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Nachricht , : Rindlisbacher (Hrsg.): Wera Sassulitsch oder: Die Poesie der Revolution; Berlin 2026

Das bewegte Leben einer bekannten Unbekannten

Wichtige Fakten

Details

Der vorliegende Band ist der neunte über eine Frau innerhalb der Reihe Miniaturen, die im Berliner Dietz Verlag zu mehr oder weniger bekannten linken Persönlichkeiten veröffentlicht wird. Im Gegensatz zu Ketty Guttmann (Rezension) ist der Name Sassulitsch als solcher geläufig – der berühmte Antwortbrief von Karl Marx auf ein von ihr verfasstes Schreiben zur Frage der künftigen ökonomischen Entwicklung Russlands (beides ist im zweiten Buchteil abgedruckt, die alternativen Entwürfe von Marx nicht), macht dies möglich, aber welche Persönlichkeit sich dahinter verbirgt, welche bewegte politische Biografie, welches Schaffen als Revolutionärin, dürfte landläufig nur wenigen bekannt sein.

Der Schweizer Historiker Stephan Rindlisbacher schließt diese Lücke nun mit einem leichtfüßig verfassten biografischen Abriss, der die ersten 63 Seiten umfasst. Der bewährten Routine der Reihe folgend, schließen sich autobiografische und politische Texte Sassulitischs‘ bzw. Ausschnitte daraus an, ergänzt um Schilderungen von anderen Personen, wie bspw. aus der Feder Trotzkis.

Bereits 2014 hatte Rindlisbacher das empfehlenswerte Buch Leben für die Sache. Vera Figner, Vera Zasulič und das radikale Milieu im späten Zarenreich veröffentlicht, das auf seiner Dissertation basiert und womit er sich als Kenner der Materie empfahl (1).

Die Darstellung folgt der Chronologie ihres Lebens: von Kindheit und Jugend (Sassulitsch wurde 1849 geboren), ihrer Politisierung gegen die Verhältnisse im zaristischen Russland und ihrem Mitwirken bei den Narodniki, über ihren Attentatsversuch auf Fjodor Trepow, der in einem Prozess mündete, der sie mindestens russlandweit bekannt machte, über ihr mühseliges Leben im Exil an verschiedenen europäischen Orten, wo sie u.a. in London mit Friedrich Engels verkehrte, in der Schweiz und anderswo mit Plechanow mehrfach zusammenarbeitete und immer wieder auch brach, ihrem Mitwirken an der Gründung und Erscheinen der Zeitung Iskra, verbunden mit ihrer Bekanntschaft zu Lenin und Trotzki, bis hin zu ihrem Lebensende am 8. Mai 1919 im Alter von 69 Jahren, gekennzeichnet von körperlichen Gebrechen, an dem sie ihre revolutionäre Gesinnung bedauert haben soll. Sie war enttäuscht, dass sich die Verhältnisse eben nicht nach ihren Vorstellungen zu einem dauerhaft Guten auch auf dem Land entwickelt hatten.

Es entsteht das Bild einer eigensinnigen, selbstbewussten, politischen, revolutionär gesinnten Persönlichkeit, die die gesellschaftspolitischen Verhältnisse schwer aushalten konnte, und von der Sehnsucht nach der guten Gemeinschaft getrieben war. Vergleichsweise spät wurde sie selbst als Autorin tätig, außerdem trat sie auch als Übersetzerin ins Russische in Erscheinung, darunter von Werken von Marx und Engels, aber auch von H. G. Wells. Sie war an der Entstehung der russischen Sozialdemokratie als eigenständiger Partei beteiligt und musste deren Spaltung miterleben. Im Russischen liegen verschieden Editionen ihres Schaffens vor, darunter ihre Autobiografie, während auf Deutsch hier erstmals eine Auswahl präsentiert wird.

Wie der Autor nachvollziehbar herausarbeitet, hat sich Sassulitsch nie einer einzigen feststehenden Überzeugung oder politischen Analyse wie Position verschrieben, sondern machte eine eigene Entwicklung durch, die sie am Ende zur Kritikerin der Bolschewiki werden ließ.

Es ist sehr verdienstvoll, dass Verlag und Autor dieses Portrait veröffentlicht haben und den Namen Sassulitsch nicht nur in Erinnerung rufen, sondern auch vom Marx-Fokus befreien. Die Reihe Miniaturen erfährt hierdurch eine sehr verdienstvolle Ergänzung.

Stephan Rindlisbacher (Hrsg.): Wera Sassulitsch oder: Die Poesie der Revolution, Dietz Verlag, Berlin 2026, 14,00 €, 168 Seiten

(1) Mit Vera Zasulic und die russische revolutionäre Bewegung gibt es noch eine Darstellung aus dem Jahr 1977, die wiederum auf eine Doktorarbeit zurückgehend, auch im Literaturverzeichnis aufgeführt wird.