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Am Dienstag den 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık um 12:50 Uhr in Dortmund in seinem kleinen Kiosk ermordet. 55 Stunden später, am 6. April, richteten die oder der Mörder Halit Yozgat im Kasseler Internet-Café in der Holländischen Straße hin. Beide Opfer wurden mit derselben Tatwaffe, einer Česká 83, erschossen. Sie wurden Opfer einer Mordserie, bei der zuvor schon ab dem September 2000 sieben andere Migranten ermordet worden waren. Mit diesen beiden Morden setzten die Mörder*innen in der Öffentlichkeit ein deutliches Zeichen: Wurde Enver Şimşek, das erste Opfer des NSU, im September 2000 noch an einer Ausfallstraße weit entfernt vom Stadtzentrum Nürnbergs erschossen, d. h. an einem abgelegenen und kaum frequentierten Ort, marschierten die Mörder in Dortmund und Kassel am helllichten Tag während des Kundenverkehrs in den Kiosk in der Dortmunder Mallinckrodtstraße, ebenso in das Internet-Café in der Holländischen Straße, in unmittelbarer Nähe einer Polizeistation. Insbesondere für ihren Auftritt im Kasseler Internet-Café musste ihnen klar sein, dass sie bei ihrem gewählten Tatort und -zeitpunkt – Donnerstag etwa um 17 Uhr – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mit einer Reihe von dort anwesenden Kund*innen konfrontiert waren. Kurz: Das abgebrühte Vorgehen war gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem gegenüber der Polizei eine Machtdemonstration sans phrase.
Markus Mohr, ist Sachbuchautor und lebt in Berlin. Im Februar 2026 ist sein, gemeinsam mit Daniel Roth 2021 veröffentlichtes Buch in einer Neuauflage erschienen: „Stärkere Strahlkraft – Wahrheit und Lüge im NSU-Komplex. Eine kritische Aufarbeitung der polizeilichen Ermittlungen, 2000-2011“.
In Dortmund meldete sich umgehend eine Augenzeugin bei der Polizei, die unmittelbar vor der Tat zwei fahrradschiebende Basecap-tragende junge Männer im Alter zwischen 25 und 35 Jahren beobachtet hatte. Gegenüber den sie vernehmenden beiden Beamten vom Staatsschutz beschrieb sie diese als „Junkies oder Nazis“. In der Folge sollte diese Aussage „oder Nazis“ immer mal verschwinden und dann wieder in den Akten auftauchen. Gleichwohl: Drei Tage nach dem Mord in Dortmund erklärte der ermittelnde Staatsanwalt Heiko Artkämper erstmalig in der Česká-Mordserie, dass auch über einen „rechtsradikalen Hintergrund“ als Motiv für die Tat nachgedacht werden müsste (Westfälische Rundschau v. 8.4.2006).
Im Verlaufe des April 2006 wurde in den türkischsprachigen Medien in Deutschland die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass eine „rassistische Gruppe“ Urheber der Morde sei; es wurde von einem „Nazi-Verdacht in Deutschland“ berichtet (Hürriyet v. 18.4.2006). Ismail Yozgat, der Vater von Halit, wurde mit der Aussage, dass ein „Türken-Feind“ hinter den Morden stehen könne und er diese Möglichkeit auch der Polizei mitgeteilt habe, zitiert (Hürriyet v. 22.4.2006). Ende April resümierte die Hürriyet zwei Sichtweisen auf die Mordserie: „Laut deutscher Polizei ist der/die Mörderin von der türkischen Mafia – laut Türken ist diese/r ein rassistischer pensionierter deutscher Polizist.“ Als Bezugspunkt für diese Vermutung eines rassistischen Hintergrundes wurde dabei auf „Nürnberger Türken“ verwiesen, die ausgesagt hätten, dass die Polizei ein solches Motiv nicht nennen würde, um die „ansteigende Fremdenfeindlichkeit zu verschleiern“ (Hürriyet v. 30.4.2006).
Die Spur zu den Auftragsmördern führt in die Türkei.
In der bundesdeutschen Presseöffentlichkeit war davon allerdings nicht die Rede – im Gegenteil. Der Chef der polizeilichen Sonderkommission BAO Bosporus Wolfgang Geier ließ sich unmittelbar nach den Morden von Dortmund und Kassel in der BILD mit den Worten vernehmen: „Die Spur zu den Auftragsmördern führt in die Türkei.“ Und weiter wurde er durch den Journalisten mit dem Hinweis assoziiert: „Es geht um Drogenhandel und Schutzgeld!“ (BILD v. 13.4.2006).
Ein Bericht der Nürnberger Zeitung, der zunächst ausführte, dass sich die polizeilichen Ermittlungen bei den Opfern aufgrund der „Mentalität der Türken“ schwierig gestalteten, zitierte schließlich Oberstaatsanwalt Walter Kimmel: „Die Bereitschaft der Türken mit der Polizei zusammenzuarbeiten ist nicht gegeben. Bei Zeugenbefragungen sagt man nicht alles, was man weiß, und misstraut der Polizei auf Grund der in der Heimat gemachten Erfahrungen.“ (Nürnberger Zeitung v. 14.4.2006). Dabei fasst Kimmel unter dem Sammelbegriff Türken alle Ermordeten, indirekt Betroffenen und Zeug*innen zusammen, obwohl darunter viele Kurd*innen und ein Grieche aber auch Deutsche waren. Mit dem Modul „Man sagt nicht alles, was man weiß“ kriminalisierte er ganze Bevölkerungsgruppen und dichtete ihnen eine fiktive Heimat weit weg von der Bundesrepublik an.
Diese Aussagen von Geier und Beckstein rundeten die Wucht der Titelschlagzeile von BILD „Döner-Killer holten Opfer Nr. 9“ ab (BILD v. 12.4.2006). Sie markierten die Česká-Mordserie in der bundesdeutschen Öffentlichkeit als Ergebnis, Ausdruck und Konsequenz eines sich in einer mutmaßlichen „düsteren Parallelwelt“ abspielenden bedrohlich-kriminellen Geschehens.
Die schwer durchdringbare Parallelwelt der Türken – eine Mauer des Schweigens.
Allerdings stand Rassismus als Tatmotiv sehr wohl im Raum der Ermittlungsbehörden, wurde aber aktiv abwehrt. Denn die Beamten gingen zwar den oben referierten Hinweisen auf Rassismus nicht nach, aber sie machten sich durchaus Sorgen darum, dass darüber in der Öffentlichkeit geredet wurde. Unmittelbar nach den Morden von Dortmund und Kassel und im Vorfeld der Fußball-WM war durch die höchsten Ermittler in der Öffentlichkeit über die „Mentalitäten“ von „ausländischen Bevölkerungsteilen“, eine „schwer durchdringbare Parallelwelt der Türken“ und deren nicht vorhandene „Bereitschaft mit der Polizei zusammenzuarbeiten“ fabuliert worden. Eben das wurde dann behördlich und schließlich in den Medien im Begriff einer sogenannten „Mauer des Schweigens“ zugespitzt.
Mit ihm wurde in Bezug auf die Mordserie durch die ermittelnden Behörden quasi ein Bann über die migrantische Communities verhängt. In den Nürnberger Nachrichten stand unter indirekter Berufung auf Oberstaatsanwalt Walter Kimmel zu lesen, dass von den Angehörigen der Opfer, von Nachbarn und anderen türkischen Kleinunternehmern „keine große Unterstützung“ komme. Immer wieder würden die Ermittler „innerhalb der türkischen Bevölkerung auf eine Mauer des Schweigens“ stoßen (Nürnberger Nachrichten v. 14.4.2006).
Kurze Zeit später sprach auch der bayrische Innenminister Günther Beckstein davon, dass seitens der migrantischen Community gegenüber der Polizei im Zusammenhang mit der Mordserie eine „Mauer des Schweigens“ errichtet worden sei, und lobte durch seinen Sprecher Rainer Riedl „eine deutliche Belohnung“ aus, um „die Aussagebereitschaft“ zu fördern. Allemal war es für das bayrische Innenministerium naheliegend, „das die Drahtzieher des Verbrechens in der Organisierten Kriminalität zu suchen seien“ (Nürnberger Nachrichten v. 27.4.2006).
Demo „Kein 10. Opfer!“
Die so markierten Mitglieder der Familien Yozgat, Şimşek und Kubaşık entschlossen sich wenige Wochen nach den beiden Morden in Dortmund und Kassel dazu, aus der ihnen durch die Sicherheitsbehörden zugewiesenen Rolle als schweigend und stumm-duldend gemachte Opfer auszuscheren. Sie organsierten am 6. Mai 2006 in Kassel unter dem Motto: „Kein 10. Opfer“ eine Demonstration durch die Stadt, an der einige tausend, fast ausschließlich türkeistämmige, Menschen teilnahmen. Die Familien Şimşek, Kubaşık und Yozgat organisierten diese Manifestation dabei nicht nur unter dem Damoklesschwert mörderischer neonazistischer Gewalt, sondern auch unter der anhaltend gegen sie betriebenen polizeilichen Ermittlungsroutine. Nun traten die Angehörigen und Freunde der Opfer die Flucht nach vorn an: Ihnen war völlig klar, dass niemand von ihnen oder „die Mafia“ oder „die kurdische PKK“ ihre liebsten Anverwandten ermordet hatten.
Eine Videoaufnahme hat einen Teil der Demonstration festgehalten, es ist heute ein zentrales Dokument für den langen Kampf der Familien um Aufklärung und Gerechtigkeit. Der lange Trauerzug startete am Philipp-Scheidemann-Haus, nur wenige Meter vom Internet-Café entfernt, wo Halit Yozgat ermordet worden war. Die Demonstrant*innen trugen Bilder ihm und den acht weiteren Opfern. Ein Bericht der Kasseler Lokalzeitung notierte: „Schwarze Fahnen wehen in der Menge, die sich langsam Richtung Rathaus bewegt. Und große Tücher, die von Männern hochgehalten werden. ‚Wie viele müssen noch sterben, damit die Täter gefasst werden?‘, steht auf einem. Auf anderen ‚Schläft der Innenminister?‘ und ‚Warum nur Türken?‘ […] Die Stimmung unter denen, die mitlaufen, ist angespannt. Zur Trauer mischen sich Wut und Hass. Aber auch Angst. Vor allem türkische Geschäftsleute haben Angst, das nächste Opfer zu sein, sagt Dogan Aydin vom Kasseler Ausländerbeirat. […] An der Spitze des Zuges laufen zwei der neun Familien, die ebenfalls durch den Serienmörder einen Angehörigen verloren haben – ihren Ehemann, Vater, Onkel. Sie kommen aus Dortmund und Nürnberg. Blasse Gesichter, rote Augen, das lähmende Unglück ist greifbar.“ (Hessisch Niedersächsische Allgemeine v. 7.5.2006).
Auf der Kundgebung auf dem Rathausplatz in Kassel ergreift der Vater des ermordeten Halit, Ismail Yozgat das Wort, Gamze Kubaşık wiederholt dessen Rede auf Deutsch, und ruft aus: „Der oder die Täter sind noch immer auf freiem Fuß. Wie viele Hinrichtungen müssen noch vollzogen werde, bis die Täter gefasst werden? Warum wird erst nach neun Morden mit Hochdruck ermittelt? Warum? Sagen Sie`s mir bitte! Sehr geehrtes Innenministerium! Öffnen Sie ihre Augen, um die bittere Realität zu sehen! Hören Sie die Trauer der Angehörigen, versuchen Sie sich in unsere Lage zu versetzen…“.
Wie viele sollen denn noch sterben, damit die Täter gefasst werden?
Kurz darauf folgt die Rede von Semiya Şimşek, erst auf Türkisch, dann auf deutsch, die an ihre Leidensgeschichte nach der Hinrichtung ihres Vaters vor sechs Jahren erinnert: „Ich bin ohne Vater aufgewachsen, ich habe die ganzen Schmerzen erlebt. Und als erstes wurde unsere ganze Familie beschuldigt. Wer wird denn jetzt beschuldigt? Wir rufen Sie auf, bitte gucken sie sich mal um wie viele Opfer gestorben sind. Wie viele sollen denn noch sterben damit die Täter gefasst werden? Endlich soll(en) die mal gefasst werden.“
So haben der Vater von Halit Yozgat, die Tochter von Mehmet Kubaşık und die Tochter von Enver Şimşek auf der Trauerkundgebung von 4.000 Migrant*innen vor dem Rathaus in Kassel ihren Schmerz über ihre ermordeten Verwandten in die Welt herausgeschrien und die Behörden um Schutz angefleht. Mit Ausnahme der wenigen Offiziellen vor dem Kasseler Rathausmarkt stand ihnen niemand zur Seite.
Und doch war mit dieser Manifestation den Angehörigen der Familien Yozgat, Kubaşık und Şimşek etwas gelungen, dass den Bewohner*innen aus der Kölner Keupstraße etwa zwei Jahre zuvor nach dem verheerenden Nagelbombenschlag vom 9. Juni 2004 nicht möglich war: Ihre Demonstration sprach sich in der türkisch-kurdischen Community herum. Und nun machten sich nicht mehr allein die unmittelbar betroffenen Opferangehörigen Gedanken über die politischen Hintergründe der Mordserie. So sprachen Ende Mai in Dortmund als Privatdetektive getarnte Ermittler in einem Internet-Café mit einem türkischen Mann und fassten das Gespräch wie folgt zusammen: „Nach seiner Theorie haben die Türken nichts mit einer Organisation wie zum Beispiel der türkischen Mafia zu tun. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass es sich um einen politisch rechts motivierten Täter handelt, der wahllos Türken ermordet. Der Mörder will damit erreichen, dass die in Deutschland lebenden Türken verunsichert werden und Deutschland verlassen.“ (LKA Bayern, Vermerk v. 30.5.2006).
Am 11. Juni, zwei Tage nach Beginn der Fußball-WM und einen Monat nach der Demonstration in Kassel, kam es in Dortmund zu einem Schweigemarsch von 200 Menschen – überwiegend aus der kurdischen und türkischen Community – gegen die Mordserie der Nazis. Der Trauerzug durch die Dortmunder Nordstadt wurde von Elif Kubaşık und ihrer Tochter Gamze sowie den Eltern von Halit Yozgat angeführt. Sie trugen große Fotos aller Opfer vor sich her und schwarze Transparente. Darauf hieß es: „9 Opfer – Wir wollen kein 10. Opfer / Stoppt die Mörder“ und „Sechs Jahre, was macht eigentlich die Polizei?“ Auf umgehängten Papptafeln tragen einige Demonstrant*innen das Foto von Mehmet Kubaşık (Westfälische Rundschau v. 12.6.2006). Cem Yilmaz vom Alevitischen Kulturverein Dortmund, der zu den Mitorganisatoren der Demonstration gehörte, erklärte, unter Hinweis darauf, dass doch alle Opfer der Mordserie Migranten seien, dass da „doch ein rechtsextremistischer Hintergrund sehr einleuchtend“ sei. Doch stattdessen, so Yilmaz weiter, „gucken die Ermittler nur nach links, wollen wissen, ob Mehmet in der PKK aktiv war.“ (taz NRW v. 13.6.2006).
Einen Tag nach der Demonstration von Dortmund wurde Ismail Yozgat von den Ermittlern erneut verhört. Seit dem Mord wurde er abgehört und beschattet. Nun forderte Yozgat die Polizei dazu auf, endlich den falschen Ermittlungsweg zu beenden und damit aufzuhören ihn und seine Familie zu verdächtigen: Er äußerte die Vermutung, „dass der Täter entweder Soldat oder Polizist sei, und (…) dass er der festen Überzeugung sei, dass sein Sohn und die anderen (acht) Opfer wegen ausländerfeindlichen Motiven getötet worden seien“ (Zeugenvernehmung von Ismail Yozgat, Vermerk der Polizei v. 12.6.2006).
Was wissen wir heute, 20 Jahre später?
Jahrelang war von den Sicherheitsbehörden im Opferumfeld der „Česká-Mordserie“ nach vermeintlichen kriminellen Verstrickungen in einer Weise ermittelt worden, in die sich systematisch rassistische Verdachts- und Vorurteilsstrukturen eingeschrieben hatten. Dieser behördliche bzw. institutionelle Rassismus, der erst jüngst in einer Studie erneut belegt wurde, hatte sich mit einer migrationsfeindlichen Berichterstattung verbunden und bildete zusammen mit dem rechten Terror jenen Zusammenhang, der in der Aufarbeitung dieser Verbrechen nach 2011 von engagierten Initiativen als „NSU-Komplex“ bezeichnet wurde. Diese politische Konstellation, in der die Manifestation von Kassel durchgeführt worden war, lässt sich als eine Konfrontation mit dem fassen, was seitens der Sicherheitsbehörden an Kontrolle und Überwachung gegenüber migrantische Communities im Zusammenhang mit der Mordserie als eine Grenze der Zugehörigkeit errichtet worden ist. Die Schreie von Kassel haben diese Grenze überschritten und zurückgewiesen. Sie sind eine Mahnung gegen die rassistische Spaltung unserer Gesellschaft, die in der Aufarbeitung des NSU-Komplexes, aber auch nach den Anschlägen von Halle und Hanau aufgegriffen und in solidarische Praxis übersetzt wurden.




