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Wahlkampfauftakt in Bogota, 11.3.2026, Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire
Wie genau das Ergebnis des ersten Wahlgangs einzuordnen sei, da war man sich im Lager Iván Cepedas am Wahlabend nicht sicher. Man wolle die finale Auszählung der Stimmen im Laufe der Woche abwarten, hieß es. In der Vergangenheit hatte diese sich aber kaum von der vorläufigen Auszählung unterschieden, und damit dürfte feststehen: Die erste Runde hat der rechte Hardliner Abelardo de la Espriella gewonnen.
Damit wurden alle Umfragen Lügen gestraft. Denn die hatten Iván Cepeda, den Kandidaten der Partei Pacto Historico des amtierenden Präsidenten Gustavo Petro, vorne gesehen. Und so fühlen sich die 40,9 Prozent für Cepeda wie eine Niederlage an, auch wenn er sogar etwas mehr Stimmen holte als Gustavo Petro vor vier Jahren im ersten Wahlgang.
Bei insgesamt höherer Wahlbeteiligung konzentrierten sich die Stimmen der rechten Wähler*innen jedoch im Wesentlichen auf einen einzigen Kandidaten, Abelardo de la Espriella, der auf 43,7 Prozent kam. Die andere ultrarechte Kandidatin, Paloma Valencia aus dem Lager des Ex-Präsidenten Álvaro Uribe, scheiterte mit 6,9 Prozent überraschend deutlich. Sergio Fajardo, der eher in der politischen Mitte einzuordnen ist, landete abgeschlagen bei 4,2 Prozent.
Damit ziehen De la Espriella und Cepeda in die Stichwahl am 21. Juni ein. Die kommenden drei Wochen werden für Cepeda nun zum entscheidenden Endspurt in seinem langen Kampf gegen die autoritäre Rechte, der sein außergewöhnliches Leben geprägt hat.
Kommunistische Eltern
Iván Cepedas politische Biografie ist geprägt durch die Gewalt des kolumbianischen bewaffneten Konflikts: Sein Vater, Manuel Cepeda, einer der Anführer der Kommunistischen Partei Kolumbiens und Abgeordneter für die Unión Patriótica, wurde 1994 von Paramilitärs und staatlichen Militärs ermordet. Auch deshalb ist es etwas Besonderes, dass sein Sohn der nächste Präsident dieses Staates werden könnte.
Cepedas Familienbiografie steht symbolisch für die Geschichte des bewaffneten Konflikts in Kolumbien, der immer ein Klassenkampf war, dessen Fixpunkt die extrem ungleiche Verteilung von Landbesitz ist. Auf der einen Seite stehen bäuerlich-kommunistisch geprägte zivile und bewaffnete Organisationen, auf der anderen Seite eine gewalttätige Elite, die sich mithilfe von staatlicher und paramilitärischer Gewalt an der Macht hält.
Cepedas Mutter, Yira Castro, war ebenfalls Kommunistin und hatte sich in Bogotá als Studierendenanführerin einen Namen gemacht. Als Sohn Iván drei Jahre alt war, flüchteten sie vor der politischen Verfolgung ins tschechoslowakische Exil, wo sie den Prager Frühling miterlebten. Über Kuba kehrten sie nach Kolumbien zurück. Yira Castro starb früh an Krebs.
Iván Cepeda folgte den politischen Spuren seiner Eltern und trat mit 13 Jahren der kommunistischen Jugend bei. Zwei Jahre später wurde Bogotá das Epizentrum eines großen Generalstreiks, zu dem die linken Bewegungen aufriefen. Der 15jährige Cepeda befand sich mittendrin und sah, wie einer der protestierenden Jugendlichen vom Militär erschossen wurde. Es war nicht nur der erste staatliche Mord, den er erlebte, sondern, als später eine Gedenktafel für den Jugendlichen angebracht wurde, auch sein erster Kontakt mit dem Thema Erinnerungsarbeit. Die ständige Gewalt und Bedrohung blieben seitdem omnipräsent.
Cepeda verließ Kolumbien ein zweites Mal. In Bulgarien studierte er Philosophie und lernte den Autoritarismus des Sowjetsozialismus kennen. Wieder in Kolumbien, brach er mit der dogmatischen Linken und arbeitete mit dem Präsidentschaftskandidaten Bernardo Jaramillo zusammen, der sich für eine Erneuerung der kommunistischen Bewegung und die Abwendung vom bewaffneten Kampf einsetzte. Doch bevor der populäre Jaramillo bei einer Wahl antreten konnte, wurde er ermordet, wie tausende Mitstreiter der Unión Patriótica, einer linken Partei, die im Rahmen eines Friedensprozesses mit der FARC-Guerrilla gegründet worden war. „Alle zwei Wochen fand die Beerdigung eines Genossen statt“, erinnerte sich Cepeda später in der Zeitung El Espectador.
Sein Vater war in den 1990er Jahren Kongressabgeordneter für die verfolgte Unión Patriótica, sein Sohn begleitete ihn damals zu vielen Terminen. So war es nur einem Zufall geschuldet, dass der Vater am 9. August 1994 alleine aufbrach, um an einer Parlamentsdebatte zur Ratifizierung der Genfer Konvention und der Garantie der Menschenrechte im kolumbianischen Konflikt teilzunehmen. Iván Cepeda fuhr wenige Minuten später den gleichen Weg und traf auf das zerschossene Auto und den toten Vater; ermordet nur ein paar Blocks vom eigenen Haus entfernt.
Der Kampf um Aufklärung
Als die Presse eintraf, gab der Sohn am Tatort ein Fernsehinterview, in dem er mit erstaunlicher Klarheit und Gefasstheit – hinter ihm war die Autoscheibe mit dem Einschussloch zu sehen – die Aufklärung und den Stopp der Morde an linken Anführer*innen forderte. Einen Tag später gründete Iván Cepeda die Stiftung Manuel Cepeda Vargás und widmete sich ab sofort dem Kampf um die Aufklärung staatlicher Morde. Er wird zum Kopf der Opferbewegung, organisiert Demonstrationen und recherchiert selbst zu den Verbindungen von Militär und Regierungskreisen zu Paramilitärs. Er wird wieder bedroht, muss erneut ins Exil, dieses Mal nach Frankreich, und kehrt dennoch wieder nach Kolumbien zurück, um seine Arbeit fortzusetzen.
Cepeda hat schließlich Erfolg: Er kann nachweisen, dass der Mord an seinem Vater in Komplizenschaft von hochrangigen Militärs, Geheimdienstagenten und Paramilitärs geplant wurde. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt den kolumbianischen Staat für das Verbrechen, und erstmals erkennt der Staat seine Schuld für einen politischen Mord an.
Doch Iván Cepeda geht es längst um mehr: um die Aufarbeitung der staatlich-paramilitärischen Gewalt insgesamt. In mehreren Büchern zeichnet er die Gründung der Paramilitärs nach und betont die zentrale Rolle des ultrarechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe. Dass heute in Kolumbien dessen Name eng mit zahlreichen Massakern, dem Verschwindenlassen und den selektiven Tötungen von Zivilist*innen verbunden ist, verdankt sich nicht zuletzt dem linken Präsidentschaftskandidaten.
In kollektiver Erinnerung bleibt eine außergewöhnliche Kongressdebatte, die Cepeda im September 2014 initiierte; damals war er Abgeordneter der linken Vorgängerpartei des Pacto Histórico des aktuellen Präsidenten Gustavo Petro. Cepeda legte mit Zeugenaussagen und Dokumenten ausführlich Uribes Verbindungen zum Paramilitarismus dar. Er sprach das aus, was viele in Kolumbien dachten, sich aber nicht zu sagen trauten. Und Cepeda hatte Beweise. Noch während der Debatte verließ Álvaro Uribe den Kongress, um Anzeige gegen Cepeda wegen angeblicher Zeugenmanipulation zu erstatten. Es war der Auftakt einer jahrelangen juristischen Auseinandersetzung, die schließlich in erster Instanz zur Verurteilung Uribes zu einer 12jährigen Haftstrafe führte. Zwar wurde das Urteil in zweiter Instanz aufgehoben, eine finale Entscheidung steht weiter aus, doch Cepeda wurde durch den Prozess im ganzen Land als Uribes Gegenspieler bekannt, was letztlich zu seiner Präsidentschaftskandidatur und designierten Nachfolge Gustavo Petros führte.
Der linke Progressivismus
Uribe selbst spielte auch in diesem Wahlkampf eine zentrale Rolle – und wurde zum großen Verlierer. Er hatte mit Paloma Valencia eine Kandidatin von seinen Gnaden ins Rennen geschickt; doch offenbar hat der Uribismus seine jahrzehntelange Mobilisierungsfähigkeit an der Urne und Dominanz innerhalb der kolumbianischen Rechten eingebüßt. Selbst in der einstigen Hochburg Antioquia setzte es eine Niederlage gegen De la Espriella, der sich – wie sein Vorbild, El Salvadors Präsident Nayib Bukiele – als Anti-Kriminalitätshardliner und Kandidat ohne Verbindung in die traditionelle politische Klasse inszenierte. In den sozialen Medien beinahe omnipräsent, konnte er offenbar mehr Menschen erreichen als die traditionell gut geölten Wahlkampfmaschinen der etablierten Parteien. So eroberte De la Espriella sämtliche traditionell konservativen Regionen im Landesinneren Kolumbiens.
Ivan Cepeda hingegen vermochte es, die Basis des Petrismus zu mobilisieren. Er gewann in Bogotá, am Pazifik, in der Karibik und in der Amazonasregion – also neben der Hauptstadt in den ökonomisch marginalisierten Gebieten mit besonders hohem indigenem und afrokolumbianischem Bevölkerungsanteil.
Die außergewöhnliche Mobilisierungskraft der kolumbianischen Linken resultiert aus einer Mischung jahrelanger Basisarbeit, spezifischer Kämpfe sozialer Bewegungen und der Dynamik des sozialen Aufstands 2019, der von linken Bewegungen initiiert und letztlich von einer breiten Masse marginalisierter Bevölkerungsteile, die sich in einer wirtschaftlichen Notsituation befanden, getragen wurde. Die linken Parteien um Gustavo Petro kanalisierten den Wunsch nach Wandel im seit Jahrzehnten rechts regierten Land, integrierten nahezu alle wichtigen Personen aus den Basisbewegungen (wie beispielsweise Francia Márquez) in ihr Regierungsprojekt und schmiedeten ein breites linkes Bündnis, das für Frieden, soziale Gerechtigkeit, Demokratisierung und ökologische Transformation eintrat.
Der Regierung Petro gelang es, eine Steuer- und eine Arbeitsreform durchzusetzen und eine beachtliche Menge an Land umzuverteilen. Alle weiteren avisierten Reformen, beispielsweise im Gesundheitssektor, scheiterten an fehlenden Parlamentsmehrheiten. Beim großen Ziel eines „umfassenden Friedens“ mit allen bewaffneten Gruppen, der durch Verhandlungen erreicht werden sollte, kann die Regierung Petro ebenfalls kaum Fortschritte vorweisen.
Cepedas Wahlkampfprogramm besteht deshalb im Wesentlichen aus dem Versprechen, nunmehr das umzusetzen, was Petro schuldig blieb. Dessen Regierung wurde durch rechte Parteien und deren Einfluss in Institutionen wie dem Wahlrat oder dem Obersten Gericht so massiv blockiert, dass Cepeda sich weiter als Gegner der Elite darstellen kann, obgleich seine Partei seit vier Jahren regiert. In der kolumbianischen Klassengesellschaft ist klar, auf welcher Seite Cepeda und der Pacto Histórico stehen. Cepedas nüchterne Art erzeugt an der Basis, wo manche Petro zu wenig strategisches Geschick vorwerfen, Vertrauen. Anders als Petro gilt Cepeda als bescheiden und wenig daran interessiert, sich selbst zu profilieren, und auch als diplomatischer, obschon Cepeda nach wie vor zum linken Flügel des Pacto Histórico gehört.
Cepeda profitiert auch weiterhin von Petros anhaltender Popularität, besonders in der ärmeren Bevölkerung. Während ohne Petro das Risiko besteht, etwas von der außergewöhnlichen Nähe zu den Massen einzubüßen, bietet sich mit Cepeda die Chance für den Pacto Histórico, sich als politisches Projekt unabhängig von einer Person zu etablieren. Immerhin: Bei der Parlamentswahl im März holte die Partei mit großem Vorsprung die meisten Stimmen, Cepeda bliebe als Präsident allerdings zur Mehrheitsbildung auf Koalitionspartner angewiesen.
Das führt zu der Frage, wohin sich die kolumbianische Linke unter Cepedas Führung programmatisch entwickeln wird. Es gibt sowohl radikalere Strömungen – die von orthodox-kommunistischen Kaderparteien bis zu Basisbewegungen reichen, die sich an Selbstverwaltungsstrukturen indigener, bäuerlicher oder afrokolumbianischer Communities orientieren –, als auch eher sozialdemokratische Kräfte.
Gemeinsam mit Iván Cepeda kandidiert die indigene Aktivistin Aida Quilcué als Vizepräsidentschaftskandidatin. Quilcué ist in der indigenen Autonomiebewegung des Cauca verwurzelt und aktuell Kongressabgeordnete. Sie kennt die Kämpfe in den marginalisierten ländlichen Regionen, wurde im Februar kurzzeitig von einer FARC-Abspaltung entführt und könnte nun die erste indigene Vizepräsidentin des Landes werden.
Cepeda erklärte im Wahlkampf immer wieder, es gehe ihm nicht darum, den Kapitalismus zu überwinden, sondern darum, dass alle von diesem profitieren können.
Extraktivismus oder Gemeinwohlorientierung
Zugleich gibt es innerhalb des Pacto Histórico durchaus Fraktionen, die ein anderes Entwicklungsmodell jenseits des extraktivistischen Kapitalismus anstreben. Auch bei Petro klingt das immer wieder durch, wenn er davon spricht, dass die neuen Grundpfeiler der kolumbianischen Wirtschaft der Tourismus und die Landwirtschaft sein sollten. Beide Branchen bieten Möglichkeiten einer gemeinwohlorientierten, nachhaltigen Entwicklung, in denen kleine wirtschaftliche Einheiten auf Gemeindebasis in Selbstverwaltung agieren, aber auch kapitalintensive extraktivistische Formen. In gewissem Maße förderte die Petro-Regierung beide Modelle.
Beispielhaft für diese Politik stehen in der Landwirtschaft einerseits die Unterstützung einer exportorientierten, auf Monokulturen basierenden Avocado-Produktion, die zunehmend den eher kleinbäuerlich geprägten Kaffeeanbau verdrängt, und andererseits Fortschritte bei der Agrarreform durch die Umverteilung von Land der Großgrundbesitzer an kleinbäuerliche Betriebe sowie die Ausweisung geschützter, selbst verwalteter bäuerlicher Gebiete und ein Gesetz zur Förderung der Agroökologie.
Im Tourismus lassen sich ebenfalls beide Modelle beobachten: gemeinwohlorientierte Ökotourismus-Strukturen am Pazifik, die die Tourismusministerin zum Vorzeigemodell erklärte, und Massentourismus an der Karibikküste oder in Medellín, der mit massiver Gentrifizierung und sexualisierter Ausbeutung von Frauen einhergeht.
Auch im wichtigen Energiesektor koexistieren beide Modelle: zum einen der massive Ausbau von Windkraft zur Produktion von grünem Wasserstoff für den Weltmarkt, vorangetrieben von internationalen Konzernen auf geschütztem Gebiet mit teils verheerenden Folgen für indigene Gemeinschaften, die selbst weder über Zugang zu Strom noch zu Wasser verfügen, und zum anderen die öffentliche Förderung von „Energiegemeinden“, in denen in kommunaler Verwaltung betriebene Solaranlagen die energetische Versorgung von bisher stark marginalisierten Dörfern sichern sollen.
Dies zeigt: Der Pacto Histórico pendelt zwischen grünem Kapitalismus und Ansätzen eines demokratischen und ökologischen Gesellschaftsmodells. Eine Schwierigkeit der Transition liegt darin, dass der Staat, an dessen Spitze er steht, selbst finanziell weitgehend von ebendem fossilen Extraktivismus abhängt, den er überwinden will. Ohne Öl und Kohle lässt sich in Kolumbien derzeit kaum ein Sozialprogramm finanzieren. Auch deswegen spricht Cepeda davon, die Energiewende dürfe nicht zur Belastung des Staatshaushalts werden.
Kann Cepeda gewinnen?
Ob Cepeda vier Jahre Zeit bekommt, den unter Petro eingeschlagenen Weg der Reformen fortzusetzen, hängt nun auch davon ab, ob er es schafft, Stimmen aus der politischen Mitte zu gewinnen, die sich beim viertplatzierten Sergio Fajardo und teilweise auch bei der drittplatzierten Valencia versammelt haben dürften. Letztere hat ihre Anhänger*innen bereits dazu aufgerufen, für De la Espriella zu stimmen. Fajardo hält sich noch bedeckt.
Sollte De la Espriella alle Stimmen der rechten Kandidat*innen aus dem ersten Wahlgang einsammeln, wird er die Stichwahl gewinnen. Er geht also als Favorit in zweite Runde. Aber wie der erste Wahlgang zeigte: Prognosen können sich irren. Insofern hat Cepeda durchaus eine Chance.


