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Interview , : „Sie gingen mit erhobenen Fäusten in den Tod“

Am 1. Mai 1944 erschossen Wehrmachtssoldaten in Athen 200 Kommunisten – jetzt wurden erstmals Fotografien des Massakers gefunden.

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200 griechische Kommunisten schreiten am 1. Mai 1944 in Kaisariani, Athen, ihrer Hinrichtung entgegen. Quelle: Ebay, Crain's Militaria, Screenshot

Nach über 80 Jahren tauchten bisher unbekannte Fotografien auf, die die  Hinrichtung von 200 griechischen Antifaschist*innen während der deutschen Besatzungszeit in Griechenland dokumentieren, angeboten bei einer Online-Auktion eines belgischen Militaria-Händlers auf der Plattform Ebay. Die griechische Öffentlichkeit reagierte geschockt. Im Gespräch mit Boris Kanzleiter und Vangelis Koltsidas erklärt der renommierte Historiker Menelaos Charalambidis, warum die Fotos das kollektive Gedächtnis erschüttern, welche historischen Zusammenhänge sie sichtbar machen und warum sie auch heute noch politische Debatten auslösen.

Herr Charalambidis, zum ersten Mal sind Fotos der Massenerschießung von 200 antifaschistischen Widerstandskämpfern durch die deutschen Besatzungstruppen am 1. Mai 1944 in einem Vorort von Athen öffentlich geworden. Die Bilder haben große Empörung ausgelöst. Was geschah damals?

Menelaos Charalambidis (geb. 1970 in Athen) ist Historiker und Ökonom. Er promovierte in Neuerer Griechischer Geschichte an der Universität Athen und lehrt Public History an der Hellenic Open University. Charalambidis ist Autor mehrerer Standardwerke zur Geschichte der deutschen Besatzung Griechenlands und des griechischen Widerstands. Er engagiert sich in Initiativen zur Erinnerungspolitik.

Das Gespräch führten Boris Kanzleiter, Leiter des Athener Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Vangelis Koltsidas, Mitarbeiter im Büro.

Am 27. April 1944 wurde bei einem Hinterhalt von Kämpfern der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS) außerhalb der Stadt Molai auf der Peloponnes der deutsche Generalmajor Franz Krech zusammen mit drei Mitgliedern seiner Eskorte getötet. Als Vergeltung erschossen die deutschen Besatzungsbehörden jeden Mann, dem sie auf der Strecke von Molai nach Sparta begegneten. Zusätzlich ordneten sie die Hinrichtung von 200 Kommunisten in Athen an – obwohl der Ort des Hinterhalts rund 300 Kilometer von der Hauptstadt entfernt lag. Am symbolträchtigen 1. Mai 1944 wurden 200 Gefangene aus dem Konzentrationslager Haidari, das unter Verwaltung der SS stand, zum Schießstand von Kaisariani gebracht. Dort erschossen Soldaten der Wehrmacht die Gefangenen. Diese Hinrichtung ist auf den nun entdeckten Fotografien dokumentiert. 

Mindestens 157 der Opfer waren kommunistische politische Gefangene, die bereits vor dem Krieg vom diktatorischen Regime von Ioannis Metaxas und König Georg II. verhaftet worden waren. Als Deutschland Griechenland im April 1941 besetzte, übergaben die griechischen Behörden rund 2.000 Kommunisten an die Wehrmacht. Unter ihnen befand sich auch die gesamte Führung der Kommunistischen Partei Griechenlands, einschließlich ihres Generalsekretärs Nikos Zachariadis, der später in das Konzentrationslager Dachau deportiert wurde. Die 200 Männer wurden also nicht erschossen, weil sie Widerstand geleistet hatten – sie waren seit den 1930er Jahren ununterbrochen in Haft –, sondern allein wegen ihrer politischen Überzeugung. Es war die größte Massenhinrichtung in Athen während der Besatzungszeit und ein Ereignis, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Griechenlands eingeprägt hat.

Welche symbolische Bedeutung hat der Schießstand von Kaisariani für Griechenland und besonders für die griechische Linke?

Der Schießstand von Kaisariani ist vermutlich der wichtigste Erinnerungs- und Märtyrerort der Besatzungszeit in Griechenland. Dort wurden mindestens 620 griechische Widerstandskämpfer sowie 20 italienische und fünf deutsche Antifaschisten von den Besatzungsbehörden erschossen. Die meisten der Hingerichteten waren Kommunisten und Mitglieder der Nationalen Befreiungsfront (EAM), der größten Widerstandsorganisation Griechenlands. Sie wurde 1941 auf Initiative der Kommunistischen Partei gegründet und entwickelte sich zur größten Massenorganisation in der Geschichte des modernen griechischen Staates. Schon während der Besatzungszeit und noch stärker nach dem Krieg wurde der Schießstand zu einem zentralen Symbol des Widerstands. Über die Hinrichtungen wurden Gedichte geschrieben, Lieder komponiert, Gemälde und Grafiken geschaffen und zahlreiche Dokumentarfilme produziert. Für die griechische Linke ist Kaisariani bis heute ein zentraler Ort des historischen Gedächtnisses.

Die Fotos wurden von einem deutschen Wehrmachtssoldaten namens Hermann Heuer aufgenommen. Was wissen wir über ihn?

Hermann Heuer wurde 1903 in Berlin geboren und diente als Unteroffizier im 1012. Festungs-Infanteriebataillon der Wehrmacht. Er kam Ende 1943 nach Griechenland und verließ das Land im September 1944 während des Rückzugs der deutschen Besatzungstruppen vom griechischen Festland. Wie viele andere Soldaten fotografierte er Orte, die er während seines Einsatzes durchquerte oder an denen seine Einheit stationiert war. In seinem Fotoalbum finden sich neben den Bildern der Hinrichtung auch Aufnahmen von der Beerdigung von General Krech, dessen Division das Bataillon Heuers unterstellt war.

Ist es überraschend, dass eine solche Hinrichtung fotografiert wurde?

Die meisten Fotos deutscher Soldaten aus der Besatzungszeit in Griechenland haben eher touristischen Charakter. Wehrmachtssoldaten posieren vor Sehenswürdigkeiten wie der Akropolis oder dem Weißen Turm von Thessaloniki oder zeigen Szenen aus ihrer Freizeit. Seltener finden sich Aufnahmen von Repressionsmaßnahmen gegen den Widerstand, etwa von der brutalen Niederschlagung einer Demonstration in Athen im Juli 1943. Bereits 1980 sorgten Fotos von der Massenerschießung von Zivilisten im kretischen Dorf Kondomari für große öffentliche Aufmerksamkeit. Viele dieser Bilder entstanden als private Erinnerungsstücke von Soldaten. Andere wurden von professionellen Fotografen aufgenommen, die deutschen Einheiten zugeordnet waren und deren Bilder propagandistischen Zwecken dienten. Ob die nationalsozialistischen Truppen ihre Verbrechen systematisch dokumentierten, lässt sich bislang nicht eindeutig beantworten.

Welche Bedeutung haben die neu entdeckten Fotos als historische Quelle?

Die Fotos sind ein äußerst wichtiges Dokument für die Erforschung der Verbrechen der deutschen Besatzung in Griechenland. Sie zeigen sehr anschaulich das standardisierte Vorgehen bei solchen Vergeltungsexekutionen. Zu sehen sind deutsche Militärlastwagen, die in das Konzentrationslager Haidari fahren. Die Gefangenen werden aufgeladen, begleitet von Soldaten, die ihre Waffen auf sie richten. Der Konvoi fährt anschließend zum Schießstand von Kaisariani. Die Bewohner*innen Athens warteten entlang der Strecke, weil die Route der Lastwagen bekannt war. Sie sammelten Zettel auf, die die Gefangenen auf die Straße warfen – kurze Abschiedsnachrichten an ihre Familien, oft versehen mit Namen und Adresse. Die Fotos zeigen auch den engen Durchgang zum Hinrichtungsort sowie die Mauer, vor der die Gefangenen erschossen wurden. Am Eingang liegen die Kleidungsstücke der zuvor erschossenen Gruppe von zwanzig Männern. 

Der Ort des Massakers, der Schießplatz von Kaisariani (1. Mai 1944) Quelle: Ebay, Crain's Militaria, Screenshot

Allein in der Region Attika wurden mindestens 1.600 Menschen von den deutschen Besatzungsbehörden in Massenhinrichtungen erschossen. Zählt man weitere Opfer – etwa durch die Verfolgung der Jüd*innen Athens, Kämpfe, Einzelmorde oder Todesfälle in Arbeitslagern –, steigt die Zahl auf mehr als 4.500. Diese Hinrichtungen erfolgten ohne Gerichtsverfahren. Die meisten Opfer hatten keinerlei Verbindung zu den Widerstandsaktionen, für die sie angeblich bestraft wurden. Sie waren keine Gefangenen im juristischen Sinn, sondern Geiseln der Besatzungsbehörden. Das Lager Haidari diente den Deutschen als eine Art „Menschenreservoir“, aus dem sie Opfer für Vergeltungsaktionen auswählten. Trotz dieser brutalen Repression gelang es den Besatzern nicht, den griechischen Widerstand zu brechen – er gehörte zu den stärksten in ganz Europa.

Wie reagiert die griechische Gesellschaft heute auf die Veröffentlichung der Fotos?

Die Bilder haben in Griechenland große Bestürzung ausgelöst. Besonders interessant sind jedoch die Reaktionen im heutigen politischen Kontext. Die Fotos zeigen Menschen, deren Haltung zum Leben sich stark von den dominierenden Werten unserer Zeit unterscheidet. In einer Epoche, in der Individualismus häufig im Vordergrund steht, sehen wir Menschen, die als Kollektiv – als Genoss*innen – dem Tod entgegengingen, getragen von einer politischen Idee. Sie blickten ihren Henkern in die Augen, starben mit erhobenen Fäusten und sangen die Nationalhymne, die Hymne der EAM und die Internationale. Auch die Reaktionen der politischen Rechten waren bemerkenswert – von vulgären Kommentaren in sozialen Medien bis zu problematischen Aussagen rechtsextremer Minister der Regierung von Premierminister Mitsotakis. Die Bilder haben innerhalb weniger Stunden ein lange gepflegtes Schweigen über diese Geschichte aufgebrochen.

Wird durch die Fotos auch die Debatte über deutsche Reparationen neu belebt?

Für einen großen Teil der griechischen Gesellschaft ist die Frage der deutschen Reparationen nie wirklich abgeschlossen worden. Obwohl inzwischen 80 Jahre vergangen sind, bleibt sie politisch ungelöst. Die Fotos haben vor allem bei jungen Menschen – die in der Schule kaum etwas über die Besatzungszeit lernen – erneut die Brutalität der nationalsozialistischen Herrschaft und den enormen menschlichen Preis sichtbar gemacht, den Griechenland bezahlt hat. Solche historischen Wunden heilen nicht einfach mit der Zeit.

Welche Forderungen werden im Zusammenhang mit den Fotos erhoben?

Die institutionelle Politik des Vergessens hat dazu geführt, dass Griechenland das einzige europäische Land ist, das keine zentrale Einrichtung zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg geschaffen hat. Ich habe deshalb bereits früher vorgeschlagen, in Athen ein zentrales Museum des Nationalen Widerstands einzurichten. Die aktuellen Ereignisse haben diese Diskussion wieder belebt. Eine solche Institution könnte historisches Material – wie diese Fotos – sichern und der Forschung zugänglich machen. Gleichzeitig könnte sie zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der menschlichen Verluste und materiellen Zerstörungen beitragen, die Griechenland während der Besatzung erlitten hat. Darüber hinaus könnte sie durch Ausstellungen, Vorträge, historische Rundgänge und Dokumentarfilme  die Erinnerung an die Besatzungszeit lebendig halten und den antifaschistischen Kampf auch im öffentlichen Raum sichtbar machen.

Menelaos Charalambidis, Historiker und Ökonom Foto: Boris Kanzleiter

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