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Alina Schwermer schreibt als freie Autorin u.a. für die taz. 2022 veröffentlichte sie „Futopia: Ideen für eine bessere Fußballwelt“ im Werkstatt-Verlag.
Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers „Wem gehört der Fußball?“.
Im Dezember 2025 produzierte die FIFA ein Bild, das lange in Erinnerung bleiben wird: Da überreichte FIFA-Präsident Gianni Infantino dem US-Präsidenten Donald Trump einen eigens für ihn geschaffenen FIFA-Friedenspreis. Es gab dafür keine Kriterien, keine Jury und keinen öffentlich einsehbaren Prozess. Und natürlich war der Preis völlig absurd für einen Mann, der zu diesem Zeitpunkt bereits außergerichtliche Hinrichtungen in der Karibik durchführen ließ, den mutmaßlichen Völkermord an den Palästinenser*innen maßgeblich finanzierte, Staaten mit Annexion drohte und die Behörde ICE zu einer paramilitärischen Organisation aufrüstete, die hunderttausende Menschen deportierte. Sogar einige hochrangige FIFA-Offizielle räumten später anonym ein, dass sie sich in diesem Moment geschämt hätten. Der Friedenspreis für Trump wurde zum wirkmächtigsten Bild für das düstere Geschäftsmodell der FIFA.
Im ohnehin zweifelhaften Milliardengeschäft Fußball hat kaum eine Organisation einen so schlechten Ruf wie die FIFA, die Fédération Internationale de Football Association. Für viele Fans ist ihr Name gleichbedeutend mit Korruption. Doch welches Geschäftsmodell sorgt für diese korrupten Strukturen? Und was macht den Weltverband so resistent gegen Veränderung?
Strukturprobleme der FIFA
Eines der zentralen Strukturprobleme der FIFA liegt darin, dass sie in der internationalen Fußballwelt gewissermaßen gleichzeitig die Regierung und der Geldgeber ist. Vor allem kleine Fußballverbände sind finanziell hochgradig von ihr abhängig. Die FIFA hält das Monopol auf die Fußballweltmeisterschaft der Männer, den größten Goldesel für Verbände. Bei dieser WM verdienen natürlich erst einmal die erfolgreichsten Teams. Für 2026 beispielsweise ist ein Rekordbudget von 871 Millionen US-Dollar vorgesehen, der Weltmeister allein erhält 50 Millionen.
Aber auch Verbände, die gar kein Team entsenden, profitieren. An sie nämlich verteilt die FIFA Gelder als eine Art Entwicklungshilfe. Allein im Zyklus von 2023 bis 2026 hat der Weltverband nach eigenen Angaben rund 2,25 Milliarden USD an seine 211 Mitgliedsverbände ausgezahlt, jeder Verband bekam mindestens acht Millionen. Vor allem für Verbände in Afrika oder im Pazifikraum bedeuten diese Gelder einen Großteil ihrer Budgets.
Niemand will die Hand beißen, die ihn füttert.
Gleichzeitig aber funktioniert die FIFA als Exekutive – und dieselben Verbandsvertreter*innen, die sich mit FIFA-Geldern die Taschen füllen, wählen den Präsidenten. Das führt fast zwangsläufig zu einer Günstlingswirtschaft des Abnickens und Schweigens. Ein Präsident kann sich seine Wiederwahl mit großzügigen Zuwendungen an die Armada der Kleinstaaten sichern, zumal der Verbleib der Gelder nicht öffentlich kontrolliert wird. Es war João Havelange, FIFA-Boss von 1974 bis 1998, der dieses System erstmals effektiv nutzte, um mithilfe der noch jungen, unabhängigen Ex-Kolonialstaaten über Jahrzehnte durchzuregieren. Die schier endlosen Amtsjahre vieler Präsidenten werden durch dieses System begünstigt.
Zusätzlich problematisch ist, dass jeder Mitgliedsverband genau eine Stimme hat. Zwar verhindert das eine Dominanz der Großstaaten, aber es verschafft leicht käuflichen Ministaaten irrational viel Einfluss. Niemand will die Hand beißen, die ihn füttert.
Die fehlende Gewaltenteilung ist die Wurzel vielen Übels im internationalen Fußball. Zudem ist die FIFA wegen ihrer größenwahnsinnigen Infrastrukturwünsche bei Weltmeisterschaften enorm von einzelnen Autokraten oder Imperien abhängig, siehe Trump. Vor allem im Zuge des letzten großen Korruptionsskandals 2015 gab es viele Versuche, die FIFA zu reformieren, etwa durch eine unabhängigere Ethikkommission und weitere Kontrollgremien für den neuen FIFA-Rat. Doch schon wenige Monate später wurden viele Reformen rückabgewickelt. Umgehend gab der Rat sich die Macht zurück, seine eigenen Kontrolleur*innen einzustellen oder zu entlassen, was das System ad absurdum führt. Die zunächst tatsächlich widerständige Haltung der Kontrollgremien gegenüber Präsident Infantino war damit passé. Viele Insider halten die FIFA seitdem für nicht reformierbar.
Strukturelle Korruption
Dabei ist die FIFA selbst enorm von der Weltmeisterschaft der Männer abhängig, denn in den anderen Geschäftsjahren macht sie Verluste. Um sich die Gefolgschaft der Fußballwelt zu erkaufen, muss sie die WM also immer weiter aufblähen. Viele unsinnige Maßnahmen wie die Erweiterung auf 48 Teams oder Kicks über drei Kontinente fußen nicht nur auf der persönlichen Gier der Multimillionäre an ihrer Spitze, sondern dienen auch dazu, Hörigkeit zu erkaufen. Je mehr Staaten teilnehmen oder mit ein paar Partien als Ausrichter bedacht werden, desto mehr politische Unterstützung für die Mächtigen. Ein Perpetuum Mobile aus Geldverteilung und Schweigen.
Das strukturelle Problem der FIFA lässt sich also in einem Satz zusammenfassen: Sie ist gleichzeitig Parlament und Großkonzern. Eine schlechte Kombination.
Es geht dabei auch umgekehrt: Weil sich die FIFA allein durch ihr Wachstumsversprechen legitimiert, schafft sie unlautere Vorteile für Staaten, die bereit sind, viel zu investieren. So bevorzugte sie bei der WM-Qualifikation 2026 Katar und Saudi-Arabien, indem sie ihnen das Heimrecht der entscheidenden Qualifikationsturniere und mehr Ruhetage übertrug. Beide Staaten finanzieren den Fußball massiv als WM-Ausrichter, Saudi-Arabien tritt über seinen Staatskonzern Saudi Aramco zudem als FIFA-Sponsor auf. Eigentlich ein offensichtlicher Interessenskonflikt, gegen den andere Staaten protestierten – vergeblich. Und im Falle eines Iran-Rückzugs von der WM soll der Weltverband damit geliebäugelt haben, den wichtigen Markt Italien nachrücken zu lassen, ohne jedes sportliche Argument. Das strukturelle Problem der FIFA lässt sich also in einem Satz zusammenfassen: Sie ist gleichzeitig Parlament und Großkonzern. Eine schlechte Kombination.
Das liegt schon im Konstrukt begründet. Anders als andere internationale Organisationen wie die UNO, die eine Institution des Völkerrechts ist, ist die FIFA ein privater Verein nach Schweizer Recht. Das sorgt nicht nur für angenehme Steuervorteile, sondern auch für weitgehende Freiheit von demokratischer Kontrolle. Die FIFA finanziert sich überwiegend selbst, anders als beispielsweise die auf Mitgliedsbeiträge der Staaten angewiesene UNO. Dieses Geschäftsmodell macht die FIFA enorm schwer kontrollierbar und verschafft ihr zugleich massive Macht über ihre Mitglieder. Und solange es keine Institution von außerhalb gibt, die die Kontrollgremien finanziert, bleiben diese zahnlose Tiger. Die derzeitige Ethikkommission ist selbst Teil der FIFA, ein schlechter Witz. Der Weltverband hat seine Macht außerdem über Statuten abgesichert, die die Einflussnahme durch Regierungen verbieten. Staaten, die sich an einer Regulierung der FIFA versuchen, können mit einem Ausschluss ihrer Nationalteams abgestraft werden.
Alternativen zur FIFA
Beobachter*innen hoffen daher auf ein Eingreifen der EU. Diese solle der FIFA Bedingungen auferlegen, unter denen sie weiter Zugang zum europäischen Markt habe. Das ist tatsächlich kurzfristig der erfolgversprechendste Ansatz: Stets waren Nationalstaaten die einzigen Akteure, die der FIFA gefährlich werden konnten, wie etwa im Fall der US-geführten Ermittlungen beim Korruptionsskandal 2015. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare argumentiert in einem Papier von 2024, dass es für eine EU-Regulierung durchaus eine rechtliche Grundlage gebe. Die EU sei zudem „immuner gegen den Druck als einzelne Staaten“, da sich der Weltverband nicht leisten könne, alle Europäer gleichzeitig auszuschließen. Als Vorbild gelten die EU-Regulierungsversuche gegen große Tech-Konzerne aus den USA.
Allerdings zeigt die EU bisher wenig Interesse, bei der FIFA einzugreifen. Auch haben solche Auflagen Grenzen. Am ehesten wären sie in der Lage, die FIFA zu mehr Transparenz zu verdonnern und womöglich ein extern finanziertes Kontrollgremium bereitzustellen. Das wäre ein substanzieller Fortschritt. Dennoch könnte die FIFA durch ihr Geschäftsmodell weiter relativ autark agieren. Auch lässt nur schwer vorstellen, dass ausgerechnet die neoliberale EU, die gerade selbst ihre Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsstandards rückabwickelt, die FIFA in diesen Bereichen in die Pflicht nimmt. Das Vorbild Big Tech zeigt ziemlich gut die Chancen und Grenzen solcher Maßnahmen. Nicht zuletzt bleibt bei der FIFA zudem eine strukturelle Problematik, für die sie ausnahmsweise nichts kann: Anders als bei der UEFA sind zahllose Mitgliedstaaten der FIFA Diktaturen oder Autokratien, was eine Demokratisierung per se erschwert und das Korruptionsrisiko erhöht.
Wahnsinn ist, von denselben Strukturen ein anderes Ergebnis zu erwarten.
Um wirksam Strukturen zu verändern, kommt der Fußball wohl um einen Neuaufbau nicht herum. Dafür gibt es aktuell keine Mehrheiten. Die FIFA gilt trotz ihres negativen Images als unangreifbar.
Aber für Parallelstrukturen gibt es durchaus historische Vorbilder. Das einflussreichste davon war der Arbeiterfußball in den 1920er Jahren, der eigene internationale Turniere austrug und auf Werte wie Fairness und Solidarität setzte. Er wurde in Deutschland durch den Nazi-Faschismus zerschlagen. Der Arbeitersport kam aber auch deshalb nie wieder auf die Füße, weil die politische Linke nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen das Ringen um ein neues System aufgab und sich auf die Zähmung des Kapitalismus fokussierte, ein schwerer Fehler. Das galt auch für den Fußball.
Eine Zähmung durch Fanproteste in der Männer-Bundesliga, WM-Boykottaufrufe oder Druck mithilfe von Nichtregierungsorganisationen auf die FIFA ist heute weitgehend gescheitert. Die progressiven Kräfte des Fußballs sind gebunden in immer neuen Rückverteidigungsgefechten gegen Kapitalinteressen. Der Weg über einen neuen Verband ist zwar mühsamer, aber deutlich erfolgsversprechender. Wahnsinn ist, von denselben Strukturen ein anderes Ergebnis zu erwarten.
Zentral für neue Strukturen ist eine echte Gewaltenteilung. Eine WM der Zukunft könnte etwa von einer Stiftung verwaltet werden, die die Mittel in weltweite Fußballförderung investiert, oder von einer Genossenschaft, bei der alle Verbände einen Anteil halten und mitbestimmen. Der neue Weltfußballverband dagegen sollte ein separates Organ sein, das allein als Fußballparlament dient, sich aus Beiträgen der Mitgliedsverbände finanziert und, etwa in Arbeitsgruppen, Engagierte von der Basis beteiligt. Kontrolliert werden sollte es von einem unabhängig finanzierten Gerichtshof, der von außerhalb des Sports kommt – die traditionelle Korruption des Sports fußt maßgeblich auf seiner sogenannten Autonomie.
Statt als Konzern mit Wirtschaftsinteressen zu agieren, könnte dieses neue FIFA-Parlament sich auf das fokussieren, was eigentlich seine Aufgabe wäre: Spielregeln einführen, Zukunftsideen entwerfen und für Interessensausgleich zwischen den Mitgliedern sorgen. Nicht alle Probleme wären damit gelöst, denn wir befänden uns immer noch in einem kapitalistischen System, in dem die WM den internationalen Fußballzirkus finanziert.
Ein progressiveres System wäre beispielsweise eine Beitragsökonomie, in der nur jenes Handeln belohnt wird, bei dem der gesamtgesellschaftliche Nutzen die Schäden überwiegt. Aber auch ein schlichter Alternativverband kann Leitplanken setzen. Er sollte sich eine Charta geben, die explizit Gemeinwohl statt Wachstum zum Ziel erhebt. Er muss rund um Weltmeisterschaften Kollektivrechte anerkennen: Natur, Klima und lokale Bevölkerung können dann nicht zum Nulltarif geschädigt werden. Und Vertreter*innen können diese Rechte vor dem Gerichtshof einklagen.
Zuletzt braucht ein Alternativverband kleinere Turniere, die bereits vorhandene Infrastruktur nutzen. Das ergibt sich nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch, um Korruption zu reduzieren, die durch die aktuelle Abhängigkeit der FIFA von Regierungen und deren großen Infrastrukturprojekten entsteht. Und es braucht neue Ideen für Turniere mit durchmischten Teams statt Nationalmannschaften. Solche Vorschläge erzeugen traditionell den größten Widerstand, denn die Erzählung vom Kampf der Nationen funktioniert einfach gut und ist lukrativ. Aber in nationalstaatlicher Konkurrenz um Ressourcen werden die großen Krisen der Gegenwart nicht zu lösen sein. Und wer diese Erzählung schwächen will, muss den Mut haben, mit Neuem zu begeistern.
Ist all das realistisch? Alternativvorschläge treffen derzeit auf große Widerstände, weil sie als nicht umsetzbar, naiv und nicht gewollt dargestellt werden. Tatsächlich naiv allerdings ist es, weiter zuzuschauen, wie Eliten sich immer mehr Macht und Mittel sichern, die sie für gesellschaftlich katastrophale Entscheidungen nutzen. Ungleiche Gesellschaften kollabieren, das ist aktuell live erlebbar. Und vielen engagierten Menschen auch im Fußball droht aufgrund der vorhersehbaren Misserfolge im Rückverteidigungsgefecht die Erschöpfung. Ein Rückzug dieser Engagierten wäre das Schlimmste, was passieren kann. Klug ist, wer diese Mechanismen erkennt. Und versteht, dass es nicht Visionen sind, die in die Sackgasse führen – sondern der Mangel an ihnen.


