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Analyse , : Kolumbien: Wandel oder Restauration

Am 31. Mai wählt das südamerikanische Land ein neues Staatsoberhaupt. Wer folgt auf Gustavo Petro? Von Elias Korte

Wichtige Fakten

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Elias Korte,

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Die indigenen Bewegungen bleiben die stabilste organisierte Kraft der pluralen Linken. Aida Quilcué, die als Vizepräsidentin kandidiert, hat dort ihre politische Heimat. Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Vier Jahre nach dem historischen Wahlsieg Gustavo Petros, des ersten linken Präsidenten der Landesgeschichte, steht Kolumbien vor der Frage, ob der eingeleitete Wandel fortgesetzt oder rückgängig gemacht werden soll.

Die Umfragen zeichnen ein relativ klares Bild. Alle fünf vom kolumbianischen Wahlrat zugelassenen Institute sehen den linken Senator und Kandidaten des Regierungslagers, Iván Cepeda, klar auf Platz eins. Der gewichtete Durchschnitt der Umfragen beziffert seine Unterstützung auf 38 bis 40 Prozent. Damit liegt Cepeda klar vorne, aber weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Eine Stichwahl gilt als sicher.

Auf den Plätzen zwei und drei liegen Abelardo de la Espriella und Paloma Valencia mit je etwa 21 bis 23 Prozent. Wer von beiden in die Stichwahl einzieht, ist die entscheidende Frage des ersten Wahlgangs, denn die Stichwahl-Simulationen zeigen: Gegen De la Espriella liegt Cepeda vorn, gegen Valencia knapp hinten.

Die Institute lagen in der Vergangenheit aber mitunter deutlich daneben, weshalb die Umfragewerte keine verlässliche Prognose darstellen. In jedem Fall gibt es eine realistische Aussicht, dass sich das progressive Regierungsprojekt behaupten kann – in einem strukturell konservativ geprägten Land und gegen den Rechtstrend in Lateinamerika.

Kolumbiens langer Sonderweg

Kolumbien blickt auf eine lange Tradition formaler demokratischer Institutionen zurück. Während Argentinien, Chile und Brasilien jahrelang unter Militärdiktaturen litten, gab es in Kolumbien – bis auf die Zeit unter General Rojas Pinilla von 1953 bis 1957 – formell demokratische Wahlen sowie zivile, wenngleich oligarchisch geprägte, Regierungen und parlamentarische Institutionen. Das klingt nach einem gegen den regionalen Trend laufenden Erfolgsmodell.

Kolumbien wählt nicht einfach eine Regierung. Es wählt zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Staatskonzepten: ein Transformationsprojekt, das soziale Gerechtigkeit und staatliche Präsenz auch in die Peripherie bringt, oder ein Ordnungsstaat, der Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität für die gehobenen Gesellschaftsschichten verspricht.

Doch der Schein trügt. Denn die Demokratie bedeutete über Jahrzehnte die Herrschaft einer kleinen Elite: Der sogenannte Frente Nacional, eine Machtteilung zwischen Liberalen und Konservativen von 1958 bis 1974, legte den Grundstein für weitere Jahrzehnte der institutionellen Exklusion linker Kräfte. Es gab keinen Frieden, sondern eine Gleichzeitigkeit von elitärer Formaldemokratie und dauerhafter bewaffneter Gewalt: Linke Guerillabewegungen, rechte Paramilitärs mit Verbindungen zu ökonomischen Eliten und der kolumbianische Staat mit seinen Sicherheitskräften bekriegten sich in einem der längsten bewaffneten Konflikte der westlichen Hemisphäre. 

Geopolitisch ist das Land keineswegs peripher. Es hat eine strategische Lage, ist der einzige NATO-Globalpartner in Lateinamerika, gewährt den USA Zugang zu sieben eigenen Militärstützpunkten und bildet mit seiner Grenze zu Panama den wichtigsten Transitkorridor für Migrationsbewegungen in Richtung Norden. Kolumbien ist der bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Staat der Andengemeinschaft, war jedoch bis zum Friedensabkommen 2016 und dem Regierungswechsel 2022 auf der großen Weltbühne kaum als eigenständiger Akteur sichtbar.

Die Regierung Petro

Dass der ehemalige Guerillero Gustavo Petro im Jahr 2022 zum ersten linken Präsidenten Kolumbiens gewählt wurde, markierte einen historischen Bruch. Er versprach einen Cambio: sozialen Wandel, Friedenspolitik, eine neue Drogenpolitik, Würde für die Marginalisierten. Was ist daraus geworden?

Die Bilanz ist besser, als Petros Gegner*innen zugeben, und begrenzter, als die in ihn gesetzten Hoffnungen seiner Anhänger*innen. Zum Ende seiner Regierungszeit liegt die Arbeitslosigkeit auf einem Jahrhundert-Tief, die Armut konnte erstmalig auf unter zehn Prozent reduziert werden, und im Rahmen einer Landreform erhielten Kleinbauern und -bäuerinnen 1,8 Millionen Hektar Land. Die Inflation sank von 13,3 Prozent im März 2023 auf rund fünf Prozent, die Währung blieb stabil, und die befürchtete Kapitalflucht fand nicht statt. Getragen von privatem Konsum, Rekordüberweisungen aus der Diaspora und einem dynamischen Kaffeemarkt betrug das Wirtschaftswachstum im letzten Kalenderjahr 2,6 Prozent. Reale Fortschritte gibt es auch bei der wirtschaftlichen Diversifizierung: Zum ersten Mal überstiegen die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus jene des Kohleexports, die installierte Kapazität nicht-konventioneller erneuerbarer Energien schnellte von 200 auf über 3.600 Megawatt empor. 

Das strukturelle Problem liegt auf der Ausgabenseite: Das Haushaltsdefizit stieg auf rund 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was die Regierung zur Aussetzung der eigenen Fiskalregel zwang und der nächsten Regierung einen erheblichen Konsolidierungsdruck hinterlässt. 

Dennoch unterscheidet sich Petros Wirtschaftspolitik von anderen in Lateinamerika verfolgten Ansätzen. Anders als die Linksregierungen Venezuelas oder Boliviens in den 2000er Jahren setzte Petro nicht auf die Umverteilung der Rohstoffeinnahmen, sondern auf eine sozialökologische Reformpolitik mit dem Anspruch, das Exportmodell selbst zu verändern, statt „nur“ seine Erträge umzuverteilen.

Petro hat die politische Linke institutionell stärker gemacht, als sie jemals war. Aber ihm waren im Rahmen der Regierungsführung enge Grenzen gesetzt; Kongress und Justiz haben viele Vorhaben blockiert, regionale Eliten und Sicherheitsapparate ihre Macht ausgespielt.

Zugleich scheiterten jedoch wichtige Strukturreformen oder fanden nur in stark verwässerter Form eine Mehrheit im Parlament. Immerhin wurde 2024 die Rentenreform nach zähen Verhandlungen verabschiedet: Private Rentenfonds und das staatliche System der Colpensiones sollen künftig nicht mehr konkurrieren, sondern sich ergänzen mit dem Ziel, den Rentenzugang zu auszuweiten, der bisher nur eine*n von vier Kolumbianer*innen im Rentenalter erreicht. Zentrales Element ist eine bedingungslose Grundrente für arme Senior*innen ohne Rentenanspruch, von der über drei Millionen Menschen profitieren. Die Gesundheitsreform hingegen scheiterte vollständig. Sie hatte vorgesehen, die privaten Krankenversicherungsträger als finanzielle Zwischenhändler zu eliminieren und die Ressourcenverwaltung in staatliche Hände zu legen, doch eine breite Koalition aus Opposition und Teilen der Regierungskoalition verhinderte das Vorhaben.

Die im Juni 2025 verabschiedete Arbeitsreform indes stellt die bedeutendste Korrektur des kolumbianischen Arbeitsrechts seit Jahrzehnten dar: Sie stellt Rechte wieder her, die Beschäftigte 2002 verloren hatten, schützt die Gewerkschaften, weitet Tarifverhandlungen aus und verpflichtet Plattformunternehmen erstmals zur Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen – kein unerheblicher Fortschritt in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Informalität arbeiten. Auch hier begrenzte allerdings die Blockademacht konservativer Mehrheiten die Reichweite; wichtige Artikel scheiterten im Kongress.

Ergänzend zur Arbeitsreform markierten die Mindestlohnerhöhungen unter Petro einen eigenständigen verteilungspolitischen Einschnitt: Der Mindestlohn stieg von einer Million Pesos (knapp 230 Euro) im Jahr 2022 auf aktuell 1,75 Millionen Pesos (gut 400 Euro); hinzu kommt noch eine Mobilitätspauschale. Das ist ein realer Zuwachs von 75 Prozent in nur vier Jahren.

Jenseits der Reformdebatten im Kongress lassen sich konkrete Fortschritte bei Bildung und Gesundheit belegen. Im Hochschulbereich weitete die Regierung die faktische Gebührenfreiheit an öffentlichen Universitäten massiv aus und verankerte sie gesetzlich. Bis 2025 profitierten davon nach offiziellen Angaben über 900.000 Studierende. Zudem weitete die Regierung den Hochschulzugang deutlich aus und schuf rund 190.000 zusätzliche Studienplätze. Programme wie Universidad en tu Territorio brachten Hochschulbildung erstmals in marginalisierte Regionen. Im Gesundheitsbereich steht das Krankenhausschiff Benkos Biohó exemplarisch für das Bestreben, staatliche Leistungen in die strukturell vernachlässigte Peripherie zu tragen: Das mit einer Investition von über 87 Milliarden Pesos (rund 19,6 Millionen Euro) an der kolumbianischen Pazifikküste gebaute und im März 2026 in Betrieb genommene Schiff fährt Flüsse und Küstenkorridore an und bringt Allgemeinmedizin, Chirurgie, Gynäkologie, Zahnmedizin und Telemedizinangebote in 22 Pazifik-Gemeinden, die nur übers Wasser erreicht werden können. Diese Projekte sind politisch relevant, weil sie genau das tun, was Friedensforschende seit Jahren fordern: den Staat in Regionen sichtbar zu machen, in denen er bislang durch Gewaltakteure ersetzt wurde.

Petros Friedensprojekt Paz Total, das simultane Verhandlungen mit allen bewaffneten Gruppen vorsah, blieb der Durchbruch verwehrt. Weder die Verhandlungen mit Dissident*innen der FARC-Guerilla noch mit ELN oder Golf-Clan kamen weit, lediglich mit kleineren Gruppen konnten Friedensabkommen geschlossen werden. Einen Monat vor der Wahl verübten FARC-Dissident*innen im Südwesten des Landes eine Anschlagsserie; sie ist ein Symptom des fragmentierten Konflikts, der auf Gewaltökonomien basiert und sich klassischen Verhandlungslösungen entzieht.

Petro hat die politische Linke institutionell stärker gemacht, als sie jemals war. Aber ihm waren im Rahmen der Regierungsführung enge Grenzen gesetzt; Kongress und Justiz haben viele Vorhaben blockiert, regionale Eliten und Sicherheitsapparate ihre Macht ausgespielt. Insofern handelte es sich um einen Wahlsieg mit historischer Symbolwirkung, aber ohne nachhaltige, strukturelle Machtverschiebung.

Die aussichtsreichsten Kandidat*innen

Iván Cepeda Castro und Vizepräsidentschaftskandidatin Aida Quilcué stehen für die Kontinuität des von Petro eingeleiteten Wandels, allerdings ohne sein Charisma und ohne die Mobilisierungsenergie des Jahres 2022. Cepeda ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Repräsentanten der institutionellen Linken: Sohn eines von Paramilitärs ermordeten Senators, konsequenter Kämpfer für Menschenrechte, Konfliktaufarbeitung und juristische Verantwortlichkeit, bekannt geworden durch seine Klage gegen den einflussreichen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe Vélez, die ihm in progressiven Milieus hohe Glaubwürdigkeit einbrachte. Seine Antikorruptions-Haltung und Distanz zu den Skandalen der aktuellen Regierung verschaffen ihm eine gewisse – wahlstrategisch nutzbare – Unabhängigkeit von Petro. Quilcué kommt aus der indigenen Bewegung des Consejo Regional Indígena del Cauca und verkörpert den Zugang zu organisierten territorialen Strukturen, über den kein anderes Kandidatenduo verfügt.

Die Kandidatur weist jedoch auch Schwächen auf. Cepedas Sprache ist ruhig, intellektuell und präzise, aber weit entfernt von der volksnahen Ansprache, mit der Petro 2022 Massen mobilisierte. Auch der emotionale Funken, den Francia Márquez 2022 erzeugte, fehlt.

Paloma Valencia und Juan Daniel Oviedo sind modernisierte Versionen der traditionellen Rechten. Oviedo, ehemaliger Chef des nationalen Statistikamts und offen homosexuell, ist das technokratische Öffnungsangebot Richtung urbane Mitte. Die aus einer Elitefamilie stammende und eng mit Ex-Präsident Uribe verbundene Valencia steht für harte Sicherheits- und neoliberale Wirtschaftspolitik. Sie hat innerhalb weniger Wochen einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt: Von rund zehn Prozent im Februar stieg die Zustimmung in den Umfragen auf fast 23 Prozent im April, der höchste Zuwachs im Kandidatenfeld. Nach den erwähnten FARC-Anschlägen im Cauca reiste sie zusammen mit Ex-Präsident Uribe in die betroffene Region und festigte damit die Sicherheitspolitik als ihre Kernbotschaft. 

Abelardo de la Espriella ist der lauteste Kandidat im Feld: ein erfolgreicher Strafverteidiger, der sich als Anti-System-Populist gibt, obwohl er selbst Produkt der alten Eliten und wegen seiner anwaltlichen Tätigkeit für Personen aus dem Milieu der organisierten Kriminalität auch persönlich umstritten ist. Sein Programm besteht im Wesentlichen aus Anti-Petro-Rhetorik, Forderungen nach totaler Kriegführung gegen bewaffnete Gruppen und einem Law-and-Order-Diskurs, der an Javier Milei und Nayib Bukele erinnert: emotionale Feindbildpolitik, radikale Vereinfachung, Verachtung für institutionelle Kompromisse. Wie Bukele in El Salvador setzt er auf den Sicherheitsstaat als Antwort auf gesellschaftliche Krisen, ohne dass sein Projekt ein kohärentes Programm erkennen lässt. Auch wenn er die Stichwahl nicht erreichen sollte, besitzt seine Kandidatur doch eine wichtige Funktion für Kolumbiens Rechte: Denn er verschiebt den öffentlichen Diskurs nach rechts, sodass Valencia als vergleichsweise gemäßigte Alternative wirkt, und er aktiviert das radikalste Anti-Petro-Segment, dessen Stimmen in der Stichwahl gegebenenfalls zu Valencia wandern dürften.

Frieden als strukturelles Problem

Die Anschlagswelle Ende April wird im Wahlkampf von der rechten Opposition und den privaten Massenmedien fast ausschließlich als Versagen der aktuellen Regierung gerahmt. Das ist politisch nachvollziehbar, analytisch aber nicht hinreichend. 

Was den Frieden in Kolumbien strukturell voranbringt, ist die Kombination aus Verhandlungen und der Verbesserung der Lebensbedingungen in den historisch vernachlässigten Regionen. Hier hat die Petro-Regierung  real investiert.

Dass der kolumbianische Staat in vielen ländlichen Regionen bis heute kein effektives Gewaltmonopol besitzt, liegt nicht an vier Jahren Petro, sondern an der jahrzehntelangen Abwesenheit des Staates in der Peripherie und einer vertanen Chance nach dem Friedensabkommen von 2016: Das Vakuum, das der Rückzug der FARC hinterließ, wurde nie gefüllt, weil die politischen Institutionen, die diese Regionen vernachlässigt hatten, unter der Regierung Duque die Umsetzung der Vereinbarungen systematisch blockierten oder verschleppten. Andere Gewaltakteure stießen in die Lücke. Die neue Eskalation ist kein Beleg, dass der Verhandlungsweg ein Fehler war, sondern ein Beweis dafür, wie tief gewaltförmige Strukturen in Teilen des Landes verankert bleiben. Wer heute Petros ambitionierten – wenngleich mit handwerklichen Fehlern gespickten – Friedensbemühungen die Schuld zuschiebt, verschweigt, dass eine wichtige Ursache der neuen Gewalt nicht in den Friedensverhandlungen, sondern in der unzulänglichen Umsetzung des Friedensabkommens von 2016 liegt.

In Kolumbien gibt es keinen singulären Konflikt, den eine Regierung einfach beenden könnte. Es gibt ein fragmentiertes Konfliktfeld, in dem FARC-Dissident*innen, ELN, Golf-Clan und regionale kriminelle Netzwerke agieren, getragen von Ökonomien, die durch Gewalt, internationale Nachfrage und Devisenströme stabilisiert werden. Kokainproduktion, illegaler Bergbau und Schutzgelderpressung bieten in Regionen, in denen der Staat kaum präsent ist, Einkommen, Schutz und eine parallele lokale Ordnung, die nicht-staatlichen Gewaltakteuren Legitimität verschafft. Militärische Logik allein hat diese Grundlage nie verändert, das zeigen Jahrzehnte gewaltvoller Geschichte.

Was den Frieden in Kolumbien strukturell voranbringt, ist die Kombination aus Verhandlungen und der Verbesserung der Lebensbedingungen in den historisch vernachlässigten Regionen durch den Bau von Schulen, Gesundheitsstationen, Straßen, die Vergabe von Landtiteln, Abnahmegarantien für Kleinbäuerinnen und -bauern und eine allgemein verbesserte institutionelle Präsenz. Genau hier hat die Petro-Regierung – trotz aller Enttäuschung über das Scheitern der Friedensverhandlungen mit den großen Gewaltgruppen – real investiert. Diese Investitionen sind kein Medienereignis, aber sie könnten, da sie dem Gewaltkreislauf den Nährboden entziehen, der nachhaltigste Beitrag der Regierung zur Entwicklung der peripheren Regionen sein.

Weniger Straße, mehr Parlament

Die der letzten Präsidentschaftswahl vorausgehenden, aufstandsartigen Massenproteste waren 2021 ein Ausnahmemoment – erzeugt durch die Pandemie, die Regierung Duque, massenhafte Polizeigewalt und eine aufgestaute soziale Krise, die sich bereits 2019 erstmals entladen hatte. Millionen Menschen gingen wochenlang auf die Straße: Gewerkschaften, Studierendenkollektive, feministische Gruppen, afrokolumbianische, indigene und Bauernorganisationen, Bewegungsplattformen der Linken, aber auch unorganisierte Menschen aus armen Stadtteilen, die zum ersten Mal demonstrierten. Neue Akteure wie die Primera Línea – von urbanen Jugendlichen aus den Barrios getragene Schutzstrukturen – gaben dem Aufstand sein Gesicht. Dieses breite Bündnis konsolidierte den Anti-Uribismus als gesellschaftliche Kraft und bereitete den Boden für Petros Wahlsieg. 

Heute ist diese Energie institutionalisiert und abgeschwächt; Führungspersonen sitzen in Ministerien und im Kongress. Petro hat mit der Straße regiert und immer wieder Massen mobilisieren können, wenn der Kongress sich reformfeindlich zeigte. Das hat die Bewegungsdynamik jedoch stärker an die Regierung gebunden als umgekehrt: Spontane Protestimpulse flauten ab, die Mobilisierung war eher parlamentarisch ausgerichtet. Das ist kein spezifisch kolumbianisches Phänomen, sondern ein strukturelles Dilemma linker Regierungspolitik: Man tauscht außerinstitutionelle Kraft gegen institutionelle Macht, und was man an letzterer gewinnt, verliert man an ersterer.

Die indigenen Bewegungen bleiben die stabilste organisierte Kraft der pluralen Linken, operieren aber mit kritisch-solidarischer Distanz zur Regierung und sind vom Wählerpotenzial her weit weniger relevant als in den andinen Nachbarländern. Ob die 2021 entstandenen Netzwerke ohne den historischen Aufbruchsmoment von 2022 die aktuelle Wahl entscheiden können, ist die offene Frage dieser Wahl. Auf der anderen Seite hat die kolumbianische Linke aus der Regierung heraus bessere Hebel zur Mobilisierung der eigenen Wählermilieus als aus der Opposition.

Geopolitik: souveräner Kurs unter Druck

Kolumbien hat unter Petro erstmalig eine außenpolitische Diversifikation betrieben, ohne die Beziehung zu den USA überzustrapazieren: stärkerer Multilateralismus, Positionierung als Stimme des Globalen Südens in Klima- und Menschenrechtsfragen, Annäherung an die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika). Projektpläne wie ein interozeanischer Korridor als Alternative zum Panama-Kanal mit Finanzierung durch die BRICS-Entwicklungsbank stehen exemplarisch für diesen neuen Kurs. Petro hat Kolumbien auf der Weltbühne sichtbar gemacht, damit aber auch angreifbar. 

Die Trump-Regierung setzt gegenüber Kolumbien massiven Druck ein: Drogenpolitik als Sanktionshebel, Migrationskontrolle als Bedingung, die Intervention in Venezuela als geopolitisches Damoklesschwert. Jede Regierung, die Kolumbiens Sicherheitsdoktrin reformieren und die Drogenbekämpfung sozialpolitisch umdeuten will, trifft auf massiven Widerstand Washingtons. Eine rechte Regierung würde diese Spannungen eliminieren und zur traditionellen US-Kompatibilität zurückkehren; der Progressivismus müsste sie innerhalb der gegebenen strukturellen Grenzen aushalten.

Ist Petros Erfolg reproduzierbar?

Der linke Wahlsieg von 2022 besaß ein strukturelles Fundament: verfestigte Ungleichheit, wachsende institutionelle Verankerung der Linken, politische Normalisierung linker Kandidaturen, Erosion der Hegemonie des Uribismus, beschleunigt durch die Massenproteste 2021 und die zunehmende Bedeutung sozialer Medien als Alternative zu den von rechten Narrativen dominierten Massenmedien. Hinzu kamen personelle und situationsabhängige Ressourcen: Petro als charismatischer Caudillo, der historische Moment des ersten linken Präsidenten, Francia Márquez als mobilisierendes Symbol, eine fragmentierte Rechte mit dem schwachen Gegenkandidaten Rodolfo Hernández.

Petros wichtigste Leistung könnte rückblickend die dauerhafte Öffnung des politischen Spielfelds für die kolumbianische Linke sein. Die Zeit unangefochtener rechter Dominanz ist vorüber – das ist eine Neuheit in Kolumbien. Cepeda und Quilcué müssen nun beweisen, dass die Linke auch ohne Petro gewinnen kann – das ist deutlich schwieriger. Ohne die gleiche emotionale Energie, ohne die historische Dimension der Wahl des ersten linken Präsidenten, in einer Sicherheitslage, die nach den jüngsten Anschlägen das rechte Lager begünstigt.

Kolumbien wählt nicht einfach eine Regierung. Es wählt zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was der Staat ist und sein soll: ein Transformationsprojekt, das soziale Gerechtigkeit und staatliche Präsenz auch in die Peripherie bringt, oder ein Ordnungsstaat, der Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität für die gehobenen Gesellschaftsschichten verspricht.

Sollte Sicherheit das dominierende Thema bleiben, und die Anschlagsserie einen Monat vor der Wahl verstärkte genau diesen Reflex, wird das die Kandidaturen des rechten Lagers begünstigen. Sofern es der Linken gelingt, die realen sozialen Fortschritte der letzten vier Jahre als emotionale Zukunftserzählung und Voraussetzung für Frieden zu kommunizieren, hat sie indes durchaus eine Chance.

Eines steht fest: Der Bann ist gebrochen, das historische Beispiel gesetzt, progressive Kräfte können in Kolumbien regieren. Was jetzt zur Debatte steht, ist, ob sie es auch ohne Petro können. Und falls ja, ob die strukturellen Begrenzungen durch Gewaltökonomien, fiskalische Engpässe sowie Vetomächte in Justiz und Kongress dem nächsten Regierungsprojekt mehr Spielraum lassen als dem ersten. 

Aber selbst wenn das politische Pendel vorerst wieder nach rechts ausschlagen sollte, ist keineswegs alles verloren. Denn in diesem Fall stünde in vier Jahren erstmals eine Linke mit Regierungserfahrung in den Startlöchern. Für eine politische Kraft, die in Kolumbien jahrzehntelang von der Macht ausgeschlossen wurde und deren Führungspersonen ihr Engagement allzu oft mit Verfolgung, Exil oder dem Leben bezahlten, ist allein das bereits ein historischer Fortschritt.

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