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Kein Sport hat eine so globale Verbreitung wie der Fußball, auch über das Spielfeld hinaus. Mit dem Eröffnungsspiel der 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer am 11. Juni 2026 in Mexiko-Stadt beginnt ein Ereignis, das wochenlang und weltweit die Aufmerksamkeit fesseln wird. Das von Mexiko, Kanada und den USA ausgetragene Turnier ist ein politisches, kulturelles und ein wirtschaftliches Ereignis. Im größten Event des Fußballsports kreuzen sich viele Debatten. Die Weltmeisterschaften zeigen globale Machtverhältnisse ebenso wie die Kommerzialisierung des Fußballs und die wechselseitige Instrumentalisierung von Sport und Politik. Aber sie liefern immer auch Geschichten der Solidarität und des Widerstands.
Turniere der halben Welt
Dass Nationalmannschaften eine Weltmeisterschaft im Fußball austragen, war die Idee zweier Männer: des französischen Juristen und Präsidenten des Fußball-Weltverbandes FIFA, Jules Rimet, und des uruguayischen Diplomaten und Viehzüchters Enrique Bueno. Die erste WM wurde 1930 veranstaltet, mit dem Geld Enrique Buenos und in dessen Heimatland Uruguay. Das Turnier hieß bereits Weltmeisterschaft (Campeonato Mundial De Futbol bzw. Coupe du Monde), verdient hatte es diese Namen jedoch nicht. Bei ihrer Gründung 1904 hatte die FIFA acht Mitglieder, alle aus Europa. Bei der WM 1930 traten vier europäische Mannschaften, sieben südamerikanische und zwei aus Nord- und Mittelamerika an. Zu diesem Zeitpunkt stammten gerade einmal drei FIFA-Mitglieder nicht aus Europa oder den Amerikas.
Nicole Selmer ist Chefredakteurin des österreichischen Fußballmagazins ballesterer. Sie schreibt seit 20 Jahren über Fußball, Fankultur und Politik und hat mehrere Fußballweltmeisterschaften vor Ort verfolgt.
Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers „Wem gehört der Fußball?“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der Dekolonialisierung, änderte sich das deutlich. Zwischen 1945 und 1965 kamen 65 neue FIFA-Mitglieder hinzu. Auf dem afrikanischen Kontinent spielte der Fußball in den Befreiungskämpfen eine wichtige Rolle: In Ghana wurde das 1957, im Jahr der Unabhängigkeit gegründete Nationalteam mit dem Spitznamen „Black Star“ zu einem Symbol des neuen Staates über die Volksgruppen hinweg. In Algerien gründete der FLN, der Front de Libération Nationale, der für die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich kämpfte, 1958 ein Fußballteam. Prominente französische Spieler mit algerischen Wurzeln wie Rachid Mekhloufi von der AS Saint-Etienne verließen Frankreich über Nacht, um sich dem FLN-Team anzuschließen. Es repräsentierte ein Land, das erst ab 1962 offiziell existierte, und nahm mit Hymne und Fahne die Symbole des unabhängigen Algerien vorweg. „Wir waren zuerst Kämpfer und erst danach Fußballer“, sagte Mekhloufi in der arte-Dokumentation „Rebellen am Ball“ von 2012.
Doch die Machtverhältnisse änderten sich in der FIFA nicht: Für die Qualifikation zur WM 1966 in England waren neun Plätze für Europa, drei für Südamerika, einer für Nord- und Mittelamerika und einer für den Rest der Welt vorgesehen. Die afrikanischen Verbände forderten einen festen Startplatz für ihren Kontinent und drohten an, die WM zu boykottieren. Ein weiterer Streitpunkt war der Umgang mit dem Apartheidregime Südafrikas, das der britische FIFA-Präsidenten Stanley Rous gern wieder im Weltverband gesehen hätte. Keine Seite gab nach, die afrikanischen und viele asiatische Verbände boykottierten die WM 1966 und erreichten ihr Ziel: 1970 gab es je einen festen Startplatz für Teams aus Asien und Afrika. Südafrika blieb bis zum Ende der Apartheid 1992 ausgeschlossen.
Dieser erfolgreiche Protest vor 60 Jahren kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Teilnehmerfeld der WM ebenso wie der globale Fußball weiterhin europäisch dominiert ist. Doch Weltmeisterschaften sind aber auch immer wieder eine Bühne für die Austragung postkolonialer Kämpfe: Dazu gehört der 1:0-Sieg des Senegal gegen die ehemalige Kolonialmacht Frankreich bei der WM 2002, der umso mehr Gewicht hatte, weil es das WM-Debüt Senegals und Frankreich amtierender Weltmeister war. Auch der Halbfinaleinzug Marokkos 2022 nach Siegen gegen Portugal und Spanien war nicht nur ein sportlicher Erfolg, sondern wurde auch als panarabischer, panafrikanischer und muslimischer Triumph über das weiße, christliche Europa wahrgenommen.
Bau einer globalen Geldmaschine
Für die WM 2026 plant die FIFA als Veranstalterin mit Einnahmen von elf Milliarden Dollar Euro aus Medienrechten, Sponsoringverträgen und Ticketerlösen. Die heutigen Haupteinnahmequellen Fernsehen, Sponsoring und Merchandise entstanden erst allmählich, ebenso wie das Bewusstsein der Fußballfunktionäre für ihre Bedeutung. Eine Wende kam 1974 mit der Wahl des Brasilianers João Havelange zum FIFA-Präsidenten. „Die FIFA hat kein Geld“, habe ihm der Generalsekretär bei Amtsantritt gesagt. „Das ist nicht dein Problem“, soll Havelange geantwortet haben. Er löste es, indem er lukrative Verträge mit globalen Firmen wie adidas und Coca Cola sowie TV-Verträge abschloss und das Teilnehmerfeld der WM erweiterte. Havelange machte den Weltverband zum Weltkonzern.
Sein Vorgänger, Sir Stanley Rous war im kolonialen Denken des britischen Empire verhaftet. Demgegenüber agierte Havelange als neokolonialen Funktionär und Sportpolitiker. Möglich wurde seine Wahl dank der Unterstützung aus Afrika und Asien. Bei der FIFA gilt: ein Mitglied, eine Stimme. Havelange knüpfte ein Netzwerk aus Funktionären in aller Welt, die er, genau wie sich selbst, mit Bestechungszahlungen aus Vermarktungsverträgen versorgte.
FIFA-Präsident João Havelange machte den Weltverband zum Weltkonzern.
Havelange verstand es, die demokratische Grundstruktur der FIFA ebenso für seine Zwecke zu nutzen wie die Globalisierung. In seiner Amtszeit wurde die WM der Männer erstmals in die USA vergeben, wo sie 1994 stattfand, und nach Asien – Japan und Südkorea richteten 2002 das Turnier aus. Mit mehr Teilhabe für bisher wenig berücksichtigte Länder der Welt hatte das nichts zu tun. Es ging um die Erschließung neuer Märkte. Die New York Times schrieb 1994: „Die Vereinigten Staaten wurden ausgewählt, weil sich hier viel Geld verdienen lässt, nicht wegen irgendwelcher fußballerischer Fähigkeiten. Unser Land wurde als riesiges Stadion, Hotel und TV-Studio vermietet.“ 1998 endete Havelanges Amtszeit nach 24 Jahren. Er hinterließ der FIFA ein Vermögen von geschätzten vier Milliarden Dollar und ein korruptes System, das seine Nachfolger Joseph Blatter und Gianni Infantino fortführten und perfektionierten.
Die FIFA profitiert, die Bevölkerung verliert
Unter Blatter fand 2010 die erste WM auf dem afrikanischen Kontinent statt. Er löste damit ein Wahlversprechen ein. Denn nur dank der Stimmen der afrikanischen Verbände konnte er sich 1998 gegen Lennart Johansson, den Kandidaten des europäischen Verbands UEFA, durchsetzen. Genau genommen hatte Blatter die WM in Südafrika schon für 2006 versprochen, doch da war die wirtschaftliche und finanzielle Überzeugungskraft aus Europa stärker. Deutschland sicherte sich den Zuschlag mit Bestechungszahlungen und Regierungsgeschäften: Das Emirat Katar organisierte die Stimmen aus Asien und konnte dafür auf Deutschlands Unterstützung für die eigene WM-Bewerbung einige Jahre später rechnen.
Die WM-Turniere in Südafrika 2010 und in Brasilien 2014 haben einige Gemeinsamkeiten, nicht nur weil die Ausrichterländer zur Gruppe der BRICS-Staaten und damit der sogenannten Schwellenländer zählen. In beiden Ländern waren, im Vergleich zu den vorherigen Turnieren, ungleich größere Investitionen in die Infrastruktur nötig. Brasilien hatte zwar schon 1950 eine WM ausgerichtet, doch nicht nur die Zahl der teilnehmenden Verbände hatte sich verdoppelt. Auch die Vorgaben zur Anzahl, Größe und Ausstattung der Stadien und zu finanziellen und sicherheitstechnischen Regierungsgarantien waren spätestens ab der Jahrtausendwende enorm gewachsen.
Fußball-Weltmeisterschaften in Schwellenländern sind Turbo-Gentrifizierungsprojekte
Die Kosten für die Ausrichtung einer WM der Männer schnellten enorm in die Höhe. In Südafrika floss mindestens eine Milliarde US-Dollar – zehnmal mehr als ursprünglich geplant – in die Sanierung und den Neubau der zehn Stadien, die gleiche Summe in den Ausbau der Infrastruktur. Vier Jahre später war die Summe, die Brasilien aufbringen musste, noch einmal deutlich höher. Aus den zunächst veranschlagten sechs Milliarden Dollar wurden nach Berechnungen der Heinrich-Böll-Stiftung mindestens doppelt so viel. Ebenso wie in Südafrika wurden, entgegen ursprünglicher Versprechen, die Kosten zu mehr als 90 Prozent von der öffentlichen Hand getragen. In beiden Ländern gab es starke Proteste der Bevölkerung, die unter mangelnden staatlichen Investitionen in Bildung und Gesundheitsversorgung litt.
Fußball-Weltmeisterschaften in Schwellenländern sind Turbo-Gentrifizierungsprojekte – das haben die Turniere 2010 und 2014 gezeigt. Die Begleiterscheinungen sind bekannt. So fanden wegen der Baumaßnahmen zahlreiche Umsiedlungen statt, viele der oft illegal errichteten Wohnhäuser armer Menschen wurden abgerissen. In der Studie „Abpfiff: Eine kritische Bilanz der Fußball-WM 2014“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung kommt der Universitätsprofessor, Stadtplaner und Architekt Carlos Vainer zu Wort. Er sagte 2013 über Rio de Janeiro, wo 2016 zudem Olympische Spiele stattfanden: „Niemals in der Geschichte von Rio de Janeiro seit der Militärdiktatur kam es zu so vielen Vertreibungen. Rio befindet sich in einem Prozess der sozioethnischen Säuberung.“ Manche Infrastrukturmaßnahmen beim Verkehr und dem Ausbau kleinerer Sportstätten zu Trainingsplätzen für die WM-Teams stellten einen Mehrwert für die breitere Bevölkerung dar. Für einen Großteil der Bauprojekte lässt sich das nicht sagen. Von neuen Flughäfen mit Autobahnanbindung profitiert nur, wer es sich leisten kann zu fliegen. Ein wirtschaftlicher Nutzen beispielsweise durch ein erhöhtes Tourismusaufkommen mit Einkünften in Hotel- und Gastronomiegewerbe war höchstens kurzfristig vorhanden.
Die neu gebauten und sanierten Stadien in beiden Ländern hatten die für eine WM vorgeschriebene Mindestkapazität von 30.000 Personen. Eine effektive Nachnutzung fand und findet an vielen Orten – trotz eines teilweisen Rückbaus der Kapazitäten – nicht statt. Und der Unterhalt eines Stadions verursacht weitere Kosten. In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, hieß es schon 2010: „Die Stadien sind für Südafrika überdimensioniert und tragen kaum zur Entwicklung ihres Umfeldes bei.“ In Brasilien erlebte selbst eines der bekanntesten Stadien der Welt, das Maracanã in Rio de Janeiro, nach WM und Olympia eine Zeit des Verfalls, als zwischenzeitlich der Strom abgeschaltet, Rasen und Tribünen nicht mehr instandgehalten wurden. Das Stadion in der Hauptstadt Brasilia, wo es keinen Profiklub gibt, dient heute als Busparkplatz. Auch andere Spielstätten der Turniere 2010 und 2014 sind sogenannte Weiße Elefanten, also Bauprojekte, die im Verhältnis zu ihrer Nutzung unverhältnismäßig viele Kosten verursachen. Insgesamt ist der finanzielle Nutzen, den ein Sportgroßevent Ausrichterländern bringt, höchst umstritten. Fest steht hingegen, wer immer profitiert: die FIFA und ihre Mitgliedsverbände.
WM-Siege für Faschismus und Militär-Junta
Mit allen WM-Turnieren verbinden die Ausrichterländer die Erwartung Gewinne nicht-materieller Art. Thabo Mbeki, Präsident Südafrikas, formulierte es bei der Vergabe so: „Wir wollen sicherstellen, dass Historiker die WM 2010 eines Tages als den Moment betrachten, in dem Afrika sich erhob und Jahrhunderte der Armut und der Konflikte hinter sich ließ. Wir wollen zeigen, dass Afrikas Zeit gekommen ist.“ Südafrika und auch Brasilien konnten den europäischen Fußball- und Industrienationen zumindest beweisen, woran dort einige gezweifelt hatten: Sie waren in der Lage, das größte Fußballereignis der Welt auszurichten. Brasilien und Südafrika waren zum Zeitpunkt der Bewerbung und Austragung demokratische Staaten, der mit der WM verbundene Beitrag zum Nation-Building stand damit unter gänzlich anderen Vorzeichen als bei Turnieren der Vergangenheit – und der nahen Zukunft.
Die WM 1934 war eine Propagandashow für den italienischen Faschismus unter Diktator Benito Mussolini.
So war die WM 1934, die zweite in der Geschichte, eine Propagandashow für den italienischen Faschismus unter Diktator Benito Mussolini. Das begann mit der Bildsprache des Turniers auf massenweise produzierten Postern, Postkarten und Briefmarken. Dort war unter anderem ein stilisierter italienischer Nationalspieler zu sehen, der den faschistischen Gruß zeigte. Die teils neu gebauten Stadien waren unter anderem nach Mussolini und der Partei benannt. Auf dem Trikot des italienischen Teams war neben dem Wappen des Savoyer Königshauses das Rutenbündel als Symbol des Faschismus zu sehen. Das deutsche Team, das am Ende Dritter wurde, trat mit Reichsadler und Hakenkreuz auf der Brust an, die Spieler zeigten vor den Partien den sogenannten Hitler-Gruß.
Damit sie nicht nur in optischer, sondern auch in sportlicher Hinsicht dominierten, wählte Italien sehr wahrscheinlich auch geneigte Schiedsrichter aus. Zumindest blieben sowohl im Viertelfinale gegen das republikanische Spanien als auch im Halbfinale gegen das austrofaschistische Österreich entscheidende Pfiffe bei italienischen Fouls aus. Im Finale wurde einem tschechischen Stürmer ein Elfmeter verweigert – Mussolinis Italien wurde Weltmeister. Und verteidigte den Titel vier Jahre später in Frankreich, bei der letzten WM vor dem Zweiten Weltkrieg.
Die zweite Weltmeisterschaft in einer Diktatur fand 40 Jahre später in Argentinien statt. Auch das Turnier 1978 endete mit dem Sieg der Gastgeber. Und vermutlich nahm auch die Militärjunta von Jorge Rafael Videla auf dem Weg dahin Einfluss auf das sportliche Geschehen: Als Argentinien gegen Peru einen Sieg mit mindestens vier Toren brauchte, besuchte Videla gemeinsam mit dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger die Kabine der Peruaner. Drei Spieler berichteten dem Journalisten David Yallop zwanzig Jahre später für sein Buch „How They Stole the Game“ (1998) von gezahlten Bestechungsgeldern.
Die USA standen der argentinischen Junta ebenso wie anderen Diktaturen Lateinamerikas ab den 1960er-Jahren wohlwollend gegenüber. In mehreren westeuropäischen Ländern gab es kritische Stimmen gegen die Junta und die WM, nicht zuletzt von ausgewanderten Argentinier*innen. Amnesty International forderte mit der Kampagne „Fußball ja, Folter nein“ einen Boykott, und Europäische Filmteams berichteten über die wöchentlichen Proteste der Madres de Plaza de Mayo, jener Frauen, die Aufklärung über das Schicksal ihrer verschleppten Töchter und Söhne forderten. Ernsthaft beeinträchtigen konnte das die Austragung der WM nicht. Das bundesdeutsche Team dagegen empfing in seinem Quartier mit Hans-Ulrich Rudel einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der sich nach Argentinien abgesetzt hatte.
Häftlinge berichteten später, sie hätten den Jubel hören können.
Die argentinische Regierung nutzte das Turnier zur außenpolitischen Profilierung und innenpolitischen Ablenkung, während der Folter- und Terrorapparat während der WM weiterlief. Nicht weit vom Estadio Monumental, wo das Finale gespielt wurde, befand sich das Folterzentrum der Junta. Häftlinge berichteten später, sie hätten den Jubel hören können.
Die Politik des Sportswashing
Der argentinischen Junta fiel das Turnier in den Schoß, die Bewerbung hatte in einer der kurzen demokratischen Phasen stattgefunden. Bei den zwei jüngsten WM-Turnieren, die mit Russland 2018 und Katar 2022 ebenfalls von autoritären Regimes ausgerichtet wurden, war es anders. Hier waren die WM-Turniere von der Bewerbung bis zum Finale Teil einer Strategie, die heute meist mit dem Begriff „Sportswashing“ bezeichnet wird: Sport wird unter Einsatz hoher Kosten instrumentalisiert, um ein positives Image zu erzeugen, den politischen und wirtschaftlichen Einfluss auszudehnen und zugleich repressive Politik zu verdecken. Im Fall von Russland war die Verschleierung des staatlich organisierten Dopings ein weiteres Ziel der Sportstrategie. Katar ging und geht es mit seinen Investments in Fußballklubs wie Paris Saint-Germain und Sportevents wie Formel-1-Rennen, Tennis- und Golfturniere um die Stärkung seiner Soft Power als militärische Absicherung.
Beide Länder fanden in den Funktionären der FIFA willige Partner. Deren Stimme für den WM-Zuschlag musste teuer erkauft werden, dafür sahen sie über die eklatanten Menschenrechtsverletzungen hinweg. Weder die nachgewiesenen Bestechungen bei der Vergabe der WM 2022, noch die Annexion der Krim oder die Einflussnahme und militärische Unterstützung der sogenannten Volksrepubliken im Donbas durch Russland seit 2014, weder die De-facto-Leibeigenschaft des katarischen Kafala-Systems noch die Unterdrückung queerer Menschen in beiden Staaten waren ausreichend, um eine Neuvergabe der Turniere ernsthaft zu erwägen. Für beide Ausrichterländer spielte Geld keine Rolle, die Kosten für die Ausrichtung stiegen noch einmal massiv an. In Russland sollen es rund zehn Milliarden Euro, in Katar gar 200 Milliarden Dollar gewesen sein. Proteste der lokalen Bevölkerung, die mit denen in Südafrika und Brasilien vergleichbar waren, gab es nicht.
Die oft vorgetragene Idee, dass die Aufmerksamkeit durch große Sportevents in Diktaturen für nachhaltige Veränderungen sorgen kann, wurde widerlegt.
Vor allem rund um die WM in Katar, wo die Baumaßnahmen größere Dimensionen hatten als bei jedem anderen Turnier, rückte das Thema der Arbeitsrechte in den Fokus. Vorangetrieben wurde die Debatte durch die Kampagne der internationalen Gewerkschaft ILO und erste Berichte in der Londoner Tageszeitung The Guardian ab 2013. Das Kafala-System, mit dem Katar und andere Golfstaaten vor allem Menschen aus Südostasien quasi rechtlos halten, wurde in der Folge vielfach kritisiert. Der internationale Druck sorgte zumindest in Katar für leichte Verbesserungen der Situation wie einen Mindestlohn. Die oft vorgetragene Idee, dass die Aufmerksamkeit durch große Sportevents in Diktaturen für nachhaltige Veränderungen sorgen kann, wurde jedoch widerlegt: In Russland verstärkte sich die innen- wie außenpolitische Repression nach den Olympischen Winterspielen 2016 und der WM 2018. Im Bericht von Human Rights Watch von 2025 über Katar heißt es über die Arbeitsrechte: „Die missbräuchlichen Aspekte des Kafala-Systems sind weiterhin vorhanden.“
Ebenso stark diskutiert wurden Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit sowie die Situation queerer Personen in Russland und Katar und damit auch die Frage der Sicherheit für queere WM-Fans. In Russland wurde 2013 ein Gesetz verabschiedet, das sogenannte Homo-Propaganda unter Strafe stellte – darunter fiel theoretisch auch eine Regenbogenfahne im Stadion. 2018 war jedoch noch eine zivilgesellschaftliche queere Bewegung vorhanden wie die LGBT Sports Federation, die zur WM in Kooperation mit internationalen (Fan-)Organisationen auch sichtbar auftrat. In Katar fehlten und fehlen zivilgesellschaftliche Strukturen und damit auch mögliche Bündnispartner.
Während der Turniere zeigten sich trotz gewisser Gemeinsamkeiten der autoritären Systeme Unterschiede in der Praxis: In Russland war die WM eine kurze Zeit der Freiheit, während der manche politischen Proteste ebenso möglich waren wie das Trinken in der Öffentlichkeit und andere fantypische Grenzüberschreitungen. Rund um den Roten Platz wurde unter den Blicken der Polizei getanzt, laute Musik abgespielt und Laternen erklommen. „Während der mehr als 20 Jahre, die ich nun schon in Moskau lebe, habe ich die Stadt nie entspannter, weltoffener und gastfreundlicher erlebt“, schrieb Steve Rosenberg, der Moskau-Korrespondent der BBC. Auch in Katar waren manche Grenzüberschreitungen im öffentlichen Raum möglich, zugleich setzte das Regime – auch gegen den Wunsch der FIFA – seine Wertvorstellungen durch, als es um den Alkoholausschank in den Stadien ging, der kurz vor WM-Start untersagt wurde. Auch wurde mehreren Personen, die Kleidung mit Regenbogensymbolen trugen, der Zutritt zum Stadion und zur Pressetribüne entgegen anderslautender Zusagen untersagt.
In Katar und anderen muslimischen Ländern wurde die Kritik als eurozentristisch bezeichnet – und als Zeichen von mangelndem Wissen um und Respekt für Religion und Werte der Länder. Tatsächlich enthielt die Berichterstattung in Westeuropa zahlreiche exotisierende Elemente: Kaum ein Text kam ohne Kamelbilder aus. Und die Empörung über eine WM, die im europäischen Herbst abgehalten wurde, ignorierte, dass alle WM-Turniere zuvor im Herbst der südlichen Hemisphäre stattgefunden hatten. Der Vorwurf der Doppelmoral, der aus Katar erhoben wurde, traf ebenfalls einen Punkt. Schließlich steht es auch in europäischen Ländern nicht gut um die Rechte von Arbeiter*innen, Frauen oder queeren Menschen. Zugleich lenkte die Ebene des Kulturkampfes von den konkreten Menschenrechtsverletzungen in Katar ab. Sinnbild für die vielfachen Auseinandersetzungen war eine Geste vor der Siegerehrung: Katars Emir Al-Thani und FIFA-Präsident Infantino legten Lionel Messi, dem Kapitän des argentinischen Weltmeisterteams, ein traditionelles arabisches Gewand, den Bischt, um. Im arabischen Raum wurde die Geste gefeiert, in Europa wurde sie als Vereinnahmung des Fußballs durch Katar interpretiert. Im Fußballmagazin ballesterer (Ausgabe 176, Februar 2023) erklärte der Islamwissenschaftler Sebastian Sons: „Aber das war kein Symbol für Europa. Es sollte der arabischen Welt zeigen: Das war auch euer Turnier.“
Die Antwort lautet Solidarität
In der WM 2026, die zum überwiegenden Teil in den USA sowie in Kanada und Mexiko stattfindet, laufen viele Fäden aus der beinahe 100-jährigen Geschichte des Turniers zusammen: Das Wachstum ist ungebremst – zum ersten Mal findet die WM in drei Ländern, 16 Stadien und mit 48 Mannschaften statt. Das bedeutet einen mutmaßlichen Rekordgewinn für die FIFA. Die Tickets sind so teuer wie nie zuvor, auch wegen einer vom Weltverband organisierten Wiederverkaufsplattform, auf der Karten nicht zum Verkaufswert, sondern zu beliebigen Preisen angeboten werden.
Erstmals waren Menschenrechtsgarantien eine Voraussetzung für die Vergabe. Die Ausrichter haben sich etwa zu ökologischer Nachhaltigkeit, der Beachtung von Arbeitsrechten und zum Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit verpflichtet. Doch Papier ist geduldig. Ende März forderte Amnesty International von der FIFA und den beteiligten Regierungen, die eigenen Vorhaben umzusetzen: „Noch ist Zeit, die WM 2026 davor zu bewahren, zu einer Plattform für Unterdrückung und autoritäre Praktiken zu werden.“
Im Fokus stehen die teilweise bedrohliche Lage für Frauen, queere Personen und Journalist*innen in Mexiko, vor allem aber die USA: die Übergriffen der paramilitärischen ICE-Einheiten; der Krieg gegen den WM-Teilnehmer Iran; de-facto-Einreiseverbote für Fans aus Haiti, dem Iran, dem Senegal und der Elfenbeinküste; oder der Zwang für trans Personen, bei der Einreise das ihnen bei Geburt zugewiesene Geschlecht anzugeben. Bei einer Pressekonferenz mehrerer NGOs wie Human Rights Watch und der Sports Rights Alliance Ende April 2026 in Berlin wies der Vertreter der Fanorganisation Football Supporters Europe auf die Unberechenbarkeit der Situation in den USA hin: „Wir haben keine Ahnung, was nach den ersten Protesten im Stadion oder davor passiert. Wir haben keine Ahnung wie die Polizei reagieren wird. Erschießen sie Leute, weil sie auf der Straße Alkohol trinken? Es klingt übertrieben, aber das ist die Realität.“
Wie umgehen mit einem Turnier, das die negativen Seiten des Fußballspektakels so sehr verstärkt, dass die positiven dahinter zu verschwinden drohen?
Für viele Fans war die Vergabe der WM 2026 im Jahr 2016 nach zwei Turnieren in autoritären Staaten ein positives Signal. Diese Hoffnung wurde in der zweiten Amtszeit von Trump schnell zunichte gemacht. „Die Rhetorik und der gefährliche Rückschlag für Menschenrechte in den USA hat große Sorge bei Fans, die eine Reise zur WM geplant hatten, ausgelöst“, schrieb der Fanklub der queeren England-Fans, Three Lions Pride, im Januar 2026. Die Gruppe erklärte, sie werde bei der WM nicht sichtbar in Erscheinung treten. Wie schon im Vorfeld der WM 2022 in Katar wurde – wenngleich weitaus leiser – über einen möglichen Boykott diskutiert. In Deutschland positioniert sich etwa das Bündnis Fairness United deutlich.
Wie umgehen mit einem Turnier, das die negativen Seiten des Fußballspektakels so sehr verstärkt, dass die positiven dahinter zu verschwinden drohen? Eine Antwort lässt sich aus der Geschichte des Turniers ableiten: Sie lautet Solidarität. An der WM 1974 in der Bundesrepublik Deutschland nahm die Mannschaft aus Chile teil, wo ein Jahr zuvor ein Putsch von Militärs um Augusto Pinochet die sozialistische Regierung von Salvador Allende beseitigt hatte. In den Stadien gab es Proteste von geflüchteten chilenischen Oppositionellen und westdeutschen Unterstützungsgruppen. Beim Spiel Chile gegen West-Deutschland im Berliner Olympiastadion ertönten „Chile si, Junta no“-Rufe, Protestbanner waren auf den Tribünen zu sehen. 1978, während der WM in Argentinien, radelte der niederländische Fußballer Wim Rijsbergen ins Zentrum von Buenos Aires, um die Geschichten der Madres de Plaza de Mayo zu hören und darüber zu schreiben.
Die Turniere in Südafrika und Brasilien führten zu zahlreichen Mobilisierungen und Vernetzungen unterschiedlicher Gruppen, die von den Auswirkungen der Weltmeisterschaften betroffen waren: Straßenhändler*innen in Südafrika, die durch die Bannmeile rund um die Stadien ausgeschlossen waren, organisierten sich ebenso sichtbar wie Wohnungslose in Brasilien. Die Obdachlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Sem Teto organisierte im Vorfeld der WM 2014 die Besetzung eines Geländes in unmittelbarer Nähe des Itaquerão, des neu erbauten Stadions in São Paulo, durch 10.000 Menschen. Aktionen wie diese trugen die Kritik sichtbar in die Öffentlichkeit. Die Studie „Abpfiff“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur WM in Brasilien bilanziert: „Erst in der gesellschaftlichen Debatte um das Megaevent erkannten viele BrasilianerInnen, dass die WM nicht einfach ein großes Fußballfest ist, bei dem natürlich auch Geld verdient wird, sondern ein knallhartes und durchstrukturiertes Geschäftsmodell, das auf den Profit der Fifa ausgerichtet und dem das Sportereignis selbst untergeordnet ist.“
Auf diese Weise ließen sich auch 2026 kritische Stimmen verstärken, die durch Ausrichter USA und die FIFA marginalisiert werden. Das können Statements der „Dignity 2026 Coalition“ sein, einem Zusammenschluss von Menschenrechts- und Fanorganisationen in den USA; oder Proteste oppositioneller iranischer Fans im Stadion, die von den Stadionkameras nicht gezeigt werden, in den Sozialen Medien aber sichtbar sind. Eine solidarische Haltung kann auch darin bestehen, nicht die Fans zu verachten, die vielleicht Jahre sparen, um sich ein WM-Ticket zu exorbitanten Preisen zu kaufen – sondern diejenigen, die das Preissystem erschaffen und davon profitieren.



