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Nachricht , : Schweigard: Eine neue Ästhetik des Lebens; Stuttgart 2026

Wegbereiter der Moderne im Stuttgart der Roaring Twenties 1919-1933

Wichtige Fakten

Details

Jörg Schweigard legt ein Lesebuch über das Stuttgart der 1920er Jahre vor. Es berichtet von bemerkenswerten Personen, die in dieser Epoche in der Neckarmetropole lebten und wirkten. Es geht um Sportler, Politiker:innen, Künstler:innen, Frauenrechtlerinnen und Unternehmer.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine überarbeitete Version einer 2012 erstmals erschienenen Publikation des Autors. Es wirkt zunächst wie eine lokalhistorische Studie, verfolgt aber einen weiterreichenden Anspruch. Es geht zwar vor allem um Stuttgart, und auch in erster Linie um einzelne Akteur:innen, jedoch auch um die Frage, wie sich in konkreten sozialen und kulturellen Konstellationen oder Milieus eine neue Form des Lebensgefühls herausbildet – eine Ästhetik, die die Moderne nicht bloß begleitet, sondern aktiv hervorbringt.

Schweigard nähert sich seinem Gegenstand mit einer Mischung aus Detailversessenheit und interpretativer Offenheit. Er rekonstruiert Netzwerke, zeichnet Biografien nach und legt dabei immer wieder jene feinen Verschiebungen frei, in denen sich das Neue ankündigt. Das ist stellenweise ausgesprochen dicht, fast schon archivalisch in seiner Materialfülle. Gleichzeitig verweigert sich der Text einer rein deskriptiven Haltung. Immer wieder blitzen Thesen auf, die über den konkreten Fall hinausweisen und das Lokale als «Labor der Moderne» lesbar machen.

Wegbereiter der Moderne

Auffällig ist der Zugriff auf den Begriff der reformerischen Ästhetik. Schweigard versteht darunter nicht Kunst im engeren Sinne, sondern eine umfassende Praxis der Lebensgestaltung. Wohnen, Arbeiten, Bildung, Wahrnehmen, Feiern – all das wird als Teil eines ästhetischen Projekts begriffen. In dieser Perspektive erscheinen die «Wegbereiter» weniger als geniale Einzelne, denn als Knotenpunkte in einem Geflecht von Praktiken, Diskursen und sozial-experimentellen Ansätzen. Trotzdem sind die vielen Beispiele, die Schweigard anführt, letztlich doch die Beschreibung von Biografien.

Gleichwohl bleibt das Buch nicht frei von Ambivalenzen. Die Betonung des Ästhetischen läuft bisweilen Gefahr, soziale Konfliktlinien zu glätten oder gar auszusparen. Zwar deutet Schweigard die Spannungen zwischen bürgerlichen Reformansprüchen und gesellschaftlicher Realität sowie die Kämpfe der Arbeiterbewegung an, doch werden diese nicht genügend verfolgt. Man hätte sich stellenweise eine stärkere Gewichtung der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen gewünscht, die jene «neue Ästhetik» überhaupt erst ermöglich(t)en oder begrenz(t)en.

Gerade darin zeigt sich jedoch auch die produktive Unschärfe des Projekts. Schweigard schreibt keine abgeschlossene Geschichte, sondern öffnet einen Denkraum. Stuttgart fungiert dabei als exemplarischer Ort, an dem sich Prozesse verdichten, die für die Moderne insgesamt charakteristisch sind. Das Buch lädt dazu ein, diese Prozesse nicht als lineare Entwicklung zu begreifen, sondern als ein Geflecht von Versuchen, Brüchen und Neuansätzen. Dabei ist es dann nachrangig, ob es um sozialdemokratische oder linksliberale Verwaltungsangehörige, avantgardistische Künstler, jüdische Kulturproduzent:innen, den Vagabundenkönig Gregor Gog oder den als fortschrittlich bezeichneten Fabrikanten und Mäzen Robert Bosch geht.

Stilistisch bewegt sich der Text zwischen wissenschaftlicher Nüchternheit und essayistischer Verdichtung. Er belohnt mit immer wieder überraschenden Einsichten. Wer ein klares, systematisches Handbuch erwartet, wird möglicherweise irritiert sein. Wer hingegen bereit ist, sich auf die «Roaring Twenties» einzulassen, findet hier eine anregende Lektüre, viele bekannte Namen – und wird aber auch neue(s) entdecken. Diese Stadtgeschichte macht sichtbar, dass Moderne nicht nur gedacht, sondern gelebt und organisiert wird: In Räumen, Praktiken und Wahrnehmungen, die sich immer wieder neu formieren. Und es ist nicht zuletzt ein vehementes Plädoyer zur heute so notwendigen Verteidigung von Demokratie und Pluralität, von Offenheit und Teilhabe.

Jörg Schweigard: Eine neue Ästhetik des Lebens. Wegbereiter der Moderne im Stuttgart der Roaring Twenties 1919-1933; Schmetterling Verlag, Stuttgart 2026, 326 Seiten, 24,80 Euro

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