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Huljajpole in der südukrainischen Steppe ist seit Beginn der Großoffensive auf die Ukraine 2022 zur Frontstadt geworden. Das Bombardement im Umkreis des Stadtzentrums machte das Leben immer unerträglicher, und aufgrund der näher rückenden Frontlinie waren Hilfslieferungen nicht mehr möglich. Dennoch setzten sich im Zuge der Evakuierung der Zivilbevölkerung 2024 und 2025 Aktivist*innen der Gefahr aus, nicht nur die Bevölkerung, sondern auch historische Artefakte aus den Museen der Stadt vor der Vernichtung zu retten.
Dies mag wie die typische Geschichte von engagierten Menschen unter der Besatzung klingen, die alles riskieren, um das kulturelle Erbe ihrer Stadt zu retten. Doch Huljajpole ist einzigartig aufgrund der Rolle, die es in der Geschichte des Anarchismus gespielt hat.
Wladyslaw Starodubzew ist ein ukrainischer Linksaktivist und Historiker.
Lance Bradley ist Projektmanager für Osteuropa bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Heute ist die Stadt, die vor dem Einmarsch annähernd 20.000 Einwohner*innen zählte, weitgehend zerstört. Seit Anfang 2026 verläuft die Frontlinie direkt durch ihre Hauptverkehrsadern. Russische Truppen haben sie mittlerweile vollständig eingenommen, auch wenn ukrainische Vorstöße nach Osten die Besetzung schnell wieder rückgängig machen könnten. Bevor sich der Frontverlauf Anfang 2026 bis in die Stadtgrenzen vorschob, nannten die verbliebenen Einwohner*innen ihren letzten Treffpunkt scherzhaft „Punkt der Unbesiegbarkeit“– ein Hinweis auf die lange Widerstandsgeschichte und den ausgeprägten Sinn für Unabhängigkeit und Autarkie in der Region.
Die Region hat manche Tragödien erlebt: die brutale deutsche Besatzung im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Hungersnot im Holodomor und der nahezu vollständige Verlust ihrer jüdischen Bevölkerung im Holocaust. Heute sind selbst die letzten widerständigen und frei denkenden Bewohner*innen evakuiert oder geflohen, während die Unglücklichsten den Tod gefunden haben. Was sie in Huljajpole zurücklassen, sind ihre Erinnerungen, ihr Leben, ihr Hab und Gut sowie einen Schrein für den berühmtesten Sohn der Stadt, Nestor Machno.
Machno gilt in der anarchistischen Bewegung weltweit auch über 90 Jahre nach seinem Tod noch als herausragende Figur. Der ukrainische Anarchismus geht in seinen ideologischen Grundlagen auf eine Reihe von Vordenker*innen zurück, unter denen Mychajlo Drahomanow und Pierre-Joseph Proudhon die wichtigsten Namen sind. Sie vertraten einen Anarchismus, der seine Wurzeln im Föderalismus, Kommunalismus und ethischen Sozialismus hat. Viele dieser Ideen erlangten dann zu bestimmten Zeitpunkten im 20. Jahrhundert allgemeine Verbreitung. Drahomanows Ideen beispielsweise finden sich in den Programmen vieler politischer Bewegungen des ukrainischen Unabhängigkeitskampfs wieder, allerdings abzüglich seiner radikaleren anarchistischen Perspektive.
Die Geschichte des Anarchismus in der Ukraine: das Saporoger Kosakenheer
Der Anarchismus war in der Ukraine lebendig, schon bevor sich diese philosophischen Gedanken und politischen Theorien unter der gebildeten Elite verbreiteten. Wie Machno selbst bemerkte, war seine Bewegung nur durch ihre tiefe Verbindung mit der Geschichte des südukrainischen Kosakentums möglich. Auch viele Historiker*innen bringen das Ausmaß der damaligen Unterstützung für Machnos anarchistische Ideen in der Region mit der Kultur und dem Erbe der Kosaken in Beziehung. Hunderte Jahre vor Machnos Geburt, im 16. Jahrhundert, lebte im Süden der Ukraine eine halbnomadische bäuerliche Bevölkerung, die im Laufe der Zeit zum Saporoger Kosakenheer wurde, wie es heute genannt wird. Das Gebiet wurde von Kosaken kontrolliert, die als gute Krieger bekannt und in der Lage waren, ihre Unabhängigkeit sowohl gegenüber Polen-Litauen als auch gegenüber dem Osmanischen Reich zu bewahren. Ihre Fähigkeiten waren für sie auch ökonomisch von Nutzen: Sie überfielen nahegelegene Siedlungen und boten sich als Söldner für jeden an, der zu zahlen bereit war. Die Regierungsstruktur des Saporoger Kosakenheers bestand aus flachen Hierarchien: Alle Anführer der Kosakeneinheiten wurden als gleichrangig betrachtet und Entscheidungen im Konsensverfahren getroffen, wobei den lokalen Anführern vertraut wurde, dass sie die vereinbarten Maßnahmen auch umsetzten. Das Saporoger Kosakenheer war deutlich integrativer als die strengen Hierarchien der benachbarten Reichsmonarchien.
Die russische Zarin Katharina II. nahm jedoch Anstoß an der regionalen Selbstverwaltung und Autonomie der Kosaken. 1775 löste sie das Saporoger Kosakenheer auf und zwang die Südukraine unter Leibeigenschaft, wodurch die Klassenunterschiede verschärft wurden. Infolge der russischen Annexion der Krim 1783 und des Endes des Zweiten Russisch-Österreichischen Türkenkriegs 1792 kam es in der Südukraine zu einer strikteren Landaufteilung und Unterwerfung unter die Leibeigenschaft. Einige Bauern und Bäuerinnen schlossen sich Aufständen gegen die russischen Reichstruppen an, während andere nach Südrussland oder Bessarabien flohen, um der Leibeigenschaft zu entgehen. Wie Michael Palij schreibt, war „die Leibeigenschaft unter den Bauern stets verhasst“ und in der Südukraine auch nie so stark verbreitet wie in anderen Regionen.
Der erste Aufstand, 1905 bis 1910
1905 begannen sich in der ersten Russischen Revolution Bauernschaft und Arbeiter*innen gegen Zar Nikolaus II. und die herrschende Klasse zu erheben. Gründe für die Massenproteste waren unter anderem schlechte Wirtschaftsbedingungen, der verlorene Krieg gegen Japan, hohe Arbeitslosigkeit und autoritäre Gesetze gegen Minderheiten und Gewerkschaften. In den ukrainischen Teilen des Russischen Reichs war die bäuerliche Bevölkerung höchst unzufrieden über eine Landwirtschaftspolitik, die sie in Armut und Abhängigkeit hielt und in schlechten Jahren dem Hungertod aussetzte. Einige suchten Arbeit in Städten, andere revoltierten, indem sie den Gesetzen der Regierung trotzten oder die Anwesen von Adligen plünderten. Als Huljajpole Mitte der 1900er-Jahre industrialisiert wurde, entstand eine explosive Mischung aus entrechteten Industrie- und Landarbeiter*innen, von denen viele noch Erinnerungen an ihre frühere Autonomie mit sich trugen.
In dieser turbulenten Periode gründete Woldemar Antoni in seiner Heimatstadt Huljajpole den Bund armer Bauern. Antoni war ein gebildeter Mann und übernahm zunächst eine ideologische Führungsrolle in der Gruppe, schrieb Texte und bildete die anderen Mitglieder (darunter der junge Nestor Machno) über Anarcho-Kommunismus. Als sich die Unruhen im Russischen Reich fortsetzten, halfen Antoni und seine Genoss*innen bei der Organisierung erster Arbeiterräte (Sowjets) und Streiks in den industriellen Zentren der Ukraine. Andere Mitglieder nahmen das Reich selbst ins Visier, indem sie Geld stahlen und Anschläge auf Polizeibeamte verübten.
Nach seiner Verhaftung und Verbannung schrieb Antoni im belgischen Exil weiterhin anarchistische Texte und schmuggelte Waffen zu seinen Genoss*innen. Er betonte stets den Kosakengeist, der unter den Anarchist*innen sichtbar war. Die meisten seiner revolutionären Aktionen startete er mit dem Spruch: „Große Ehre und Ruhm euch, den Söhnen des großen Volks, Enkel der Saporoger Kosaken“. Dieser Geist währte bis zur zweiten Revolution, in der Machno die Stimmung bei Versammlungen in Huljajpole mit den Worten beschrieb: „Dies waren Versammlungen des wahren Saporoger Kosakenheers – solche, über die wir heute nur noch in Geschichtsbüchern lesen“.
Die soziale Massenbewegung von 1905 war nur von kurzer Dauer und endete mit dem Oktobermanifest, in dem Zar Nikolaus Wahlen und andere demokratische Reformen versprach, die die russischen Liberalen befriedeten. Die Bauern und Bäuerinnen in der Südukraine trieben jedoch das Momentum weiter und setzten ihren Kampf gegen den Staat fort, um weiterreichende politische Veränderungen zu erreichen.
Die Übergangsperiode, 1910 bis 1917
Die erste Russische Revolution führte unter den politischen Eliten der ukrainischen Regionen des Russischen Reichs zu einer Spaltung über die nationale Frage, das heißt, ob man sich in größere politische Einheiten integrieren oder (so die republikanischen Teile) für ukrainische Unabhängigkeit kämpfen sollte. Die aufkeimenden anarchistischen Bewegungen in der Südukraine blieben von diesen Diskussionen unberührt und konzentrierten sich weiterhin auf regionale Autonomie und Selbstbestimmung. Der Bund der armen Bauern richtete seinen gewaltsamen Widerstand in erster Linie gegen die zaristische Polizei. Ein weiterer Anarchist aus Huljajpole, Oleksandr Semenjuta, führte den Widerstand von Katerinoslaw (heute Dnipro) und von Belgien aus. Da sich die wirtschaftliche Situation im Russischen Reich nach dem Oktobermanifest nicht verbesserte, breitete sich die Bauernbewegung weiter aus. Daraufhin begann die Reichspolizei, alle anarchistischen Bewegungen im Reich zu zerschlagen. Der Bund der armen Bauern wurde unterwandert, und 1910 wurden Machno und andere Führungsfiguren verhaftet.
Im Gefängnis knüpfte Machno Kontakte mit russischen Anarchist*innen. Dies führte bei ihm zu neuen und problematischen Erwägungen, auch wenn diese kritischen Fragen oder ideologischen Verschiebungen auf die ukrainische anarchistische Bewegungen als Ganze wenig Einfluss hatten. Die kommunistischen und anarchistischen Gedanken aus Russland pflanzten Keime der Skepsis gegenüber ukrainischer Selbstbestimmung. Hier wurde Machno von russischen Anarchist*innen beeinflusst, von denen einige xenophobe Stereotypen teilten, wie sie auch in anderen politischen Bewegungen in Russland verbreitet waren. Dies mag bei ihm zu einer größeren Akzeptanz des taktischen Einsatzes von Gewalt- und Zwangsmittel innerhalb der Bewegung geführt haben, was im Gegensatz zu der sonst demokratischen und pluralistischen Tradition des ukrainischen Anarchismus stand.
Der politische Untergrund in der Ukraine blieb in der Zeit von Machnos Abwesenheit aktiv. Obwohl die Befreiung von der russischen Monarchie für die meisten ein gemeinsamer Bezugspunkt war, blieb die politische Landschaft fragmentiert. Zwar waren ukrainische Anarchist*innen auch mit verschiedenen sozialistischen Initiativen im Gespräch, doch einen starken Antrieb, sich zusammenzuschließen, gab es nicht: Der in kosakischer Tradition geführte Kampf für Freiheit gegen einen absolutistischen Staat schürte Misstrauen gegenüber jeglicher Nationalbewegung, so progressiv sie auch sein mochte.
Der ukrainische Unabhängigkeitskrieg, 1917 bis 1921
Inmitten des Ersten Weltkriegs begann 1917, gut ein Jahrzehnt nach der ersten Russischen Revolution, die Februarrevolution. In Russland herrschte Chaos, und überall im zerfallenden Reich entstanden neue politische Institutionen mit unterschiedlichen politischen Ideologien und je eigenen Beziehungen zu bewaffneten Gruppen. Ein erster Schritt in Richtung ukrainischer Unabhängigkeit war im März 1917 die Schaffung des Zentralrats Zentralna Rada durch die marxistische Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die linkspopulistische Ukrainische Partei der Sozialrevolutionäre, die damit das Ziel politischer Autonomie und späterer Unabhängigkeit anstrebten.
Die partielle Souveränität der Ukraine als föderaler Einheit innerhalb Russlands wurde von der Regierung in Petrograd (heute St. Petersburg) zähneknirschend hingenommen, auch wenn liberale und gesellschaftliche Eliten – insbesondere russische Nationalist*innen – eine autonome oder unabhängige Ukraine strikt ablehnten. Die relativ schweigsame Unzufriedenheit in Petrograd nahm eine gewaltsame Wendung mit der Oktoberrevolution und der Kriegserklärung der neuen bolschewikischen Regierung gegen die Ukraine . Die russische Armee überschritt die Grenze mit der Absicht, die neu gegründete Ukrainische Volksrepublik zu besetzen. Dies markierte den Beginn des ukrainischen Unabhängigkeitskriegs.
Während Machno weiterhin in Russland hinter Gittern saß, trafen sich Vertreter*innen der Ukrainischen Volksrepublik bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk mit denen der Mittelmächte. Die Furcht vor den näher rückenden Bolschewiki überzeugte die neu gebildete Zentralna Rada davon, mit Deutschland und Österreich-Ungarn ein Abkommen zur Lieferung von Agrargütern im Austausch für militärische Unterstützung zu schließen. Daraufhin wurden in der Operation Faustschlag russisch-bolschewistische Operationen im großen Maßstab aus der Ukraine gefegt, und für ihren Teil begannen nun deutsche Truppen, die ukrainische Bauernschaft zu misshandeln, zu unterdrücken und zu nötigen. Aufständische ukrainische kommunistische und anarchistische Bauern und Bäuerinnen (insbesondere im Süden und Osten des Landes) weigerten sich, die Besetzung durch die Mittelmächte zu akzeptieren.
Der deutsche Umsturz der Zentralna Rada im April 1918 brachte das Fass zum Überlaufen. Eine schwindelerregende Zahl an Aufständen schwappte durch die Ukraine, doch auch die Uneinigkeit innerhalb der Machno-Bewegung wuchs, sogar noch, als er selbst nach seiner Freilassung im Sommer 1918 in die Ukraine zurückkehrte. Die größten Gruppierungen in der Ukraine waren die Republikaner*innen und die unabhängigen Kommunist*innen, die für eine unabhängige Ukraine eintraten; die russischen Bolschewiki und die Weiße Freiwilligenarmee, die beide versuchten, die Ukraine unter der Kontrolle Moskaus zu halten, wenn auch aus entgegengesetzten ideologischen Gründen; und schließlich die Machnowschtschina (wie die Machno-Bewegung genannt wurde), die gegen alle staatlichen Kräfte kämpfte.
In dieser Periode zementierte die Machnowschtschina ihre Position als radikale Selbstregierungsbewegung im Geiste der Kosaken. Alle Posten wurden mittels Wahlen besetzt, und obwohl das offizielle Zeitungswesen rein russischsprachig war, erlaubte die Bewegung lokalen Gemeinschaften, in Presse und Bildung ihre eigene Sprache zu benutzen. Infolgedessen wurde fast überall in der nicht-politischen Presse und Kommunikation Ukrainisch verwendet. Lokalen Bauern- und Arbeiterräten stand frei, bei vielen politischen Fragen eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn es einen ausgeprägten Sinn für politischen Druck auf diejenigen gab, die als „bürgerlich“ galten. Darum fasste Parteipolitik in Huljajpole nie Fuß, da Parteien als Sprungbrett für die Aufstellung politischer Programme und für durchstrukturierte staatsorientierte Bewegungen angesehen wurden.
Einerseits weitete sich die Unterstützung für den Anarchismus und Machnos Macht in dieser Zeit beträchtlich aus (auch wenn die „Macht“ und „Herrschaft“ der Machnowschtschina nicht im selben Sinne zu verstehen sind wie bei zentralistischen Bewegungen). Andererseits brachte die Ausweitung der Bewegung auch mehr interne Streitigkeiten mit sich. Zudem erzeugte das Chaos der Welt, die sie umgab, großen Druck auf die politische Führung der Bewegung. Die Machnowschtschina kämpfte weiterhin an mehreren Fronten für ihre Vision lokaler Autonomie, doch der äußere Druck durch andere Kriegsparteien brachte die Bewegung an ihre Belastungsgrenze, und interne Auseinandersetzungen führten zu Zerwürfnissen.
Die Hauptspaltungslinie verlief zwischen den anarchistischen Intellektuellen und der ukrainischen Bauernschaft selbst. Auch wenn sich beide eine Zukunft in freien und autonomen, lokal organisierten nicht-staatlichen Strukturen wünschten, sympathisierten die Intellektuellen mit dem sowjetischen Kommunismus und die Bauernschaft wiederum mit dem ukrainischen Republikanismus. Das sogenannte Freie Territorium unter „Kontrolle“ der Anarchist*innen sah sich mit der harten Realität konfrontiert, dass seine Selbstverwaltung an ein Ende kommen könnte. Es blieben nur zwei Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.
Machnos Abneigung gegen die ukrainische Nationalbewegung bedeutete eine gewisse Isolation für ihn. Wie Iwan Byk, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Huljajpole, schrieb: „Die Besonderheit und Tragödie Nestor Machnos waren, dass er als regionaler Anführer keine wirklichen Verbündeten auf gesamtukrainischer Ebene finden konnte. Aus diesem Grund war seine Bewegung von Anfang an zum Scheitern verurteilt“. Trotz seiner Bedenken schloss sich die restliche Machnowschtschina 1919 für kurze Zeit mit der linken Ukrainischen Volksrepublik zusammen. Dieses Bündnis brachte eine vorübergehende „Ukrainisierung“ der Führung der Machnowschtschina mit sich und öffnete den Weg für Verhandlungen mit den sozial-republikanischen Kräften der Ukrainischen Volksrepublik. Die Republikaner*innen schlugen vor, die von Machno kontrollierte Region solle als Teil des ukrainischen Staats vollständige Autonomie zur Verwirklichung eines anarchistischen Projekts erhalten.
Das Bündnis zwischen ukrainischen unabhängigen Kommunist*innen und Machno führte zur Gründung der zwei ersten ukrainischsprachigen machnowistischen Zeitungen: Der anarchistische Aufständische und Der Weg zur Freiheit. In Ersterer erschien Ende 1919 ein Artikel mit dem Titel „Unabhängige Ukraine und Anarchisten“, in dem die Machno-Bewegung sich unter dem starken Druck der ukrainischen Bauernschaft zu Föderalismus und zur Forderung nach nationaler Selbstverwaltung bekannte. Unter Verknüpfung von Drahomanows und Machnos Ideen schlug die Zeitung die Schaffung einer „Selbstverwalteten Arbeiterföderation der Ukraine“ vor. Diese Gruppe wurde von orthodoxeren machnowistischen Intellektuellen abgelehnt, die sich großenteils immer noch als Teil der allrussischen anarchistischen Bewegung sahen, allerdings weiterhin mit Sympathien für den Sowjetkommunismus.
1920 rückten die Bolschewiki in der Ukraine vor; gleichzeitig verschlechterte sich Machnos Gesundheitszustand. Während die südukrainische Steppe eingekreist wurde, befand sich die Armee aufgrund der ideologischen Spaltung der Machnowschtschina in einer schwierigen Lage. Machno ließ die Armee entscheiden, ob sie ihre Bündnisse noch einmal überdenken wollte, woraufhin sie sich noch 1920 mit knappem Wahlergebnis für eine Zusammenarbeit mit der Roten Armeeführung entschied. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Entscheidung bereuten: Im Juli 1921 befahl der Rote Armeegeneral Michail Frunse die vollständige Beseitigung dessen, was von der Machnowschtschina noch übrig war, und beendete so den anarchistischen Aufstand und den ukrainischen Unabhängigkeitskrieg. Es begann die zentralistische Sowjetherrschaft in der Ukraine.
Machno und das Gedenken an ihn nach 1921
Die wenigen Dutzend übriggebliebenen Anhänger*innen Machnos versuchten, sein Leben zu retten, und flohen mit ihm in verschiedene Länder, bevor er schließlich in Westeuropa landete. Die Geschichte in der Ukraine entwickelte sich ohne ihn und ohne eine bewaffnete anarchistische Bewegung weiter. Machno blieb im Exil, hielt aber engem Kontakt zu anderen bekannten Anarchist*innen. In der Zeitschrift Sache der Arbeit veröffentlichte er Texte über die Geschichte des Unabhängigkeitskriegs und seine politischen Ansichten. 1934 starb er in Paris an Tuberkulose.
In der frühen Sowjetunion wurden nach der Niederlage der Machnowschtschina viele ihrer Mitglieder inhaftiert oder erschossen. Säuberungen aktiver Anarchist*innen setzten sich bis 1938 fort, als alleine in Huljajpole 40 Machno-Treue verhaftet wurden. Andere Mitglieder der Bewegung wurden in die Kommunistische Partei und in sowjetische Strukturen integriert. Öffentliches Gedenken an die Machnowschtschina und Eintreten für den Anarchismus im Allgemeinen blieben gefährlich. Sie bedeuteten eine Bedrohung für den Bolschewismus, weil der Anarchismus als linke Alternative mehr Freiheit versprach als das erstickende zentralisierte Sowjetsystem.
In der offiziellen Geschichtsschreibung der späteren Sowjetunion wurde ein rein negatives Bild des anarchistischen Aufstands gezeichnet: Die Bewegung wurde als konterrevolutionär und sadistisch beschrieben, Machno als Antiheld, Krimineller und Bandit dargestellt. Die Erinnerung an Machno wurde jedoch in der sowjetischen Ukraine bewahrt, wo mündliche Überlieferungen seine Werte und eine Version der Geschichte weitertrugen, die der Wahrheit näherkam. Dennoch war auch diese ukrainische Erinnerung an Machno sowohl in der Sowjetära als auch in den 1990er-Jahren ein Stück weit verzerrt: In dieser Zeit wurde er als makelloser Kosaken-Robin Hood dargestellt.
Nach der Auflösung der Sowjetunion und mit Beginn der neuen Unabhängigkeit der Ukraine verbreiteten sich Dutzende Versionen der Geschichte der Machnowschtschina. Mit größerer akademischer Freiheit fingen ukrainische Historiker*innen an, über Machnos Bewegung und Ideologie sowie über den ukrainischen Unabhängigkeitskrieg im Allgemeinen zu forschen und zu schreiben. Dies führte zu einer Rückkehr Machnos in die öffentliche Erinnerung, teilweise jedoch mit seltsamen Konnotationen.
Einige Gruppen reklamierten ihn als ukrainischen Helden, der erfolgreich russische Monarchist*innen und sowjetische Kommunist*innen bekämpft habe. Ukrainische Rechte versuchten, ihn aus denselben Gründen zu vereinnahmen, indem sie die historischen Tatsachen über sein Denken und seine Taten in für sie passender Weise verdrehten. Einige betrachteten Machno wegen seiner Zusammenarbeit mit der Roten Armee auch als russischen Überläufer. Andere behaupteten fälschlich, er sei Antisemit gewesen, obwohl die überwältigende Mehrheit der Pogrome gegen ukrainische Jüdinnen und Juden außerhalb des Freien Territoriums westlich des Dnepr von der nationalen Armee, der Weißen Armee oder später auch von den Bolschewiki verübt wurden. (Das heißt allerdings nicht, dass es in der Machnowschtschina keinerlei Antisemitismus gegeben hätte.)
Allgemein betrachtet, ist Machno zu einer bekannten Figur in der breiten Öffentlichkeit geworden, obwohl die politische Landschaft in der modernen Ukraine kein sonderlich progressives Bild abgibt. Die Anerkennung der kosakischen Geschichte als eine ukrainische Besonderheit, die in allen Teilen der ukrainischen Gesellschaft gefeiert wird und insbesondere die südlichen und östlichen Regionen des Landes mit der ukrainischen Nationalidentität verbindet, erklärt ein Stück weit, wie Machno einen gewissen Grad an gesellschaftlicher Akzeptanz erlangen konnte. Darüber hinaus stärkte die korrekte Beschreibung Machnos als eines Freiheitskämpfers, der sich gegen Autoritarismus, die korrupte zentralistische Führung und vor allem die russische Herrschaft wehrte, seine Position als wichtiges politisches und historisches Symbol und Vorbild.
Anarchismus in der Ukraine heute
Der naheliegendste und folgerichtigste Bezug auf die Machnowschtschina und den historischen ukrainischen Anarchismus zeigt sich heute in der breiten ukrainischen Linken. In der modernen Ukraine (nach 1991) haben sich viele Kämpfe der Linken darauf konzentriert, in direkter Opposition zu einer zentralisierten und korrupten politischen und wirtschaftlichen Elite die Rechte der Arbeiter*innen in Industrie und Landwirtschaft zu stärken. Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen in der Ukraine und die Notwendigkeit lokaler Netzwerke fürs Überleben führten dazu, dass für progressive Ukrainer*innen während der 1990er- und 2000er-Jahre der Anarchismus eine naheliegende Option war. Gepaart mit der historischen Erinnerung an das Kosakentum und dem Stolz auf die eigene Selbstverwaltungspraxis hatte dies zur Folge, dass sich viele Linke, statt dem Zauber der Sowjetnostalgie zu verfallen, bei anarchistischer Ideologie und direkter Aktion zu Hause fühlten. Obwohl die Ansichten über den ukrainischen Staat seit der Maidan-Revolution etwas positiver geworden sind, gibt es in der Ukraine weiterhin nur geringes Vertrauen in die staatlichen Institutionen (das galt insbesondere vor 2022), und der Anarchismus bleibt eine in der breiteren ukrainischen Linken tief verwurzelte Denkrichtung.
Nach dem russischen Einmarsch 2022 unterstützte die überwiegende Mehrheit ukrainischer Linker den bewaffneten Widerstand gegen imperialistische Herrschaft, Autoritarismus und russischen Nationalismus. Viele Anarchist*innen und andere Sozialist*innen griffen selbst zu den Waffen; manche zu ihren eigenen Bedingungen, andere durch die Mobilmachung im Rahmen der ukrainischen Streitkräfte. Andere Anarchist*innen unterstützen ihre linken Genoss*innen an der Front, indem sie ihnen beispielsweise durch Solidaritätskollektive die Hilfe verschaffen, die sie benötigen.
Gewisse politische Zirkel im Ausland äußern heute recht lautstark Kritik an ukrainischen Anarchist*innen und versuchen, den Konsens der ukrainischen Linken über ihre Unterstützung des bewaffneten Widerstands zu delegitimieren. Auch wenn viele dieser Ansichten zweifellos durch russische Propaganda beeinflusst sind, haben andere Anarchist*innen auch kritische Fragen aufgeworfen, die zumindest eine nachvollziehbare Logik aufweisen.
Im Zentrum dieser Kritik steht die Entscheidung der Anarchist*innen, sich selbst an staatliche Strukturen zu binden, zumal an die eines Staates, der gut in die kapitalistische Welt integriert ist (schließlich kommt das Wort Anarchismus vom griechischen Begriff „anarchía“, was „ohne Herrschaft“ bedeutet). Ukrainische Linke halten dem entgegen, dass Anarchist*innen, die gegen Russland zu den Waffen greifen wollen, keine gangbare Alternative bleibt, als sich den ukrainischen Streitkräften anzuschließen. Es gibt keine dritte oder vierte involvierte Armee, wie es während des ukrainischen Unabhängigkeitskriegs der Fall war. Selbst die halbautonomen Strukturen, die während der „Antiterror-Operation“ nach 2014 im Donbas existierten, sind alle aufgelöst oder in die ukrainischen Streitkräfte integriert worden. Das vermindert nicht die allgemeine Kritik der ukrainischen Anarchist*innen am Staat im Allgemeinen und am Handeln der ukrainischen Regierung im Besonderen; einige von ihnen beschreiben ihre Perspektive so, dass sie ihre Kritik „zurückhalten“, bis die aktuelle Notsituation vorbei ist (auch wenn wichtig ist festzuhalten, dass ihre Kämpfe trotzdem auch im Krieg und unter Kriegsrecht weitergehen).
Die Linken, die gegenwärtig nicht an der Front kämpfen, sondern Unterstützungsarbeit für ihre Genoss*innen leisten, halten anarchistische Ideale in der Art und Weise aufrecht, wie sie sich zusammentun, sich organisieren und Hilfe und Waffen (hauptsächlich Drohnen) beschaffen. Sie agieren völlig unabhängig vom Staat und vom umfassenderen militärisch-industriellen Komplex. Viele Anarchist*innen wie zum Beispiel diejenigen, die sich um die Radical Aid Force organisieren, riskieren ihr eigenes Leben, um lebensrettende Hilfe zu den frontnahen Gemeinden zu bringen, die außerhalb der Reichweite konventioneller Hilfsorganisationen liegen. Das tun sie selbstständig: ohne Bürokratie, ohne Bedingungen, finanziert durch eigene Spendensammlungen. Sie helfen auch bei der Evakuierung von Menschen, ungeachtet von deren Sprache, Hautfarbe und politischer Überzeugung.
Ein anderer kritischer Punkt, der besonders in westlichen linken Kreisen benannt wird, betrifft die Frage des Pazifismus und die Unfähigkeit, sich vorstellen zu können, dass moderne Linke überhaupt zu den Waffen greifen. Dem ungläubigen Kopfschütteln von „Friedensaktivist*innen“ steht die ebenso große Ungläubigkeit ukrainischer Linker gegenüber, von denen die meisten weiterhin überzeugt sind, dass diese Perspektive nur aus einer privilegierten Position heraus Sinn ergibt. Zum linken Erbe in der Ukraine gehören der Kampf der Machnowschtschina für anarchistische Werte und lokale Autonomie, der Kampf gegen die deutsche Besatzung und den Nationalsozialismus im Rahmen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg sowie Straßenkämpfe gegen Skinheads und Proteste gegen staatliche Diskriminierung und Gewalt in der postsowjetischen Ukraine. Das bedeutet nicht, dass in der Ukraine überhaupt keine pazifistischen Gesichtspunkte vertreten würden. Aber gewaltsame Mittel im Kampf gegen autoritäre Herrschaft und für Selbstbestimmung wurden in unterschiedlichen Phasen der ukrainischen Geschichte eingesetzt und sind nicht so schnell vergessen. Die Bereitschaft, zu den Waffen zu greifen, ist vielleicht besser nachvollziehbar, wenn wir mit einem ehrlichen Blick auf das Gegenüber schauen: auf den Krieg, mit dem seit 2014 gewaltsam Teile der Ukraine besetzt wurden. Er ist die größte Bedrohung für die Existenz linker Bewegungen und antiautoritärer Proteste.
Ein dritter Kritikpunkt ergibt sich aus der Fehldeutung von Ereignissen, die 2014 in der Ukraine stattfanden. Die Präsenz rechter Gruppen bei den Maidan-Protesten führte dazu, dass einige Anarchist*innen sich nicht an der Blockade beteiligten. Allerdings gerät bei einem alleinigen Fokus darauf der Umstand aus dem Blick, dass die Revolution von breiten Bevölkerungsschichten mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten, darunter auch linken, unterstützt wurde. Gleichzeitig waren in anderen Städten auch anarchistische Gruppen an Anti-Maidan-Protesten beteiligt, während die sowjetische Fahne während der russischen Maßnahmen auf der Krim und im Donbas weit verbreitet war. Dennoch kann all das nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei diesen Protesten eine breite Beteiligung russischer Nationalist*innen gab und die Sowjetunion mit russischer Größe statt mit kommunistischer Ideologie assoziiert wird.
2015 verbot der ukrainische Präsident Petro Poroschenko NS-Symbole und begann gleichzeitig mit seiner Dekommunisierungskampagne, zu der das Verbot sowjetischer Symbole gehörte. Poroschenko ist sicher kein Freund der Linken, und seine Politik wurde auch gründlich kritisiert. Doch die Angriffe auf sowjetische Symbolik in der Ukraine zielten offensichtlich auf böswillige russische Absichten und nicht auf linke Ideologie. Ähnlich wurde im Ausland auch das Verbot der Kommunistischen Partei der Ukraine von vielen kritisiert, doch selbst die Linken in der Sotsialnyi Rukh (Soziale Bewegung) vertraten nuanciertere Positionen angesichts der Beziehung der KPU zum russischen Imperialismus. Gelinde ausgedrückt, war die Partei sicher keine Institution, die modernen Progressiven, seien es nun linke Aktivist*innen oder Anarchist*innen, sonderlich am Herzen lag.
Alles in allem kann eine bestimmte Deutung dieser Ereignisse dazu beitragen, das vom Kreml geförderte Bild zu verbreiten, dass die Ukraine irgendwie von einem Nazi-Regime regiert würde und der russische Staat – der Rechtsnachfolger der Sowjetunion – ein leuchtender Vorkämpfer des Antifaschismus wäre. Obwohl Linke in der Ukraine weder mit den Zielen der Maidan-Revolution noch mit denen der Gegenproteste im Entferntesten übereinstimmen und obwohl sie während dieser Periode sicher unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, ändert das nichts an der Tatsache, dass es heute einen breiten Konsens in der Linken gibt, dass Putins Russland neofaschistisch ist und dass die ukrainischen Kriegsanstrengungen aus antiimperialistischer, antifaschistischer, rechtlicher und demokratischer Perspektive gerechtfertigt sind.
Ein vierter Kritikpunkt, der oft von westlichen Linken geäußert wird, beruht auf der Ansicht, dass die Ukraine lediglich in einem Stellvertreterkrieg zwischen Imperien feststecken würde, von dem nur die Kapitalist*innen und ihre Industrie (vor allem die Rüstungsindustrie) profitieren könnten. Die Erwartung der Linken – und besonders der Anarchist*innen – an sich selbst ist es, sich allen Imperien zu widersetzen. Doch so, wie die Machnowschtschina sich entscheiden musste, als sie im ukrainischen Unabhängigkeitskrieg mit der Niederlage konfrontiert war, so mussten auch ukrainische Linke eine Entscheidung treffen: Angesichts der Wahl, wie sie den Kampf gegen Kapitalismus, Autoritarismus und Korruption und für Demokratie, Sozialismus, Autonomie und Freiheit lieber fortsetzen wollten, wussten ukrainische Linke nur zu gut, dass ihr Kampf sicherer, einfacher und erfolgreicher in der pluralistischen Demokratie der Ukraine, in der sie aufgewachsen sind, geführt werden kann als unter einer Besatzung durch das neofaschistische Regime des heutigen Russlands. Diese Abwägung war für die meisten nicht schwer, und so kämpfen heute ukrainische Anarchist*innen an der Front, in ihren Jobs, an ihren Universitäten und im Ausland gegen die Bedrohung der Unterwerfung und Besetzung durch eine ausländische Imperialmacht. Dies wird ihnen ermöglichen, eines Tages den Kampf für ihre anarchistischen Werte in einer Nachkriegs-Ukraine fortzuführen, und ihre Beteiligung am Widerstand kann dazu beitragen, linke Ideologien in der politischen Landschaft zu legitimieren und zu normalisieren.
Kein Vertrauen in den Staat
Das Misstrauen gegenüber dem derzeitigen Staat ist in der Ukraine so weit verbreitet, dass es nicht nur denjenigen zugeschrieben werden kann, die sich als Anarchisten oder gar Linke bezeichnen. Die Notwendigkeit, sich auf Community- oder Nachbarschaftsebene selbst zu organisieren, begann nicht erst mit der Vollinvasion. Selbstorganisation und direkte Aktionen waren in der Ukraine während ihrer gesamten turbulenten Geschichte gang und gäbe; in der Zwischenkriegszeit und während des Bürgerkriegs, während des Holodomor, in Phasen von Nahrungsmittel- und Warenknappheit in der Sowjetunion sowie nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und Beginn der Austeritätspolitik in den 1990er Jahren.
Die Skepsis gegenüber dem Staat ist kein Phänomen, das nur in der Ukraine anzutreffen ist. Daraus resultiert die politische Apathie in Osteuropa, die häufig mit dem Staatssozialismus und dem schwierigen Übergang zum Kapitalismus in Verbindung gebracht wird. Die niedrige Wahlbeteiligung wird als Beleg für diese Behauptungen angeführt, auch wenn dies eine vereinfachte Argumentation ist. Die Zivilgesellschaft in der Ukraine bleibt aber sehr aktiv und fungiert de facto als Opposition gegenüber den Regierungen, und der Kampf gegen die Korruption steht in den Protestbewegungen nach wie vor im Mittelpunkt, selbst jetzt noch in Zeiten des Kriegsrechts.
Viele westliche Linke betrachten ihren Staat als Instrument oder gar Partner für positive Veränderungen. Diese Sichtweise können aus oben genannten Gründen von Manchen in der Ukraine als naiv angesehen werden, obwohl dort auch eine Linke existiert, die einen starken Sozialstaat anstrebt. Dies ist eine einzigartige politische Ausgangsbasis für Linke in der Ukraine – insbesondere für Anarchist*innen – um Anerkennung bei Teilen der Gesellschaft zu erlangen oder zu bewahren, die sich sonst nicht mit der politischen Linken identifizieren.
Nach wie vor wird vom Staat die Bereitstellung sozialer Leistungen erwartet. Engagierte Bürger*innen kämpfen für eine gerechte Verteilung von Wohlstand und Ressourcen und setzen sich gegen Missbrauch und Korruption ein. Dennoch werden Selbstorganisation und das Vertrauen in gemeinschaftliche Strukturen, allgemeine Skepsis gegenüber dem Staat und die Bereitschaft, für Selbstbestimmung zu kämpfen – ganz in der Tradition Machnos – in der Ukraine so schnell nicht verschwinden.
Übersetzung von Daniel Fastner & Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective


