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Der brasilianische Wirtschaftswissenschaftler Antonio Motta erklärt, warum der Einfluss der USA in Lateinamerika weiterhin groß ist – und welche neuen Herausforderungen sich daraus für die Linke ergeben.
Katarine Flor: Wie bewerten Sie die Politik der Trump-Regierung gegenüber Lateinamerika?
Antonio Mota: Es handelt sich um die Wiederaufnahme eines langfristigen Bezugspunkts der nordamerikanischen Außenpolitik: der Monroe-Doktrin. Sie wurde 1823 formuliert und in der Idee zusammengefasst, dass „Amerika den Amerikanern gehört“. Im Laufe der Zeit wurde die Doktrin immer wieder aktualisiert und festigte die Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten die wichtigste politische Kraft der sogenannten westlichen Hemisphäre seien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte sich diese Logik auch in der sogenannten „Big-Stick“-Politik Theodore Roosevelts, insbesondere im Kontext des Baus des Panamakanals.
Die Regierung Trump steht in dieser historischen Tradition des nordamerikanischen Imperialismus - jedoch in noch expliziterer Weise. Auffällig ist, wie direkt Lateinamerika in offiziellen Regierungsdokumenten genannt wird, zum Beispiel in der Nationalen Sicherheitsstrategie. US-Behörden bezeichneten die Monroe-Doktrin sogar als „Donroe-Doktrin“, eine direkte Anspielung auf Donald Trump.
Katarine Flor ist Journalistin und Kommunikationskoordinatorin der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Auslandsbüro in São Paulo.
Antonio Motta ist Professor für Internationale Politische Ökonomie am Institut für Internationale Beziehungen der Bundesuniversität von São Paulo (UNIFESP). Motta ist außerdem Dozent des Kurses „Das revolutionäre Erbe von Rosa Luxemburg“, der vom Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in São Paulo organisiert wird.
Diese Haltung zeigt sich auch in öffentlichen Äußerungen der Regierung, die wiederholt erklärte: „Dies ist unsere Hemisphäre“. Damit signalisierte sie, dass sie die Präsenz oder den Einfluss von Mächten wie der Volksrepublik China in der Region nicht akzeptieren würde. Diese Position rückt Lateinamerika in den Mittelpunkt der aktuellen geopolitischen Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China, die von vielen Analysten als „neuer Kalter Krieg“ bezeichnet wird.
Katarine Flor: Welche Instrumente nutzen die Vereinigten Staaten, um die Länder der Region zu beeinflussen?
Antonio Mota: Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten gegenüber Lateinamerika hat eine lange Tradition der Intervention und geht auf die Monroe-Doktrin zurück. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gab es zahlreiche Episoden direkter Einmischung in der Region. Beispielhaft kann man den Sturz der Regierung von Jacobo Árbenz in Guatemala im Jahr 1954 nennen. Ein weiterer wichtiger Moment war die Reaktion der Vereinigte Staaten auf die Kubanische Revolution.
Die Existenz Kubas als politisches Projekt, das den Interessen Washingtons entgegengesetzt ist, wurde von der nordamerikanischen Außenpolitik stets als inakzeptabel angesehen. Deshalb wurde die Insel zu einer Art Labor für Strategien, die die Vereinigten Staaten in der Region anwenden. Dazu gehörten Attentatsversuche auf Fidel Castro, die Invasion in der Schweinebucht sowie die wirtschaftliche Blockade, die bis heute in Kraft ist.
Die Trump-Regierung verschärfte die wirtschaftlichen Sanktionen, die den Zugang der Insel zu Energieressourcen beeinträchtigen. Ihre Strategie ist eine Art Zangenbewegung: auf der einen Seite die Vertiefung der wirtschaftlichen Blockade, auf der anderen Seite der permanente politische Druck und die militärische Präsenz der USA in der Karibik. Darüber hinaus ist auch die Migrationspolitik zu einem Instrument geworden. Der Diskurs aus Washington bringt lateinamerikanische Länder häufig mit Drogenhandel und organisierter Kriminalität in Verbindung. Damit erschafft die Regierung Stigmata, die wiederum die massenhafte Abschiebungen in den USA rechtfertigen.
Mit der Regierung von Donald Trump hat sich die Logik der Interventionspolitik der Vereinigte Staaten weiter vertieft und eine neue Phase erreicht. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Vereinigte Staaten nach ihrer eigenen Interpretation der internationalen Realität handeln können. Im Unterschied zu früheren historischen Momenten, in denen US-Interventionen von Diskursen über die Verteidigung der Demokratie oder der Menschenrechte begleitet wurden, ist dieser rhetorische Anstrich im aktuellen Kontext nahezu verschwunden.
Katarine Flor: Wie verhalten sich die rechtsextremen Regierungen Lateinamerikas zu dieser Politik?
Antonio Mota: Eine Art, wie die Vereinigten Staaten in Lateinamerika agieren, ist der Versuch, Wahlergebnisse zu beeinflussen. Ziel ist es auch, mit Regierungen zusammenzuarbeiten, die politisch auf Washington ausgerichtet sind. Ein klares Beispiel ist die Beziehung zwischen Donald Trump und der Regierung von Nayib Bukele in El Salvador. El Salvador hat zum Beispiel zugestimmt, Migranten aus den Vereinigten Staaten aufzunehmen. Sie wurden abgeschoben und in das Gefängnissystem des Landes überstellt. Das zeigt, wie eng die politische Zusammenarbeit geworden ist.
Ein weiterer prominenter Fall ist die Unterstützung für die Regierung von Javier Milei in Argentinien. Es gibt politische und finanzielle Unterstützung. Wirtschaftliche Signale aus Washington können außerdem die innenpolitische Wahrnehmung beeinflussen und bestimmte politische Projekte stärken.
Wenn wir auf die jüngste politische Entwicklung in Lateinamerika schauen, sehen wir mehrere Wahlergebnisse, die rechte oder rechtsextreme Kräfte gestärkt haben. Ein Beispiel ist der politische Aufstieg von José Antonio Kast in Chile. Auch in Ecuador gab es zuletzt politische Veränderungen. In diesem Zusammenhang spielt außerdem Brasilien gerade eine zentrale Rolle. Das Land hat großes wirtschaftliches, territoriales und diplomatisches Gewicht. Deshalb haben Wahlen in Brasilien großen Einfluss auf das politische Gleichgewicht in der Region.
Katarine Flor: Was bedeutet die Neuausrichtung der US-Politik für Brasilien?
Antonio Mota: Da Brasilien die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas ist und über enormes diplomatisches Gewicht verfügt, steht das Land im Zentrum der nordamerikanischen Außenpolitik. Es gibt Kontakte zwischen rechtsextremen Akteuren in Brasilien und der Regierung von Donald Trump. Einige Analysten führen etwa handelspolitische Spannungen, wie die Erhöhung von Zöllen auf Produkte aus Brasilien, auf die Rolle rechter politischer Kräfte zurück.
Auch die diplomatische Präsenz der USA im Land zeigt das strategische Interesse Washingtons. Ein Beispiel ist der Bau eines neuen, gigantischen Botschaftskomplexes in Brasília. Er steht symbolisch für eine stärkere diplomatische Präsenz der USA. Die Regierung von Donald Trump hat mehrfach in der Region gezeigt, dass sie verschiedene Instrumente einsetzen will, um politische Auseinandersetzungen zu beeinflussen. Dazu gehören öffentliche Erklärungen, diplomatische Abstimmungen und der intensive Einsatz sozialer Netzwerke. Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, dass ähnliche Mechanismen auch in Brasilien eine Rolle spielen werden.
Katarine Flor: Welche Rolle spielt die lateinamerikanische Linke in diesem Szenario?
Antonio Mota: Zunächst ist es wichtig, die verschiedenen linken Strömungen in Lateinamerika zu unterscheiden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kamen dort mehrere progressive Regierungen an die Macht. Viele von ihnen versuchten, sich als moderate und institutionelle Linke zu präsentieren. Sie wollten sich damit von den revolutionären Erfahrungen in Ländern wie Kuba oder Venezuela abgrenzen. Ein Beispiel dafür war die Lula-Regierung in Brasilien. Sie versuchte damals, sich als demokratische und dialogorientierte Linke darzustellen.
Heute stehen diese politischen Kräfte vor einem Dilemma. Moderate Positionen geraten durch die US-Politik unter extremen Druck. Deshalb müssen sie ihre Strategien neu überdenken. Eine Möglichkeit wäre, den moderaten Kurs noch zu verstärken. Eine andere – aus strategischer Sicht kohärentere – wäre der Wiederaufbau einer antiimperialistischen Praxis. Diese müsste jedoch an die Bedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden. Ein solcher Ansatz müsste neue Themen einbeziehen. Dazu gehören etwa die ökologische Krise, die Verteidigung der Demokratie und das Streben nach größerer Autonomie in den internationalen Beziehungen.
Katarine Flor: Wie helfen die Ideen von Rosa Luxemburg dabei, dieses Szenario zu verstehen?
Antonio Mota: Das Werk von Rosa Luxemburg bietet einige wichtige Hinweise, um diese aktuellen Dynamiken zu verstehen. In Texten, die in „Die nationale Frage und die Autonomie“ gesammelt wurden, diskutiert sie die Grenzen des Nationalismus der lateinamerikanischen Eliten. Für Rosa Luxemburg gilt: Obwohl die Eliten die Prozesse der politischen Unabhängigkeit anführten, bewahrten sie häufig bestehende wirtschaftliche Strukturen. Diese beruhten auf dem Export von Rohstoffen und waren auf die Interessen der herrschenden Klassen ausgerichtet. Bei der Analyse des Falls Brasiliens erwähnte Rosa Luxemburg zum Beispiel die ökologischen Folgen der Ausweitung der Kaffeeökonomie im Vale do Paraíba, zwischen Rio de Janeiro und São Paulo. Für sie war dies ein Beispiel für die Umweltfolgen eines Wirtschaftsmodells, das auf exportorientierten Monokulturen basiert. Diese Überlegungen helfen zu verstehen, warum sich die Widersprüche des globalen Kapitalismus in Lateinamerika besonders deutlich zeigen. Heute werden sie auch im sogenannten Neoextraktivismus sichtbar. Transnationale Unternehmen können zwar wirtschaftliches Wachstum erzeugen, hinterlassen aber oft erhebliche soziale und ökologische Folgen. In Brasilien zeigen Umweltkatastrophen diese Spannungen besonders deutlich. Ein Beispiel sind die Dammbrüche in Mariana und Brumadinho, die mit der Tätigkeit des Bergbauunternehmens Vale S.A. in Verbindung stehen.
Diese Beispiele zeigen, wie das Vorrücken des Kapitalismus wirtschaftliche Transformation mit verschiedenen Formen sozialer und ökologischer Gewalt verbindet. In diesem Sinne bietet das Denken von Rosa Luxemburg weiterhin wichtige Ansätze, um diese Dynamiken zu analysieren und Alternativen für Lateinamerika zu entwickeln. Solche Alternativen würden auf sozialer Gerechtigkeit, internationaler Autonomie, demokratischer Beteiligung der Bevölkerung und ökologischer Nachhaltigkeit beruhen.
Übersetzung: Niklas Franzen

