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Interview , : „Sie haben ein Herz aus Stein“

Landarbeiterinnen in Südafrika sind giftigen Pestiziden ausgesetzt

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Colette Solomon (Foto: Tanja Tabbara)

Colette Solomon ist Direktorin der Organisation „Women on Farms Project“ (WFP) in Südafrika. Die Organisation unterstützt Frauen, die auf Farmen arbeiten, dabei, ihre Rechte zu verteidigen und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen ein – insbesondere auf Farmen in den Provinzen West- und Nordkap. Mit ihrer Kampagne „Doppelstandards“ wendet sich WFP an europäische Entscheidungsträger*innen und die Öffentlichkeit, um den Export hochgiftiger Pestizide zu verbieten, deren Verwendung in Europa bereits untersagt ist. Ihr Appell ist unmissverständlich: Afrikanische Leben sind nicht weniger wert als europäische. Das Interview wurde von Tanja Tabbara, Rosa-Luxemburg-Stiftung geführt.

32 Jahre nach der Einführung der Demokratie befinden sich in Südafrika noch immer 72 Prozent des bewirtschafteten Agrarlands in den Händen weißer Männer, die nur rund 7 bis 8 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Tanja Tabbara: Hochgefährliche Pestizide, die in Europa verboten sind, werden immer noch in Länder wie Südafrika exportiert und dort eingesetzt. Die Menschen zahlen den Preis dafür – und das sind sehr oft Frauen, die auf Farmen arbeiten. Sie als Direktorin von „Women on Farms“, welchen Gefahren sind Frauen auf Farmen in Südafrika ausgesetzt, wo Pestizide verwendet werden?

Colette Solomon: Viele Farmarbeiter*innen heute sind Nachkommen ehemaliger Sklav*innen aus der Kolonialzeit – ihre Familiengeschichten reichen bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurück. Auf die Kolonialzeit folgte die Apartheid. In diesen beiden Perioden unserer Geschichte wurden schwarze Menschen, die indigene Bevölkerung, ihres Landes beraubt. Das bildet nach wie vor die Grundlage für die heutigen Verhältnisse auf den Farmen.

32 Jahre nach der Einführung der Demokratie befinden sich in Südafrika noch immer 72 Prozent des bewirtschafteten Agrarlands in den Händen weißer Männer, die nur rund 7 bis 8 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Die meisten Farmen, auf denen Frauen arbeiten, gehören also weißen Männern, während die Frauen selbst landlos sind. Aufgrund der geschlechter- und rassenspezifischen Dynamik auf den Farmen haben die meisten Frauen nur Zeitverträge als Saisonarbeiterinnen und arbeiten dann etwa vier bis sechs Monate im Jahr. Weil Arbeit nicht eben leicht zu finden ist, sind sie bereit, auch sehr schlechte Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. 

Auf Weingütern, wo Pestizide verwendet werden, arbeiten Frauen oft in den Weinbergen, wenn die Chemikalien versprüht werden – ohne Schutzkleidung. Auf vielen Farmen gibt es zudem in den Weinbergen keine Toiletten und kein fließendes Wasser. Wenn Frauen während des Arbeitstages auf die Toilette müssen, sind sie gezwungen, sich in den Weinbergen oder in den nahegelegenen Büschen zu erleichtern – Bereiche, die kurz zuvor noch mit Pestiziden behandelt wurden. Frauen berichten in der Saison oft über akute Erkrankungen, darunter Blaseninfektionen, Hautschäden, Verbrennungen und Atemprobleme. Manche Effekte treten sofort auf, wenn sie den Giftstoffen ausgesetzt sind, viele sind jedoch kumulativ und machen sich erst später bemerkbar. Die mit den Pestiziden gegebene Gefahr betrifft nicht nur die Frauen, die auf den Farmen arbeiten, sondern auch ihre Familien, da die Häuser der Farmarbeiter*innen oft in den Weinbergen oder ganz in der Nähe liegen. Wenn Pestizide versprüht werden, gelangen sie in die Wohnungen. Die Farmer informieren die Familien nicht über die Sprühzeiten. So sind auch Kinder, die vor dem Haus spielen, betroffen.

Vor Kurzem untersuchte das südafrikanische „People’s Tribunal on Agro Toxins“ die Auswirkungen gefährlicher Pestizide auf Farmarbeiter*innen. Was waren die wichtigsten Ergebnisse und was passiert jetzt damit?

In den letzten Jahren haben wir von „Women on Farms“ uns mit anderen Organisationen zusammengetan, um herauszufinden, was es bedeutet, Pestiziden ausgesetzt zu sein. Letztes Jahr organisierte unser Bündnis das „People’s Tribunal on Agro Toxins“ und erstellte einen Bericht, den wir Mitgliedern des parlamentarischen Unterausschusses für Landwirtschaft vorlegten. Die grundlegende Schlussfolgerung lautete: Unsere Regierung sollte diese Agrargifte verbieten, die in Europa schon aufgrund ihrer Gefährlichkeit verboten sind. Allerdings – und das ist ein Teil des Problems – sind in Südafrika die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür veraltet. Das zuständige Gesetz stammt noch aus dem Jahr 1947 und entspricht längst nicht mehr den internationalen Menschenrechtsstandards. Dadurch werden bestimmte Pestizide weiterhin zugelassen.

Seit 2019 liegt der Fokus unserer Kampagne darauf, die Regierung zu drängen, diese in der EU bereits verbotenen Pestizide ebenfalls zu verbieten und den gesetzlichen Rahmen zu ändern. 

Glauben Sie, die südafrikanische Regierung wird auf diese Forderungen reagieren?

Wir haben 2019 die Kampagne „Doppelstandards“ gestartet, nachdem wir Forschungsergebnisse erhalten hatten, die belegen, wie stark Frauen ohne persönliche Schutzausrüstung dem Gift ausgesetzt sind. Seit 2019 liegt der Fokus unserer Kampagne darauf, die Regierung zu drängen, diese in der EU bereits verbotenen Pestizide ebenfalls zu verbieten und den gesetzlichen Rahmen zu ändern. Wir sind zum Parlament marschiert, haben Memoranden übergeben und Unterschriften für Petitionen gesammelt. Man kann sagen, dass die Regierung dadurch deutlich sensibler für das Thema geworden ist. Letztes Jahr initiierte sie ein Kolloquium zu Pestiziden, bei dem alle Beteiligten eingeladen waren – Vertreter*innen von Regierungsstellen genauso wie Farmarbeiter*innen. Am Ende des Workshops machte die Regierung öffentlich Zusagen, die Gesetze zu ändern, die Transparenz des Zulassungsprozesses zu erhöhen und ein besonders giftiges Pestizid namens Terbufos zu verbieten, das verantwortlich ist für den Tod von sechs Kindern in Gauteng. Als Aktivisti*nnen müssen wir wachsam bleiben, um sicherzustellen, dass diese Zusagen auch umgesetzt werden. Unsere Kampagne wird jedenfalls so lange fortgesetzt, bis die versprochenen Veränderungen Wirklichkeit geworden sind.

Wenn wir von Südafrika nach Europa wechseln: Sie sprachen bereits über Doppelstandards. In Deutschland exportieren Unternehmen wie BASF, Bayer und Alzchem hochgefährliche Pestizide nach Südafrika, die in Europa verboten sind. Sie kamen nun persönlich nach Europa, um die Ergebnisse des Tribunals auch hier vorzustellen. Sie sprachen im Menschenrechtsausschuss des Europäischen Parlaments, wo auch eine Vertreterin der Europäischen Kommission anwesend war, die als wichtigste Institution ein Exportverbot dieser Pestizide erlassen könnte. Seit 2020 wird ein solches Gesetz diskutiert, aber bisher ist nichts passiert. Wie wurden die Ergebnisse des Tribunals aufgenommen? Sehen Sie kurzfristig eine Chance, das sich auf europäischer Ebene etwas ändert?

CS: 2020 hat die Europäische Kommission versprochen, diese Pestizide auf europäischer Ebene zu verbieten. Leider hat sich die politische Konstellation in Europa verändert und es sind jetzt andere Parteien an der Macht. Die Situation ist deshalb heute schwieriger als 2020, als eine Umsetzung unmittelbar greifbar schien. Dennoch gab es im Menschenrechtsausschuss des Europaparlaments sehr starke, eindeutige und unterstützende Statements von mehreren Abgeordneten aus verschiedenen Parteien, die sich verpflichteten, den Druck auf die Kommission aufrechtzuerhalten. Das hat mich ermutigt, auch wenn es noch viele Hindernisse seitens der Kommission gibt. Die Lobbyarbeit muss weitergehen und das Thema muss weiterhin auf der Agenda bleiben, damit man sofort handeln kann, sobald sich die politische Konstellation wieder ändert.

Unsere Regierung hat die primäre Verantwortung, ihre Bürger*innen zu schützen. Gleichzeitig tragen auch diejenigen, die diese hochgefährlichen Chemikalien weiterhin produzieren und exportieren eine spezifische Verantwortung.

Sie haben Ihre Untersuchungsergebnisse kürzlich auch dem deutschen Unternehmen Alzchem präsentiert, das Pestizide, die in Europa verboten sind, nach Südafrika exportiert. Wie hat man dort auf Ihre Appelle reagiert?

Das war wahrscheinlich das enttäuschendste Treffen in den zwei Wochen, die wir in Europa verbracht haben. Alzchem produziert und exportiert für landwirtschaftliche Zwecke Cyanamid, einen Wachstumsstimulator, der im Frühjahr zur Regulierung der Knospenbildung und des Pflanzenwachstums von Trauben gesprüht wird. Cyanamid ist seit 2008 in der EU verboten wegen seiner schädlichen Wirkung auf Menschen. Die wissenschaftlichen Beweise sind eindeutig. Gestern berichtete meine Kollegin Laura, die saisonal auf Farmen arbeitet und jedes Jahr Dormex [Handelsname für Cyanamid] ausgesetzt ist, über die Auswirkungen auf Frauen. Was mich schockierte, war die fehlende Empathie der Alzchem-Vertreter. Trotz dieser Berichte machten sie deutlich, dass sie nicht die Absicht haben, das Produkt aus ihrem Portfolio zu nehmen. Es fühlte sich an, als stießen alle Argumente auf taube Ohren. Laura sagte: „Sie haben ein Herz aus Stein.“

Wir befinden uns jetzt in der „Pesticides Action Week“, die vom 20. bis 30. März stattfindet. Welche Botschaft haben Sie für diese Unternehmen, für die europäische Öffentlichkeit und die Gesetzgeber?

Unsere Regierung hat die primäre Verantwortung, ihre Bürger*innen zu schützen. Gleichzeitig tragen auch diejenigen, die diese hochgefährlichen Chemikalien weiterhin produzieren und exportieren eine spezifische Verantwortung. Diese zwei Wochen waren für uns wertvoll, weil wir mit europäischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bündnissen zusammenkamen, die ein Exportverbot fordern. Wir haben sie ermutigt, den Kampf fortzusetzen und Druck auf die EU und die Regierungen auszuüben. Deutschland beispielsweise hat als eines der führenden europäischen Länder eine große Bedeutung. Mit mutigen Maßnahmen, wie sie Frankreich und Belgien bereits ergriffen haben[1], könnte Deutschland ein Vorbild sein und die Europäische Kommission unter Druck setzen. Auch die Verbraucher*innen könnten Südafrikaner*innen unterstützen und deutlich machen, dass schädliche Exporte inakzeptabel sind. Gemeinsam könnten Politik und der öffentliche Druck der Zivilgesellschaft ein wirksames Exportverbot erzwingen.
 


[1] In Frankreich gibt es seit 2022 ein gesetzliches Exportverbot für Pestizide, die in der EU aus Gesundheits- oder Umweltgründen verboten sind. Dieses Verbot war politisch äußerst umkämpft und wurde erst nach längeren Debatten und Druck von NGOs eingeführt. In der Praxis hat es dazu geführt, dass Teile der Produktion (z. B. großer Chemiekonzerne) in andere EU-Länder verlagert wurden, wo solche Exporte noch erlaubt waren/sind. Belgien hat im Mai 2025 nachgezogen und per königlichem Erlass ein ähnliches Exportverbot erlassen. Zuvor war Belgien einer der größten Exporteure dieser Stoffe in der EU.

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