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Historische Ereignisse spielen sich immer zweimal ab: einmal als Tragödie, einmal als Farce – dies postuliert Karl Marx in seinem Werk „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“. Hintergrund ist die Erwartung, dass alle Akteure eine Vorstellung vom Ablauf eines zurückliegenden Ereignisses haben und sich darauf einstellen, dass es sich wiederholen könnte. Da aber niemand zweimal hintereinander in dasselbe Loch fällt, kommt es nicht zur identischen Wiederholung, sondern allenfalls zur Nachahmung des vorausgegangenen Geschehens.
Seit 2024 war vor diesem Hintergrund in Frankreich die Frage aufgeworfen, ob sich die Geschichte in Gestalt des Linksbündnisses, das in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg die Geschicke des Landes prägte, nun als Farce reproduziere.
Tragödie oder Farce
Bernard Schmid, geboren 1971 in Süddeutschland, lebt in Paris. Der promovierte Arbeitsrechtler arbeitet hauptberuflich als Anwalt. Nebenberuflich ist er als freier Journalist und Publizist tätig. Seit 1990 arbeitet er zum Front National und weiteren Themen wie Gewerkschaften und soziale Bewegungen in Frankreich und Nordafrika.
Das Bündnis firmierte in den 1930er Jahren unter dem Namen Rassemblement populaire pour le pain, la paix et la liberté („Sammlung der kleinen Leute für Brot, Frieden und Freiheit“), wird jedoch in der Folge kurz als Front populaire bezeichnet. Das bedeutet sinngemäß: „Front der kleinen Leute“ – und nicht etwa die des ganzen Volkes, wie die gebräuchliche, jedoch ungenaue deutschsprachige Übersetzung „Volksfront“ nahelegt. (Ein französisches quartier populaire ist eben auch kein „Volksviertel“, sondern ein Arbeiterstadtteil oder eine Wohngegend der Unterklassen.)
Sehr kurzfristig und in Reaktion auf die Auflösung der Nationalversammlung durch Staatspräsident Emmanuel Macron am 9. Juni 2024 schlossen die französischen Linksparteien in den Tagen nach dem Auflösungsbeschluss ein neues Wahlbündnis. Dieses tauften die Linkskräfte auf den Namen Nouveau front populaire (NFP). Handelte es sich dabei um die Wiederkehr des Vorausgegangenen, einer historischen Tragödie, als Farce? Dies behaupteten jedenfalls manche ihrer bürgerlichen Gegner*innen. In Wirklichkeit ließ sich dies jedoch nicht halten, weil die Erfahrung des französischen Front populaire in den 1930er Jahren eben keinesfalls eine Tragödie darstellt. Zugleich stechen die Unterschiede zwischen der damaligen Situation und den Erfahrungen der kurzlebigen NFP-Allianz ins Auge: Im Jahr 1936 gewann das damalige Linksbündnis die Parlamentswahl vom 26. April und 3. Mai haushoch mit 57,8 Prozent der abgegebenen Stimmen; im Nachhinein setzte es eine Reihe progressiver Sozialreformen durch.
Dagegen wurde das Wahlbündnis NFP zwar bei der vorgezogenen Neuwahl der Nationalversammlung vom 30. Juni und 7. Juli 2024 zur stärksten Kraft in einem zersplitterten Parlament und forderte danach von Staatspräsident Macron den Regierungsauftrag – den dieser ihm nicht erteilte –, blieb jedoch mit 28,8 Prozent der Stimmen im ersten und 26,7 Prozent im zweiten Wahlgang von einer absoluten Mehrheit der Stimmen weit entfernt.
In der Folge konnte sich das NFP-Bündnis im Parlament nicht durchsetzen. Vor allem zerstritt es sich schnell, da stark divergierende Vorstellungen vor allem zwischen dem zuletzt zwischen 2012 und 2017 regierenden Parti Socialiste und der oft als linkssozialistisch bis -populistisch etikettierten Wahlplattform La France insoumise („Das unbeugsame Frankreich“) polarisierend wirkten; insbesondere internationale Fragen, unter ihnen der sogenannte Nahostkonflikt, sorgten für gegenseitige Vorwürfe.
Rückblick ohne Zorn
Dies trübt den Blick auf die Jahre um 1936, in denen die französische Linke vereinigt war, vorübergehend auch auf Wahlebene triumphierte und in der Folgezeit einige Veränderungen durchsetzte (bei anderen allerdings scheiterte), jedoch nicht. Diese Periode bleibt eine historische Referenz, und dies nicht nur innerhalb der Anhängerschaft der Linken. Auch eine längere Geschichtssendung am Abend des 19. Mai 2026 im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France 3 unter dem Titel „1936: Der Front populaire zwischen Freude und Zorn“ kam zu dem Schluss, es habe sich um einen historischen Abschnitt von fundamentaler und unter dem Strich positiver Bedeutung gehandelt. Die Sendung verwies am Ende darauf, das Regierungsbündnis von 1936 habe geplant, eine allgemeine Kranken- und Altersversicherung einzuführen, die zwar erst 1945 – nach dem Sieg über Nazideutschland – in Gestalt der bis heute existierenden Sécurité sociale eingeführt worden sei, doch unter Beteiligung derselben politischen Kräfte.
Daran gibt es im Kern wenig zu rütteln. Auch wenn das damalige Regierungsbündnis der Linken unter Léon Blum nach nur einem Jahr den Rückzug antreten musste, und auch wenn einige Zeit später eine reale Tragödie in Gestalt der militärischen Niederlage Frankreichs gegen Nazideutschland und einer vierjährigen nazideutschen Besetzung folgte: Diese war keine Folge der Linksregierung, sondern Ausdruck des Siegs ihrer Feinde.
Begünstigt wurde die schnelle Niederlage gegen Adolf Hitler 1939/40 durch die langjährigen innenpolitischen Gegenspieler der französischen Linkskräfte, also die politische Reaktion und die Arbeitgeberverbände, die schon vor der Kapitulation von 1940 der Maxime folgten: Plutôt Hitler que le Front populaire! („Lieber Hitler als der Front populaire!“).
Der Auslöser
Am 6. Februar 1934 versuchen französische Rechte – bei ihnen handelte es sich um Verbände von Veteranen des Ersten Weltkriegs und Sympathisant*innen des Mussolini-Regimes in Rom im Bündnis mit der monarchistisch-nationalistisch-antisemitischen Bewegung Action française unter Charles Maurras –, in Paris die Nationalversammlung zu stürmen und, unter Berufung auf aktuelle Korruptionsaffären, die Republik zu stürzen. Der Versuch wird niedergeschlagen, wobei es zu siebzehn Toten und 2.300 Verletzten kommt. Die Nachricht von den Ereignissen auf der Pariser Place de la Concorde löst eine Schockwelle aus.
Die offizielle Reaktion der Führung der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) entsprach der zu diesem Zeitpunkt noch geltenden „Sozialfaschismus“-Doktrin der Kommunistischen Internationale. Der französische KP-Chef, Maurice Thorez, erklärte im Parlament: „Sie alle, Regierende und Abgeordnete der Rechten oder der Linken, führen das Land in den Faschismus. Die internationale Erfahrung beweist, dass es keinen Wesensunterschied zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Faschismus gibt.“
An der Basis der Linksparteien, einschließlich der französischen KP und der sozialdemokratischen SFIO, stellt sich jedoch quasi im Selbstlauf die antifaschistische Einheit von unten her: Als in Paris am 12. Februar jenes Jahres zwei getrennt angelegte Demonstrationszüge gegen den rechten Putschversuch marschieren, ein sozialdemokratischer und ein kommunistischer, vereinigen sie sich spontan unter Rufen: „Einheit! Einheit!“ Dabei kommen 150.000 Demonstrant*innen zusammen.
Unter dem mächtigen Druck der kommunistischen Basis in Frankreich und den Nachbarländern, aber auch unter dem Einfluss der Erfahrungen der schweren Niederlage der KPD gegen den Nazismus in Deutschland, bereitet die Kommunistische Internationale einen Kurswechsel vor. Ab jetzt fordert die Zentrale in Moskau die jeweiligen nationalen kommunistischen Parteien dazu auf, die Einheit gegen den Faschismus zu suchen, Bündnisse mit der Sozialdemokratie, aber auch mit Parteien des bürgerlichen Zentrums in den westlich-imperialistischen Demokratien einzugehen und dabei auch einen patriotischen Diskurs zu übernehmen.
Die französische KP geht daraufhin dazu über, bei ihren Veranstaltungen neben der „Internationalen“ auch die Nationalhymne (La Marseillaise) zu singen und die blau-weiß-roten Nationalfarben zu schwenken. An diesem Punkt gibt es jedoch massiven Widerstand der Basis; viele Mitglieder rollten die französischen Nationalflaggen so um die Fahnenstange herum, dass man nur die rote Farbe sieht.
Am 27. Juli 1934 unterzeichnen die PCF und die sozialdemokratische SFIO einen „Pakt der Aktionseinheit“. Ein Jahr später – am 14. Juli 1935, dem französischen Nationalfeiertag – schließen sie mit Blick auf die Parlamentswahl, die im April und Mai 1936 in zwei Durchgängen stattfinden wird, ein Wahlbündnis, dem sich dann auch die Radicaux anschließen. Deren Namen wird in der deutschen Presse mitunter völlig falsch mit „Linksradikale“ übersetzt, dabei ist nichts irreführender als das: „Radikale“ heißen seit dem 19. Jahrhundert in Frankreich die antiklerikalen Liberalen, und die sind eine Mittelschichtenpartei. Die Entsprechung zu radical im damaligen deutschsprachigen Raum lautet „freisinnig“.
Parlamentswahl 1936: auch ein Sieg gegen rechte Hetze
Die Linksallianz gewinnt die Parlamentswahl. Dies stellt im Übrigen auch einen wichtigen politisch-ideologischen Sieg über die damals einflussreiche rechtsextreme Massenpresse und die pro-faschistischen Kampfverbände in Gestalt der Ligues (Bünde) dar, die im Juni 1936, als der jüdische Politiker Léon Blum Regierungschef wird, verboten und aufgelöst werden.
Gegen den neuen Ministerpräsidenten hatte sich zuvor eine heftige antisemitische Hasskampagne gerichtet. Die Presse der extremen Rechten, die damals in Millionenauflage erscheint, geifert gegen den „streunenden, wurzellosen Juden“ (juif errant) Blum, gegen die „Tyrannei dieses Mannes einer anderen Rasse“, gegen „den Asiaten“. Und sie streut finsterste Gerüchte, etwa dass Léon Blum in Wirklichkeit Karfunkelstein heiße, gar nicht Franzose sei, aus Bessarabien (heute Moldau) stamme und ein geheimes Vermögen aus Diamanten besitze.
Die Wirkung der Kampagne verpufft jedoch, die Linke steht fest hinter Blum. Die nationalistische Rechte bleibt es bei ihrer Fundamentalopposition gegen seine Präsenz und Person; bei seinem Amtsantritt titelt die Tageszeitung L’Action française: „Die Judenfrage im Parlament“.
Aufgrund der nachfolgenden Reformen blieb Léon Blum im historischen Gedächtnis eines Großteils der französischen Gesellschaft indes eine populäre Referenz.
Ein Katalysator für soziale Kämpfe
Der Wahlsieg der Linkskräfte von 1936 löst unterdessen eine spontane Massenbewegung aus, mittels derer sich der jahrelang aufgestaute soziale Druck entlädt: Seit die im Oktober 1929 in den USA ausgebrochene Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen seit 1931 auch Frankreich erfassten, hatte die Arbeiterbewegung eine Reihe von Schlägen und Niederlagen einstecken müssen.
Unmittelbarer Anlass für den breiten Arbeitskampf sind Entlassungen von Lohnabhängigen, die am 1. Mai jenes Jahres – das Datum war damals noch kein gesetzlicher Feiertag – nicht in der Fabrik erschienen und aus diesem Grund gefeuert worden waren. Ab dem 7. Mai 1936 kommt es deshalb zu Konflikten, und zwischen dem 11. und 13. Mai brechen Streiks in zwei Flugzeugfabriken aus: in den Bréguet-Werken in Le Havre und den Latécoère-Fabriken in Toulouse. Diese zunächst lokalen Arbeitsniederlegungen lösen eine massive Streikbewegung aus, die alsbald anzuschwellen beginnt; eine zweite Welle von Ausständen kommt hinzu, dieses Mal für Lohnforderungen. Auf dem Höhepunkt der mächtigen Streikwelle zwischen dem 9. und 11. Juni 1936 sind anderthalb Millionen Arbeiter*innen im Ausstand. Die Streikenden besetzen „ihre“ Fabriken und Arbeitsstätten.
Die öffentlich Bediensteten, insbesondere die gewerkschaftlich gut organisierten Mitarbeiter*innen der Verkehrsbetriebe, schließen sich jedoch im Mai 1936 unter dem Druck der KP-Spitze und der mit ihr verbündeten Führung des stärksten Gewerkschaftsdachverbands CGT dem Streik nicht an. Der Professor für Zeitgeschichte Jean-Paul Brunet schrieb dazu in der Zeitschrift Historia: „Diese [KP- und CGT-Führung] hatten Angst vor der Breite der Bewegung, die ihrer Kontrolle entglitt, und schätzten, dass die gewerkschaftlich nicht organisierte Masse der Arbeiter die Grenzen des Vernünftigen überschreiten würde.“
Vier Tage nach dem Abkommen mit den Gewerkschaften vom 7. Juni 1936 beginnt der Generalstreik abzuflauen. Dennoch war es dieser Streik, der einigen der wesentlichen Reformen des Front populaire zum Durchbruch verhalf.
Die wichtigsten Sozialreformen
So hatte dessen Wahlprogramm nur in allgemeiner Form eine „Verkürzung der Arbeitswoche ohne Lohnverlust“ versprochen. Doch erst im Juni 1936, also nach dem Streik, taucht die konkretisierte Aussicht auf die 40-Stunden-Woche anstatt der bisherigen 48-Stunden-Woche wieder auf.
Die Forderung nach bezahltem Urlaub hingegen war von den Linksparteien vor der Streikwelle nicht ausdrücklich erhoben worden, auch wenn es damals bereits in Deutschland, Österreich und Skandinavien gesetzliche Urlaubstage gab. Teile der KPF standen ihr sogar zunächst ausgesprochen feindselig gegenüber, da ihrer Auffassung zufolge eine solche Forderung „das arbeitende Volk abwertet“, indem es dieses als Liebhaber von Faulenzerei und Nichtstun statt als stolze Produzenten erscheinen lasse. Bei früheren Streikwellen, wie etwa 1925 und 1933 bei Citroën, hatte die KPF sich sogar eifrig bemüht gezeigt, die (zunächst von Arbeitern erhobene) Forderung nach bezahltem Urlaub aus dem Forderungskatalog verschwinden zu lassen. In den Jahren um 1936 waren die Kader der französischen KP überdies vom damals in der Sowjetunion der Stalin-Ära propagierten Arbeitsethos geprägt.
Die sozialdemokratische SFIO hatte ihrerseits zaghafte parlamentarische Versuche unternommen, eine gesetzliche Grundlage für das Recht auf bezahlten Urlaub zu schaffen. Doch blieb diese Ambition jedes Mal irgendwo auf dem Verhandlungsweg im parlamentarischen Betrieb stecken, auch wenn die SFIO jeweils an wechselnden Regierungen beteiligt war. Diesbezüglich brachte die Streikwelle vom Mai und Juni 1936 die Wende.
In der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1936 schreibt der Ministerialdirektor im Arbeitsministerium, Charles Piquenard, in Windeseile einen Gesetzentwurf über bezahlten Urlaub nieder, der unverzüglich dem Parlament vorgelegt wird. Unter dem Eindruck der Streikwelle stimmen nunmehr sogar rechte Abgeordnete der Einführung des Rechts auf Urlaub zu – obwohl die politische Rechte solchen Reformen im Prinzip feindlich gegenübersteht, da sie angeblich „die Faulheit der niederen Klassen“ begünstigten. Der Parlamentsbeschluss über die Einführung von zwei Wochen bezahltem Urlaub vom 11. Juni 1936 fällt einstimmig, alle 592 anwesenden Parlamentarier stimmen zu (lediglich einzelne Abgeordnete wählen den Weg des passiven Widerstands, indem sie der Abstimmung fernbleiben).
Die ersten Wochen der Regierungsära des Front populaire bringen auch sonst Reformen Schlag auf Schlag: In nur 73 Tagen werden 133 Gesetze verabschiedet. Die wichtigsten betreffen die 40-Stunden-Woche, den erwähnten Jahresurlaub – viele sehen im Sommer 1936 zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer –, kräftige Lohnerhöhungen (vor allem durch die Festlegung von Mindestlöhnen) sowie eine gesetzliche Basis für Kollektivvereinbarungen (entsprechen in etwa deutschen Tarifverträgen). Und für die Bäuerinnen und Bauern, damals immerhin 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, wird das Office de Blé (Weizenbüro) gegründet – eine wichtige Neuerung, denn durch diese Behörde übernimmt die öffentliche Hand eine Abnahmegarantie für das Getreide zu festen Mindestpreisen, wodurch das häufig existenzgefährdende wirtschaftliche Risiko für die landwirtschaftlichen Erzeuger erheblich gemindert wird.
Die Macht des Kapitals
„Die ökonomische Doktrin Léon Blums war in ihrer Essenz nicht sozialistisch [...]. Das Schema Blums sah das Wachstum des Binnenkonsums vor [...] und ging davon aus, dass sich so erhöhte Profitaussichten für eine Unternehmerschaft ergeben würden, die neue Investitionen tätige“, resümiert der oben zitierte Historiker Brunet. Es handelt sich also eher um ein keynesianisches Programm.
Doch die Bourgeoisie zieht es damals vor, ihr Kapital „in Sicherheit zu bringen“, vorzugsweise in die Schweiz. Durch Währungsspekulation verliert der französische Franc zunehmend an Boden. Léon Blum weigert sich jedoch anfänglich, eine eindeutige Wahl zu treffen und beispielsweise die Währung freiwillig abzuwerten (und damit Importe zu verteuern und Exporte zu verbilligen, aber Gefahr zu laufen, das französische Image der „Stabilität“ zu schädigen). Doch schließlich muss er eine von außen erzwungene, unfreiwillige Abwertung des französischen Franc hinnehmen.
Am 25. Oktober 1936 schließt Paris ein Abkommen mit London und Washington zum Wechselkurs, demzufolge der Franc um 25 bzw. 35 Prozent an Wert verliert. Die positiven Effekte (Verbilligung von Produktion und Exporten) sind angesichts anhaltender Kapitalflucht und Währungsspekulation alsbald verflogen. Doch die negativen Aspekte – Verteuerung der Importe und Abwanderung spekulativen Kapitals, das auf der Suche nach Gewinnen zuvor in französischen Francs angelegt worden war– greifen rasch. Die Inflationsrate durch Preiserhöhungen bei vielen Gütern, 70 Prozent innerhalb von zwölf Monaten, bringt alsbald die vorhandenen Lohnzuwächse der Arbeiter*innen in Gefahr. So holt sich das Kapital zurück, was es am Anfang hatte herausrücken müssen.
Am 13. Februar 1937 spricht Léon Blum sich in einer Radioansprache für eine „Pause“ bei den Reformen aus. Der Druck des in privaten Händen konzentrierten Kapitals, das ja seine wirtschaftliche Machtposition grundsätzlich behalten hatte, wird nunmehr übermächtig. Am 15. Juni will Blum sich dann vom Parlament in ökonomischen Fragen umfassende Vollmachten verleihen lassen, um restriktive Maßnahmen durchsetzen zu können: das Ende der (im Prinzip) automatischen Angleichung der Löhne an den Preisanstieg; fünf Milliarden Francs zusätzliche Steuern; eine drastische Erhöhung der Tabakpreise, der Post- und Bahntarife; aber auch die parallele Einführung einer Kontrolle der spekulativen Währungsgeschäfte und anderer Aktivitäten des Finanzkapitals.
Während die KPF die Einführung der erstgenannten Maßnahmen beklagt, empört sich die Bourgeoisie über die letzteren. Die KPF stimmt schließlich für das Gesamtpaket an Maßnahmen, „um den Front populaire zu retten“. Aber die Radikalen (Linksliberalen) spielen ein doppeltes Spiel: In der Nationalversammlung, dem Unterhaus des französischen Parlaments, stimmen sie für Blum. Doch im Senat, dem Oberhaus, votieren sie gegen ihn. In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1937 reicht Léon Blum seinen Rücktritt als Präsident des Ministerrats ein.
Dieselbe Nationalversammlung, die die Front-populaire-Regierung trug, bleibt zwar noch bis zur französischen Niederlage im Mai/Juni 1940 bestehen. Doch nunmehr regieren hauptsächlich die Radicaux, die mit der Linken brechen und Mehrheiten mit bürgerlichen Bündnispartnern suchen. Offiziell herrscht „Reformpause“.
Weiterführende Literatur
Revue Historia, Heft 593 (Juni 1996): Le Front populaire toujours controversé, darin besonders: Jean-Paul Brunet: L’extrême droite se déchaîne contre Léon Blum, S. 43–47.
Ludivine Bantigny: La Bourse ou la vie. Le Front populaire, histoire pour aujourd’hui, Paris 2026.
Jean-Paul Brunet: Histoire du Front populaire (1934-1948), Paris 1991.
Stéphane Courtois und Marc Lazar: Le Parti communiste français, Paris 1995, insbes. S. 117–127, 140, 154.
Daniel Guérin: Front populaire, révolution manquée, Paris 2013 (Original 1963).
Jean Vigreux: Histoire du Front populaire. 1936, l’échappée belle, Paris 2016 (Neuauflage 2022).

