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«Wir haben als Angestellte gemeinsame Interessen mit den Arbeitern!» Dies ist ein Credo von 1909, das Siegfried Aufhäusers Politik ein Leben lang bestimmte. Er war der führende Gewerkschafter der Angestelltenbewegung in Deutschland, sozialdemokratischer Politiker, überzeugter Sozialist und Publizist. Der Historiker Christian Zech hat Aufhäuser eine fulminante Biografie gewidmet, die sachkundig die Facetten über dessen politisches Wirken in sechs Jahrzehnten ausleuchtet und einordnet. Zech begründet seinen Beweggrund mit der Wahrnehmung, dass viele der prägenden politischen Persönlichkeiten der Weimarer Republik kaum mehr einem größeren Publikum bekannt sind.
Siegfried Aufhäuser, 1884 geboren, entstammte einer jüdischen Fabrikantenfamilie aus Augsburg und war gelernter Handlungsgehilfe. Er hatte frühzeitig Ausbeutung sowie antisemitische Anfeindungen erlebt und die Notwendigkeit des politischen Engagements erkannt. Zech zeichnet Aufhäusers Weg nach, der ihn noch im Kaiserreich vom liberalen kaufmännischen Berufsverband zum freigewerkschaftlichen Bund der technisch-industriellen Beamten (Butib) führte.
Arbeits- und sozialrechtlich sah Aufhäuser die Interessen der Angestellten zersplittert in verschiedenen Verbänden und Gesetzen und schmiedete noch wahrend des Ersten Weltkriegs Bündnisse für eine bessere Interessenvertretung. Parteipolitisch durchlebte Aufhäuser in diesem Zeitraum einen Häutungsprozess; zunächst schloss er sich 1908 der liberalen Demokratischen Vereinigung (DV) an. Wahrend etwa Rudolf Breitscheid die DV 1912 in Richtung Sozialdemokratie verlassen hatte, vollzog Siegfried Aufhäuser diesen Schritt erst 1917 und trat der USPD bei.
Spätestens jetzt wird in Zechs Biografie über Aufhäuser deutlich, wie wirkungsvoll bei diesem das Zusammenspiel von gewerkschaftlichem und parteipolitischem Handlungsfeld funktionierte, vor allem seit den Monaten nach der Revolution vom November 1918. Aufhäuser brillierte in der jungen Weimarer Republik als Redner auf großen Versammlungen, plädierte leidenschaftlich für Sozialisierung. Ausgehend von seinem Credo von 1909 suchte er als Angestelltengewerkschafter den Kontakt zur Arbeiterbewegung und ihrer Führung, etwa als 1920 der Kapp-Putsch nach einem gemeinsamen Aufruf von Carl Legien und Siegfried Aufhäuser zum Generalstreik ins Leere lief.
An diesem Beispiel verdeutlicht Zech die gewerkschaftspolitischen Rahmenbedingungen für ein von Aufhäuser geschaffenes Bündnis der freigewerkschaftlichen Angestelltenverbände (Allgemeiner freier Angestelltenbund, AfA-Bund) und des 1919 gegründeten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB). Er zeichnet einen an Konsens und Dissens reichen Annäherungsprozess nach, der letztlich zu einem Kooperationsabkommen führte.
Aufhäuser wurde im Oktober 1921 Vorsitzender des AfA-Bundes und hatte sich spätestens zu diesem Zeitpunkt als einer der führenden Gewerkschafter im Lande etabliert. Er zeigte sich als überzeugter Sozialist, etwa wenn er schrieb, soziale Demokratie könne sich nicht in Parlamentswahlen erschöpfen. Tatsächlich war er ein starker Befürworter einer Demokratisierung der Wirtschaft und der Betriebe.
In Zechs Aufhäuser-Biografie nimmt sein Wirken für die Sozialdemokratie eine herausragende Rolle ein. Noch als USPD-Mitglied rückte Aufhäuser als Abgeordneter in den Reichstag nach, im Spaltungsprozess der USPD schloss er sich der Mehrheits-SPD an und blieb Mitglied des Reichstags bis 1933. Signifikant erscheint für Zech die Positionierung Aufhäusers auf dem linken Parteiflügel, ausweislich seiner Skepsis gegenüber Koalitionen der SPD mit bürgerlichen Parteien. Im Reichstag erwies er sich als Stimme der SPD im sozialpolitischen Ausschuss, wenngleich die Kontroversen mit den sozialpolitischen Widersachern anderer Parteien, speziell gegenüber dem Deutschnationalen Walter Lambach, kaum thematisiert sind.
Das Jahr 1933 wurde auch für Aufhäuser ein Schicksalsjahr. Zech zeichnet den Weg in die Katastrophe bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 präzise nach und ermöglicht damit die Einordnung von Aufhäusers Position als Kritiker einer Anpassungspolitik, für die die Führungsspitzen von SPD sowie ADGB standen. Nachdem das «Ermächtigungsgesetz» den Reichstag passiert hatte, war für Aufhäuser das Ende der parlamentarischen Demokratie besiegelt und auch die Zukunft der unabhängigen Gewerkschaften. Er trat Ende März 1933 vom Vorsitz des AfA-Bundes zurück, der sich Ende April selbst auflöste. Bei den Nazis war er als Gewerkschafter, Sozialdemokrat und Jude besonders verhasst. Vor drohender Verhaftung floh er am 5. Mai 1933 mit Ehefrau und Tochter über das Saarland nach Paris, damals ein Zentrum von politischen Akteuren, die aus dem Deutschen Reich vertrieben worden waren. Zech erwähnt Aufhäusers Bilanz, die parlamentarische Demokratie als Weg zum Hineinwachsen in den Sozialismus habe sich nicht bewährt.
Zechs Biografie geht besonders ausführlich auf die Jahre des Exils von 1933 bis 1951 ein. Aufhäuser als prominenter Vertreter des linken Parteiflügels war noch im April 1933 in den Parteivorstand gewählt worden. Nach Monaten frustrierender Hilfsarbeit für Geflüchtete in Paris war er nach Prag umgezogen und gehörte als nichtbesoldetes Vorstandsmitglied der Bürogemeinschaft des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (im Exil – Sopade) an. Unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Parteiarbeit im Exil waren dort Anlass für Streit, etwa über die Ziele und Taktik sozialdemokratischer Politik, formuliert im «Prager Manifest». Aufhäuser und andere plädierten fur eine Reflexion über die SPD-Politik in der Weimarer Republik und die Grundfrage der Einheit der Arbeiterbewegung. Die zunehmende Distanz zur Sopade glich Aufhäuser in Prag mit Gewerkschaftsarbeit fur den tschechischen Angestelltenverband aus und widmete sich der Publizistik, unter anderem schrieb er fur die «Neue Weltbühne». Eine neue Facette in Aufhäusers Leben begann 1939 mit der Übersiedlung nach New York, einem Hotspot der Emigrierten. Diesem Kapitel widmet Zech besondere Aufmerksamkeit.
Verdienstvoll ordnet er Aufhäusers Weg durch das Konglomerat einer Emigrantenszene, die sich schwertut, effiziente Bündnisse zu schmieden; Zech verweist unter anderem auf die German Labor Delegation, die Gruppe «Neu Beginnen» und den Council for a Democrated Germany. Aufhäuser brachte sich in mehrere Gruppen ein, was ihm auch Gegner eintrug, vor allem wenn er für ein eher breites Bündnis demokratischer Organisationen eintrat. Seinen Lebensunterhalt konnte er bei der deutschjüdischen Zeitung «Aufbau» bestreiten; dies brachte ihn, der zuvor antireligiös eingestellt gewesen war, dem Judentum näher. Nach einem politisch orientierten Streit entfernte er sich vom «Aufbau» und heuerte bei der deutschsprachigen «New Yorker Staatszeitung und Herold» an. Bei beiden Zeitungen lag sein Schwerpunkt auf wirtschafts- und sozialpolitischen Themen. Eine Offerte seines früheren AfA-Kollegen Bernhard Göring zur Rückkehr nach Deutschland und Mitarbeit im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) erteilte er eine politisch orientierte Absage: Aufhäuser stand damals in enger Verbindung mit der SPD um Kurt Schumacher und war mit den Umstanden der Vereinigung von SPD und KPD in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) vertraut.
Erst 1951 kehrten er und seine Frau Anna nach Deutschland zuruck. In Berlin übernahm er den Landesvorsitz der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, wurde Mitglied im Landesvorstand der SPD und war Redner auf Berliner Großkundgebungen. Zu Beginn der 1960er-Jahre zog er sich aus der Politik zuruck, blieb publizistisch aber der Angestelltenbewegung verpflichtet. Er starb im Dezember 1969. Er sah sich zeitlebens als nichtreligiös, aber blieb dem Judentum verbunden; seine Tochter Eva war 1934 in das britische Mandatsgebiet Palastina ausgewandert. Er hielt Kontakt zu Gewerkschaftern, die wie Fritz Naphtali dorthin emigriert waren.
Christian Zech arbeitet Aufhäusers politisches Denken zwischen ideologischer Festigkeit als politischer Linker und Pragmatismus sorgfältig heraus. Die Biografie zeichnet sich durch akribisches Quellenstudium aus.
Gunter Lange (Berlin)
Christian Zech: Siegfried Aufhäuser. Gewerkschafter, Politiker und jüdischer Sozialist 1884–1969, Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 551 Seiten, 59 Euro (hier open access)


