875 schloss sich in Gotha die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Partei Bebels und Liebknechts mit dem „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV) zusammen. Der war einst, 1863, von Ferdinand Lassalle gegründet worden. Jetzt entstand die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD). In deren Gothaer Programm wird gefordert: „Allgemeine Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere“.

Nachdem die SDAPD 1890 das Sozialistengesetz besiegt hatte, nannte sie sich „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) und gab sich 1891 auf einem Parteitag in Erfurt ein neues Programm. Hier wird verlangt: „Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere“.

Dieses durchgehende Bekenntnis zur Ersetzung obrigkeitsstaatlicher Militärapparate durch Volksbewaffnung hat drei Wurzeln:

Erstens die europäische Aufklärung, zweitens den Kampf der Bourgeoisien Europas und Nordamerikas im 18. und 19. Jahrhundert gegen Feudaladel und Fremdherrschaft, drittens die von Friedrich Engels in seiner Arbeit „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884) dargelegte Theorie über das Verhältnis von Gesellschaft und Staatsgewalt.

In seiner Schrift „Zum Ewigen Frieden“ hatte 1795 Immanuel Kant formuliert: „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.“ Als die nordamerikanischen Staaten sich ab 1776 von Großbritannien losrissen, gehörten das Recht jedes einzelnen Bürgers, Waffen zu tragen, und die Ablehnung des Militärmonopols des europäischen Absolutismus zu ihren Grundsätzen. Gleiches trifft, mit noch älteren Wurzeln, für die republikanische Schweiz zu: die Bewaffnung aller erwachsener Männer als Element der Wehrverfassung. Die französische Revolution 1789 ff. mobilisierte Volksheere gegen die stehenden Armeen der sie bedrohenden auswärtigen Mächte.

Im Deutschland der Reaktionszeit nach den napoleonischen Kriegen wurden die Vereine der Schützen und Turner zum Ausdruck des Wunsches nach einer Wehrhaftigkeit von unten. Hierher gehörten zur gleichen Zeit auch studentische Burschenschaften, Landsmannschaften und andere Verbindungen. Dass sie heute zur politischen Rechten gehören, ist Ergebnis des viel späteren Kotaus des deutschen Bürgertums vor Bismarck. In ihrer Gründungszeit aber lag bei ihnen Vieles, wie auch bei den Turnern und Schützen, wie Kraut und Rüben durcheinander: Patriotismus, ja Nationalismus, Antisemitismus, Männerbund-Gehabe ohnehin, Saufen und Raufen, zugleich demokratisches Aufbegehren gegen die absolutistische und halbabsolutistische Fürstenherrschaft mit ihren Polizeidienern und Armeen. Selbst das Herumfuchteln mit Säbeln und das Gemetzel der Mensuren konnte als, wenngleich schon recht abstruser Ausdruck des Anspruchs auf Selbstbewaffnung verstanden werden. Der junge Wilhelm Liebknecht war Mitglied solcher Verbindungen in Gießen und Marburg.

Friedrich Engels schließlich hatte in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884) die Notwendigkeit begründet, die Verselbständigung des Staates (einschließlich seiner Bewaffnung) gegenüber der Gesellschaft seit Beginn der Zivilisation in einer künftigen kommunistischen Ordnung wieder zurückzunehmen. 1893, in seiner Abhandlung „Kann Europa abrüsten?“, schlug er vor, die sich abzeichnende Gefahr eines Weltkriegs durch Abschaffung der stehenden Heere und ihre Ersetzung durch ein Milizsystem abzuwenden. Eine solche Wehrverfassung stand im Gegensatz zur Zwangsrekrutierung der Bürger durch den Staat für dessen stehende Heere: zur allgemeinen Wehrpflicht.

All diese Traditionen und Bewegungen gehören zum Fundus von Wilhelm Liebknechts Kämpfen gegen den Militarismus.

Der Freischärler

1848 und 1849 nahm Wilhelm Liebknecht an der deutschen Revolution teil. In Baden wurde er Leutnant eines in Mannheim aufgestellten Arbeiterbataillons. Einrückendes preußisches Militär schlug die Revolution nieder. Oberbefehlshaber war der „Kartätschenprinz“: der spätere Deutsche Kaiser Wilhelm I.

Damit begann Liebknechts lebenslanger Kampf gegen den preußisch-deutschen Militärstaat. Nach seiner Rückkehr aus dem englischen Exil (1850-1862) setzte er ihn fort.

Der Feind: Der preußisch-deutsche Militärstaat

In Berlin war der einstige Kartätschenprinz 1861 König geworden. 1862 wurde Otto von Bismarck Ministerpräsident. Gemeinsam setzten sie eine Heeresreform (verbunden mit der Erhöhung der Militärausgaben) durch, mit der das Land kriegstüchtig gemacht werden sollte. Vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses verkündete Bismarck sein Programm: Nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse seien die großen Fragen der Zeit zu beantworten, sondern durch Eisen und Blut. In drei Kriegen gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 schoss Preußen die Einheit Deutschlands herbei. Auf dem Weg dorthin ist 1867 der Norddeutsche Bund gegründet worden. Sein Kanzler wurde Bismarck. Abgeordnete im Norddeutschen Reichstag wurden August Bebel und Wilhelm Liebknecht.

Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen-Deutschland den Krieg. Zwei Tage später fand im Reichstag die Abstimmung über die Kriegskredite statt. Wilhelm Liebknecht war für Ablehnung. August Bebel bewog ihn dazu, dass beide sich der Stimme enthielten. Zwar habe Napoleon III., der Kaiser der Franzosen, den Krieg erklärt und war dadurch formell der Aggressor. Preußen aber habe durch seine gesamte Politik der vorangegangenen Jahre die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Am 2. September 1870 kapitulierte die französische Armee nach der Schlacht bei Sedan. Die deutschen Truppen setzten den Krieg fort, jetzt gegen die Republik, die am 4. September in Paris ausgerufen worden war. Aus dem formellen Verteidigungskrieg gegen Napoleon III. war ein Eroberungskrieg geworden. Am 26. November 1870, in einer zweiten Abstimmung über Kriegskredite, lehnten Bebel und Liebknecht diese ab.

Mit der Proklamation Wilhelms zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 in Versailles entstand das Deutsche Reich.

Für Wilhelm Liebknecht war die Entwicklung seit 1866 eine einzige Kette von Niederlagen. 1848/49 hatte er für die Einheit Deutschlands gekämpft: als demokratische Republik, erfochten in einer Revolution von unten. Nunmehr war das Gegenteil entstanden, ein Obrigkeitsstaat, herbeigeführt in einer Konterrevolution von oben. Karl Marx charakterisierte ihn 1875 so: Er sei „nichts andres als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflußter, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus“. (MEW 19, S. 29)

Dies war auch die Auffassung Wilhelm Liebknechts. Das Deutsche Reich, ein Staatsungetüm in der Mitte Europas, wurde zur Katastrophe für den Kontinent und große Teile der Welt.

Hierzu trug ein Wandel des Verhältnisses von Streitkräften und Gesellschaft bei, der nun einsetzte. Bismarcks Politik bis 1870 mochte noch der für das 19. Jahrhundert klassischen Lehre des preußischen Generals Carl von Clausewitz (1780 – 1831) folgen, wonach der Krieg die Fortsetzung der Politik unter Beimischung anderer Mittel sei. Als er 1871 den Generälen folgte, die die Annexion Elsass-Lothringens durchsetzten, kehrte sich diese Beziehung um. Das Primat des Militärischen durchdrang die gesamte Gesellschaft. Das ist es, was Wilhelm Liebknecht als Militarismus verstand, den er bekämpfte.

Mit dem unter diesen Bedingungen entstandenen Deutschen Reich fand er sich nie ab. Marx und Engels dagegen entdeckten sofort Kollateral-Vorteile. Die Arbeiterbewegung werde zusammengefasst, ihr Schwerpunkt verlagere sich von Frankreich nach Deutschland, dies bedeute auch Übergewicht der Marxschen Theorie über die Auffassungen des Franzosen Proudhon: Dies schrieb Marx schon am 20. Juli 1870, einen Tag nach Beginn des Kriegs, an Engels. (MEW 33, S. 5) Und der äußerte sich begeistert „zu unseren Soldaten, die eine verschanzte Position gegen Mitrailleusen und Hinterlader mit dem Bajonett nehmen.“ (Ebenda, 30).

Diese heute makaber anmutenden Bemerkungen entsprachen einer Vorstellung von Marx und Engels von einer Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, in der alle Teilmomente, auch die Waffengewalt, auf einen revolutionären Reifepunkt hinliefen. Da war es dann eben wichtig, dass die Arbeiterbewegung gut organisiert, mit einer geeigneten Theorie ausgestattet und auch militärisch fähig war – spätestens dann, wenn die Sozialdemokraten unter den Wehrfähigen die Mehrheit bildeten. Wilhelm Liebknecht, dem Marx und Engels immer wieder einmal vorwarfen, nicht dialektisch denken zu können, waren solche Überlegungen fremd. Er war der radikaldemokratische Milizionär von 1848/49 geblieben und kein Stratege einer künftigen proletarischen Revolution geworden.

Die Entstehungsgeschichte des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 ließ ihn nicht mehr los. 1891 veröffentlichte er eine Broschüre mit dem Titel „Die Emser Depesche oder wie Kriege gemacht werden“. Hier versuchte er den Nachweis, dass Bismarck im Juli 1870 mit Absicht die französische Kriegserklärung provoziert habe. Zu diesem Zweck habe er ein an ihn gerichtetes Telegramm (damaliger Sprachgebrauch: eine „Depesche“) in einem von ihm gefälschten Wortlaut veröffentlicht, um die friedliche Beilegung eines Konflikts zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund zu verhindern.

„Weltpolitik“

Wettrüsten und sogenannte Weltpolitik – andere nannten das damals Imperialismus – waren die beiden großen Themen in den Reden Wilhelm Liebknechts in seinem letzten Lebensjahr. Seine allerletzte, geplant für August 1900, galt dieser Gefahr. Er konnte sie nicht mehr halten, starb vorher, sie wurde zu seinem Vermächtnis. Wilhelm Liebknecht bat seinen Sohn Karl, sie statt seiner zu übernehmen. Unmittelbar nach dem Tod des Vaters begann dieser Karl Liebknecht seinen Kampf gegen Aufrüstung und Krieg. Am 2. Dezember 1914 stimmte er gegen die Kriegskredite. Er übernahm die Aufgabe, die für seinen Vater zu schwer geworden war.

Was bleibt?

Wilhelm Liebknecht starb am 7. August 1900, nachts, gerade aus der „Vorwärts“-Redaktion heimgekommen, ganz plötzlich, von einem Moment zum anderen, nach allem, was wir wissen, schmerzlos. So bleibt er in unserem Gedächtnis als ein glücklicher Einwohner des 19. Jahrhunderts, in dem die Katastrophen des zwanzigsten vorbereitet wurden, von ihm aber nicht mehr erlebt wurden.

Viel blieb ihm erspart, das ihm das Herz gebrochen hätte: nämlich die Zerstörung seines Lebenswerks, der von ihm mitgegründeten und geeinten deutschen Sozialdemokratie, durch ihre Spaltung im Ersten Weltkrieg und die Schande, dass die SPD-Reichstagsfraktion am 4. August 1914 den Kriegskrediten zustimmte. Selbst sein Sohn Karl, der von Anfang an dagegen war, hatte sich an diesem Tag noch der Mehrheit gebeugt, bevor er am 2. Dezember mit seinem Nein ein Zeichen setzte.

Wie hätte sein Vater sich verhalten?

Am 2. März 2026 widmete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland“ Wilhelm Liebknecht anlässlich seines bevorstehenden 200. Geburtstags eine ganze Seite (Nr. 51, 2. 3. 2026, S. 6). Dort zeichnet der Politikwissenschaftler Franz Walter sein politisches Wirken angemessen nach.

Dem Text ist ein Foto vorangestellt. Es zeigt die sozialdemokratische Reichstagsfraktion 1889 (also noch unter dem Sozialistengesetz) mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht, vor einem Schild an der Wand, auf dem ein Zitat des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) wiedergegeben wird: „Auch im Kriege und durch gemeinschaftliches Durchkämpfen desselben wird ein Volk zum Volke“.

Gemeint war der Krieg gegen Napoleon den Ersten. Durch das Foto wird nahegelegt, als habe die deutsche Sozialdemokratie sich bereits 1889 kriegstüchtig gezeigt.

Das Bild ist offenbar im Reichstag im selben Raum aufgenommen worden, in dem auch andere Abgeordnete sich ablichten ließen – vor der Wand mit dem Fichte-Zitat. Im selben Setting zeigen sich zum Beispiel auch Ludwig Windthorst von der Deutschen Zentrumspartei und der Nationalliberale Johannes Miquel.

Auf der Jubiläums-Seite der FAZ wird eine falsche Fährte gelegt. Von Wilhelm Liebknechts Enthaltung im Juli 1870 und seinem Nein im November 1870 bei Abstimmungen über Kriegskredite im deutsch-französischen Krieg führt kein Weg zum Ja der SPD-Fraktion am 4. August 1914, wohl aber zum Nein seines Sohns Karl Liebknecht am 2. Dezember 1914.

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