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Wenn Indiens Ministerpräsident Narendra Modi sein Volk auffordert, den Gürtel enger zu schnallen, kann man davon ausgehen, dass die Lage ernst ist. Vergangene Woche appellierte er an die Menschen, im Homeoffice zu arbeiten, um Benzinkosten zu sparen, weniger Gold zu kaufen (ein wichtiger Teil jeder indischen Hochzeit) und mindestens ein Jahr lang keine Auslandsreisen zu unternehmen. Außerdem schlug er vor, mehr öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, weniger Speiseöl zu verbrauchen und verstärkt auf lokal hergestellte Produkte umzusteigen. Bäuerinnen und Bauern forderte er auf, weniger chemischen Dünger zu verwenden und auf ökologischen Landbau umzustellen. „Patriotismus bedeutet in der heutigen Zeit, verantwortungsbewusst zu leben und unseren Pflichten gegenüber der Nation im Alltag nachzukommen“, so Modi.
Die wie ein Degrowth-Programm klingende Ankündigung ließ den Börsenindex Sensex um 1.000 Punkte in den Keller rutschen. Die Finanzmärkte erwarten offenbar eine länger anhaltende Wirtschaftskrise als Folge des Kriegs im Mittleren Osten. Indien importiert 90 Prozent seines Öls. Die Ausgaben für Rohöl sind seit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran um mehrere Milliarden Dollar in die Höhe geschnellt, da die Straße von Hormus, die wichtigste Meerenge am Persischen Golf, nun schon seit mehr als zweieinhalb Monaten gesperrt ist.
Für viele Menschen in Südasien bedeutet das eine Katastrophe. Nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) sind dadurch in der Region 8,8 Millionen Menschen akut von Armut bedroht, allein 2,5 Millionen davon in Indien. Damit ist Südasien die am stärksten vom Krieg betroffene Region weltweit.
Bisher hat die indische Regierung die Verbraucher*innen vor höheren Öl- und Gaspreisen geschützt. Der staatlich dominierter Raffineriesektor hielt die Kraftstoffpreise trotz steigender Rohölkosten stabil, doch die dabei aufgetretenen Verluste von etwa 100 Rupien (etwa 90 Cents) pro Liter bei Diesel und 20 Rupien bei Benzin sind auf Dauer nicht finanzierbar. „Weder die Regierung noch die Ölfirmen können diesen finanziellen Stress unbegrenzt aushalten“, warnt Balasubramanian Ashok, ehemaliger Vorsitzender der Indian Oil Corporation. Nachdem Anfang Mai Landtagswahlen in drei wichtigen Bundesstaaten stattfanden, ist nun damit zu rechnen, dass die Preise an den Zapfsäulen erhöht werden.
Menschen, die sich weder Gold noch Auslandsreisen leisten können, spüren die Krise schon seit Anfang März im Portemonnaie. Da stieg der Preis für Gaszylinder zum Kochen von rund 1.000 Rupien (9 Euro) auf 3.000 Rupien. Wegen Hamsterkäufen wurden auf dem Schwarzmarkt mitunter gar 5.000 Rupien verlangt, etwa ein Viertel des monatlichen Mindestlohns. „Ich habe tagelang keinen Gas-Zylinder finden können“, berichtet Arun, der als Fahrer arbeitet. „Ich konnte nachts nicht mehr schlafen. Jetzt haben wir einen Elektrokocher gekauft, der eigentlich zu klein für unsere vierköpfige Familie ist.“
Auch die Unterwelt lässt sich eine solche Krise nicht entgehen. Im östlichen Bundesstaat Chhattisgarh stellte die Polizei kürzlich sechs gestohlene Tanklaster mit Flüssiggas im Wert von mehr als 110.000 Euro sicher, deren Inhalt auf dem Schwarzmarkt verkauft werden sollte. Dahinter steckte offenbar ein Netzwerk aus Mitarbeiter*innen der lokalen Verwaltung und Vertriebsfirmen, die bereits seit Ende Dezember regelmäßig Gas für eigene Zwecke zur Seite geschafft hatten.
Im Teufelskreis
Das größere Problem für Indien liegt aber woanders: Das Land importiert seit Jahren mehr, als es exportiert. Die massiv steigenden Energiepreise lassen die Reserven an ausländischen Devisen schrumpfen. Das bringt die ohnehin schon schwächelnde indische Währung weiter unter Druck. Jüngst fiel die Rupie auf ein Allzeit-Tief von weniger als 90 Euro-Cents pro 100 Rupien. Und je schwächer die Rupie, desto teurer die Ölimporte – ein Teufelskreis.
Im April stellte der Internationale Währungsfonds (IWF) fest, dass Indien, das zwischenzeitlich zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen war, inzwischen wieder von Japan und Großbritannien überholt wurde und nun an sechster Stelle rangiert. Zwar liegt dem vor allem eine Änderung der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zugrunde, und die Rangliste sagt wenig über die Lage der Menschen aus.
Doch es ist klar, dass die goldene Zeit, in der Indien von billigen Öl- und Gasimporten profitierte, vorbei ist. Dies bringt die existierenden Strukturprobleme der indischen Wirtschaft verstärkt zum Vorschein. „Wir müssen jetzt den Übergang zu erneuerbaren Energien schaffen, unsere Anhängigkeit vom Rest der Welt bei kritischen Mineralien und Metallen abbauen, unsere digitale Infrastruktur ausbauen und verstärkt auf Künstliche Intelligenz setzen, um unsere Produktivität zu erhöhen“, sagt Ram Singh, ein externer Berater der indischen Zentralbank. Das würde auch Arbeitsplätze schaffen, doch diese Maßnahmen entfalten ihre Wirkung nur mittel- bis langfristig.
Der kurzfristige Versuch, auf die Krise mit Einschränkungen des privaten Konsums zu reagieren, birgt indes die Gefahr, das indische Wirtschaftswachstum abzuwürgen. Dieses liegt derzeit zwischen 7 und 8 Prozent und wird sich als Folge der Krise im kommenden Jahr voraussichtlich abschwächen. Die größten Schwachpunkte der indischen Wirtschaft bleiben die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem der Jugend, und zu niedrige Löhne. Rund 40 Prozent der jungen Menschen mit Hochschulabschluss finden keinen Job. Im April eskalierten Demonstrationen von Fabrikarbeiter*innen in Noida bei Delhi. Ihre Löhne von 10.000 bis 13.000 Rupien im Monat (90 bis 115 Euro) stagnieren seit Jahren und werden von den steigenden Lebenshaltungskosten aufgefressen.
Dabei ist Indien noch am ehesten in der Lage, die Folgen des Kriegs am Golf aufzufangen, denn seine Wirtschaft gilt als die am stärksten wachsende große Volkswirtschaft der Welt. Schlechter sieht es in der Nachbarschaft aus.
Krise allerorten
Sri Lanka, das erst 2022 einen ökonomischen Zusammenbruch erlebte, leidet nun unter den vom IWF diktierten Sparmaßnahmen. Dazu gehören Steuererhöhungen, Preiserhöhungen bei Strom und Versorgungsleistungen sowie die Privatisierung staatlicher Unternehmen. Durch diese Maßnahmen stieg die Zahl der Menschen in extremer Armut um 25 Prozent auf etwa 5,5 Millionen, ein Fünftel der Bevölkerung.
Ein aktueller Bericht des Welternährungsprogramms weist darauf hin, dass Sri Lanka 2025 Lebensmittel im Wert von 2,5 Milliarden US-Dollar importierte, was das Land besonders anfällig für steigende Lebensmittelpreise macht. Außerdem ist Sri Lanka für einen Großteil seiner Stromerzeugung von importiertem Öl abhängig.
Das UNDP warnt in seinem aktuellen Bericht über die Auswirkungen des Irankrieges auf Asien, Sri Lanka habe mit rasant steigenden Kraftstoffkosten, rückläufigen Teeexporten, einem Rückgang der Touristenzahlen und sinkenden Überweisungen von Arbeitnehmer*innen im Ausland zu rechnen. Da 80 Prozent dieser Rücküberweisungen aus den Golfstaaten stammen, würde „jede Konjunkturabschwächung die Haushaltseinkommen schwächen, die Rupie unter Druck setzen und die Devisenreserven belasten“, bilanziert der Bericht.
Rund 21 Millionen Menschen aus Südasien arbeiten in arabischen Ländern, die meisten als un- oder angelernte Arbeiter*innen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain. Noch harren die meisten Taxifahrer*innen, Haushaltshilfen, Bauarbeiter*innen und Hotelangestellten trotz der Gefahren des Krieges am Golf aus, da ihre Familien auf die Überweisungen angewiesen sind.
Pakistan ist ebenfalls gefährdet, da mehr als die Hälfte seiner Devisenzuflüsse aus arabischen Ländern stammt. Der UNDP-Bericht warnt davor, dass die Lebensmittelinflation in Pakistan im Falle eines langwierigen Konflikts um bis zu fünf Prozentpunkte steigen könne. In dem Land, das schon seit langem unter einer Energiekrise leidet, bleiben die meisten Haushalte inzwischen für mehr als zwölf Stunden am Tag ohne Strom, Gas zum Kochen fließt täglich nur noch zwei Stunden durch die Leitungen. „Diese Krise bringt uns zurück in die Steinzeit“, klagt Mohammad Rizwan, der mit seiner Familie in Lahore lebt.
In Nepal machen die Überweisungen aus dem Ausland 26 Prozent des BIP aus, wobei 41 Prozent der Zuflüsse aus dem Nahen Osten stammen. Gleichzeitig sind die Treibstoffreserven des kleinen Landes am Himalaya gering. Im März waren die Lagertanks nur zu 80 Prozent gefüllt – genug für etwa zehn Tage Benzin- und Dieselbedarf –, und es gab keine Vorräte an Flüssiggas. Die Regierung in Kathmandu ordnete deshalb an, Gaszylinder nur noch zur Hälfte zu füllen; außerdem verlängerte sie das arbeitsfreie Wochenende von einem auf zwei Tage.
Bangladesch, dessen Bekleidungsindustrie für die Exporteinnahmen von zentraler Bedeutung ist, sieht sich mit erheblichen logistischen Störungen konfrontiert. Dem UNDP-Bericht zufolge führten Flugausfälle von Fluggesellschaften aus der Golfregion dazu, dass Sendungen aus Bangladesch und Indien strandeten, während für gewöhnlich mehr als die Hälfte der Luftfracht von dort über Drehkreuze in der Golfregion transportiert wird.
Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Südasien seien „regressiv“, wobei gering Qualifizierte am stärksten betroffen seien, erklärt der Bericht. Ein Rückgang des Wirtschaftswachstums um einen Prozentpunkt erhöhe die Arbeitslosigkeit unter gering Qualifizierten um zwei Prozentpunkte. Weibliche Arbeitskräfte, Migrant*innen und informell Beschäftigte seien am stärksten gefährdet.
Wenn Indiens Ministerpräsident dazu aufruft, zu Maßnahmen aus der Corona-Krise zurückzukehren, dürfte dies bei vielen Menschen vor allem Angst auslösen. „Die Krise in Westasien ist eine der schlimmsten des Jahrzehnts; so wie wir die COVID-19-Pandemie überwunden haben, werden wir auch diese Situation meistern“, so Modi. Damals rutschten in Südasien nach Angaben der Weltbank zwischen 32 und 42 Millionen Menschen in die absolute Armut (also unter die Grenze von 1,90 US-Dollar Tageseinnahmen) und 115 Millionen unter die Armutsgrenze von 3,20 USD.
Nach Angaben der Weltbank hat Südasien Anfang 2026 zwar einen Teil der Verluste aus der Corona-Zeit wieder aufgeholt, vor allem wegen des starken Wirtschaftswachstums in Indien. Doch für die ohnehin schon stark verschuldeten kleineren Staaten der Region kommt die neuerliche Krise zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.
Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

