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Interview , : Lilian Thuram: „Rassismus dient dem Kapitalismus“

Ein Gespräch mit Fußball-Weltmeister von 1998 über Herrschaft, Rassismus und westliche Heuchelei

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Portraitfoto: Lilian Thuram schaut in die Kamera, er hat einen Hut auf.
„Um Menschen zu kolonialisieren, zu versklaven und sich ihr Land anzueignen, muss man sie zunächst entmenschlichen. Dieser Diskurs ist der Rassismus. Der Kapitalismus kann ohne ihn nicht gedeihen.“ Lilian Thuram, Paris, 22.1.2024, Foto: IMAGO / ABACAPRESS

Lilian Thuram ist kein Fußballer, der politisch denkt – er ist ein politischer Denker, der einmal Fußball gespielt hat. Seit dem Weltmeisterschaftssieg mit Frankreich 1998 nutzt er seine öffentliche Stimme für das, was ihn wirklich antreibt: die Entlarvung von Rassismus als politisches System im Dienst des Kapitalismus.

Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers „Wem gehört der Fußball?“.

Ende März 2026 kam Thuram nach Athen, um die griechische Übersetzung seines Buches La pensée blanche vorzustellen – gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Das weiße Denken 2022 auch mit einer Speaker Tour durch Deutschland begleitet hatte. Am Rande des Internationalen Literaturfestivals sprach Franziska Albrecht, stellvertretende Bereichsleiterin der Politischen Kommunikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, mit ihm über das zwiespältige Erbe von 1998, die westliche Heuchelei rund um die WM 2026 und die Frage, die sein gesamtes Denken durchzieht: Wie entkommt man einem System, das sich selbst unsichtbar macht? Seine Antwort ist so einfach wie unbequem.
 

Franziska Albrecht: Der Sieg von 1998 wurde als Symbol eines multikulturellen und geeinten Frankreichs dargestellt – als „Black-Blanc-Beur“* vereint. War das im Nachhinein betrachtet Realität oder eine politische Illusion?

Lilian Thuram: Zunächst war es eine Realität, die sich dann in einen politischen Slogan verwandelte. Aber ich glaube, dass dieser Sieg einen entscheidenden Moment für das kollektive Nachdenken über Gleichheit darstellte – unabhängig von Hautfarbe oder Religion. Vor 1998 hatten die Vereine und Persönlichkeiten, die Ungerechtigkeiten anprangerten, nur sehr begrenzt Sichtbarkeit. Nach der Weltmeisterschaft gewannen ihre Stimmen deutlich an Legitimität. Das ist grundlegend zu verstehen. Man könnte meinen, es habe nichts gebracht, aber das ist falsch. Dieser Sieg erklärt zum Teil den Weg, den wir seitdem zurückgelegt haben.

Die Wahl von Bally Bagayoko (LFI) im März 2026 zum Bürgermeister von Saint-Denis hat heftige Reaktionen ausgelöst. Wie ist es möglich, dass solche Äußerungen heute noch getätigt werden?

Eine solche Wahl wäre 1998 vielleicht nicht möglich gewesen. Das zeigt, dass sich die Mentalitäten gewandelt haben. Vor allem haben die Menschen, die Rassismus erleben, heute eine andere Haltung: Sie stellen sich dem Rassismus, analysieren ihn und sagen Rassist*innen klar und deutlich, dass es deren Problem ist, nicht ihres. Die Anspannung rund um diesen Bürgermeister ist aufschlussreich, denn sie offenbart, was ich als Mittelmäßigkeit des weißen Narzissmus bezeichnen würde. Aber sie sendet auch eine starke Botschaft an junge Menschen, die täglich Rassismus erleben: Macht weiter, lasst euch davon nicht aufhalten! Und man darf auch nicht vergessen, dass viele Menschen, die als weiß wahrgenommen werden, ebenfalls genug vom Rassismus haben. In gewisser Weise sind wir vorangekommen.

Die Weltmeisterschaft 2026 findet unter anderem in den Vereinigten Staaten statt, in einem unter der Trump-Regierung beispiellosen politischen Kontext. Wie lässt sich in einem solchen Kontext ein weltweites Sportereignis organisieren?

Historisch betrachtet fanden große Sportwettkämpfe schon immer unter den unterschiedlichsten politischen Regimes statt. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurden von keinem Land boykottiert. Das ist nichts Neues. Was mich jedoch beeindruckt, ist die Heuchelei der westlichen Welt. Wenn die Spiele in China stattfinden oder die Weltmeisterschaft nach Katar vergeben wird, gerät die westliche Presse in Aufruhr. Man fragte mich, ob die Spieler die WM boykottieren sollten. Diese Entscheidung liegt jedoch nicht bei den Spielern oder den verschiedenen Verbänden – diese Befugnis liegt bei den Nationen, die beschließen könnten, ihre Mannschaft nicht zu entsenden. Und genau diese Nationen, die Waffen an Katar verkauften, haben nicht eine Sekunde darüber gedacht, sich zurückzuziehen. Heute hingegen findet in den Medien keine Boykott-Debatte zu Trumps USA statt. Das sagt alles: Bestimmte Länder werden hinterfragt, andere nicht. Das ist eklatante Heuchelei.

Der Fußball steht nicht außerhalb der Welt, sondern reproduziert ihre Logik.

In ihrem Buch „Das weiße Denken“, das bereits ins Deutsche und kürzlich auch ins Griechische übersetzt wurde, beschreiben Sie Rassismus nicht als individuelle Meinung, sondern als politische Ideologie, die wirtschaftlicher Interessen dient. Wie veranschaulicht der Fußball dieses System?

Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn man in einer vom Kapitalismus beherrschten Welt lebt, findet man Kapitalismus auch im Fußball. Man sagt immer, dass die Stärksten gewinnen, aber nie, dass es die Reichsten sind. Doch Bayern München gewinnt die deutsche Meisterschaft, weil es der reichste Verein Deutschlands ist. Paris Saint-Germain gewinnt in Frankreich, weil es der reichste Verein Frankreichs ist. Heute investieren Pensionsfonds in den Fußball, die Gehälter explodieren und junge Spieler werden bereits vor ihrem ersten Einsatz nach ihrem Marktwert bewertet. Der Fußball steht nicht außerhalb der Welt, sondern reproduziert ihre Logik.

Was ist der Zusammenhang zwischen Rassismus und Kapitalismus?

Aimé Césaire hat es klar formuliert: „Es gibt keine Kolonialisierung ohne Rassismus.” Um Menschen zu kolonialisieren, zu versklaven und sich ihr Land anzueignen, muss man sie zunächst entmenschlichen. Dieser Diskurs ist der Rassismus. Der Kapitalismus kann ohne ihn nicht gedeihen. Beim Analysieren des Nationalsozialismus wird oft vergessen, dass große Unternehmer ihn unterstützten, da er ihre Interessen vertrat. Rassismus schafft eine Hierarchie, die sich sowohl nach Hautfarbe als auch nach Besitz richtet. Und das wird nicht oft genug gesagt. Ich spreche deshalb von Rassismus, um diese Mechanismen sichtbar zu machen und zu einer Politik der Solidarität aufzurufen. Es gibt Menschen, die diese Systeme verteidigen, weil sie ein großes Interesse daran haben: weniger Umverteilung, mehr Herrschaft.

Den ‚Kampf der Kulturen‘ gibt es nicht, denn jede Kultur ist das Ergebnis von Begegnungen. 

Wie kommt man aus diesem System heraus?

Indem man es sichtbar macht. Indem man darüber spricht. Den „Kampf der Kulturen” gibt es nicht, denn jede Kultur ist das Ergebnis von Begegnungen. Was es hingegen gibt, sind soziale und Klassenkämpfe, die es geschafft haben, aus dem öffentlichen Diskurs verbannt zu werden. Schlimmer noch: Die Menschen wurden davon überzeugt, die Reichsten zu feiern. Heute gibt es Ranglisten der Milliardäre, als wäre die extreme Konzentration von Reichtum normal und erstrebenswert. Den Armen hat man die Idee verkauft, sie könnten sehr reich werden, und viele haben das geglaubt. Das ist mehr als ein Mythos, es ist eine Faszination für die Reichen. Früher wurde Reichtum zurückhaltend präsentiert. Heute wird er zur Schau gestellt. Und niemand hinterfragt die Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen.

Sie haben Ihre Stiftung, die sich für Bildung gegen Rassismus einsetzt, im Jahr 2008 gegründet, als Sie noch Fußballspieler in Barcelona waren. Was ist das Ziel dieser Stiftung? 

Es hängt mit meiner persönlichen Geschichte zusammen. Mir ist bewusst geworden, dass wir alle darauf konditioniert sind, bestimmte Denkmuster – wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie – zu reproduzieren, ohne es überhaupt zu merken. Diese Hierarchien sind in unserer kulturellen DNA verankert. Die Idee war daher, einen Raum für Diskussionen zu schaffen, insbesondere mit Schülern und Lehrern, um sie dazu zu bringen, das zu hinterfragen, was sie nicht sehen. Wenn du ein Junge bist, wirst du – bewusst und unbewusst – dazu erzogen, dich gegenüber Frauen als überlegen zu betrachten. Bist du dir dessen nicht bewusst, reproduzierst du diese Muster, weil sie dir natürlich erscheinen. Das Gleiche gilt für die Hautfarbe: Je nach deiner Hautfarbe erlebst du den öffentlichen Raum nicht auf dieselbe Weise. Das zu sehen und zu wissen, kann Veränderungen ermöglichen. 

Aber man muss sich darüber im Klaren sein: Nicht jeder wird sich ändern. Denn oft ist man aus eigenem Interesse rassistisch oder sexistisch. Solange diese Systeme fortbestehen, nützen sie jemandem – und die Ausübung von Herrschaft bereitet Freude. Und manchmal verinnerlichen die Unterdrückten ihre Unterlegenheit schließlich selbst als etwas Normales. Die Stiftung ist eine Einladung, den Blickwinkel zu verändern, die Dinge zu differenzieren und eine Politik der Solidarität zu verfolgen.


* (frz. für „Schwarz-Weiß-Maghrebinisch“) ist ein Slogan, der für das Ideal einer multiethnischen und vereinten französischen Gesellschaft steht. Er ist eine Anspielung auf die Farben der Trikolore (Bleu-Blanc-Rouge) und feiert die kulturelle Vielfalt.

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