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Seit Jahren liebäugelt der Kreml mit dem extremen Nationalismus, um die Gesellschaft von einem zermürbenden Krieg und der wirtschaftlichen Misere abzulenken. 2025 hatte diese Strategie katastrophale Folgen: Während der Staat europäische Faschist*innen im Sankt Petersburger Marienpalast empfing, entstand in den Straßen russischer Städte eine neue, extrem gewalttätige Subkultur sehr junger Skinheads – die sogenannten Kinderheads –, die Morde an migrantischen Kindern live im Internet übertragen.
Ein solcher Fall ereignete sich am frühen Morgen des 16. Dezember 2025 in einem Vorort von Moskau, nur zehn Kilometer vom Amtssitz des russischen Präsidenten entfernt. In einem live gestreamten Video war zu sehen, wie ein fünfzehnjähriger Schüler das Gebäude der Uspenskaya-Schule betrat. Er trug eine Kampfweste und einen Helm, auf dem Parolen der White-Supremacy-Bewegung zu lesen waren – offenkundig bezog er sich auf den rassistisch motivierten Angriff auf einen Supermarkt in Buffalo im US-Bundesstaat New York und den Terroranschlag auf zwei Moscheen im australischen Christchurch. Unter seiner Ausrüstung trug er ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „No Lives Matter“ sowie eine Kamera, die jede seiner Bewegungen live übertrug.
Bewaffnet mit einem Messer, Pfefferspray und einem selbst gebauten Sprengsatz wollte er alle niedermetzeln, die von den rassistischen Reinheitsfanatiker*innen als „Besatzer“ bezeichnet werden. Da er seine Mathematiklehrerin, deren dunkle Hautfarbe in seinen Augen für ein Todesurteil genügte, im Klassenzimmer nicht antraf, trat der Teenager auf den Flur: „Was ist eure Nationalität?“, schrie er die verängstigten Grundschüler*innen an. Im panischen Gedränge ergriff der Terrorist einen Zehnjährigen, den Sohn einer schulischen Reinigungskraft und Migrantin aus Tadschikistan. Der Angreifer stach mehrfach auf das Kind ein, das später an den Verletzungen starb, und machte dann ein Selfie vor dem blutüberströmten Körper seines Opfers.
Bei dieser Tat handelte es sich nicht um einen Einzelfall. Allein 2025 war es bereits die zweite Tat dieser Art, bei der ein radikalisierter russischer Teenager ein Kind mit Migrationshintergrund brutal ermordete. Bereits im April war ein Vierzehnjähriger aus dem Umland eigens in einen Moskauer Vorort gefahren, wo er einen zehnjährigen kirgisischen Jungen direkt vor dessen Wohnheim heimtückisch angriff und erstach.
Diese Tragödien sind mehr als nur sinnlose Amokläufe von Schülern. Sie setzen das Fanal eines Jahres, in dem der russische Rechtsextremismus eine neue Form annahm und sich endgültig der Kontrolle des Staates entzog, der ihn jahrelang gefördert hatte.
Zwei Seiten ein und desselben Hasses
2025 vollzog sich in der politischen Landschaft Russlands ein erschreckender Wandel. Vor dem Hintergrund eines langwierigen bewaffneten Konflikts, drastischer Sanktionen und der zunehmenden Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung suchte die Präsidialverwaltung nach neuen Wegen, um die Wählerschaft im Vorfeld der Parlamentswahl im Herbst 2026 zu mobilisieren.
Plötzlich tönte eine Rhetorik von den Rednerpulten der Staatsduma und aus dem Munde hochrangiger Staatsbediensteter, die vor zehn Jahren noch unbedeutenden Neonazi- oder Skinhead-Gruppen vorbehalten war. So sprach sich der Leiter der russischen Antikorruptionsbehörde unverhohlen für eine obligatorische Genomregistrierung aller Migrant*innen aus und forderte, dass eingebürgerten Ausländer*innen die Staatsbürgerschaft zu entziehen sei. Die Regierung verabschiedete neue migrationspolitische Leitlinien und schuf ein „Register kontrollierter Personen“ mit über 770.000 Namen. Die umstrittenste Neuerung war die strenge Russisch-Pflicht für Schulkinder mit Migrationshintergrund, die sie praktisch vom Schulbesuch in Russland ausschließt. Mehr als 50 russische Regionen verboten Migrant*innen gesetzlich die Arbeit im Taxigewerbe, im medizinischen Bereich und im Dienstleistungssektor. Dies geschah trotz der aussagekräftigen Statistiken des Innenministeriums aus dem Jahr 2024, die belegen, dass Ausländer*innen für lediglich zwei Prozent der Straftaten in Russland verantwortlich waren, obwohl sie acht Prozent der russischen Gesellschaft stellten. Meinungsumfragen zeigen zudem, dass die Angst vor einem „Zustrom von Migranten“ längst nicht mehr die größte Sorge der russischen Bevölkerung darstellt, sondern an dritter oder vierter Stelle steht.
Die etablierten Parteien waren bemüht, die radikalen Wähler*innen für sich zu gewinnen. Die mitregierende Liberal-Demokratische Partei Russlands (LDPR) brachte Gesetzesentwürfe auf den Weg, um Migrantenfamilien an der Einreise zu hindern und Schulgebühren für Schüler*innen ohne Staatsbürgerschaft zu erheben. Bei einer Kundgebung zum 1. Mai demonstrierten LPPR-Mitglieder mit der schwarz-gelb-weißen Flagge des Russischen Kaiserreiches und skandierten „Arbeitsplätze für Russen!“ Auch die dem Regime nahestehende, wirtschaftsliberale Partei „Neue Menschen“ sprang auf den Zug auf: Ihr Vorsitzender schlug vor, künstliche Intelligenz zur umfassenden Überwachung von Ausländer*innen einzusetzen, und schaltete Wahlwerbung bei Wladislaw Posdnjakow, dem Gründer des rechtsextremen Netzwerks „Männerstaat“.
In dieser aufgeheizten Atmosphäre haben Bürgerwehren Auftrieb. Organisationen mit hunderttausenden Mitgliedern, wie etwa die „Russische Gemeinschaft“ (Russkaja obschtschina) und die Bewegung „Menschen des Nordens“ (Sewerny tschelowek), übernehmen inzwischen die Rolle einer Sittenpolizei. Stämmige Männer vermummen sich und führen eigenmächtig „Razzien“ in Wohnungen von Migrant*innen durch; einer dieser Überfälle endete im Mai 2025 mit dem Tod eines Mannes aus Armenien. Es gibt auch Fälle, in denen selbst ernannte Ordnungshüter die Ausweise russischer Bürger*innen mit asiatischem Aussehen direkt auf den Bahnsteigen der Vorortzüge kontrollieren.
Zeugnisse des Terrors und eine blutige Statistik
Der Staat nutzte diese Hysterie gegen Migrant*innen, um von gravierenden Wirtschaftsproblemen und dem sozialen Verfall abzulenken. Doch radikalisierte Jugendliche sahen in der staatlich geförderten Fremdenfeindlichkeit einen Aufruf zum Kampf. Sie nahmen die staatliche Propaganda wörtlich.
Statistiken des unabhängigen Nazi Video Monitoring Project (NVMP), das Neonazi-Kanäle auf Telegram täglich analysiert, lassen aufhorchen. Die in diesem digitalen Raum ausgestellten Gewaltakte erreichten 2025 mit 1.107 verifizierten Vorfällen – Angriffe auf offener Straße, Überfälle mit Fahrerflucht, Brandstiftung, Vandalismus und Morde – ein historisches Hoch. Das Jahr verzeichnete zudem einen absoluten Rekord an Brutalität: Es wurden sechs rassistisch motivierte Morde registriert. Zum Einsatz kamen nun auch Hämmer, Schlagringe und Leuchtpistolen – in Kostroma schossen Neonazis einem jungen Mann aus nächster Nähe ins Gesicht und verletzten ihn so schwer, dass er auf einem Auge erblindete.
Die Extremist*innen nehmen nun nicht mehr nur Straßenkehrer und Lieferkuriere, sondern auch internationale Studierende ins Visier. In Uljanowsk gründete sich eine Jugendbande, die sich „Die Rechten“ (Prawje) nannte, und veranstaltete in der Nähe eines örtlichen Einkaufszentrums brutale Jagden auf indische Studierende. Im Februar 2026 stürmte ein Fünfzehnjähriger in der Stadt Ufa mit einem Messer und Rohrbomben ein Studierendenwohnheim der medizinischen Universität, verletzte vier indische Staatsbürger*innen und zwei Polizeibeamte und zeichnete anschließend mit dem Blut eines seiner Opfer ein Hakenkreuz.
Zahlreiche Telegram-Kanäle haben sich dank der laschen Moderationsrichtlinien zu Fabriken für sogenannte Snuff-Videos entwickelt. Der Neonazi-Kanal „Dorfclub“ (Selski klub) etwa sammelte derartige Videos von extremer Gewalt und zählte 23.000 Abonnent*innen – er wurde erst im Herbst 2025 gelöscht. Das NS/WP-Untergrundnetzwerk (Nationalsozialismus/White Power) baute den perfekten Marketing-Trichter auf: Mit raffinierten, stilisierten Serienmörder-Videos auf TikTok wurden Jugendliche auf professionelle (mit Buffer integrierte) Telegram-Kanäle gelockt. Um Zugang zu geschlossenen Chats zu erhalten, mussten sie sich dabei filmen, wie sie einen Menschen mit Migrationshintergrund schlagen oder die Reifen eines Autos aufschlitzen, das das kriegsbefürwortende „Z“-Symbol trägt. Faschistische Akzelerationist*innen betrachten die Russische Föderation als „multiethnische neosowjetische Tyrannei“; demnach ist die Unterstützung des Krieges in der Ukraine ein Verrat an der „weißen Rasse“ und dem slawischen Volk.
2025 kam es außerdem zu einer Zunahme von „Fake-Dates“, bei denen LGBTQ+-Personen zu vermeintlichen Treffen gelockt und anschließend gedemütigt, gefoltert oder sogar getötet wurden. In Moskau wurden ganze Gruppen festgenommen, die solche homophoben Angriffe verübten. In Sankt Petersburg schossen selbst ernannte „Schwulenjäger“ in einem öffentlichen Park einem 42-jährigen Mann mit einer RAM-Pistole in den Kopf.
Laut NVMP zeichnete sich 2025 ein erschreckend klares Opferprofil ab. Von den 1.107 bestätigten Angriffen richteten sich rund 80 Prozent gegen Personen mit einem „nicht-slawischen Phänotyp“ – eine weit gefasste Kategorie, die nach wie vor insbesondere Migrant*innen aus Zentralasien und dem Kaukasus meint, mittlerweile aber auch ausländische Studierende aus Indien und Afrika umfasst. Weitere zehn Prozent der Opfer sind LGBTQ+-Personen, die misshandelt und/oder erpresst werden, während die restlichen zehn Prozent der Vorfälle linke Aktivist*innen und – paradoxerweise – das Eigentum von kriegsbefürwortenden „Z“-Anhänger*innen betreffen.
Die „Faschistische Internationale“ im Sankt Petersburger Marienpalast
Während auf den Straßen Jugendliche ermordet wurden, schmiedeten führende Köpfe der rechtsextremen Bewegung weltumspannende Allianzen. Im vergangenen Jahr unternahm Russland einen kühnen Vorstoß, sich zum globalen Zentrum für Ideolog*innen der Weißen Vorherrschaft zu entwickeln.
Am 12. September 2025 fand der Gründungskongress der „Internationalen Liga der Antiglobalisten – Paladine“ unter unmittelbarer Mitwirkung von Abgeordneten der regierenden Partei „Einiges Russland“ statt. Finanziert wurde diese Versammlung hauptsächlich vom „orthodoxen Oligarchen“ Konstantin Malofejew, während der Philosoph Alexandr Dugin als ideologischer Architekt fungierte. In den Palastsälen versammelten sich Erb*innen des Diktators Francisco Franco (Falange Española de las JONS), spanische Neonazis der Democracia Nacional, Mitglieder der französischen Les Nationalistes, mexikanische Radikale der UNR (Unión, Nación, Revolución), ungarische Revanchist*innen der „64 Burgkomitate“ (HVIM) und sogar ein amtierender AfD-Abgeordneter aus der Hamburgischen Bürgerschaft, Robert Risch – der später deswegen aus der Fraktion ausgeschlossen wurde.
Ihre Ziele verhehlt die Liga nicht: Auflösung der Europäischen Union, Massenabschiebungen, Kampf gegen den „Globalismus“. Das Duo Malofejew-Dugin pflegt bereits seit Mai 2014 systematisch Kontakte zur extremen Rechten in Europa. Damals veranstalteten sie im Wiener Palais Liechtenstein ein Geheimtreffen mit Führungskräften der österreichischen FPÖ und des französischen Front National. Ein Jahr später, im März 2015, organisierten sie das „Internationale Russische Konservative Forum“ in Sankt Petersburg und brachten dort bekennende Neonazis wie den Deutschen Udo Voigt und den Italiener Roberto Fiore zusammen. Mit dem Paladin-Kongress 2025 wurde das, was einst in dunklen Hotelkonferenzräumen geflüstert wurde, in die offiziellen Säle eines Parlaments getragen, denn der Marienpalast ist Sitz der Gesetzgebenden Versammlung Sankt Petersburgs.
Der Zusammenbruch des Schützengraben-Nationalismus
Die Beziehung des Kremls zu den Nationalist*innen birgt jedoch eine gewisse Paradoxie. Während der russische Staat zivile Fremdenfeindlichkeit legalisierte und europäische Faschist*innen nach Sankt Petersburg einlud, ging er an der Front hart gegen rechtsextreme Formationen vor. Schwer bewaffnete, unabhängige Extremisten sind für das System ein zu großes Risiko.
Das prominenteste Beispiel ist das Schicksal der 88. Freiwilligenbrigade „Española“. Ursprünglich von den Behörden als Eliteprojekt für Fußball-Hooligans gepriesen, verkam sie bald zu einem kriminellen Kartell. Zügellose Korruption einschließlich Tausender „toter Seelen“ auf den Gehaltslisten, Machtkämpfe unter den Kommandanten, massiver Drogenkonsum im Hinterland und Waffenhandel überstrapazierten schließlich die Geduld der Sicherheitsdienste.
Am 4. Dezember 2025 wurde der Gründer der Brigade in Sewastopol beim Zugriff von FSB-Spezialeinheiten getötet. Die staatliche Institutionen boykottierten demonstrativ seine Beerdigung in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau und weigerten sich, eine Vertretung oder auch nur einen Kranz zu entsenden. Die Überreste der Brigade suchten Zuflucht bei der zivilen „Russischen Gemeinschaft“.
Ein ähnliches Schicksal hat andere glorreiche Verbände ereilt: Das 106. „Swetlojar“ (ehemals „Moskau“) distanzierte sich von seinem Geldgeber, dem Oligarchen Malofejew, lehnte einen Status als dessen Privatarmee ab und löste sich auf. Die legendäre Neonazi-Einheit „Sabotage-Sturm-Aufklärungstrupp Russitsch“ wurde öffentlich gedemütigt: Nachdem ihr Vordenker, Jan Petrowski, in Finnland zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, musste ihr Kommandeur kapitulieren und sich öffentlich mit einem verhassten Rivalen versöhnen, dem tschetschenischen Kommandeur und Generalmajor Apti Alaudinow.
Für den Kreml verkörpert Alaudinow die offizielle russische Doktrin der „Freundschaft der Völker“ – ein gezieltes, staatlich gefördertes Gegengewicht zum ethnisch-russischen Chauvinismus. Als Verfechter des regierungsamtlichen Narrativs vom interethnischen und interreligiösen Dialog war Alaudinow maßgeblich an der Gründung der „Gemeinschaft der Völkerfreundschaft“ beteiligt, die in direkter Konkurrenz zur immer einflussreicheren „Russischen Gemeinschaft“ steht. In seiner Rolle als treuester Diener des Kremls führte er allerdings ein fast schon surreal anmutendes Manöver durch, als er dem Kuratorium einer nationalistischen Splittergruppe beitrat. Der Staat sandte damit ein klares Signal: Nationalismus kann in Russland nur unter strenger Aufsicht existieren, und der Aufseher kann durchaus ein tschetschenischer General sein.
Eine gefährliche Sackgasse
Am Vorabend der Parlamentswahl 2026 steckt Russland in einer Falle, die es sich mit seiner zynischen Politik selbst gestellt hat. Die Versuche, Wähler*innen durch Nationalismus zu mobilisieren, haben die Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen nur verschärft. Der Staat hat einen Teil seines Gewaltmonopols faktisch an rechtsextreme Gruppen ausgelagert, die in gemeinsamen Einsätzen mit der Polizei Migrant*innen terrorisieren. Unterdessen ist im digitalen Untergrund eine Generation von akzelerationistischen Neonazi-Kindern herangewachsen: Jugendliche, die nicht mehr nur die Papiere von Migrant*innen kontrollieren, sondern töten wollen.
Ende 2025 schlugen einige Regierungspolitiker Alarm. Der Bevollmächtigte Vertreter des Präsidenten im Föderationskreis Ural und der Vorsitzende des russischen Menschenrechtsrats bezeichneten die Aktivitäten der Freiwilligen-Milizen offen als „gefährlichen Dilettantismus“.
Doch das ideologische Gift ist bereits in den gesellschaftlichen Kreislauf eingedrungen. Die Tragödie, die sich im Dezember 2025 in dem Moskauer Vorort ereignete, war keine Ausnahmeerscheinung, sondern ein erschreckendes Spiegelbild des heutigen Russlands. Einer multiethnischen Föderation dürfte es schwerfallen, dem systematischen Einfluss rassistischer Ideologien standzuhalten. Doch die wahre Katastrophe liegt nicht allein in der Gegenwart, sondern in der Zukunft des Landes. Wenn das staatlich geduldete Gift generationenübergreifend ein Klima geschaffen hat, das Kinder radikalisiert und dazu bringt, andere Kinder zu töten – dann sind die Aussichten außerordentlich düster. Russland versinkt in einer dunklen, gewaltsamen Realität, in der die eigene Jugend zum gnadenlosesten Henker des Landes geworden ist.
Übersetzung von Camilla Elle und Franck Traps für Gegensatz Translation Collective.

