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Während Deutschland über Tankrabatte und steigende Lebensmittelpreise diskutiert, geht es in vielen Teilen der Welt bereits ums nackte Überleben. Auch wenn die Straße von Hormus im Zuge des Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran nun wieder geöffnet werden soll, sind die Folgen der vergangenen Sperrung bereits deutlich spürbar: Laut dem Welternährungsprogramm droht durch die Blockade 45 Millionen Menschen Hunger. Gleichzeitig schießen die Gewinne von Öl-, Lebensmittel- und Düngemittelkonzernen in die Höhe. Die Hormus-Blockade offenbart also nicht nur die gefährliche Verflechtung von fossilen Energien und globalem Ernährungssystem, sondern auch den Charakter eines Systems, das den globalen Süden strukturell benachteiligt.
Die Gewinner des Krieges
Schluwa Sama, Dr. phil., ist Expertin für Agrarökologie und Ernährungssouveränität. Sie befasst sich vor allem mit den Ernährungssystemen in Westasien.
Die Kriegsgewinner sind schnell ausgemacht: Laut einer Studie von Greenpeace sollen Mineralölkonzerne seit Beginn des völkerrechtswidrigen israelisch-amerikanischen Angriffs auf den Iran täglich 21 Millionen Euro zusätzlich verdient haben. Im Lebensmittelsektor sieht es ähnlich aus: Auch hier sind es sind nicht einfach „steigende Preise“, sondern es ist die Monopolmacht von Supermärkten, die in Krisenzeiten Extraprofite einfahren, während Verbraucher*innen dafür zahlen müssen.
Ein vergleichbares Bild zeigt sich bei den Düngemittelkonzernen: In den vergangenen Jahren konnten die neun größten Düngemittelhersteller ihre Profite verdreifachen. Die primäre Ursache liegt auch hier in deren Marktmacht, die wiederum die Abhängigkeit von Düngemitteln und fossilen Inputs in der Landwirtschaft verstärkt. Dieser Prozess lässt sich als Fortsetzung kolonialer Kontrolle deuten: Wer über die wichtigsten Produktionsmittel (wie Dünger und Energie) verfügt, kontrolliert auch die landwirtschaftliche Produktion. Auf diese Weise werden die Länder des globalen Südens in struktureller Abhängigkeit gehalten. Die Blockade der Straße von Hormus verstärkt diese Abhängigkeit noch.
Dass die Krise neben steigenden Energiekosten auch lebensnotwendige Bereiche wie die Nahrungsversorgung beeinflusst, ist politisch äußerst gefährlich, aber eben auch vermeidbar. Denn die Abhängigkeit unserer Ernährungssysteme von fossilen Brennstoffen ist kein Zufall, sondern extrem profitabel für den Öl- und Gassektor – und deshalb auch politisch gewollt. IPES-Food zeigt, dass 15 Prozent der weltweit verbrannten fossilen Treibstoffe für unser Ernährungssystem genutzt werden. Dazu gehört auch Herstellung, Verpackung und Transport von Dünger. Die aktuelle Krise belegt, wie tief die Abhängigkeit der globalen Nahrungsmittelproduktion von fossilen Ressourcen reicht.
Vom Krieg zur Düngemittelkrise
Obwohl die Straße von Hormus ein zentraler Knotenpunkt des globalen Düngemittelhandels ist – rund ein Drittel der weltweiten Düngemitteltransporte passieren diese Meerenge –, sind die Auswirkungen der aktuellen Krise regional höchst ungleich verteilt. Die Golfregion etwa ist nicht nur Transitroute, sondern auch Produktionszentrum: Aufgrund ihrer großen Erdgasvorkommen stellt sie rund 45 Prozent der weltweiten Exporte von Urea, einem der wichtigsten aus Erdgas hergestellten Stickstoffdünger. Von Februar bis März 2026 sind die Urea-Preise bereits um 20 Prozent gestiegen.
Der Großteil der Düngemittel aus der Golfregion geht jedoch nicht nach Europa, sondern nach Asien, Lateinamerika und Afrika. In einem von konventioneller Landwirtschaft geprägten System drohen die Erträge nun zu sinken – insbesondere dort, wo sich Landwirt*innen die Inputs nicht mehr leisten können und staatliche Unterstützung fehlt. Länder wie Indien oder Brasilien sind besonders abhängig. Brasilien, einer der weltweit größten Düngemittelimporteure, deckt rund ein Fünftel seines Bedarfs über Lieferungen aus der Golfregion. Als weltweit größter Exporteur von Sojabohnen und einer der wichtigsten Exporteure von Mais und Zucker spielt das Land eine Schlüsselrolle in der globalen Lebensmittelversorgung. Produktionsrückgänge in Brasilien wirken daher weit über die Region hinaus.
Ein Ernährungssystem, das auf fossilen Energien, globalen Lieferketten, ungebremster Marktmacht von Düngemittelherstellern und Supermarktketten sowie ungleichen Handelsstrukturen basiert, ist hochgradig krisenanfällig.
Gerade in Subsahara-Afrika, wo 90 Prozent des Düngers importiert werden, ist die Ernährungssicherheit massiv gefährdet. Malawi verdeutlicht die mehrfache Abhängigkeit vieler afrikanischer Ernährungssysteme besonders drastisch. Über die Hälfte der Düngemitteleinfuhr des Landes stammt direkt aus der Golfregion. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft stark auf Exportprodukte wie Tabak, Tee oder Zucker ausgerichtet, während der Anbau von Grundnahrungsmitteln strukturell unsicher bleibt. Malawi ist dadurch in Krisenzeiten auf Importe angewiesen. Diese doppelte Integration in globale Märkte – als Exporteur agrarischer Rohstoffe und als Importeur von Nahrungs- und Produktionsmitteln – macht Länder wie Malawi besonders krisenanfällig. Störungen zentraler Handelsrouten wie der Straße von Hormus treffen Länder des globalen Südens daher besonders hart.
Die Auswirkungen des Iran-Krieges auf die Lebensmittelversorgung sind auch in der Golfregion sowie in Westasien und Nordafrika spürbar. Länder wie Saudi-Arabien, der Irak oder die Vereinigten Arabischen Emirate importieren rund 70 Prozent ihrer Nahrungsmittel. Diese extreme Importabhängigkeit hat historische Wurzeln: Koloniale Strukturen, neoliberale Strukturanpassungsprogramme und Kriege haben Ernährungssysteme der Region gezielt in globale Märkte integriert und sie damit von externer Versorgung abhängig gemacht. Im Irak etwa werden fast die gesamten Staatseinnahmen durch Ölexporte generiert, während wichtige Grundnahrungsmittel importiert werden müssen. Reis, eine der wichtigsten Nahrungsquellen im Land, wurde früher auch lokal angebaut für den eigenen Markt, wird heute jedoch zu etwa 90 Prozent eingeführt.
Die aktuelle Krise offenbart ein grundlegendes Problem: Ein Ernährungssystem, das auf fossilen Energien, globalen Lieferketten, ungebremster Marktmacht von Düngemittelherstellern und Supermarktketten sowie ungleichen Handelsstrukturen basiert, ist hochgradig krisenanfällig: Es kann uns nicht verlässlich versorgen und stürzt viele Regionen in Hungersnöte.
Es gibt Alternativen
In vielen Regionen des Globalen Südens werden agrarökologische Ansätze bereits praktisch umgesetzt. Im Libanon oder in Palästina etwa arbeiten Initiativen wie Buzuruna Juzuruna oder The Humanistic Forum mit lokalem Saatgut, biodiversen Anbausystemen und kurzen Wertschöpfungsketten.
Auch in Afrika zeigen Projekte wie „Soils, Food and Healthy Communities“ in Malawi, dass landwirtschaftliche Produktion ohne synthetische Düngemittel möglich ist. Mischkulturen, Hülsenfrüchte und sogenannte Fertilizer Trees verbessern auf natürliche Weise die Bodenfruchtbarkeit.
Agrarökologie ist also nicht nur ein ökologisches Konzept, sondern auch eine konkrete, krisenfeste Praxis. Sie reduziert Abhängigkeiten, stärkt lokale Ernährungssysteme und macht deutlich, dass nicht Ernährungssicherheit, sondern Ernährungssouveränität der Schlüssel zu einer nachhaltigen und selbstbestimmten Nahrungsmittelproduktion ist. Agrarökologie ist damit nicht nur eine Alternative in der Landwirtschaft, sondern auch ein politisches Projekt zur Entkolonisierung der Ernährungssysteme.

