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Seit über einer Woche befindet sich der Libanon erneut im Ausnahmezustand. Am Montag, den zweiten März, feuerte die libanesische Hisbollah um circa 1:30 Uhr sechs Raketen in Richtung Israel. Knapp eine Stunde später bebte die Hauptstadt des kleinen Küstenstaats: Der lautstarke israelische Vergeltungsschlag riss nahezu alle in der Stadt aus dem Schlaf und läutete damit eine neue und erneute Phase des Kriegs mit dem Nachbarland ein. Bereits am nächsten Morgen nahmen Nachbarschaftsinitiativen, Organisationen und Freundeskreise ihre Arbeit wieder auf, die sie nach Verkündung des Waffenstillstands im November 2024 erleichtert beendet hatten. Mit knappen Ressourcen und großer Erschöpfung versuchen hunderte Menschen in verschiedenen Initiativen die Grundversorgung der vielen Vertriebenen zu sichern, die der Staat nicht leistet.
Erschöpft, aber trotzdem da
Rani Abi-Haidar studiert Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der FU Berlin und ist Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er hält sich aktuell in Beirut auf und engagiert sich in der Unterstützungsarbeit für Vertriebene.
In den sozialen Medien finden sich seit Beginn des Krieges eine Vielzahl von Spendenaufrufen, die darauf abzielen, Gelder für verschiedene Vorhaben zu mobilisieren. Der Fokus liegt vor allem darauf, direkte Hilfe für die große Zahl an Vertriebenen zu organisieren. Denn schon in der Nacht von Sonntag auf Montag und damit am ersten Tag des Krieges machten sich tausende Menschen, vor allem aus dem Süden, auf den Weg in den Norden. Es kam zu langen Staus entlang der Autobahn, die den südlichen Teil des Landes mit der Hauptstadt verbindet. Die libanesische Regierung öffnete bereits am ersten Tag des Krieges zahlreiche Schulen für Vertriebene – vor allem solche, die in konfessionell gemischten oder muslimischen Vierteln liegen. In den beliebten Touristen- und Ausgehvierteln des Stadtteils Aschrafiyya öffneten bereits im letzten Krieg nur wenige Schulen ihre Türen.
Im Herzen des vor allem christlich geprägten und als Hochburg der rechten Lebanese Forces zählenden Viertels findet sich dafür eine Großraumküche, die in Zeiten des Regelbetriebs Tagesgerichte ausgibt und die älteren Bewohner*innen des Viertels unter dem Namen „Nation Station“ verpflegt. In Reaktion auf die Hafenexplosion im Jahr 2020 von einer Freundesgruppe gegründet und bereits im letzten Krieg eine zentrale Anlaufstelle für zahlreiche Freiwillige, begann auch die gemeinnützige Organisation bereits am Montag mit der Umstellung ihres Programms – vom Alltagsbetrieb hin zur Unterstützung der Vertriebenen.
Ermöglicht wird die Hilfe nur durch das Engagement von zahlreichen Freiwilligen, für die das normale Leben in dieser Zeit eine gewaltsame Zwangspause eingelegt hat.
Bekannterweise geht es in Küchen oft stressig zu. In der Nation Station lässt sich dieser Stress allerdings kaum von der Kriegssituation trennen. Mehr als 1.000 Gerichte kochen die wenigen Festangestellten zusammen mit Dutzenden Freiwilligen tagtäglich: Für Notunterkünfte und Vertriebene, die teilweise auch in Zelten oder auf der Straße Zuflucht finden. Für ein Gespräch oder das Lesen der Nachrichten ist bei dieser Mammutsaufgabe kaum Zeit. Routiniert und gleichzeitig erschöpft vom letzten Krieg wird hier geschnippelt, gerührt und abgepackt, bevor die tausend Gerichte an verschiedene Orte der Hauptstadt gebracht werden. Von den Freiwilligen bei der Nation Station kommen viele aus dem Ausland und haben sich, anders als die meisten anderen Ausländer, dafür entschieden zu bleiben. In Aschrafiyya fühlen sie sich noch überwiegend sicher. Viele der Notunterkünfte wiederum befinden sich am Grenzgebiet zu den südlichen Vororten Beiruts (Dahyieh), manche auch an ihrem Rand.
Am vierten Tag des Krieges forderte die israelische Armee die Einwohner*innen dieser südlichen Vororte der Hauptstadt zur Evakuierung auf. Über 830.000 Vertriebene, 1.933 Verletzte und 773 Tote meldete das zuständige libanesische Ministerium in den Folgetagen. Manche der Unterkünfte befinden sich auch innerhalb der zur Evakuierung aufgeforderten Viertel. Die Freiwilligen der Nation Station sind sich dieser Gefahr bewusst, wenn sie in ihre Autos steigen, um die Unterkünfte zu beliefern. Mut müssen alle hier haben. Denn auch außerhalb der Evakuierungszone bombardiert die israelische Armee ohne Ankündigung regelmäßig, kürzlich auch den öffentlichen Strand Beiruts mit seiner Strandpromenade. Die Folge: elf Tote und dreißig Verletzte. Viele der Vertriebenen, die in Notunterkünften keinen Platz finden konnten, hatten hier ihre Zelte aufgeschlagen oder unter freiem Himmel geschlafen – im Gefühl relativer Sicherheit.
Schon wieder Krieg
Der letzte Krieg zwischen Israel und Libanon ist kaum länger als ein Jahr her. Das Waffenstillstandsabkommen vom 27. November 2024 ist nun auch offiziell Geschichte. Tatsächlich hatten die israelischen Angriffe auf den Libanon ohnehin kein Ende gefunden: Während des „Waffenstillstands“ hat die israelische Armee über 14.500 Angriffe auf den Libanon geflogen und fünf strategische Punkte im Süden des Landes besetzt gehalten. Der Süden wurde mit den tagtäglichen Angriffen systematisch fragmentiert. Trotz Bemühungen und Ankündigungen der libanesischen Regierung, die Hisbollah südlich des Litani-Flusses entwaffnet zu haben, gelang es der zum größten Teil schiitischen Miliz, hunderte Raketen in Richtung Israel zu feuern. In Folge des Krieges zog sich die libanesische Armee vollständig aus dem Süden zurück, während die Regierung alle militärischen Aktivitäten der Hisbollah verbot und sich zu indirekten Normalisierungsgesprächen mit Israel bereit erklärte. Diese wurden jedoch seitens der israelischen Regierung abgelehnt.
Einige der Initiativen und Freundesgruppen, die sich unabhängig von den sowieso knappen und im letzten Jahr stark gekürzten internationalen Hilfsgeldern organisieren, tun dies vor allem aus Misstrauen und Sorge vor Korruption.
Unter diesen Voraussetzungen kochen neben gemeinnützigen Projekten auch beliebte Cafés und Restaurants für die vielen Vertriebenen in den Vierteln und Straßen Beiruts. Im Westen der Stadt öffnete ein Café seine Küche für vertriebene Frauen, die sich spontan ebenfalls dazu entschieden haben, für die Vertriebenen im Viertel zu kochen. Es sind auch die vielen kleinen Freundeskreise und Einzelpersonen, die es sich während des Krieges zur Aufgabe machen, solidarisch miteinander zu sein. Finanziert wird diese Hilfeleistung ohne staatliche Hilfe, mit privaten Spendengeldern und mit individuellen Spendenaktionen aus der Diaspora. Und ermöglicht wird sie nur durch das Engagement von zahlreichen Freiwilligen, für die das normale Leben in dieser Zeit eine gewaltsame Zwangspause eingelegt hat. Aus den bis obenhin mit Matratzen, Decken und Kissen vollgepackten Autos auf den Straßen Beiruts heraus verteilen Freiwillige etwa Schlafzeug an Bedürftige. Andere organisieren Kühlschränke oder verteilen Gasflaschen und alles, was sonst in den knapp 640 offiziellen Notunterkünften fehlt.
Einige der Initiativen und Freundesgruppen, die sich unabhängig von den sowieso knappen und im letzten Jahr stark gekürzten internationalen Hilfsgeldern organisieren, tun dies vor allem aus Misstrauen und Sorge vor Korruption. Direkte Hilfe wird als Mittel verstanden, hohe Personalkosten zu vermeiden und sicherzustellen, dass das Geld dort ankommt, wo es am dringendsten gebraucht wird. Seit der Wirtschaftskrise hat die Finanzpolitik der herrschenden Klasse die Mittelschicht im Land verarmt, während die libanesischen Banken und viele der Profiteure des Kollapses weiterhin in extremem Wohlstand leben. Während Großmachtfantasien und imperialistische Interventionen die gesamte Region in eine lebensbedrohliche Krise stürzen, erscheint es unbedingt notwendig – neben der direkten Hilfe über Formen kollektiver Gegenwehr zum mörderischen Status-Quo nachzudenken und diese auch zu organisieren. Das Verhältnis von Solidaritätsarbeit und Krise ist für aktive Bewegungen und Gruppen dabei nicht instrumentell. Auch wenn sich einige Gruppen klar und deutlich politisch positionieren, soll ihr Einsatz in Zeiten lebensbedrohlicher Krisen bedingungslos bleiben. Denn Unterstützung und Teilhabe für das politische Projekt will durch überzeugende Positionen und Praxis, nicht über Abhängigkeiten organisiert werden.
In einem Gemeinschaftshaus im Stadtviertel Badaro, dem „Beit Aam“, wurde kürzlich eine Kampagne zur geplanten libanesischen Parlamentswahl im Mai diskutiert, die die sozialen Fragen im Land fokussieren wollte. Die Wahl wurde wegen des Krieges jedoch um zwei Jahre verschoben und das Beit Aam musste aufgrund der großflächigen Evakuierungsanordnung der südlichen Vororte zwischenzeitlich schließen. Es liegt zu nah an den von der Evakuierungsanordnung betroffenen Gebieten. Mittlerweile dient es wieder als Knotenpunkt für Freiwillige und die Verteilung von Hilfsgütern.
Konflikthafte Solidarität
Der Parkplatz vor einer Moschee nördlich von Beirut ist deutlicher voller als sonst. Selbst am späten Abend herrscht noch viel Trubel. Auch hier organisiert sich die Gemeinde in Solidarität mit den Vertriebenen aus dem Süden, aus Baalbek und Dahyieh: Sie vermitteln Wohnungen, verteilen Essenspakete für mehrere Tage und registrieren die Menschen für die nächstgelegene Unterkunft. Als ein großer LKW einer bekannten internationalen NGO auf den Hof der Moschee fährt, begleiten ihn circa zehn Angestellte. Der Laster ist nur spärlich befüllt und liefert um die 200 Liter Wasser. Diese Szene ist sinnbildlich für das große Misstrauen gegenüber solchen Einrichtungen.
Und auch innerhalb der Unterstützungsgruppen für Vertriebene gibt es wenig Vertrauen ineinander: Ein syrischer Zahnarzt, für den Beirut sein zweites Zuhause ist, berichtet, dass er während des letzten Krieges in einer Notunterkunft geholfen hat. Nach wenigen Stunden und mehreren Anfeindungen hat er die Unterkunft wieder verlassen. Zu groß war das Misstrauen der Betroffenen und anderen Engagierten gegenüber einem Syrer, der während des Krieges auch an einem anderen Ort sein könnte. Es sind eben diese politischen Spaltungslinien und konfessionellen Erzählungen, die zu Konflikten innerhalb der zahlreichen Unterstützungsangebote führen.
Auch an offiziellen Unterkünften wird Menschen eine „sichere“ Unterkunft verwehrt – und das nicht primär aus Platzgründen, sondern aus Rassismus.
Innerhalb der schiitischen Bevölkerung, die die Hisbollah am stärksten unterstützt und zugleich am ehesten von der Vertreibung betroffen ist, gibt es viele frustrierte Stimmen über den erneuten Krieg und seine Folgen. Unter den anderen Konfessionen ist das Misstrauen gegenüber der schiitischen Bevölkerungsgruppe groß. Zu wirkmächtig ist die konfessionell aufgeladene Erzählung, die alle Schiiten zu Terroristen und damit legitimen Zielen stigmatisiert. Und damit zu groß die Angst, selbst Ziel israelischer Angriffe zu werden. Haus- und Wohnungsbesitzer nutzen diese Angst, um von der Krise zu profitieren, indem sie bei Wohnungsgesuchen von Vertriebenen horrende Mietpreise verlangen oder sie gleich ganz ablehnen.
Auch an offiziellen Unterkünften wird Menschen eine „sichere“ Unterkunft verwehrt – und das nicht primär aus Platzgründen, sondern aus Rassismus. Migrantische Hausangestellte, meist Frauen aus Äthiopien, Bangladesch, Sudan, den Philippinen und Sri Lanka werden unter dem sogenannten „Kafala“-System systematisch ausgebeutet und sind unter Bedingungen des Krieges besonders gefährdet. Oft ohne Papiere, werden sie von ihren Arbeitgeber*innen in Krieg und Krise ausgesetzt, um schließlich an den offiziellen Unterkünften abgelehnt zu werden. Die Gruppe ‚Migrant Workers Action‘ arbeitet eng mit diesen Frauen zusammen und unterstützt sie unter anderem bei der Finanzierung von Gemeinschaftsküchen, der Versorgung mit Notwendigem und der Vermittlung von sicheren Notunterkünften oder Wohnungen.
Krieg, und dann?
Es ist nicht zuletzt ihre Arbeit und die der vielen politisch Aktiven, die in Zeiten der absoluten und gewaltvollen Krise Hoffnung auf ein solidarisches, anderes Miteinander weckt. Die teilweise individualisierte Solidaritätsarbeit verpasst dabei jedoch das Potenzial gemeinsamer politischer Organisierung im Kampf gegen die Ungerechtigkeiten und Spaltungen in der libanesischen Gesellschaft. In dieser wiederum würde die Kraft liegen, ein Verhältnis zueinander zu entwickeln, das nicht nur versucht die Lücken des ausgeraubten und dysfunktionalen Staats zu füllen.
Selbst in Zeiten, in denen die äußerste Gewalt zum schrecklichen Alltag gehört, ergeben sich aber Momente kollektiver Wirksamkeit, in denen die Überwindung von Vereinzelung und Frustration über die politische Sackgasse des Landes durch Solidaritätsarbeit und gemeinsame Organisierung gegen die gewaltsamen und lebensverneinenden Verhältnisse möglich scheint. Es sind diese Momente und Bewegungen, die die populären Erzählungen einer gespaltenen Gesellschaft im Libanon in Frage stellen. Dabei bleibt die Frage offen, ob Nachbarschaftsinitiativen wie Nation Station oder die Gruppen aus dem Gemeinschaftshaus Beit Aam es schaffen, diese Erfahrungen in politische Bewegung zu übersetzen und die tödlichen Verhältnisse herauszufordern.

