Zum Hauptinhalt springen

Hintergrund , : Der Weltpokal-Konzern

Die FIFA kontrolliert ein Milliardenprodukt mit globaler Wirkung

Wichtige Fakten

Autor
Jirka Grahl,

Details

Verschiedene Fußballmotive auf einem riesigen Werbedisplay.
Vermarktung ist die Hauptaufgabe der FIFA und die WM ihr wichtigstes Produkt: Vorschau auf die WM 2026 am New Yorker Times Square Foto: IMAGO / Claus Bergmann

Zwar ist es für US-Amerikaner nur „Soccer“, am 7. März 2025 machte Donald Trump den Fußball dennoch zur Chefsache. Per Präsidentenanordnung richtete das Weiße Haus eine Task Force für die Weltmeisterschaft 2026 ein. Den Vorsitz übernahm Trump selbst, Vizepräsident J. D. Vance wurde Stellvertreter. Außerdem beteiligt: Außen-, Finanz-, Verteidigungs-, Justiz-, Handels-, Verkehrs- und Heimatschutzministerium sowie FBI und Nationaler Sicherheitsberater. Viel Aufwand für ein Fußballturnier. Doch so überschaubar wie bei der WM-Premiere 1930, als europäische Mannschaften noch per Schiff nach Uruguay reisten und die Reporter noch am Spielfeldrand standen, ist der Fifa World Cup anno 2026 längst nicht mehr.

Jirka Grahl ist seit 2009 Ressortleiter Sport bei der Tageszeitung „nd“ und berichtete von drei Fifa-Weltmeisterschaften.

Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers „Wem gehört der Fußball?“.

Der Pokal und die Macht

Natürlich bringt die Fifa wie dereinst den Weltpokal zum Endrundenturnier mit. Das riesige Drumherum der heutigen WM aber müssen die Ausrichternationen selbst gewährleisten (zu den Kosten für die öffentliche Hand Nicole Selmer in unserem Dossier): Grenzen, Sicherheit, Transport, Stadien, öffentliche Räume, Personal. Den Verwaltungsaufwand für Visa, Verkehrsplanung, Zuschauerführung und Einreisekontrollen kann sie nicht leisten.

Dennoch besitzt die Fifa etwas sehr Wertvolles: den Weltpokal. Er öffnet ihr Türen, die anderen verschlossen bleiben. 2025 besuchte Präsident Gianni Infantino den US-Präsidenten mit der „Fifa World Cup Trophy“. Vor laufenden Kameras erzählte der Schweizer, üblicherweise dürften nur Weltmeister, ausgewählte Fifa-Offizielle und Staatsoberhäupter die Trophäe berühren: Der sechs Kilo schwere Pokal aus 18-karätigem Gold sei „for winners only“, Trump gehöre auch in diese Kategorie. 

Infantino kommt mit solchen Schmeicheleien näher an den mächtigsten Mann der Welt heran als viele gewählte Politiker. Auch wenn es um Krieg und Frieden oder das ganz große Geld geht, ist die Fifa mittlerweile dabei. So begann der Fifa-Kongress in Paraguay im Mai 2025 mit mehr als drei Stunden Verspätung, weil Infantino fehlte. Er hatte Trump auf dessen Staatsbesuchen in den Golfraum begleitet und kam nun zu spät. Mehrere europäische Delegierte verließen nach Infantinos Ankunft in Paraguay aus Protest die Sitzung. Infantino erklärte später, er habe an der Seite des US-Präsidenten den Fußball vertreten. War es womöglich so? Fest steht: Der Präsident ließ die versammelten Mitglieder des Weltverbandes warten, weil ihm der Zugang zu Trump und den Golfmonarchien wichtiger war. Die Fifa wähnt sich längst in allerhöchsten Sphären.

Größer als je zuvor

Die Fifa verfügt über das weltweit begehrteste Sportereignis gleich nach den Olympischen Spielen. Die WM-Endrunde der Männer ist ihr Premiumprodukt. 2026 fällt sie größer aus als je zuvor. Erstmals treten 48 Mannschaften an, der Spielplan ist von 64 auf 104 Partien angewachsen. Gespielt wird vom 11. Juni bis 19. Juli in den USA, Mexiko und Kanada. Offiziell ist es eine Drei-Länder-WM. Die Verhältnisse sind klar sortiert: Die USA richten 78 Spiele aus, Mexiko und Kanada je 13. Kanada ist erstmals Gastgeber einer Männer-WM. Mexiko wirft seine Fußballtradition in den Ring: das Aztekenstadion, die lateinamerikanischen Fans, die Erinnerung an die WM 1986 und an das WM-Turnier von 1970, das bis heute als eines der schönsten gilt: Pelé gewann damals mit Brasilien seinen dritten Titel.

Drei Ausrichter – das passt zu dem, was die Fifa so gerne beschwört: die Universalität des Fußballs,  seine völkerverbindende Kraft, seine Einfachheit, seine Leidenschaft. In den 122 Jahren seines Bestehens hat sich der Weltverband allerdings vor allem zu einem Umsatzgiganten entwickelt. Nach eigener Darstellung generiert die Fifa den größten Teil ihrer Einnahmen aus Fernseh-, Marketing-, Hospitality- und Lizenzrechten rund um die Männer-WM. Für die Finanzperiode 2019 bis 2022 meldete die Fifa 7,568 Milliarden Dollar Einnahmen. Für 2023 bis 2026 hatte sie zunächst elf Milliarden Dollar veranschlagt; inzwischen liegt das revidierte Umsatzziel bei 13 Milliarden Dollar. Die Männer-WM ist dabei der Kern des Fifa-Geschäfts.

Mehr Stimmen, mehr Rechte

Ihr Umbau zur Geldmaschine begann 1974. Der Brasilianer João Havelange löste den Engländer Stanley Rous als Fifa-Präsidenten ab – unterstützt vor allem von Verbänden außerhalb Europas, die im Weltfußball mehr Einfluss haben wollten. Bis dahin war die WM ein überschaubares Eliteturnier: 16 Mannschaften, europäische und südamerikanische Dominanz wenig Platz für Afrika und Asien. Havelange versprach den Underdogs mehr Startplätze, mehr Turniere, mehr Entwicklungshilfe (ausführlich zur politischen Geschichte der WM Nicole Selmer in unserem Dossier).

Jede Erweiterung brachte den kleineren Nationen mehr Teilhabe und der Fifa mehr Spiele, mehr Senderechte, mehr Sponsorenflächen – so entstand die moderne Fifa: ein Verein nach Schweizer Recht, der trotz Milliardengeschäfts als Non-Profit-Organisation auftritt.

Zugleich entdeckte Havelange den Wert der Fifa-Demokratie für seine Machtausweitung. Im Fifa-Kongress hat bis heute jeder Verband eine Stimme. Andorras Votum gilt dabei ebenso viel wie das von Deutschland, Tahitis Stimme so viel wie die von Brasilien. Havelange begriff: Wer kleinen Verbänden Reisen, Kurse, Plätze, Zuschüsse und Ausschusssitze verschafft, baut damit sichere Mehrheiten auf. Aus dem berechtigten Wunsch nach weniger europäischer Bevormundung wurde ein System der Abhängigkeiten geschaffen, das mit Geld reguliert wurde.

Parallel wurde die WM zum Produkt. Havelange holte Coca-Cola, Adidas und später die Sportrechtevermarkter in den Weltfußball. Das WM-Endrundenturnier wuchs: 1982 von 16 auf 24 Mannschaften, 1998 auf 32. Jede Erweiterung brachte den kleineren Nationen mehr Teilhabe und der Fifa mehr Spiele, mehr Senderechte, mehr Sponsorenflächen – so entstand die moderne Fifa: ein Verein nach Schweizer Recht, der trotz Milliardengeschäfts als Non-Profit-Organisation auftritt.

Entwicklungshilfe als Bindung

211 Mitgliedsverbände gehören zur Fifa. Viele von ihnen haben weder sportlich noch wirtschaftlich großes Gewicht. Für sie ist die Fifa existenziell wichtig. Im Zeitraum 2019 bis 2022 konnte jeder Mitgliedsverband über das Programm „Fifa Forward 2.0“ bis zu zwei Millionen Dollar für Projekte erhalten, dazu bis zu eine Million Dollar pro Jahr für laufende Kosten. Für besonders bedürftige Verbände gab es zusätzlich zweckgebundene Mittel für Reisen und Ausrüstung. Zwischen 2016 und 2022 machte die Fifa nach eigenen Angaben rund 2,8 Milliarden Dollar über Forward verfügbar und finanzierte mehr als 1 600 Projekte, etwa ein Drittel davon im Bereich Infrastruktur.

Für 2023 bis 2026 läuft „Fifa Forward 3.0“: Bis zu acht Millionen Dollar stehen jedem Verband im Vierjahreszyklus zu – fünf Millionen für laufende Kosten, drei Millionen für Entwicklungsprojekte wie Plätze, Trainingszentren, Verbandszentralen, Wettbewerbe oder technische Infrastruktur. Die sechs Kontinental-Konföderationen, darunter die Europäische Fußball-Union Uefa, erhalten jeweils 60 Millionen Dollar in dem Vierjahreszyklus. Das ist zum einen echte Fußballförderung, zum anderen aber Machtpolitik: Wer Plätze, Turniere, Reisen, Gehälter und Verbandsstrukturen finanziert, schafft Abhängigkeit, Dankbarkeit und Kontrollmöglichkeiten: Die Fifa koppelt die Zahlungen nicht ohne Hintersinn an Zielvereinbarungen, Projektgenehmigungen, Audits und Compliance-Regeln.

Die Fifa-Familie

Die Ära des Geldbeschaffers Havelanges war eng mit Adidas, den Dassler-Brüdern und der Rechtevermarktungsgesellschaft ISL verbunden. Bei seinem Abschied 1998 hinterließ der Brasilianer 60 Millionen Dollar Verbandsvermögen und enorme Umsätze aus Fernsehrechten, Marketing und Ausrüstung. Seine Nachfolge trat der Schweizer Joseph Blatter an, der seit 1981 als Generalsekretär für Havelange die Strippen gezogen hatte. Blatter, der Havelanges Profitmaximierung noch ausbaute, sprach immer gern von der „Fifa-Familie“. Ein verräterischer Begriff: Eine Familie klärt ihre Probleme intern. Eine Familie hält zusammen. Eine Familie betrachtet Kritik von außen schnell als Angriff.

Als Gianni Infantino im Februar 2016 zum Nachfolger gewählt wurde, übernahm er einen Verband, der sich nach außen säubern musste, ohne sein Geschäftsmodell zu beschädigen.

Im Mai 2015 platzte das Familienidyll, US-Ermittler ließen Fifa-Funktionäre festnehmen, die Anklage sprach von organisiertem Vorgehen, Betrug, Geldwäsche und Bestechung. Laut US-Justizministerium ging es um mehr als 150 Millionen Dollar an Schmiergeldern, vor allem rund um Medien- und Marketingrechte. Die Fifa erklärte sich trotzdem zur Geschädigten, der geplante Kongress fand statt, Blatter wurde noch einmal gewählt. Doch diesmal funktionierte das alte Weiter-so nicht mehr: Vier Tage später kündigte Blatter seinen Rückzug an, später suspendierte ihn die Fifa-Ethikkommission, ehe er schließlich für fünf Jahre gesperrt wurde.

Als Gianni Infantino im Februar 2016 zum Nachfolger gewählt wurde, übernahm er einen Verband, der sich nach außen säubern musste, ohne sein Geschäftsmodell zu beschädigen. Infantino kam aus der Uefa, sprach von Reformen, Transparenz und besserer Führung. Der Sound änderte sich: weniger Patriarch, mehr Jurist, Manager, Modernisierer. Aber die Fifa wurde nicht kleiner, vorsichtiger oder bescheidener. Sie vergrößerte ihr wichtigstes Produkt. Und drängte auf Expansion und Machtausbau.

Teilhabe mit Preisschild

Die Klub-WM wuchs unter Infantino auf 32 Teams, die Männer-WM auf 48. Und auf den Rängen des Turniers 2026 herrscht wenig Völkerfreundschaft. Die Fifa nutzt erstmals Dynamic Pricing, also Preise, die je nach Nachfrage, Spielort und Attraktivität der Partie schwanken. Ein kleines Kartenkontingent begann bei Preisen von 60 Dollar. Für das Finale wurden offizielle Spitzentickets inzwischen auf fast 33 000 Dollar angehoben. Auf der offiziellen Wiederverkaufsplattform waren sogar Finalkarten für mehr als 11 Millionen Dollar gelistet. Das sind natürlich Ausreißer, gewiss, aber sie zeichnen ein klares Bild von einem Turnier, in dem Sport zur Luxusware wird.

Das Ausgrenzen via Geld beginnt dabei nicht am Stadiontor. In New Jersey sollte die Bahnreise zur WM-Arena zunächst 150 Dollar kosten. Nach Kritik wurde der Preis auf 105 Dollar, später auf 98 Dollar gesenkt, immer noch deutlich mehr als der normale Fahrpreis auf der Strecke: 13 Dollar. New Jersey verwies auf zusätzliche Sicherheits- und Betriebskosten, die Fifa warnte vor der abschreckenden Wirkung solcher Preise. Die große Rechnung dahinter indes geht auf: Die Fifa verkauft ihr Produkt für teures Geld, die Gastgeber und Verkehrsbetriebe berechnen ihre Zusatzlasten – und die Fans zahlen am Ende für beides.

Neue Länder, neue Märkte

Immerhin: Die Aufstockung auf 48 Teams hat dennoch ihr Gutes. 2026 geben Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan ihr WM-Debüt. Die Expansion des Turniers lässt sich als Streben nach Gerechtigkeit erzählen und auch noch besser vermarkten. Gemäß ihrer Satzung soll die Fifa den Fußball ständig verbessern, weltweit fördern und eigene internationale Wettbewerbe organisieren. Gewiss ist: Sie hat den Fußball globalisiert, Startplätze vermehrt, Geld verteilt, Wettbewerbe geschaffen und aus der Männer-WM ein milliardenschweres Ereignis gemacht, bei dem alle dabei sein wollen. Nicht zuletzt auch Staatsoberhäupter, die das Event für ihre Reputation zu nutzen suchen. Laut Gianni Infantinos Ankündigung wird es Donald Trump, der nach dem Abpfiff des Endspiels in New Jersey am 19. Juli den Goldpokal an die neuen Weltmeister überreichen wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Wem gehört der Fußball?

: Dossier

Dossier zur WM 2026. Wie wirken politische Machtinteressen, ökonomische Logiken und Fankulturen im…

Weitere Inhalte zum Thema

Die trostlose Fußball-WM

: Analyse 04.06.2026

Wie Gianni Infantino und Donald Trump dem größten Sportereignis der Welt den Spaß austreiben

Im Vorkrieg

: Zeitschrift „Luxemburg“ 05/2026

Auf der Suche nach linken antimilitaristischen Strategien

Extraktion. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus, 10 Juni 2026

: Buchvorstellung

Berlin18:30 Uhr

LuXemburg Lecture von Thea Riofrancos