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Kommentar , : Die Lage der britischen Linken

Am 7. Mai finden in Großbritannien Kommunalwahlen statt. Wird der Vertrauensverlust für Labour die linken Parteien stärken?

Wichtige Fakten

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Neue Gesichter: Die Grünen sind mit ihrem neuen Vorsitzenden Zack Polanski (Mitte links) und der bei der Nachwahl gewählten neuen Abgeordneten Hannah Spencer (macht ein „Selfie“) auf dem Vormarsch.
Neue Gesichter: Die Grünen sind mit ihrem neuen Vorsitzenden Zack Polanski (Mitte links) und der bei der Nachwahl gewählten neuen Abgeordneten Hannah Spencer (macht ein „Selfie“) auf dem Vormarsch. Foto: Loannis Alexopoulos / Anadolu Manchester United Kingdom

Die britische Linke befindet sich an einem Wendepunkt. Starmers wenig mitreißender Erdrutschsieg bei den Wahlen 2024, in der die Wähler*innen offenkundig gegen die Konservativen und nicht für Labour votierten, liegt kaum zwei Jahre zurück. Schon damals wurde die Partei von vielen dafür kritisiert, weder eine Vision noch ein klares Profil zu haben. Dennoch gewann sie eine überwältigende parlamentarische Mehrheit, mit der sie radikale Veränderungen hätte durchsetzen können.

Jamie Driscoll war von 2019 bis 2024 Bürgermeister der Region Newcastle. Im Jahr 2023 verließ er die Labour Party, Ende 2025 schloss der selbst erklärte demokratische Sozialist sich der Green Party of England and Wales an.

Doch es folgten keine Veränderungen, sondern Kontroversen. Binnen zwei Monaten nach Amtsantritt im Juli 2024 wurde Starmers Regierung bereits von Korruptionsvorwürfen erschüttert, da erGeschenke im Wert von mehreren tausend Pfund angenommen hatte. Es folgte die höchst umstrittene Entscheidung, 9,3 Millionen Rentner*innen die Heizkostenzuschüsse zu kürzen. Seither ist es Labour nicht gelungen, die Lebensbedingungen spürbar zu verbessern. Stattdessen ist die Partei in Skandale verstrickt und wirkt nach einem Dutzend Kehrtwenden in verschiedenen Ressorts zutiefst inkompetent. Zuletzt hat Labour sogar Nachwahlen in absolut sicheren Wahlkreisen verloren, so beispielsweise in Gorton und Denton in der Region Manchester. Labour verliert massenhaft Wählerstimmen an Reform UK beziehungsweise an die Partei, die am ehesten in der Lage scheint, gegen Reform gewinnen zu können.Die Linke muss begreifen, warum diese Labour-Regierung so rapide an Unterstützung verloren hat und nicht in der Lage ist, nennenswerte Veränderungen zu erreichen. Es handelt sich nicht nur um ein moralisches Versagen – Labour steckt in der Denkweise des „Dritten Weges“ der Blair-Clinton-Ära fest und geht nach wie vor davon aus, private Kapitalströme würden ein Wirtschaftswachstum generieren, das besteuert und umverteilt werden könne, um Ungleichheit abzumildern.

Alle Regierungen der letzten vierzig Jahre haben sowohl ihren Denkapparat als auch den öffentlichen Auftrag an finanzstarke Organisationen des privaten Sektors ausgelagert, deren Loyalität einzig dem eigenen Bankkonto gilt. Doch die immer gleichen Mechanismen zur Umsetzung der Politik führen auch zu immer gleichen Resultaten. Diese Art der Vermögensabschöpfung ist so tief verwurzelt, dass jeder Versuch einer Lenkung öffentlicher Investitionen mittels des bestehenden Systems den Teufelskreis nur weiter ankurbeln wird.

Die meisten Strateg*innen in der Linken verstehen das. Doch die Linke tendiert dazu, folgenlose Listen politischer Forderungen aufzustellen, ohne konkrete Pläne zu ihrer Umsetzung vorzulegen. Fest steht, dass sie erst bei Kommunal- und Regionalwahlen an Macht gewinnen muss, bevor sie auf nationaler Ebene Regierungsverantwortung übernehmen kann. Wenn sie auf lokaler Ebene nicht liefert, wird ihr die Öffentlichkeit kaum Vertrauen entgegenbringen. Die Abkehr vom Neoliberalismus hat dabei etwas von einer Bombenentschärfung: Die neoliberale Wirtschaft muss entschärft werden, ohne den falschen Draht zu durchtrennen und wirtschaftliche Erschütterungen auszulösen, für deren Bewältigung wir weder das politische Kapital noch hinreichende Unterstützung durch die Medien haben.

Die Aufgabe der britischen Linken besteht darin, ein glaubwürdiges Programm zur Verbesserung der Lebensbedingungen der britischen Bevölkerung zu entwickeln. Dieses Programm muss klar formuliert und realitätsnah sein sowie konkrete Ziele benennen, mit denen sich messbare Erfolge erreichen lassen. Und es muss integrativ sein, ohne in die Falle von Identitätskonflikten zu tappen. Die Linke muss zudem die für einen Wandel notwendigen Organisationen aufbauen und Menschen schulen. Voraussetzung ist, dass diese Organisationen in der Bevölkerung, die sie zu vertreten beabsichtigen, verankert sind, und dass sie eine Sprache benutzen und Ideen vermitteln, mit denen sich die Mehrheit ansprechen lässt.

Meine Bilanz als Bürgermeister von Newcastle

Mein Blickwinkel ist eher untypisch. Im Mai 2019 wurde ich zum Bürgermeister der Region Newcastle gewählt, ein Amt, das ich bis 2024 ausübte und durch das Newcastle zu dem wurde, was der Guardian „die Hauptstadt einer neuen radikalen britischen Politik“ nannte. In meiner fünfjährigen Tätigkeit als Bürgermeister war ich mit vier verschiedenen Premierminister*innen, sechs verschiedenen Finanzminister*innen, einer globalen Pandemie, dem Austritt Großbritanniens aus der EU, Energiepreisschocks, einer Krise der Lebenshaltungskosten und dem Beginn eines Krieges in Europa konfrontiert. In Großbritannien gehöre ich zu den wenigen demokratischen Sozialist*innen – im Gegensatz zu Sozialdemokrat*innen –, die über Erfahrung in einem höheren politischen Amt verfügen.

Sogar meine politischen Kontrahent*innen erkennen an, dass ich effektive Arbeit geleistet habe. Wir haben unser Ziel zur Schaffung von Arbeitsplätzen um mehr als 300 Prozent übertroffen, für bezahlbaren Wohnraum mit hohen ökologischen Standards gesorgt, Programme zur Bekämpfung von Kinderarmut ins Leben gerufen und Tausenden von Menschen Qualifizierungsmaßnahmen vermittelt, um ihnen zu höherem Einkommen zu verhelfen. Für jedes investierte Pfund haben wir durch die Schaffung von Arbeitsplätzen mehr als drei Pfund an zusätzlichen Lohnsteuern in die öffentlichen Kassen zurückgeführt. Mittels eines erfolgreiches Risikokapitalprogramm wurden sogar Gewinne erwirtschaftet, die wir wiederum in andere Programme investieren konnten, statt sie über private Investor*innen in Steueroasen abfließen zu lassen.

Ich war am Aufbau des linken Flügels der Labour-Partei beteiligt und wurde Opfer der Säuberung, die auf Jeremy Corbyns Rücktritt folgte. Keir Starmer verhinderte, dass ich 2024 erneut als Labour-Politikerfür das Amt des Bürgermeisters kandidieren konnte. Mein Vergehen bestand darin, dass ich mit dem 2021 aus der Partei ausgeschlossenen legendären Filmemacher Ken Loach über seine Filme gesprochen hatte. So autoritär war die von Starmer geführte Partei mittlerweile geworden.

Nachdem ich mit den Regierungen unter Boris Johnson, Liz Truss und Rishi Sunak ein Regionalisierungsabkommen in Höhe von 6,1 Milliarden Pfund ausgehandelt hatte, trat ich in dem neuen Verwaltungsbezirk als unabhängiger Kandidat an. Ich belegte zwar nur den zweiten Platz hinter der offiziellen Labour-Kandidatin, doch wir erzielten das zweitbeste Wahlergebnis für einen Unabhängigen in der britischen Geschichte und bauten eine organisatorische Infrastruktur auf, aus der die progressive Bewegung Majority (Mehrheit) hervorging. Wir haben Tausende gegen die extreme Rechte mobilisiert, progressive Bündnisse gefördert und innovative Programme zur politischen Bildung und Nachwuchsförderung durchgeführt.

Der Niedergang der Labour-Partei

Obgleich sie mit der Linken in Verbindung gebracht wird, ist die Labour-Partei derzeit eine neoliberale Partei. Ihr Apparat wird streng von der rechtsgerichteten Fraktion Labour Together kontrolliert. Sie duldet keine Opposition und schließt Andersdenkende ungehindert aus. Dennoch hoffen einige Sozialist*innen weiterhin auf eine Rückkehr zur Sozialdemokratie, wie es etwa 2015 der Fall war, als Jeremy Corbyn die Parteiführung übernahm. Auf die Frage, wie dies geschehen solle, geben sie allerdings hinter vorgehaltener Hand zu, dass eine Linkswendung der Labour-Partei eher Wunschdenken ist.

Corbyn übernahm die Labour-Führung eher durch Zufall. Es war ein mutiger und inspirierender Wahlkampf, der von den Beteiligten weitgehend improvisiert vorangetrieben wurde. Von dem Ergebnis wurden sie selbst überrascht. Daraufhin standen sie vom ersten Tag an unter Beschuss und hatten zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle über den Parteiapparat. In Bezug auf die interne demokratische Mitbestimmung gab es keine nennenswerten Fortschritte. Schon im ersten Jahr nach Starmers Übernahme des Parteivorsitzes wurde Corbyn suspendiert.

Nach der Parlamentswahl 2024 stimmten einige der wenigen verbliebenen linken Labour-Abgeordneten gegen die Maßnahme, die Sozialleistungen auf maximal zwei Kinder pro Familie zu beschränken. Sie wurden aus der Partei ausgeschlossen. Im Januar 2026 wurde dem beliebten Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, von der Parteiführung verwehrt, für das Parlament zu kandidieren. Burnham ist eine beliebte, charismatische Persönlichkeit und ein fähiger Behördenleiter. Als Kommunalbürgermeister im Norden Englands arbeiteten Andy und ich bei vielen Themen eng zusammen. Er bewarb sich zweimal um den Parteivorsitz, und viele setzten ihre Hoffnung in ihn, die Labour-Partei zu neuer Popularität führen zu können. Nachdem ihm bei einer Nachwahl in der Region Manchester in Gorton und Denton das Recht auf eine Kandidatur für Labour verweigert worden war, verlor die Partei den Sitz an die Grünen und landete auf dem dritten Platz.

Wahrscheinlich wird Starmer kurz nach den Kommunalwahlen im Mai, die für Labour zur Katastrophe zu werden scheinen, von seiner eigenen Garde fallen gelassen. Doch wer auch immer neuer Parteichef oder neue Parteichefin wird, an der Labour-Partei wird sich nichts Wesentliches ändern. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass Burnham sich wieder zurückkämpfen kann, wird er sich dennoch mit einer feindseligen Fraktion im Parlament und gut finanzierten internen Gegner*innen auseinandersetzen müssen. Er würde weniger unnötige Fehler machen als Starmer, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Neoliberalismus entschärfen könnte. Regierungen werden an ihrer Bilanz gemessen, und die ist bei Labour schlecht. Wenn die Linke ihre Hoffnungen auf Labour setzt, können wir von einem Wahlsieg von Reform UK ausgehen.

Die Wahlen 2024 und Reform UK

Europäische Leser*innen möchte ich daran erinnern, dass in Großbritannien nach wie vor ein Mehrheitswahlrecht gilt. Seit 1945 konnte keine Partei, die sich ausdrücklich als demokratisch-sozialistisch verstand, bei einer Parlamentswahl Sitze erringen. Versuche, eine solche Partei zu gründen, sind stets gescheitert, nicht zuletzt deshalb, weil die Wählerschaft ihr keinen Wahlsieg zutraute.

Das Ergebnis der Parlamentswahl 2024 sorgte jedoch für einige Überraschungen. Vier unabhängige Kandidat*innen gewannen, darunter drei in Wahlkreisen mit einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil, der über die Unterstützung der Labour-Partei für den Völkermord Israels im Gazastreifen entsetzt war. Auch vier Grüne sowie fünf Abgeordnete von Reform UK gewannen.

Seitdem sieht sich Reform UK mit Spaltungen, Rücktritten und einer Klagewelle konfrontiert. Die Partei setzt ausschließlich auf Anti-Einwanderungs-Rhetorik und macht Geflüchtete für alle Missstände im Land verantwortlich. Nicht alle ihre Wähler*innen sind von ihrem Programm überzeugt; viele wollen einfach eine Anti-Establishment-Partei, damit etwas in Bewegung kommt. Die Partei pflegt ihre Rhetorik seit zwanzig Jahren, und der Einbruch der Labour-Partei in den Umfragen verhalf ihr schließlich zum Durchbruch. Dank ihrer extrem guten Finanzierung und der Unterstützung durch den eigenen Fernsehsender, GB News, konnte sie in abgehängten, postindustriellen Regionen enorme Stimmengewinne erzielen. Allerdings scheint die Unterstützung für die Partei ihren Zenit überschritten zu haben, und Skandale sowie ihre offenkundige Inkompetenz in den von ihr regierten Regionen führen dazu, dass die Zustimmung stagniert und teilweise auch zurückgeht.

Your Party

Vor diesem Hintergrund versuchte eine breite Allianz ehemaliger Vertreter*innen der Labour-Linken Ende 2024 und im Jahr 2025, eine neue Partei zu gründen. Jeremy Corbyn galt als die Figur, um die sich alle scharen sollten, doch ihm selbst war diese Rolle weniger recht. Innerhalb des Bündnisses arbeiteten zwei separate Gruppen mit unterschiedlichen Ansätzen. Collective stand unter der Leitung von Karie Murphy, Corbyns ehemaliger Stabschefin, die weiterhin für sein Peace and Justice Project tätig war. Murphy plädierte für eine von Corbyn geführte Partei mit zentraler Spitze und traditionellem Schwerpunkt auf Wahlen.

Eine weitere Gruppe mit dem Arbeitstitel MOU, bestehend aus Klima- und Wohnraumaktivist*innen sowie ehemaligen Politiker*innen der Labour-Linken, strebte hingegen ein Bündnis aus sozialen Bewegungen und lokal verankerten unabhängigen progressiven Kräften an, um schrittweise eine landesweite Partei aufzubauen. Ohne breite gesellschaftliche Basis und mit rein wahlpolitischem Fokus, so ihr Argument, würden sie gegen etabliertere, gut organisierte und finanzstärkere Gegner nichts ausrichten können. Sie verwiesen auf gescheiterte Versuche früherer linker Parteien wie der Socialist Labour Party, Respect, TUSC und Left Unity, von denen die meisten Brit*innen noch nie etwas gehört haben.

Zu den Spannungen trug bei, dass Corbyn selbst offenbar beide Lager unterstützte und sich nicht eindeutig für einen der beiden Ansätze aussprach. In diese Gemengelage schaltete sich Zarah Sultana ein, eine ehemalige Labour-Abgeordnete, die gegen die Linie der Partei rebelliert hatte, suspendiert worden war und nun als treibende Kraft in der neuen Partei wirkte.

Es bestand offensichtlich Bedarf an einer neuen politischen Bewegung. Im Juli 2025 meldeten bei einem spontan organisierten Auftakt – ohne konkrete Kommunikationsstrategie und ohne dass überhaupt ein Mitgliedersystem eingerichtet worden war – fast 800.000 Menschen ihr Interesse an. Fast zufällig erhielt die Partei den Namen Your Party (Deine Partei), der von jemandem aus Corbyns Büro in einer E-Mail vorgeschlagen worden war.

Sultana und Corbyn überwarfen sich jedoch schnell und in aller Öffentlichkeit, was darin gipfelte, dass sie konkurrierende Mitgliedersysteme einführten und sich gegenseitig mit rechtlichen Schritten drohten. Anlässlich des Gründungsparteitags im November hielten sie getrennte Kundgebungen ab, was dazu führte, dass Sultana den Parteitag öffentlich boykottierte.

Ein Journalist äußerte sich mir gegenüber mit einer vielsagenden Beobachtung: „Bemerkenswert war vor allem, wer nicht auf der Konferenz von Your Party anwesend war.“ Und dann zählte er eine ganze Reihe prominenter Sozialist*innen auf. „All die erfahrenen Köpfe, die etwas aufgebaut haben und tatsächlich gewinnen könnten, haben sich abgewendet.“

Ich selbst hatte an der Konferenz im November nicht teilgenommen. Ich war an einigen der ersten Vorbereitungsarbeiten beteiligt gewesen und hatte, gemeinsam mit Andrew Feinstein und Beth Winter, die MOU-Operations ins Leben gerufen, unter anderem um bei der Organisation der Parteifinanzen zu helfen. Als jedoch die internen Dynamiken deutlich wurden, zog ich mich zurück und trat aus der MOU aus.

Your Party verfügt mittlerweile über genügend Einnahmen, um den Kernbetrieb aufrechtzuerhalten, doch die Partei ist nach wie vor von Konflikten zerrissen. Solange sie nicht die Selbstdisziplin aufbringt, wirksame Kampagnen mit breiter Beteiligung durchzuführen, werden interne Streitigkeiten das Geschehen dominieren. Bis heute hat die Partei keinerlei Unterstützung von Gewerkschaften erhalten, nicht einmal von solchen, die in der Vergangenheit mit kleineren linken Parteien kooperiert hatten.

Der Aufstieg der Grünen

Ein weiterer Akteur, der für viele überraschend an Bedeutung gewonnen hat, ist die Green Party. Sie besteht zwar schon seit langem, wurde jedoch bisher kaum als linke Partei wahrgenommen. Ihr Image wurde eher mit einer naturverbundenen Mittelschicht in Verbindung gebracht als mit dem Bestreben, die Regierungsmacht zur Bekämpfung der Ungleichheit einzusetzen.

Angesichts der wachsenden Unbeliebtheit der Labour-Partei nach der Wahl 2024 gründete eine Gruppe von Mitgliedern der Green Party die Initiative Greens Organise, um dieses Bild geradezurücken. Denn das Wahlprogramm der Green Party ist schon seit langem progressiver als jenes der Labour-Partei, selbst unter Jeremy Corbyn. Es fordert Vermögensteuern, die Verstaatlichung von Pflegeheimen und ein universelles Grundeinkommen zur Beseitigung der Armut.

Im August 2025 kandidierte Zack Polanski, damals stellvertretender Vorsitzender der Green Party, mit einem offen ökologisch-sozialistischen Programm für den Parteivorsitz und gewann 85 Prozent der Stimmen. Als Your Party in Fraktionskämpfe zerfiel, schwenkten deren latente Sympathisant*innen zu den Grünen um. 130.000 Menschen traten im Herbst 2025 bei, wodurch sich die Mitgliederzahl mehr als verdreifachte. Polanski zeigte sich in seinen Medienauftritten kompromisslos und sprach sich offen für die Besteuerung von Milliardär*innen, den Schutz von Geflüchteten und die Ablehnung des Völkermords aus. Die Umfragewerte der Grünen stiegen von etwa 6 auf 18 Prozent und lagen in einigen Umfragen zeitweise sogar über denen der Labour-Partei. In einem Mehrheitswahlsystem erreicht eine derart starke Unterstützung schnell einen Kipppunkt. Bei den Nachwahlen im vergangenen Jahr hatten die Wähler*innen geschlossen hinter Labour gestanden, um den Einzug von Reform UK zu verhindern, auch wenn sie sich dafür die Nase zuhalten mussten. Nun scheinen diese Stimmen an die Grünen zu gehen, wie die Nachwahl in Gordon und Denton zeigte, wo eine Kandidatin der Green Party sowohl Reform UK als auch Labour schlug.

Ist die Green Party also Großbritanniens größte Hoffnung? Vielleicht. Aber sie ist noch nicht bereit: Die Partei hat ein ernstes Skalierungsproblem. Ihre Mitgliederzahlen haben sich verdreifacht, und die interne Kommunikation und die Abläufe ächzen unter der Last. Ähnlich wie bei Labour unter Corbyn ist die Begeisterung der Basis eher eine Stimmung als ein tatsächlicher Plan. Glücklicherweise sind sich die politisch Verantwortlichen und die Führungsspitze dieses Problems bewusst. Ich bin im Dezember der Green Party beigetreten und berate sie seitdem bei den Vorbereitungen auf die Regierungsarbeit.

Die Linke muss sich um konkrete Fragen der Regierungsführung organisieren. Wir benötigen ein deutlich höheres Maß an politischer Bildung. Beispielsweise akzeptieren die meisten Linken, dass die Anleihemärkte nicht im Interesse der britischen Bevölkerung funktionieren. Fragt man sie jedoch, ob die Bank of England unabhängig sein sollte, könnte nur ein winziger Prozentsatz seine Antwort begründen. Großbritannien ist das einzige Land auf der ganzen Welt mit einem vollständig privatwirtschaftlichen Wasserversorgungssystem. Nahezu die gesamte Bevölkerung ist der Meinung, dass es zum Wohle der Allgemeinheit und nicht aus privater Profitgier betrieben werden sollte. 82 Prozent der Brit*innen finden, dass Wasser in die öffentliche Hand gehört; 78 Prozent befürworten eine Vermögensteuer, darunter 66 Prozent der Millionär*innen; 75 Prozent der Bürger*innen befürworten Mietpreisbindungen, darunter immerhin 44 Prozent der Vermieter*innen. Doch nur wenige Linke können konkret darlegen, wie diese populären politischen Ziele erreicht werden könnten.

Was zu tun ist

Wenn linke Aktivist*innen keine klaren Argumente liefern können, werden wir von den Mainstream-Medien abhängig. Diese befinden sich größtenteils entweder im Besitz von Milliardär*innen oder werden von etablierten Gemäßigten geleitet. Allerdings verlieren auch diese ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung. Es entsteht ein immer stärkeres Geflecht unabhängiger Medien, größtenteils in den sozialen Medien und auf YouTube.

Am 7. Mai dieses Jahres finden in den meisten englischen Städten Kommunalwahlen statt. Die Grünen führen einen intensiven Wahlkampf und werden wahrscheinlich Sitze in den Stadträten gewinnen. Dort ist gute Regierungsarbeit gefordert, doch die Stadträte allein können den durch die nationale Politik verursachten Schaden nicht rückgängig machen. Sollten die Grünen siegreich sind, müssen sie die Deutungshoheit übernehmen, statt in bürokratische Verwaltungsmentalität zu verfallen.

Was diese Wahlen in jedem Fall zeigen werden, ist, dass die Unterstützung für Labour und die Konservativen zusammengebrochen ist. Die meisten Wähler*innen spüren das zwar bereits, doch wenn sie es in den Kommunal- und Regionalwahlen bestätigt sehen, werden sie in vielen Wahlkreisen auch die nächste Parlamentswahl immer stärker als Wettstreit zwischen den Grünen und Reform UK betrachten.

Im Vorfeld der Parlamentswahl 2029 wird die Green Party Dutzende guter Kommunikator*innen benötigen, die nicht nur klar formulieren können, was sie wollen, sondern auch, warum ihr Plan funktionieren wird. Erst wenn jemand klar darlegen kann, wie unser gescheitertes Wirtschaftsmodell abgelöst werden kann, wird sich die politische Lage in Großbritannien stabilisieren.

Viele rechnen mit einem Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse. Reform UK hat derzeit eine starke Basis, auch wenn die Zustimmung stagniert. Indem sie verstärkt Migrant*innen zum Sündenbock erklärt, schafft sie ein breites Bündnis gegen sich. Ihr an Trumps MAGA-Bewegung orientiertes Vorgehen hat in Großbritannien zwar Anklang gefunden, doch wir haben nicht dieselben tiefen Gräben, die die USA in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit, Abtreibung, Waffenbesitz oder Evolution spalten. Das Wachstum von Reform UK hat in erster Linie ein Vakuum gefüllt. Manche Reform-Wähler*innen, mit denen ich sprach, ließen sich in einem einzigen Gespräch überzeugen – es ist nur so, dass bisher niemand diese Gespräche mit ihnen geführt hat.

Einige Linke plädieren für einen strategischen Wahlpakt, bei dem sich die Parteien zurückhalten und diejenigen Kandidat*innen, die in einem Wahlkreis am ehesten in der Lage sind, Reform UK zu stoppen, freie Bahn erhalten. Doch progressive Bündnisse sind wie Fusionsenergie: Alle sind sich einig, dass es eine großartige Idee sei, aber bisher hat es noch niemand geschafft, sie zum Laufen zu bringen.

Dennoch würde ein Parlament ohne klare Mehrheit, in dem 80 bis 100 der 650 Sitze von Grünen und anderen progressiven Abgeordneten besetzt wären, alles verändern. Angesichts des Chaos, das ein solches Parlament mit sich brächte, würde sich die Öffentlichkeit Stabilität wünschen. Wenn es der Linken bis dahin gelingt, ihre Reihen zu schließen und einen klaren, umsetzbaren Plan vorzulegen, wie Großbritannien im Interesse der arbeitenden Bevölkerung geführt werden soll, haben wir eine Chance. Wenn wir uns in Selbstreflexion verlieren, politische Bildung vernachlässigen und uns in Parolen flüchten, werden wir gegen die extreme Rechte verlieren. Das haben wir schon einmal erlebt. Es heißt Sozialismus oder Barbarei. Und dieses Mal wird es nicht nur Krieg geben, sondern auch eine Klimakatastrophe.

Übersetzung von Camilla Elle und Daniel Fastner für Gegensatz Translation Collective.

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