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Die Wahlen in Großbritannien vom 7. Mai haben eine politische Krise auf die Spitze getrieben, die sich seit 2020 abzeichnete. Etwa ein Drittel der Sitze in den Kommunalparlamenten Englands und sämtliche Sitze in Wales und Schottland standen zur Wahl. Das Ergebnis war für die Labour-Partei desaströs: Sie konnte sich selbst in jahrzehntelang gehaltenen Hochburgen nicht durchsetzen. Während die fortgesetzte Dominanz der linksgerichteten Scottish National Party (SNP) im schottischen Parlament keine Überraschung darstellte, waren die Ergebnisse für Labour in walisischen Wahlkreisen besonders schmerzhaft. Die ehemaligen Bergbau- und Industrieregionen von Südwales sind weitaus dichter besiedelt als der ländliche Norden und gehören traditionell zum Kernland der britischen Arbeiterbewegung, in der Labour seit den 1920er Jahren dominiert. Doch die Partei landete im Senedd, dem walisischen Parlament, nur auf dem dritten Platz, hinter der linksnationalistischen Plaid Cymru (Walisische Partei) und der rechtsextremen Reform UK.
Der Kollaps der Labour-Partei
Aus den Wahlergebnissen sticht besonders hervor, dass die Unterstützung für Labour überall eingebrochen ist, und dies sogar gegenüber dem bereits relativ niedrigen Ergebnis bei der Unterhauswahl 2024. Damals erzielte die Partei mit weniger als 34 Prozent der Stimmen eine große parlamentarische Mehrheit, da sich die rechten Wählerstimmen auf die Conservative Party und Reform UK aufteilten. Gemäßigte Beobachter*innen führen dies gern auf Keir Starmers mangelndes Charisma und sein schlechtes Urteilsvermögen bei der Ernennung von Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zurück – trotz dessen enger Verbindungen und Geschäftsbeziehungen zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Doch Starmers historisch beispiellose Unbeliebtheit hat weitaus tiefere Wurzeln. Die Geringschätzung, die er den Labour-Mitgliedern entgegenbrachte, die ihn 2020 gewählt hatten, war außergewöhnlich. Er brach jedes Versprechen, das er ihnen vor der Wahl zum Parteivorsitz gegeben hatte, während er unter fadenscheinigen Gründen Tausende von Parteilinken suspendierte oder ausschloss, darunter nicht zuletzt den beliebten Jeremy Corbyn. Dies sollte ihn bei den Wähler*innen der politischen Mitte populär machen. Doch im Zeitalter der Plattformmedien hat die Verärgerung und Abschreckung Hunderttausender hoch engagierter Bürger*innen (sowie ihrer Freund*innen, Familien, Nachbar*innen und Kontakte in den sozialen Medien) im Gegenteil zu dem weit verbreiteten Eindruck seiner Doppelzüngigkeit und Prinzipienlosigkeit beigetragen. Starmers Regierung hat zwar progressive Reformen auf den Weg gebracht: einige Verbesserungen bei den Rechten von Arbeitnehmer*innen und Mieter*innen, gewisse Erhöhungen der öffentlichen Ausgaben, ein paar lückenhafte Ausweitungen des öffentlichen Eigentums. Doch die große Mehrheit der Wähler*innen hält weitaus drastischere Verbesserungen für notwendig, um die aktuelle Krise der Lebenshaltungskosten und die Langzeitfolgen der jahrzehntelangen Politik des Neoliberalismus, der Deindustrialisierung und der Austerität anzugehen.
Die Nachwahl markierte einen möglicherweise historischen Wendepunkt in der britischen Politik. Der beliebte Labour-Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, konnte sich im Laufe des vergangenen Jahres als Wortführer einer möglichen radikalen Alternative zum Starmerismus profilieren.
Was die Wähler*innen sich genau vorstellen, ist nicht immer eindeutig. Würde man aus Meinungsumfragen und Stimmungsbarometern eine Liste gemeinsamer Forderungen ableiten, enthielte diese wahrscheinlich ein radikales Programm zum Wiederaufbau des sozialdemokratischen Konsenses und die drastische Reduktion der Einwanderungszahlen – jedoch kaum Elemente jener konservativen Kulturkampf-Agenda, die in aller Regel damit einhergehen. Labour versuchte, sich als Wegbereiter für einen solchen Kompromiss zu profilieren, doch der Umgang mit Einwanderungsfragen fokussierte derart unverhältnismäßig auf Strafmaßnahmen gegenüber den Schutzbedürftigsten, dass die Partei einen Großteil der eigenen Basis vor den Kopf stieß. Auf der anderen Seite gingen die sozialpolitischen Reformen nicht weit genug, um Wähler*innen aus der Arbeiterklasse für sich zu gewinnen, die sich von Reform UK noch härtere Maßnahmen gegen Einwanderung versprechen.
Seit dem Zusammenbruch der Konservativen im Jahr 2024 ist Reform UK zu einer bedeutenden politischen Kraft geworden. Dies ist teilweise auf millionenschwere Spender*innen und den privat finanzierten Fernsehsender GB News zurückzuführen, der als regelrechtes Propagandainstrument dient. Die meisten Analysen legen nahe, dass Reform UK tatsächlich nur wenig Unterstützung bei ehemaligen Labour-Wähler*innen gewonnen hat, obschon solche Umschwünge durchaus vorkommen und sich in einigen wenigen Wahlkreisen als strategisch entscheidend erweisen könnten. Wesentlich schädlicher für Labour war der enorme Stimmenzuwachs für die Grünen unter der Führung von Zack Polanski seit dessen Wahl im September 2025. Polanskis linkspopulistische Angriffe auf das langjährige Erbe Thatchers erwiesen sich als außerordentlich wirksam und verhalfen den Grünen im Februar zum Sieg bei einer äußerst bedeutenden Unterhausnachwahl in Greater Manchester.
Die Nachwahl in Gorton and Denton markierte einen möglicherweise historischen Wendepunkt in der britischen Politik, da sie viele längerfristige Trends offenbarte und verstärkte. Der beliebte Labour-Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, konnte sich im Laufe des vergangenen Jahres als Wortführer einer möglichen radikalen Alternative zum Starmerismus profilieren. Burnham, der in den Regierungen Blair und Brown als Minister tätig war, hatte auch in Corbyns Führungsriege gesessen und sich 2016 geweigert, mit seinen ehemaligen Kolleg*innen an einem erfolglosen Versuch mitzuwirken, Corbyn aus dem Amt zu drängen. Während seiner Zeit als Bürgermeister der nordenglischen Stadt baute er sich später ein bedeutendes Profil als Kritiker von Starmers Kurs der politischen Mitte auf und genießt als nahezu einziger Politiker im Vereinigten Königreich positive Zustimmungswerte in der breiten Öffentlichkeit. Als Starmers Popularität und die Umfragewerte der Labour-Partei einbrachen, schien die Idee einer Parteiführung durch Burnham (eine Position, die er in den Jahren 2010 und 2015 bereits vergeblich angestrebt hatte) naheliegend und reizvoll, sowohl für Parteimitglieder als auch für die Vorsitzenden der Gewerkschaften, die Labour einst mitgegründet hatten und nach wie vor enormen Einfluss auf die Partei ausüben.
Als Burnham bekanntgab, sich als Kandidat für die Nachwahl aufstellen zu lassen, war allen klar, dass es sich um den ersten Schritt seines Versuchs handelte, die Parteiführung zu übernehmen (Kandidierende für den Parteivorsitz der Labour-Partei müssen ein Mandat im Unterhaus innehaben). In einem historisch beispiellosen und offensichtlich eigennützigen Schritt forderte Starmer daraufhin den Nationalen Exekutivausschuss (NEC) der Partei auf, Burnham für die Kandidatur als nicht wählbar zu erklären, da er zu diesem Zeitpunkt amtierender Bürgermeister war. Der mit Delegierten aus dem rechten Flügel der Partei besetzte NEC kam dieser Aufforderung ordnungsgemäß nach. Wütende Wähler*innen in Gorton and Denton reagierten darauf, indem sie die sympathische und redegewandte Grüne Hanna Spencer anstelle der offiziellen Labour-Kandidatin auf den Sitz wählten, der an Reform zu gehen drohte. Zwar kam Reform nicht annähernd an einen Sieg heran, schnitt jedoch in den älteren und traditionell eher zur Arbeiterklasse gehörenden Teilen des Wahlkreises gut ab, was ein Vorbote der Kommunalwahlen im Mai war.
Die Führungen aller angeschlossenen Gewerkschaften gaben eine Woche nach der Wahl eine beispiellose Erklärung ab, in der sie klarstellten, dass Starmer Labour nicht in die nächste Wahl führen könne.
Starmers willkürliche Einflussnahme ähnelte den massiven Bemühungen des rechten Fraktionsnetzwerk unter der Führung des berüchtigten Stabschefs Morgan McSweeney, das im Vorfeld der Unterhauswahl 2024 in die Ernennung lokaler Kandidat*innen eingriff. Über 200 Labour-Kandidat*innen wurden den lokalen Parteigliederungen aufgezwungen, zum Nachteil beliebterer und fast immer fähigerer lokaler Persönlichkeiten, da McSweeney (angefeuert von Peter Mandelson und Tony Blair) dafür sorgen wollte, dass jede künftige Parlamentsfraktion der gemäßigten, proatlantischen Agenda Starmers uneingeschränkt folgt. Am meisten Bitterkeit provozierten diese Eingriffe in Wales, da sie das zuvor erfolgreiche Projekt, eine deutlicher linksgerichtete walisische Labour-Partei zu bewahren, weitgehend zunichtemachten.
Das Ausmaß des Einflusses und der korrupten Machenschaften McSweeneys war der breiten Öffentlichkeit im Jahr 2024 weitgehend unbekannt. Doch seitdem hat eine Reihe von Enthüllungen offenbart, dass sein Netzwerk, dessen Dreh- und Angelpunkt die von Millionär*innen finanzierte Organisation „Labour Together“ war, verdeckte und zutiefst sektiererische Maßnahmen gegen fast alle Politiker*innen der Labour-Partei ergriffen hatte, die nicht ihrem rechten, proisraelischen Netzwerk angehörten – neben der Beauftragung einer Detektei zur Ausspähung kritischer Journalist*innen. Was diese Strömung vor allem diskreditiert und ans Licht gebracht hat, ist das öffentliche Eingeständnis, dass sich ausgerechnet McSweeney dafür eingesetzt hatte, sein Vorbild Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zu ernennen. Nie zuvor in der modernen Geschichte Großbritanniens ist ein geheimes Fraktionsprojekt so rasant, so vollständig und in aller Öffentlichkeit entlarvt worden.
Die Folgen der Wahlen im Mai
Obwohl der Ausgang der Kommunal- und Regionalwahlen angesichts der seit Februar unveränderten Umfragewerte keine Überraschung darstellte, löste diese Realität eine vorhersehbare Krise für Starmers Führung aus. Hunderte von Mitgliedern des Unterhauses müssen nun damit rechnen, bei der nächsten Wahl ihren Sitz zu verlieren, so wie bereits Tausende von Kommunalpolitiker*innen ihr Mandat verloren haben. Da Labour sowohl in England als auch in Wales nur noch drittstärkste Partei wurde und keinerlei Aussicht besteht, in Schottland jene vorherrschende Stellung zurückzugewinnen, die sie dort noch bis 2015 innehatte, forderte ein bedeutender Teil der Parlamentsfraktion nach diesem Ergebnis Starmers Rücktritt oder seine Ablösung. Zudem gaben die Führungen aller angeschlossenen Gewerkschaften eine Woche nach der Wahl eine beispiellose Erklärung ab, in der sie klarstellten, dass Starmer Labour nicht in die nächste Wahl führen könne.
Burnhams lokale Beliebtheit und der Eindruck, dass er für eine andere Politik steht als jene, die bei Labour seit 2020 vorherrscht, dürften ihm hier dennoch zum Sieg verhelfen – sowie anschließend zur Labour-Führung und in die 10 Downing Street. Doch dieses Ergebnis ist keineswegs sicher.
Vor diesem Hintergrund kündigte der ehrgeizige junge Labour-Abgeordnete Josh Simons, bis vor kurzem ein Getreuer Starmers und selbst eine in Ungnade gefallene Schlüsselfigur im Netzwerk „Labour Together“, überraschend an, dass er sein Mandat niederlege, um eine Nachwahl auszulösen, bei der Burnham erneut als Kandidat antreten könne. Starmer und der Labour-NEC gaben innerhalb eines Tages bekannt, dass Burnham nicht daran gehindert werde, in Makerfield zu kandidieren. Dieser Wahlkreis fällt, wie Gorton and Denton, in das Gebiet Greater Manchester, in dem Burnham ausgesprochen beliebt ist. Dagegen sind die Grünen und ihre junge, multikulturelle, großstädtische Wählerschaft hier kaum vertreten. Es handelt sich um einen traditionellen Kernwahlkreis im Norden, am Rande von Wigan, einer der ikonischen „Fabrikstädte“ der englischen Industriellen Revolution. Bei den Kommunalwahlen konnte Reform UK Labour hier fast jeden umkämpften Sitz abringen, zumeist mit über 50 Prozent der Stimmen. Burnhams lokale Beliebtheit und der Eindruck, dass er für eine andere Politik steht als jene, die bei Labour seit 2020 vorherrscht, dürften ihm hier dennoch zum Sieg verhelfen – sowie anschließend zur Labour-Führung und in die 10 Downing Street. Doch dieses Ergebnis ist keineswegs sicher.
Historisch betrachtet ist die aktuelle Krise in der britischen Politik symptomatisch für eine Reihe langfristiger und globaler Tendenzen. Seit den 1960er Jahren hat sich das britische Wahl- und Parteiensystem in beinahe einzigartiger Weise als unfähig erwiesen, sich an die allgemeine Fragmentierung und Diversifizierung fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften anzupassen, wodurch mit jedem Jahr mehr Wähler*innen faktisch ihres Wahlrechts beraubt und immer weniger neue damit ausgestattet werden. Die wachsende Unterstützung neuer Parteien, die sich vom technokratischen Liberalismus des politischen „Zentrums“ entfernen, ist eine Reaktion auf dieses demokratische Versagen, aber auch Ausdruck einer fast allgegenwärtigen Frustration über das Erbe von Thatcherismus, New Labour, Sparpolitik und Brexit. Die Bereitschaft der Labour-Führung, Burnham in Makerfield kandidieren zu lassen, nachdem sie seine Kandidatur in Gorton and Denton drei Monate zuvor noch blockiert hatte, ist teilweise ein Zeichen der völligen Auszehrung der professionellen politischen Klasse, die Großbritannien und die meisten westlichen Länder seit den 1980er Jahren regiert hat; eine Auszehrung, die in Großbritannien im spektakulären Niedergang Peter Mandelsons und der Diskreditierung seiner unternehmerisch geprägten, marketingorientierten und milliardärsfreundlichen Politik symbolisch zum Ausdruck kommt.
Burnhams Konkurrenz
Sollte Burnham in Makerfield eine Niederlage erleiden, sind die Folgen für Labour schwer abzusehen. Der rechte Flügel der Partei träumt davon, eine autoritäre, sozialkonservative Führung einzusetzen in dem Glauben, damit an Reform UK verlorene Wähler*innen zurückgewinnen zu können. Es gibt jedoch kaum ein realistisches Szenario, in dem die Mitglieder der Labour-Partei eine solche Persönlichkeit wählen würden. Und immerhin sind sie es, die das letzte Wort bei der Wahl des oder der Parteivorsitzenden haben, nachdem die Kandidat*innen im Rahmen des Nominierungsverfahrens zuerst die Unterstützung einer bedeutenden Anzahl von Abgeordneten und der angegliederten Gewerkschaften benötigen. Der Favorit der verbliebenen Blair-Fraktion ist der ehemalige Gesundheitsminister Wes Streeting, der seine Laufbahn als erster Präsident der National Union of Student begann und seit den 1960er Jahren zum rechten Flügel der Partei zählt. Streetings eigener Rücktritt und seine Forderungen nach Starmers Rücktritt kurz nach der Wahl kamen nicht überraschend, da bereits länger Gerüchte kursierten, dass er seit Monaten eine Kandidatur für den Parteivorsitz vorbereite.
Unerwartet war jedoch, dass er keinen solchen Vorstoß unternahm und stattdessen öffentlich forderte, Burnham die Kandidatur für einen Parlamentssitz zu ermöglichen, was die Voraussetzung dafür ist, dass dieser für den Parteivorsitz kandidieren kann. Seitdem hat er angedeutet, dass er selbst eine Kandidatur beabsichtige, falls und sobald Burnham Starmer herausfordere – und zwar mit einem Programm, dessen Schwerpunkt auf der Rücknahme des Brexits liegt. Ob es sich dabei um eine ernsthafte Kandidatur für den Parteivorsitz handelt, ist unklar. Dieser Kurs ist bei wohlhabenden Wähler*innen der politischen Mitte beliebt, doch Streeting selbst genießt weder bei den Labour-Mitgliedern noch in seinem eigenen Wahlkreis, einem multikulturellen Arbeiterviertel am Stadtrand von London, Popularität, wo er 2024 beinahe von einer zuvor unbekannten, unabhängigen Pro-Gaza-Kandidatin abgelöst worden wäre. Seine öffentliche Verbindung zu Peter Mandelson hat sein Image weiter beschädigt. Das Faszinierende an Streeting ist, dass auch er offenbar begriffen hat, dass die Ära der Technokratie im Sinne des Dritten Weges von New Labour vorbei ist; dass er tatsächlich ein demokratisches Mandat durch eine populäre Positionierung gewinnen oder aber die Führung einer Persönlichkeit wie Burnham akzeptieren muss.
Angesichts der mangelnden Popularität Streetings dürfte eine Niederlage Burnhams in Makerfield dazu führen, dass eine von zwei weiteren Persönlichkeiten Starmer herausfordert. Angela Rayner und Ed Miliband gehören beide derselben Tradition der „gemäßigten Linken“ innerhalb der Partei an, mit der auch Burnham selbst in Verbindung gebracht wird, obwohl ihre jeweiligen Hintergründe kaum unterschiedlicher sein könnten. Miliband, der in Oxford ausgebildete Sohn des berühmten marxistischen Sozialtheoretikers Ralph Miliband, schaut auf eine Amtszeit als Labour-Vorsitzender (2010–2015) zurück, die mit einer Wahlniederlage endete. Rayner, die als Schwangere mit 16 die Schule verließ, alleinerziehende Mutter wurde und anschließend über die Gewerkschaftsbürokratie aufstieg, war bis zum vergangenen Jahr stellvertretende Parteivorsitzende. Sie trat von diesem Amt zurück, da Steuerbehörden wegen einer Reihe angeblicher Unregelmäßigkeiten gegen sie ermittelten, ein Verdacht, von dem sie kürzlich vollumfänglich freigesprochen wurde. Doch weder Miliband noch Rayner scheinen derzeit den Labour-Vorsitz oder das Amt des Premierministers anzustreben. Auch scheinen sie keine klare politische Agenda zu verfolgen. Tatsächlich würden beide es vorziehen, als hochrangige Vertreter*innen einer Regierung unter der Führung ihres wesentlich populäreren Kollegen Andy Burnham zu amtieren. Zu ihrem Glück ist es nach wie vor höchstwahrscheinlich, dass Burnham bei der bevorstehenden Nachwahl in Makerfield sein Mandat gewinnt.
Ein Moment der Klarheit
Ob Burnham tatsächlich den von ihm angekündigten historischen Bruch mit dem Neoliberalismus einläuten kann, bleibt abzuwarten. Angesichts seiner Karriere als Minister und treuer Anhänger von New Labour bleiben viele skeptisch. Die Ergebnisse der Kommunalwahlen haben jedoch deutlich gemacht, dass die Grünen, trotz ihres enormen Erfolgs in Ballungsräumen und Universitätsstädten, kaum in der Lage sein werden, Reform UK wirksam Paroli zu bieten in jenen kleineren postindustriellen Städten, wo die Rechtspartei droht, die jahrhundertelange Vorherrschaft der Arbeiterbewegung zu beenden.
Letztes Jahr träumten viele davon, dass eine neue Partei der sozialistischen Linken unter Führung von Jeremy Corbyn diese Aufgabe übernehmen könne. Doch der fast vollständige Zusammenbruch von Corbyns Your Party hat diesen Hoffnungen ein Ende bereitet. Ohne eine effektive Zusammenarbeit zwischen der aufstrebenden Grünen Partei, den linken Nationalist*innen von SNP und Plaid Cymru, einer wiedererstarkten Labour-Partei und sogar den zentristischen Liberaldemokraten legen alle Umfragen nahe, dass mit der Unterhauswahl 2029 eine Koalition aus Reform UK und den Konservativen zu erwarten steht.
Dies versetzt britische Sozialist*innen immerhin in eine klar definierte Ausgangsposition. Zweifel daran, ob man sich für Your Party, die Grünen oder den linken Flügel der Labour-Partei engagieren solle, können jetzt wohl beiseitegelegt werden, da die ideale strategische Arbeitsteilung zwischen der Labour-Partei und den Grünen derzeit offensichtlich scheint – zumindest aus Sicht des unabhängigen linken Spektrums: Wir wollen, dass die Grünen so viele Sitze wie möglich gewinnen, wissen aber, dass sie nicht das einzige Mittel sein können, um Reform UK zu stoppen. Den Kampf innerhalb der Labour-Partei gänzlich aufzugeben, ist ebenfalls keine Option. Your Party steckt in einer Sackgasse und wird den Aufstieg von Reform UK in den postindustriellen Regionen nicht aufhalten.
Wären also die Hoffnungen, die viele in Your Party gesetzt haben, vielleicht besser in einer neuen Art von parteiunabhängiger sozialistischer Organisation aufgehoben, vergleichbar mit den Democratic Socialists of America oder der (gescheiterten, doch seiner Zeit vielleicht vorausgewesenen) Socialist Movement? Angesichts der Tatsache, dass weder die Grünen noch eine Labour-Partei unter Führung Andy Burnhams die sozialistische Politik, die von Hunderttausenden in Großbritannien befürwortet wird, in überzeugender Weise zu vertreten vermögen, wäre dies eine tragfähige Option. Die Erprobung neuer Organisationsformen könnte also genau der richtige Schritt sein, wenn eine Einheitsfront gegen die extreme Rechte sowohl zu einer echten Perspektive als auch zu mehr als nur einem Deckmantel für eine restaurative Politik der Mitte führen soll.
Übersetzung von Camilla Elle und Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective.

