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Zunehmende Faschisierung und blockierte Transformation fordern die gesellschaftliche Linke heraus zu Debatten um wichtige strategische Reorientierungen. Ganz grob lassen sich drei Debattenstränge um die richtige Strategie der gesellschaftlichen und parteiförmigen Linken fassen:
A) eine Position, die aufgrund der Verstrickungen von SPD und Grünen in einen „progressiven Neoliberalismus“ und einer zunehmenden Militarisierung auf eine Linke als „dritten Pol“ sowohl gegen diese als auch gegen radikalisierte Konservative wie die AfD fokussiert. Sie sehen eine „populistische Situation“ (Solty 2025), die es der Partei Die Linke erlaubt, innerhalb der Polarisierung politischer Debatten deutliche Terraingewinne zu verzeichnen. Die letzten Bundestagswahlen verleihen dieser Position eine gewisse Evidenz. Der Autor selbst hat lange dafür plädiert.
B) Eine zweite Position sieht in der Schwäche einer progressiven Machtperspektive das größte Problem. Gegen Faschisierung und Spätneoliberalismus hilft neben breiten Bündnissen gegen rechts letztlich nur eine Regierungsperspektive spätestens 2029, also ein erneuertes rot-rot-grünes Projekt, in dem sich alle Beteiligten aufeinander zubewegen müssen, um tatsächlich wichtige Projekte einer antifaschistischen Politik durch- und umzusetzen (exemplarisch dafür Schlemermeyer 2025).
C) Eine dritte Position sieht die Strategie des dritten Pols als Voraussetzung für weitere Schritte, aber die Partei Die Linke auch bei Erfolgen als zu schwach, um allein gegen eine Dynamik der Faschisierung zu bestehen. Sie plädiert für eine „gesellschaftliche Volksfront von unten“ (vgl. Candeias 2024 u. 2025b; Balibar 2025) bzw. eine neue Allianz für einen „sozialen Antifaschismus“ (Becker 2025).
Diese Positionen sollen hier nicht ausgeführt werden, vielmehr vorschnelle Vorurteile entkräftet werden. Denn die Debatte um eine Volksfront heute operiert weitgehend ohne einen Blick auf die wirkliche Geschichte, beispielsweise der Volksfront in Frankreich. Dabei jährt sich die Formierung des front populaire zum 90. Mal.
Aktueller Referenzpunkt ist häufig das Beispiel Frankreich im Jahr 2024: Dort drohte der Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen bei den Wahlen zur Nationalversammlung zur stärksten Kraft zu werden. Gegen diese drohende Gefahr sollte eine breite gesellschaftliche Allianz mobilisiert werden: der Nouveau Front Populaire („Neue Volksfront“, NFP). In Frankreich hat die Volksfront einen positiven Klang, erinnert an die historische Bewegung gegen den Faschismus der Nazis und der eigenen Faschisten (wie beispielsweise der Feuerkreuzler – Croix de Feu u.a.) sowie an die linke Regierung, die zahlreiche Reformen durchsetzte, aber schließlich doch scheiterte.
Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen und später auch die liberalen Radikaldemokrat*innen einigten sich im Februar 1935 auf die Bildung einer Volksfront, die die Gefahr einer faschistischen Machtergreifung durch rechte Kräfte in Frankreich verhindern half. Die Reformen umfassten die Einführung des Frauenwahlrechts, die Anerkennung von Gewerkschaften, die Einrichtung von Betriebsräten, das Streikrecht, die 40-Stunden-Woche, erhebliche Lohnerhöhungen sowie bezahlte Urlaubstage. Darüber hinaus erfolgten unter der Volksfront die Verstaatlichung der Zentralbank Banque de France, der Eisenbahnen (und die Gründung der SNCF) sowie die Freilassung von Tausenden politischen Gefangenen in den Kolonien. Trotz des Scheiterns der Volksfront und des Einmarsches der Nazis war diese Erfahrung doch auch eine Grundlage dafür, dass die Résistance zu einer Massenbewegung werden konnte.
Die neue Allianz der NFP sollte nicht nur gegen den RN, sondern für eine positive Alternative mobilisieren, mit einem klaren linken Programm. Das gleichnamige Wahlbündnis von La France Insoumise, der Sozialistischen Partei, Les Écologistes (Grüne) und der Französischen Kommunistischen Partei sowie kleinerer Partner erhielt im zweiten Wahlgang denn auch die meisten Stimmen. Ein Sieg, der Hoffnung bereitete.
Doch was so hoffnungsvoll begann, wurde von Präsident Emmanuel Macron blockiert. Der Wahlsieger durfte keine Regierung stellen. Im Geschacher um diverse Regierungsbildungen wurde die Sozialistische Partei aus dem Bündnis herausgebrochen. Allerdings hatte Etienne Balibar (2024) bereits zuvor kritisiert, dass das Projekt frühzeitig zu einem „Kartell der Parteien“ im Spiel um Macht geworden sei, statt die gesellschaftliche Mobilisierung voranzutreiben.
Der Irrweg des „Sozialfaschismus“
Die Volksfront-Debatten reichen weit zurück. 1923 formulierte Clara Zetkin, der Faschismus sei kein einheitlicher Block, es gehe darum, einzelne Gruppen mit einer popularen Praxis und Programmatik zurückzugewinnen „oder sie zumindest für den Kampf zu neutralisieren, die bürgerliche Intelligenz einbegriffen“ (Zetkin 1923, S. 723). 1926 hatte Otto Bauer im neuen Parteiprogrammentwurf der österreichischen Sozialist*innen formuliert, dass „eine Kooperation der Klassen notwendig“ werde „in jenen Situationen, in denen die Demokratie, die Republik bedroht“ sei (zitiert nach Gross 1962). Die Anwendung der Volksfronttaktik setzte voraus, dass sich die Kommunist*innen zunächst mit den Führungen anderer, meist sozialistischer Arbeiterparteien oder Organisationen zu einer Aktionsgemeinschaft zusammenfanden. Hans Coppi notierte mit Bezug auf Gramscis Position die Notwendigkeit, „alle einzubeziehen, die durch die stufenweise Faschisierung“ gefährdet waren (Coppi 1991, 330).
Willi Münzenberg, der seit 1927 durch den Brüsseler Kongress gegen koloniale Unterdrückung sowie durch die Gründung der „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ als Organisator weltweiter überparteilicher Organisationen hervorgetreten war, erhielt von der Kommunistischen Internationale (Komintern) den Auftrag, einen Kongress aller Antikriegsorganisationen vorzubereiten. Am 27. Mai 1932 lancierten Henri Barbusse und Romain Rolland einen Aufruf für die Sammlung aller Kriegsgegner*innen, und Ende August 1932 fand in Amsterdam ein Kongress statt, auf dem 2.200 Delegierte 29 Länder vertraten und an dem sich führende Intellektuelle aus allen Ländern beteiligten, aus dem der Rassemblement Mondial contre la Guerre et le Fascisme mit Sitz in Paris hervorging (Gross 1962).
In Deutschland hielt sich jedoch die „Sozialfaschismus“-Losung der Komintern mit der SPD als „Hauptfeind“ der KPD. Die „Gleichsetzung von Reformismus und Faschismus verhinderte die Schaffung eines breiten Bündnisses“ gegen den erstarkenden Faschismus, so Hans Coppi (1991, S. 328), und zerstörte vorab die Glaubwürdigkeit späterer (und verspäteter) kommunistischer Vorstöße für eine Volksfront.
Am 19. Februar 1933 versammelte sich noch einmal alles, was im linken demokratischen Berlin Rang und Namen hatte, zur Veranstaltung „Das Freie Wort“ in Krolls Festsälen. Schriftsteller*innen und Intellektuelle hatten unter Vorsitz von Heinrich Mann und Rudolf Olden eine gleichnamige Gruppe gegründet. „Als ihre Veranstaltungen von Görings Polizei nicht zugelassen wurden, organisierten sie zusammen mit Kurt Grossmann von der Liga für Menschenrechte und Willi Münzenberg, der seine Mitarbeit und finanzielle Hilfe zur Verfügung stellte, in wenigen Tagen einen Kongress, zu dem einige hundert persönlich geladene Gäste erschienen.“ (Gross 1962) Die Führung der KPD blieb jedoch bei der modifizierten Losung: „Gegen die Sozialdemokratie, für die Einheitsfront von unten!“ (ebd.).
Die Komintern vollzog die Wende zur Volksfront erst im Sommer 1935 auf dem VII. Weltkongress. Die Sowjetunion brauchte ein Bündnis mit den westlichen Demokratien gegen die faschistischen Kräfte, die den Krieg planten. Die strategische Neuorientierung (vor allem vorangetrieben vom Generalsekretär der Komintern, Georgi Dimitroff) blieb jedoch beschränkt (vgl. Coppi 1991, S. 331) – unter anderem weil Churchill und de Gaulle kein Bündnis wollten, erst spät ihre eigene Gefährdung durch die faschistischen Achsenmächte erkannten. Bemühungen, im französischen Exil zu einer deutschen Volksfrontbewegung zu kommen, scheiterten 1938 auch, weil die KPD nicht bereit war, sich von den stalinistischen Säuberungen in Moskau zu distanzieren, wovon insbesondere linkssozialistische und anarchistische Gruppen sowie zahlreiche wichtige Intellektuelle desillusioniert wurden.
Besonders auf der sogenannten Berner Konferenz der KPD, die konspirativ Anfang 1939 in der Nähe von Paris stattfand, wurde dann schließlich nicht länger die Revolution als wichtigste Forderung erhoben, sondern vielmehr der Kampf für demokratische und bürgerliche Rechte – etwa die Organisations- und Versammlungsfreiheit, die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung, die Glaubens- und Gewissensfreiheit –, und zwar aufgrund der Dringlichkeit durch die Bedrohungslage. Zu spät.
Von der Einheitsfront zur Volksfront: Frankreich 1935 ff.
Das Konzept der Volksfront wendet sich an die demokratischen Teile der Bourgeoisie, um diese von einem Bündnis mit der Gegenseite abzuhalten und das eigene Bündnis zu stärken und abzusichern. Zu diesem Zweck, so viele Darstellungen, müssten radikale Klassenforderungen zurückgestellt werden. Die Praxis der Volksfront in Frankreich bestätigt dies zwar nicht, aber lassen wir dies kurz so stehen. Die Einheitsfront soll im Gegensatz dazu die Lohnabhängigen um ihre Klasseninteressen und -forderungen gruppieren: Deren Kraftentfaltung soll – ähnlich wie bei der Volksfront das Richtungsprogramm – die sozial schwankenden Mittelschichten und Zwischenklassen magnetisch anziehen. Einheitsfront: „Einigung der Arbeiterklasse“ sei „zum Zwang“ geworden, von der „Geschichte selbst auferlegt“ (Auslandsleitung der SPD 1935, zitiert nach Coppi 1991, S. 330). Obwohl die Führung der KPD damals der Sozialfaschismus-These anhing, war der Gedanke der Einheitsfront in der Arbeiterklasse populär. Die Massenbeteiligung an den nach der Machtübernahme der Nazis endlich gemeinsam stattfindenden Kampfaktionen in Deutschland stieg sprunghaft an, wie sich etwa Wolfgang Abendroth (1970) erinnert.
Nun müssen Einheits- und Volksfront aber gar nicht als gegensätzliche Strategien betrachtet werden. Dimitroff gab beim VII. Weltkongress der Komintern die Richtung vor: Für den Kampf gegen den Faschismus „ist die Schaffung einer breiten antifaschistischen Volksfront auf der Grundlage der proletarischen Einheitsfront eine besonders wichtige Aufgabe“ (zitiert nach Friedmann 2025, S. 10). Das historische Beispiel Frankreich zeigt, wie es geht: In Frankreich machten die Ereignisse im Februar 1934 einer breiten Öffentlichkeit zum ersten Mal die faschistische Gefahr im eigenen Lande bewusst. „Anlass zu den Februarunruhen war ein neuer Finanzskandal — der Skandal Stavitzky. Viele bekannte Politiker waren darin verwickelt. Sie hatten in Stavitzkys Haus verkehrt und Geschenke von ihm angenommen. Die äußerste Rechte, vertreten durch die faschistischen Ligen“, nutzte die Lage und drohte, „die Regierung zu stürzen und anstelle des kompromittierten parlamentarischen Systems ein autoritäres Regime zu errichten. Die äußerste Rechte rekrutierte sich aus verschiedenen paramilitärisch organisierten Verbänden: den Camelots du roi, den Jeunesses patriotiques, der Solidarité française und gewissen Gruppen der Croix de Feu. An der Spitze der äußersten Rechten stand der Polizeipräfekt von Paris, Chiappe. Im Gegensatz zur traditionellen Rechten hatten diese Gruppen ausgesprochen totalitäre Züge. Einige hatten den Hitlergruß eingeführt, andere trugen blaue Hemden, und alle griffen die Demokratie und das Parlament an. Als die Regierung Chiappe seines Postens enthob, beschlossen die faschistischen Verbände, zum 6. Februar eine Demonstration im Herzen von Paris zu organisieren und zum Parlament zu ziehen. Kaum ein Jahr war seit dem Reichstagsbrand vergangen, und hier in Paris traten faschistische Verbände an, die das Parlament stürmen wollten; die Republik war in Gefahr!“ (Gross 1962).
Nur als von einer gesellschaftlichen Bewegung getragenes Projekt kann die notwendige Linksverschiebung als wirkliche Alternative zu Faschisierung und blockierter Transformation Dynamik entfalten.
Daraufhin wurde zum Generalstreik aufgerufen. Gegen den Putschversuch vom 6. Februar 1934 fanden in Paris zwei getrennte Demonstrationszüge – von Sozialist*innen und Kommunist*innen initiiert – statt. Unter dem spontanen Ruf „Einheit! Einheit!“ vereinten die Demonstrierenden jedoch beide Züge zu einem. Die Kundgebung versinnbildlichte die Macht, die die vereinigte Linke darstellte. Die Einheitsfront verteidigte an diesem Tag die Republik und schuf damit den Kern und die Grundlage für die Regierung der Volksfront.
Am 27. Juli 1934 unterzeichnen die französischen Sozialist*innen und die französische Kommunistische Partei (KPF) den Pakt zur Aktionseinheit. Etwas später kommt es nach 15 Jahren Trennung zur Wiedervereinigung der beiden großen Gewerkschaften CGT (sozialistisch) und CGT-U (kommunistisch). Mit Blick auf die Parlamentswahlen 1936 schließen KPF und Sozialistische Partei auch ein Wahlbündnis, dem sich dann auch die (antiklerikal-liberalen) Radikalen anschließen, letztere damals eine Partei, die für zwanzig Prozent der Stimmen gut war (ebd.).
Der Ausdruck Volksfront selbst wurde von Albert Vassart, dem damaligen Vertreter der KPF bei der III. Internationale in Moskau, im Jahr 1934 vorgeschlagen. Er hatte die Bezeichnung „Front Populaire“ gewählt, um den französischen Sozialist*innen mit ihrer teilweise völkischen Propaganda den Wind aus den Segeln zu nehmen (Gross 1962). Offiziell hieß das Bündnis Rassemblement populaire pour Pain, Paix, Liberté („Populare Sammlungsbewegung für Brot, Frieden und Freiheit“), in der Öffentlichkeit setzte sich die kürzere Bezeichnung front populaire durch, mit einem ambitionierten Programm für tiefgreifende, durchaus sozialistische Reformen.
Am 4. Juni 1936 tritt die neue Regierung ihr Amt an. Léon Blum wird Präsident des Ministerrats. Es ist das erste Mal, dass ein Jude, dazu noch der erste Marxist, das höchste Regierungsamt antritt. Die KPF unterstützt die Regierung, nimmt aber nicht selbst mit Minister*innen an ihr teil, sondern erprobt eine Art Tolerierungsmodell (Soutien sans participation, „Unterstützung ohne Teilnahme“); ihre Führungspersönlichkeiten werden aber stets in engem Kontakt mit Premierminister Blum bleiben. Der Wahlsieg der Linken löst eine spontane Massenbewegung aus, „mittels derer sich der jahrelang aufgestaute soziale Druck entlädt. Unmittelbarer Anlass sind Entlassungen von Arbeitern, die am 1. Mai (damals noch kein gesetzlicher Feiertag!) nicht in der Fabrik erschienen waren. Auf dem Höhepunkt der mächtigen Streikwelle, zwischen dem 9. und 11. Juni 1936, sind anderthalb Millionen im Ausstand. Und, vor allem, die Streikenden besetzen ‚ihre‘ Fabriken“ (Schmid 2012).
Die ersten Wochen der Regierungsära des Front populaire bringen Reformen Schlag auf Schlag, 133 Gesetze werden in 73 Tagen verabschiedet. Die Streikwelle war es, die auch den Widerstand einiger rechter Kräfte und Unternehmensverbände gegen die Regierung entkräftete und zum Durchbruch einiger der wesentlichen Reformen führte. So hatte das Wahlprogramm nur in allgemeiner Form eine „Verkürzung der Arbeitswoche ohne Lohnverlust“ gefordert – nach dem Streik wurde daraus das Gesetz zur 40-Stunden-Woche (anstatt der bisherigen 48-Stunden-Woche). Neu war auch die Einführung eines erstmals bezahlten Urlaubs, der im Programm zuvor gar nicht enthalten war (ebd.). Es folgen kräftige Lohnerhöhungen unter anderem durch Festlegungen von Mindestlöhnen, die gesetzliche Einführung von Tarifverträgen, eine gesetzliche öffentliche Abnahmegarantie für das Getreide zu festen Mindestpreisen, sodass das häufig existenzgefährdende wirtschaftliche Risiko für die landwirtschaftlichen Erzeuger erheblich gemindert wurde. Außerdem die erwähnten Verstaatlichungen der Rüstungswirtschaft sowie der Nationalbank und anderes mehr. Ferner werden mit den rechtsradikalen „Bünden“ (ligues) die bestehenden Ansätze faschistischer Massenorganisationen verboten und aufgelöst.
Wie nicht anders zu erwarten, gibt es auch Gegenbewegungen: Teile des Bürgertums ziehen es vor, ihr Kapital „in Sicherheit zu bringen“, vorzugsweise in die Schweiz. Durch Währungsspekulation verliert der französische Franc zunehmend an Boden. Es folgt eine unfreiwillige Abwertung der Währung und eine Inflationsrate mit Preiserhöhungen von 70 Prozent binnen zwölf Monaten, was die vorhandenen Lohnzuwächse der Arbeiter*innen wieder zunichtemacht.
Vor dem Hintergrund der ökonomischen Krise und erstarkender Gegenkräfte wachsen auch die Spannungen innerhalb des Bündnisses. Im Juli 1936 bricht der Spanische Bürgerkrieg aus – erbittert wird über die Regierungspolitik der Nichteinmischung gestritten. Im August finden die Moskauer (Schau-)Prozesse statt, von denen sich die KPF nicht distanziert. Viele wenden sich von der Partei ab.
Unter Druck des Kapitals, das ja seine wirtschaftlichen Machtpositionen grundsätzlich behalten hatte, will Blum sich am 15. Juni 1937 vom Parlament umfassende ökonomische Vollmachten verleihen lassen, um restriktive Maßnahmen durchsetzen zu können: „Das Ende der (im Prinzip) automatischen Angleichung der Löhne an den Preisanstieg; fünf Milliarden Francs zusätzliche Steuern; eine drastische Erhöhung der Tabakpreise, der Post- und Bahntarife; aber auch die parallele Einführung einer Kontrolle (endlich!) der spekulativen Währungsgeschäfte und anderer Aktivitäten des Finanzkapitals. Während die KP die Einführung der erstgenannten Maßnahmen beklagt, empört sich die Bourgeoisie über die letzteren. Die KP stimmt schließlich für das Gesamtpaket an Maßnahmen, um den Front populaire zu retten. Aber die Radikalen (Linksliberalen) spielen ein doppeltes Spiel: In der Nationalversammlung […] stimmen sie für Blum. Doch im Senat […] votieren sie gegen ihn. In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1937 reicht Léon Blum seinen Rücktritt als Präsident des Ministerrats ein.“ (Schmid 2012)
Für eine Allianz des sozialen Antifaschismus
Der Front populaire ist Geschichte. Doch viele der Reformen haben bis heute Bestand, Errungenschaften, die immer wieder auf der Straße verteidigt wurden – geschichtlich wirksamer als viele andere linke oder sozialistische Unternehmungen. [1] Die Grundlage war gewissermaßen eine gesellschaftliche Bewegung eines sozialen Antifaschismus. Diese hat eine deutliche Linksverschiebung des politischen Terrains erwirkt, keineswegs eine Anpassung der linken Kräfte. Erst diese Bewegung hat zu einem späteren Zeitpunkt auch eine Volksfront-Regierung ermöglicht.
Zwar musste damals auf (ohnehin unrealistische) revolutionäre Forderungen verzichtet werden, im Zentrum standen jedoch eine Ausweitung von Sozial- und Arbeitsrechten, die Verteidigung und Erweiterung der bürgerlichen Demokratie sowie klassisch sozialistische Forderungen nach Vergesellschaftung/Verstaatlichung. Eine – wenn auch vorübergehende – Anpassung nach links war dabei eher den linksliberalen Kräften zu attestieren. Freilich können Volksfronten in der Geschichte immer nur einen zeitlich begrenzten Charakter haben: Die unter kapitalistischen Bedingungen herrschenden inneren Widersprüche und reorganisierte starke Gegenkräfte treiben die Volksfront ab einem bestimmten Punkt wieder auseinander. Es sei denn, die zugrundeliegende Linksverschiebung wird im Sinne einer gesellschaftlichen Mobilisierung konsequent in Richtung eines sozialistischen Projekts vorangetrieben und Institutionen werden in dieser Weise umgebaut und abgesichert.
Unter heutigen Bedingungen gälte es wieder, über eine Art „gesellschaftliche Volksfront von unten“ bzw. eine neue Allianz des sozialen Antifaschismus nachzudenken und sie vorzubereiten. Kein Parteienprojekt, dieses ist mit der gegenwärtigen SPD und den Grünen nicht zu machen. Auch würde es ohne gesellschaftliche Bewegung in der Luft hängen, machtlos den Widersprüchen ausgesetzt. Nur als von einer gesellschaftlichen Bewegung getragenes Projekt kann die notwendige Linksverschiebung als wirkliche Alternative zu Faschisierung und blockierter Transformation Dynamik entfalten (Candeias 2026).
Das heißt Wiederherstellung und Ausbau einer resilienten sozialen Infrastruktur, den konsequenten sozial-ökologischen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft und die Rückverteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Letzteres ist der Lackmustest (Candeias 2024, S. 35) eines entschiedenen Gegenprojekts, das die „Mutter aller Probleme“ angeht (Goes 2024), die skandalöse Ungleichverteilung von Reichtum und damit auch Macht. Unumgänglich ist dabei eine Position gegen die Verschwendung von Ressourcen und gegen massive Aufrüstung sowie eine kommende Konfrontation mit China.
Eine Verengung des Konzepts auf die soziale Frage, gar auf den Sozialstaat, wäre jedoch unzureichend. Ebenso unverzichtbar ist die Verteidigung und Weiterentwicklung sozialer Rechte im umfassenden Sinne, der von diversen Emanzipationsbewegungen erzielten Fortschritte sowie jener einer postmigrantischen Einwanderungsgesellschaft – gegen Rassismus und vielfältige Diskriminierungs- und Abwertungspolitiken. Dem Kulturkampf von rechts, der an diesen Themen seine denunziatorischen Taktiken ansetzt, kann nicht ausgewichen werden. Es geht um konkrete, ethisch-politische Fragen einer solidarischen und demokratischen Lebensweise, einer „Politik des Kulturellen“ (Gramsci). Die gezielte Gegenposition der Partei Die Linke gegen die immer schärfere Antimigrationspolitik der Union mithilfe von Stimmen der AfD vor den Bundestagswahlen zeigt, wie sinnvoll das „Tanzen auf den Triggerpunkten“ (Wolf 2025) sein kann, statt sie nur schamvoll zu beschweigen. Gegen die ständige Polarisierung vonseiten der radikalen Rechten gelte es eine „eigenständige Gegenpolarisierung“ (Becker 2025) zu bewerkstelligen. Kerstin Wolter (2025) spricht gar von „linken Polarisierungsunternehmer*innen“, die Themen nicht aus dem Weg gehen, vielmehr klassenorientiert zuspitzen.
Diese kurzen Punkte beschreiben Elemente eines verbindenden und klassenorientierten Mitte-unten-Bündnisses, das seine vielfältigen Interessen unter dem Banner eines sozialen Antifaschismus in Richtung der Erweiterung einer sozialen und ökologischen Demokratie verknüpft [2] – und ihnen eine Struktur der Organisierung gibt. Von der antifaschistischen Haltung zu einem gesellschaftlichen popular-demokratischen Zukunftsprojekt also.
Literatur
- Abendroth, Wolfgang, 1970: Ein Leben in der Arbeiterbewegung, Frankfurt/M.
- Balibar, Etienne, 2025: Gesellschaftliche Volksfront von unten?, in: LuXemburg, Juli, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/volkfront-von-unten.
- Balibar, Etienne, 2024: Volksfront oder Kartell der Linken? Über den Aufstieg des Faschismus in Frankreich und den linken Nouveau Front Populaire, in: nd vom 30.6., www.nd-aktuell.de/artikel/1183372.linker-widerstand-in-frankreich-volksfront-oder-kartell-der-linken-das-kommende-volk-n-teil.html.
- Becker, Lia, 2025: Der Horizont eines sozialen Antifaschismus. Neoliberale Faschisierung und das Momentum der Linken, in: LuXemburg, Heft 1, Juli, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/der-horizont-eines-sozialen-antifaschismus.
- Bergmann, Theodor, 1997: Einheitsfront, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 3, hgg. von W.F. Haug, Berlin/Hamburg, S. 194-199.
- Candeias, Mario, 2024: Monster verstehen. Wechselwirkungen zwischen Faschisierung und blockierter Transformation, in: L. Becker u. M. Candeias (Hg.), Vom Horror zur Hoffnung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, S. 7-42, www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/luxemburg_beitraege/LuxBeitraege_24_Faschisierung.pdf.
- Ders., 2025a: Monster verstehen – Eine Chronik des Interregnums, Hamburg, www.rosalux.de/publikation/id/53241/monster-verstehen-eine-chronik-des-interregnums.
- Ders., 2025b: Allianz eines sozialen Antifaschismus, kein Kartell der Parteien, in: Institut Solidarische Moderne, Reihe Forum vom 12. Mai, www.solidarische-moderne.de/de/article/726.allianz-eines-sozialen-antifaschismus-kein-kartell-der-parteien.html.
- Ders., 2025c: Faschisierung an der Macht, in: LuXemburg, April, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/faschisierung-an-der-macht.
- Ders., 2026: Das politische Feld nach links verschieben. Bedingungen und Schwierigkeiten einer antifaschistischen Volksfront, in: LuXemburg, Heft 1, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/das-politische-feld-nach-links-verschieben.
- Coppi, Hans, 1991: Antifaschismus, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 1, hgg. von W.F. Haug, Berlin/Hamburg, S. 326-338.
- Dahme, Katharina, u. Sabine Ritter, 2025: Die Linke als antifaschistische Bündnispartei, in: linksbewegt, 11. Juli, www.links-bewegt.de/de/article/1003.die-linke-als-antifaschistische-b%C3%BCndnispartei.html.
- Friedmann, Ronald, 2025: „Eine besonders wichtige Aufgabe“. Mit der Volksfront gegen den Faschismus: Vor 90 Jahren wurde in Moskau der VII. Weltkongress der Komintern eröffnet, in: nd – die Woche, 25.7.2025, S. 10.
- Goes, Thomas, 2024: Welche Strategie gegen den Rechtsrutsch? Für breite Bündnisse und sozialen Antifaschismus, in: LuXemburg, Januar, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/mit-wem-gegen-rechts.
- Gross, Babette, 1962: Die Volksfrontpolitik in den dreißiger Jahren. Ein Beitrag zum Verständnis der kommunistischen Taktik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 43, www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/526555/die-volksfrontpolitik-in-den-dreissiger-jahren-ein-beitrag-zum-verstaendnis-der-kommunistischen-taktik.
- Haug, Wolfgang Fritz, 1967: Der hilflose Antifaschismus, Frankfurt/M
- Ders., 1993: Vom hilflosen Antifaschismus zur Gnade der späten Geburt (1987), 2. erweiterte Auflage, Hamburg.
- Rossanda, Rossana, 1975: Über Chile, in: dies., Über die Dialektik von Kontinuität und Bruch, Frankfurt a.M., S. 233-284.
- Schlemermeyer, Jan, 2025: Mitte-links: Die Hoffnung muss organisiert werden, in: nd vom 30. Juni, www.nd-aktuell.de/artikel/1192273.linkspartei-mitte-links-die-hoffnung-muss-organisiert-werden.html.
- Schmid, Bernard, 2012: Vor 70 Jahren in Frankreich: Der Front populaire, der Generalstreik und die „Errungenschaften“, in: LabourNet.de; Dezember, https://archiv.labournet.de/diskussion/geschichte/bs_frontpopulaire.html.
- Semsrott, Arne, 2024: Machtübernahme: Was passiert, wenn Rechtsextremisten regieren, München.
- Solty, Ingar, 2025: Gegen den linken Todestrieb, in: nd vom 21. Juli, www.nd-aktuell.de/artikel/1192762.linkspartei-gegen-den-linken-todestrieb.html.
- Taschke, Anika, 2025: „Wir sind die Brandmauer“, in: LuXemburg, Mai, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/wir-sind-die-brandmauer.
- Zetkin, Clara, 1923: Der Kampf gegen den Faschismus. Aus dem Bericht des Exekutivkomitees der Komintern, in: dies., Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 2, Berlin/DDR 1960.
Dieser Text erschien zuerst in „Z – Zeitschrift marxistische Erneuerung“, Nr. 145 (März 2026), S. 135-143.
[1] In diesem Zusammenhang wären auch die Erfahrungen in Italien von Interesse. Dort wurde ganz praktisch eine Volksfront mit stark kommunistischer Prägung innerhalb der Resistenza praktiziert, die auch die Grundlage für den Erfolg der KPI als erfolgreichste linke Massenpartei der Nachkriegszeit schuf und zum Wiederaufbau der Demokratie in Italien beitrug. Auch die Frente Popular in Chile etablierte eine Volksfront-Regierung, die von 1938 bis 1941 regierte, ein Bündnis des linksliberalen Partido Radical (Radikale Partei) und der beiden Arbeiterparteien Partido Socialista (Sozialistische Partei) und Partido Comunista (Kommunistische Partei). Danach regierten radikale Präsidenten mit Unterstützung der Linksparteien bis 1952 weiter. Jahrzehnte später bildete das Linksbündnis Unidad Popular die Grundlage für den kurzen Frühling der Regierung unter Salvador Allende von 1970 bis 1973 mit ihrem beeindruckenden Sofortprogramm (vgl. beispielsweise Rossanda 1975) – bis zum faschistischen Sturz durch Augusto Pinochet. In keinem dieser Fälle führte die Volksfront zur Anpassung an die liberalen Kräfte, sondern sie setzte umfangreiche Reformen durch. Die Frente Popular zu Zeiten der Spanischen Republik scheiterte eher aufgrund interner Zerwürfnisse und verlor gegen die Truppen des General Franco. Insgesamt gab es weltweit in den 1930er Jahren mindestens 17 Volksfronten.
[2] Für Lia Becker (2025) steht ein Dreiklang im Vordergrund: „Über die bloße Verteidigung der Demokratie hinaus bilden sozialer Antifaschismus, die intersektionale (!) Klassenfrage und eine neu zu entwickelnde ökologisch-sozialistische Perspektive“ den inhaltlich-strategischen Kern eines linken Hegemonieprojekts.



