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Hintergrund , : 60 Jahre chinesische Kulturrevolution: Geschichte eines Scheiterns

Die offizielle Geschichtsschreibung vermeidet die Beschäftigung mit der Kulturrevolution – dabei ist kein anderes historisches Ereignis aus der Geschichte der Volksrepublik so gut dokumentiert.

Wichtige Fakten

Details

Menschenmenge auf einer politischen Versammlung, im Vordergrund vier uniformierte Frauen, die als Zeichen ihrer Kampfbereitschaft die Fäuste erheben.
Chinesische Rote Garden zu Beginn der Kulturrevolution 1966. IMAGO / United Archives International

Am 16. Mai 2026 jährt sich der Beginn der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ zum sechzigsten Mal. Mit dieser Massenbewegung schien Mao Zedong die Herrschaft einer lähmenden Parteibürokratie im Staatssozialismus infrage zu stellen. Besonders die Jugend sollte – laut Mao – eine historische Chance bekommen, sich in einem neuen Kampf als „Nachfolger der Revolution“ herauszubilden, um nach dem Ableben der alten Garde eine „Restauration des Kapitalismus“ zu verhindern. Die Rebellion der Massen endete in Fraktionskämpfen und opferreichen Bürgerkriegen in den Provinzen. Ein neues Repräsentationsmodell als emanzipatorische Alternative zur leninistischen Parteidiktatur brachte die Kulturrevolution nicht hervor.

Der offizielle Versuch eines Schlussstrichs

Der 16. Mai 1966 gilt in China offiziell als Anfang der Kulturrevolution. An diesem Tag versandte das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) ein parteiinternes Rundschreiben, das zu einer „Kulturrevolution“ in Kulturbetrieb, Bildung, Medien und Hochschulen aufrief. Laut der heutigen offiziellen Darstellung folgten zehn Jahre Chaos, die erst 1976 mit der Verhaftung der „Viererbande“, der linken Fraktion in der Parteiführung um Maos Ehefrau Jiang Qing, endeten. 1981 wertete das ZK die Kulturrevolution als „größten Rückschritt und schwersten Verlust“ für Partei, Staat und Bevölkerung seit Gründung der Volksrepublik 1949. Die Bewegung müsse „vollständig negiert“ werden. Die Parteiführung ließ bis Mitte der 1980er Jahre mehrere Millionen Opfer rehabilitieren.[1] Als Verantwortliche der Gewaltexzesse wurden nicht nur die „Viererbande“ und Generäle der „Lin-Biao-Clique“ in Schauprozessen verurteilt, sondern auch in den Provinzen tausende Täter*innen vor Gericht gestellt.

Die neue Parteiführung um Deng Xiaoping entschied sich jedoch gegen eine umfassende Ent-Maoisierung. Sie entwickelte die bis heute gültige Erklärung, dass Mao zwar mit der Konzeption der Kulturrevolution einen schweren strategischen Fehler begangen habe; für Massenerschießungen und die Verfolgung hunderttausender Parteikader seien jedoch die „zwei konterrevolutionären Cliquen“ um Jiang und Lin verantwortlich. Deng gehörte – wie viele rehabilitierte Kader, darunter auch Xi Jinpings Vater, Xi Zhongxun – zu den Opfern der Kulturrevolution. Trotzdem glaubte die Führung um Deng, dass eine grundlegende „Negierung“ des Gründers von Partei, Armee und Staat die historische Legitimation des gesamten Systems infrage stellen würde. Die Präsentation der „Viererbande“ als Sündenbock entfaltete allerdings nie Überzeugungskraft. Es war schon während der Kulturrevolution offensichtlich, dass ihre Vertreter*innen nur durch Maos Gunst in hohe Positionen aufsteigen konnten.

Das Urteil der „vollständigen Negierung“ der Kulturrevolution ließ auch Xi Jinping 2021 in einer ZK-Resolution zum 100. Jahrestag der Gründung der KPCh bestätigen. Für eine weitgehende Unterdrückung kollektiver Erinnerungen spricht aus Sicht der Regierung allerdings die schmerzhafte Tatsache, dass damals Fraktionskämpfe innerhalb der Parteiführung den Staat an den Rand des Zusammenbruchs geführt hatten.

Die offizielle Interpretation der Parteigeschichte von 2021 betont ausführlich die Errungenschaften der Volksrepublik und widmet der Kulturrevolution nur einen Absatz. Seit Jahren gibt es eine offizielle Kampagne gegen „historischen Nihilismus“. Darunter fallen Ansichten, die, so die offizielle Lesart, die historischen „Fehler“ der KPCh überbetonen würden.

Säckeweise Dokumente

Ironischerweise ist kein historisches Ereignis aus der Geschichte der Volksrepublik so gut dokumentiert, wie die frühen Jahre der Kulturrevolution von Mitte 1966 bis 1968. Das liegt am Charakter der Bewegung und dem damaligen Kontrollverlust des Staates. Die zentrale Parteiführung erlaubte zeitweise den Massen, eigene Organisationen zu gründen und kleine Zeitschriften herauszugeben. Sowohl Fraktionskämpfe innerhalb der Partei als auch soziale Konflikte der Gesellschaft wurden in der Folge offen ausgetragen. Es kam auch zu Revolten gegen den lokalen Parteiapparat, bei denen Archive gestürmt wurden, um belastendes Material aus Kaderakten zu erbeuten. Zeitweise hieß es aus Beijing, jeder und jede könne kritisiert werden, mit Ausnahme von Mao und Verteidigungsminister Lin Biao. Die Massenorganisationen ignorierten Parteidisziplin und übliche Dienstwege. Über eigene Vertriebswege zirkulierten sie Nachrichten, parteiinterne Dokumente und Stellungnahmen der Führungskräfte aus Beijing im ganzen Land. Selbst inoffizielle Äußerungen und unveröffentlichte Reden Maos wurden ohne Autorisierung verbreitet, um in den Kämpfen vor Ort die Oberhand zu gewinnen.

Die riesige Masse an zugänglichen Dokumenten außerhalb des Machtbereichs der KPCh verspricht einen einmaligen Einblick in das Innere des Parteiapparates und der chinesischen Gesellschaft. Ebendarin liegt die große Sprengkraft des Themas „Kulturrevolution“.

Nach dem offiziellen Ende der Kulturrevolution 1976 landeten viele Dokumente hunderter Massenorganisationen in den Händen privater Sammler*innen. In den 1980er Jahren schenkten die Behörden diesem Phänomen in der Regel keine große Aufmerksamkeit. Noch in den frühen 2000er Jahren konnte man mit etwas Glück wertvolle historische Dokumente säckeweise zu Altpapierpreisen auf Trödelmärkten kaufen.

Der ehemalige Rotgardist Song Yongyi machte in den USA eine Datenbank zur Kulturrevolution mit insgesamt über 10.000 Dokumenten der Öffentlichkeit zugänglich. Auf der Datenbank „The Maoist Legacy“ der Universität Freiburg können kostenlos Akten der juristischen Aufarbeitung heruntergeladen werden. Die riesige Masse an zugänglichen Dokumenten außerhalb des Machtbereichs der KPCh verspricht einen einmaligen Einblick in das Innere des Parteiapparates und der chinesischen Gesellschaft. Ebendarin liegt die große Sprengkraft des Themas „Kulturrevolution“.

In- und außerhalb Chinas sind auch Zeitzeug*innen sehr aktiv. Viele von ihnen schlossen sich als junge Menschen Maos Aufruf zur Rebellion zunächst begeistert an. Repressionserfahrungen oder Landverschickung haben bei einigen von ihnen einen lebenslangen kritischen Reflexionsprozess ausgelöst. Ein Beispiel ist die Gruppe um die digitale Zeitschrift Jiyi („Erinnerung“). Bis vor einigen Jahren durfte Jiyi noch innerhalb Chinas im kleinen Rahmen online zirkulieren; mittlerweile musste die Redaktion das Land verlassen. Ein weiteres Problem der Aufarbeitung liegt darin, dass aktive Teilnehmer*innen der frühen Kulturrevolution heute 80 Jahre oder älter sind.

Angriff auf „Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“

Die neuere wissenschaftliche Forschung betont vor allem die radikalen Wendungen der Kulturrevolution in den verschiedenen Etappen sowie die großen regionalen Unterschiede in ihren Auswirkungen.[2] Zunächst begann die Bewegung mit dem internen Rundschreiben vom 16. Mai 1966 als eine „Säuberung“ des Bildungs-, Medien- und Kultursektors. Sie unterschied sich kaum von den durch die Parteiführung organisierten Kampagnen der Vorjahre. Als Feind*innen gelten Kulturschaffende, die noch unter dem alten nationalistischen Regime ausgebildet worden waren, sowie angebliche „Vertreter der Bourgeoise“ innerhalb von Partei, Staat und Armee. Diesen mangele es an Entschlossenheit im Kampf gegen die „reaktionären bürgerlichen Autoritäten“.

In der heutigen wissenschaftlichen Forschung wird debattiert, ob es Mao zunächst nur um eine Kampagne auf dem Gebiet der Kulturpolitik gegangen sei, oder es sich um ein strategisches Manöver gehandelt habe, um Staatspräsident Liu Shaoqi zu entmachten. Innerhalb der Parteiführung gab es Differenzen, wie sich China nach der Großen Hungersnot (1959–1961) weiterentwickeln solle. Liu und Deng hatten zur Stabilisierung der Versorgungslage eine „Dekollektivierung“ der Landwirtschaft und Ausdehnung lokaler Märkte befürwortet. Mao trat hingegen für eine Verschärfung des Klassenkampfes ein, nachdem die Krise 1962 überwunden war.

Die Kulturrevolution wich erst von den üblichen Kampagnen ab, als sich im Juni 1966 in den Mittelschulen und Universitäten Beijings Rote Garden bildeten. Sie kritisierten in eigener Regie auf Wandzeitungen und in Versammlungen Schul- und Universitätspersonal. Liu, der die alltägliche Administration des Parteiapparats leitete, ließ Arbeitsgruppen aus über 7.000 Kadern in die Hochschulen schicken, um die Bewegung wieder in kontrollierte Bahnen zu lenken. Dabei wurden viele Aktivist*innen kritisiert und Repressionen angedroht.

Die Zentralregierung wies die Behörden an, den Jugendlichen die kostenlose Nutzung von Zügen im ganzen Land und die Unterbringung vor Ort zu ermöglichen. Dadurch breitete sich die Bewegung wie ein Lauffeuer aus.

Eine radikale Wende erfolgte, als Mao aus seiner Sommerresidenz in Wuhan nach Beijing zurückkehrte. Mit einer eigenen Wandzeitung rief er am 5. August dazu auf: „Bombardiert die Hauptquartiere!“. Er prangerte die „Unterdrückung“ der Studierenden als „weißen Terror“ an. Die Zentralregierung erteilte die Anweisung, die Arbeitsgruppen überall abzuziehen. Als diese Nachrichten über die nationalen Medien verbreitet wurden, kam es im ganzen Land in Schulen und Universitäten zu Angriffen auf das Leitungspersonal. Besonders in der Hauptstadt geriet die Gewalt zeitweilig außer Kontrolle. Nach späteren offiziellen Angaben sollen im sogenannten roten August und im frühen September allein in Beijing über tausend Menschen von Roten Garden zu Tode gequält worden sein, darunter viele Lehrer*innen der bekanntesten Eliteschulen der Landes.[3] Einige Wissenschaftler*innen führen den finalen Bruch zwischen Mao und Liu auf die Frage zurück, ob man den Massen freien Lauf lassen oder eine kontrollierte Kampagne unter Führung der Parteikomitees und Arbeitsgruppen durchführen solle.

Unter den frühen Roten Garden in Beijing gab es viele Söhne und Töchter hoher Partei- und Armeefunktionäre. Sie vertraten die sogenannte Blutlinien-Theorie. Diese besagte, dass ihnen aufgrund ihrer „roten Abstammung“ die Führung der Bewegung zustehen müsse. Im „roten August“ durchsuchten Rote Garden Wohnungen von „Klassenfeinden“ und stellten diese in „Kampf- und Kritiksitzungen“ an den Pranger. Viele Opfer versuchten, Demütigung und Folter durch Selbstmord zu entkommen. Die Roten Garden beteiligten sich federführend an der Zerstörung von Tempeln, Kirchen, imperialer Architektur, Gräbern, alten Büchern und allem, was sie mit „feudaler“ Kultur verbanden. Die Behörden ließen sie einige Wochen gewähren und wiesen die Polizei an, nicht einzugreifen.

Allerdings bleibt umstritten, ob Maos eigentliches Ziel der Angriff auf alte „Klassenfeinde“ und „feudale“ Kultur war. Am 8. August 1966 hatte das ZK der KPCh mit dem sogenannten 16-Punkte-Beschluss zur Großen Proletarischen Kulturrevolution versucht, der Bewegung eine neue Richtung zu geben. Darin hieß es: „Das Hauptangriffsziel der gegenwärtigen Bewegung sind jene innerhalb der Partei, die Machtpositionen innehaben und den kapitalistischen Weg gehen.“ Namen wurden nicht genannt, die Massen sollten eigenständig die Feind*innen unter den Kadern entlarven. Das Dokument sprach den Schüler*innen und Studierenden das Recht zu, selbstständig Wandzeitungen anzuschlagen und „große Debatten“ zu führen.

Bezogen auf die Gewaltexzesse blieb das ZK ambivalent. Einerseits rief es dazu auf, den „Kampf mit Worten, nicht mit Fäusten“ zu führen. Anderseits sollten, außer im Falle „aktiver Konterrevolution“, keine Maßnahmen gegen Schüler*innen und Studierende aufgrund von „Problemen“ im Rahmen der Bewegung ergriffen werden. Angekündigt wurde auch die Gründung Kulturrevolutionärer Komitees, die nach den Prinzipien der Pariser Kommune von 1871 gewählt werden sollten. Eine Institutionalisierung der Bewegung und Abhaltung geordneter Wahlen war angesichts der chaotischen Zustände aber nicht möglich.

Die frühen Roten Garden gerieten zunehmend in die Kritik neuer Gruppen, die ihnen unterstellten, ihre Privilegien als Kaderkinder verteidigen zu wollen. Auf große Resonanz stießen Aufsätze in Zeitschriften von Massenorganisationen, die die „Blutlinien-Theorie“ scharf angriffen. Sie forderten, dass alle Jugendlichen an der Kulturrevolution teilnehmen dürften, unabhängig davon, aus welchem Elternhaus sie kamen. Zeitweise stellten sich die nationalen Leitmedien hinter diese Kritik an der „Blutlinien-Theorie“. Damit lösten sie eine Dynamik aus, in deren Folge breite Teile der Jugend eigene Rote-Garden-Gruppen gründeten. Sie legten den Schwerpunkt ihrer Kritik nicht auf die alten „Klassenfeinde“, sondern auf die „Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ innerhalb des Parteiapparats.[4]

Im zweiten Halbjahr 1966 stellten Schulen und Universitäten den Unterricht ein. Die Zentralregierung wies die Behörden an, den Jugendlichen die kostenlose Nutzung von Zügen im ganzen Land und die Unterbringung vor Ort zu ermöglichen. Dadurch breitete sich die Bewegung wie ein Lauffeuer aus. Vielerorts kam es zu Konflikten zwischen loyalistischen Gruppen, die die örtlichen Parteikomitees verteidigen, und „Rebellen“, die Kader vor Ort stürzen wollten. Als Mao sich Anfang November 1966 erneut öffentlich auf die Seite der Rebellion stellte, wollte niemand mehr als loyalistisch gelten. Im Handgemenge der Massenorganisationen geriet die Lage zunehmend außer Kontrolle. In Beijing eskalierten die Fraktionskämpfe innerhalb der Roten Garden an den Universitäten gewaltsam, sodass sie schließlich ihr Prestige als Avantgarde der Bewegung verloren.

Proletarische Rebellion und ihre Einhegung

Um die Versorgungslage und Wirtschaftsplanung nicht zu gefährden, hatte die Zentralregierung den Belegschaften der Industriebetriebe zunächst nicht erlaubt, eigene Massenorganisationen zu schaffen und während der Arbeitszeit an der Bewegung teilnehmen. Mit einer Besetzung der Bahngleise erkämpften im November 1966 Arbeiter*innen in Schanghai, dem wichtigsten Industriezentrum des Landes, die Zusage der Zentralregierung, eigene Rebellengruppen gründen zu dürfen.

Zu diesem Zeitpunkt nutzten verschiedene Teile der Bevölkerung die offizielle Rhetorik der Rebellion, um ihren Unmut auszudrücken. In Schanghai beispielsweise forderten prekär beschäftigte Vertragsarbeiter*innen gleiche Rechte wie die fest angestellten Kernbelegschaften. Von der Regierung aufs Land verschickte Menschen gingen ohne Genehmigung in die Städte zurück. Parteikader, die in Kampagnen vor 1966 degradiert worden waren, forderten ihre Rehabilitierung. Alle versuchten, ihre Probleme den „Machthabern auf dem kapitalistischen Weg“ anzulasten. Dieser Moment der „Volkskulturrevolution“ sollte jedoch nicht lange andauern.

Anfang Januar 1967 ergriff mit Maos Segen eine Allianz von Arbeiterrebellengruppen in Schanghai die Macht. Die alte Stadtregierung war nicht mehr in der Lage gewesen, die Amtsgeschäfte fortzuführen. Sofort startete die neue Regierung eine Kampagne gegen „Ökonomismus“. Damit wurden alle Versuche kriminalisiert, die Kulturrevolution zur Durchsetzung eigener ökonomischer Interessen zu nutzen. In Schanghai kam noch hinzu, dass nicht alle Rebellengruppen in die neue Ordnung eingebunden waren. Die neue Führung unterdrückte oppositionelle Organisationen, was zu gewaltsamen Fraktionskämpfen auf den Straßen führte. Dies belegt, dass Mao kein Problem mit fraktioneller Gewalt hatte, solange seine Seite siegreich war und die neue Ordnung stabilisieren konnte. Außerdem untersagte er die Verwendung des Begriffs „Kommune von Schanghai“, um den Eindruck zu vermeiden, die Führungsrolle der KPCh habe sich erledigt.

Bürgerkriege in den Provinzen

Die nationalen Leitmedien riefen nach dem „Januarsturm von Schanghai“ 1967 im ganzen Land zu „Machtergreifungen“ der „proletarischen Linken“ auf, um eine neue Ordnung zu schaffen. Den kollabierten örtlichen Parteiapparat sollten Revolutionskomitees ersetzen, die aus Delegierten von alten Kadern, Volksbefreiungsarmee und Massenorganisationen bestanden. Mao wies die Armee Ende Januar an, diese „Machtergreifungen“ aktiv zu unterstützen. In nur vier der insgesamt 22 Provinzen und fünf Autonomen Regionen waren derartige „Machtergreifungen“ von Erfolg gekrönt. In großen Teilen des Landes kam es jedoch zum Bürgerkrieg. Xinjiang und Tibet konnten als Schlusslichter erst Ende 1968 von Beijing anerkannte Revolutionskomitees gründen.

Politische Debatten über soziale Zustände der Gesellschaft oder die Bewertung familiärer Abstammung, wie sie in der zweiten Jahreshälfte 1966 stattfanden, sollten 1967 und 1968 kaum noch eine Rolle spielen. Es ging vor allem um Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen im Rahmen der Etablierung der neuen Ordnung. Vor Ort war oft umstritten, welche der Massenorganisationen eigentlich „die Linke“ repräsentierte, die die Armee unterstützen sollte. In extremen Fällen kam es vor Ort gar zur Spaltung innerhalb der Streitkräfte, wobei die Fraktionen dann gegnerische Massenorganisationen mit Waffen ausrüsteten.

Die Rebell*innen spalteten sich überall in verfeindete Fraktionen. Sie unterstützen oder bekämpften die neuen Provinzregierungen, vor allem solange diese von der Zentralregierung nicht offiziell anerkannt waren. Oft konnte keine Einigkeit hergestellt werden, welche alten Kader als revolutionär galten und als Delegierte in den Revolutionskomitees vertreten sein sollten. Schließlich wurden – mit der Ausnahme von lediglich sechs Provinzen – alle Revolutionskomitees von der Armee geführt. Einige Provinzen und wichtige Teile der Infrastruktur gerieten direkt unter Militärverwaltung, und mitunter wurde sogar das Kriegsrecht verhängt.

Die Armee ließ die neue Ordnung durchsetzen mittels Repressionen von oben. Während der Kampagnen zur „Säuberung der Klassenreihen“ (1968–1969), zur „Aufdeckung der konterrevolutionären Clique vom 16. Mai“ und „Einmal zuschlagen, Drei-Anti“ (1970)[5] kam es zu Massenverhaftungen und Hinrichtungen. Durch Folter erzwungene Geständnisse und Denunziationen sowie Selbstmorde nach Kritiksitzungen waren an der Tagesordnung.

Der US-amerikanische Soziologe Andrew Walder hat über 2000 offizielle lokale Chroniken ausgewertet. Basierend auf diesen Statistiken schätzt er die Zahl der Todesopfer der Kulturrevolution auf 1,1 bis 1,6 Millionen Menschen.[6] Die große Mehrzahl von ihnen verlor das Leben nach der Herstellung der neuen Ordnung unter Führung der Armee. Damit gab es wesentlich mehr Opfer des „grünen Terrors“ (in Anlehnung an die Farbe der Uniformen) als durch den „roten Terror“ des rotgardistischen Mobs im August 1966 oder die bewaffneten Fraktionskämpfe des Jahres 1967.

Restauration des Parteiapparats

Im Sommer 1968 hatte Mao die Führer*innen der Roten Garden der Beijinger Universitäten zu sich zitiert, um zu verkünden, dass ihre große Zeit vorbei sei. „Mao-Zedong-Ideen-Propagandatruppen der Arbeiter und Soldaten“ rückten in die Hochschulen ein, um die Macht zu übernehmen. Sie sollten die „kleinbürgerlichen“ Studierenden „erneut erziehen“, so die neue Sprachregelung. Diese Maßnahme unterschied sich kaum von den Arbeitsgruppen, die Liu 1966 an die Universitäten beordert hatte. Mit der Landverschickung von Millionen Mittelschulabsolvent*innen ab dem zweiten Halbjahr 1968 wurde die Bewegung der Roten Garden an den Schulen de facto zerschlagen.

Nach Gründung der letzten Revolutionskomitees im Winter 1968 drängte Mao auf die Ausrichtung des 9. Parteitages der KPCh im kommenden Jahr. Die Wiederherstellung der Parteikomitees auf allen Ebenen wurde in Angriff genommen. Der zunehmend eskalierende Grenzkonflikt mit der Sowjetunion legte zudem eine Wiederherstellung des staatlichen Gewaltmonopols nahe. Bis zum Parteitag im April 1969 ließ die Regierung die Massenorganisationen auflösen. In vielen Revolutionskomitees hatten Soldaten und Parteikader die Delegierten der Massen ohnehin schon an den Rand gedrängt.

Letztendlich legten Erfahrungen der Kulturrevolution die Grundlage dafür, dass nach dem Tod des „großen Vorsitzenden“ viele Chines*innen eine Abkehr vom Maoismus begrüßten und der „Reform und Öffnung“ positiv gegenüberstanden.

Mao musste am Ende erkennen, dass er ohne die alten Kader das Land nicht regieren konnte. Ein großer Teil von ihnen wurde im Zuge des 9. Parteitags wieder in Führungspositionen berufen. Anders erging es Staatspräsident Liu Shaoqi. Er wurde im Gefängnis noch am Leben gehalten, um auf dem Parteitag offiziell seine Enttarnung als „Verräter“ zu bestätigen. Am 12. November 1969 starb er schließlich in Haft als Folge wiederholter Folterungen und der Verwehrung medizinischer Versorgung.

Der 9. Parteitag verkündete zwar den Sieg der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“; die Phase der aktiven und selbstständigen Beteiligung der Bevölkerung war jedoch weitgehend beendet. Die Revolution hatte ihre Kinder „gefressen“ bzw. aufs Land verschickt. Statt „Nachfolger der Revolution“ zu werden, waren viele Aktivist*innen von 1966 desillusioniert, nicht zuletzt, nachdem sie die Armut der Landbevölkerung mit eigenen Augen gesehen hatten.

Maos letzte große Kampagne brachte weder nachhaltige neue Formen der Repräsentation der Massen im politischen System hervor, noch konnte sie eine Alternative zur leninistischen Parteiherrschaft errichten. Letztendlich legten Erfahrungen der Kulturrevolution die Grundlage dafür, dass nach dem Tod des „großen Vorsitzenden“ viele Chines*innen eine Abkehr vom Maoismus begrüßten und der „Reform und Öffnung“ positiv gegenüberstanden.
 


[1] Zur Diskussion der Zahlen siehe Daniel Leese: Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit, München 2020, S. 245f.

[2] Für eine ausführliche Darstellung siehe Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China: Conflict and Change, 1949–1976, Cambridge 2019, S. 196–206.

[3] Wang Nianyi: Dadongluan de niandai, Beijing 2009, S. 53.

[4] Für eine ausführliche Darstellung siehe Yiching Wu:Die andere Kulturrevolution 1966–1969: Der Anfang vom Ende des chinesischen Sozialismus (übersetzt und herausgegeben von Ralf Ruckus), Wien 2019, Kapitel 3.

[5] Das bedeutete Zuschlagen gegen die „Konterrevolution“ sowie Kampf gegen „Korruption und Veruntreuung“, „Profitgier“ und „Verschwendung“.

[6] Andrew Walder: Agents of Disorder: Inside China’s Cultural Revolution, Cambridge MA 2019, S. 186–189.

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