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Nachricht , : Kroll/Lehnstaedt (Hrsg.): Jüdischer Widerstand in Europa. Grundlagen, Formen, Netzwerke; Berlin 2025

Wichtige Fakten

Autor
Mario Keßler,

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In Primo Levis Roman «Wann, wenn nicht jetzt» wird eine sich in den polnischen Wäldern versteckende jüdische Partisanengruppe von den Deutschen aufgespürt und beschossen. Einer der Verteidiger ruft seinen Kameraden zu: «Jetzt alles abfeuern. Rücksichtslos. Wir kämpfen um drei Zeilen in den Geschichtenbüchern.»

Als die wenigen Überlebenden schließlich auf sowjetische Soldaten treffen, werden sie voller Staunen gemustert. Diese Juden sind keine wehrlosen Opfer, sie sind verbündete Kampfer. «Wir sind keine gehetzten Tiere mehr», sagt ein junges Mädchen zu den Rotarmisten. Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi setzte dem jüdischen Widerstand mit seinem Buch 1986 ein Denkmal, und die Historiker waren und sind immer noch gehalten, hier ebenfalls ihrer Berufung nachzukommen.

Der vorliegende Band sucht einige der augenfälligen Defizite in der Forschung zum jüdischen Widerstand im faschistisch besetzten Europa aufzuarbeiten. Dieses Unterfangen ist – mit Einschränkungen für die Einleitung – vollauf gelungen. Der Band ist Ergebnis einer Konferenz, die vom 26. bis 28. Januar 2023 an der TU Chemnitz in Zusammenarbeit mit der Berliner Zweigstelle der New Yorker Touro University stattfand.

Die Ertrage spiegeln sich in zehn Beitragen wider, von denen – dies sei hervorgehoben – acht von Frauen stammen. Sie ordnen sich drei Themenkomplexen zu. Im ersten Themenbereich, überschrieben als «Räume», geht es um Orte des Widerstandes: Anika Walke schildert detailreich den Kampf jüdischer Partisaninnen in den Wäldern des heutigen Belarus, Franziska Bruder untersucht Ziele, Organisation und Akteure des Aufstandes von Sobibor vom 14. Oktober 1943, in dessen Folge die SS das Lager einebnete, und Jürgen Nitsche behandelt den jüdischen Überlebenswiderstand im «Dritten Reich» anhand von Beispielen aus der Stadt Chemnitz.

Der zweite Themenkomplex untersucht «Netzwerke» des Widerstandes. Frederic Crahay wendet sich dem «Komitee zur Verteidigung der Juden» als wichtigem Teil des jüdischen Widerstandes in Belgien zu, Mariana Hausleitner erbringt Neues zum Rettungswiderstand für deportierte Juden im rumänisch okkupierten Transnistrien und Anne Lepper untersucht jüdische Netzwerke in der Schweiz als Drehscheibe internationaler Hilfs- und Rettungstätigkeiten wie auch als Knotenpunkte für die Verbreitung des Wissens über den Mord an den Juden.

«Formen» des Widerstandes ist Inhalt des dritten Schwerpunktes. Dina Porat wagt «Problems and Limitations» des jüdischen bewaffneten Widerstandes in den Ghettos gegeneinander ab, Miriam Chorley-Schulz würdigt den Widerstand jüdischer Geflüchteter in Osteuropa und der Sowjetunion als essenziellen Teil einer «Revolutionären Avantgarde» (so die Eigenbezeichnung), Judy Baumel-Schwartz behandelt mit «Resistance and Martyrdom as a Religious Jewish Obligation during the Holocaust» ein bislang von der Forschung weitgehend vernachlässigtes Thema und Aurelia Kalisky wendet sich unbewaffneten Widerstandsformen zu.

Im Rahmen einer kurzen Besprechung ist es nicht möglich, auf alle Beiträge einzugehen, obwohl alle dies verdienten. Aus dem ersten Komplex sei Jürgen Nitsches Beitrag zum jüdischen Überlebenswiderstand in Chemnitz herausgegriffen, verleiht er doch Personen eine Stimme, deren Namen auch über Chemnitz hinaus noch geläufig sind, mit denen man aber kaum das Thema des Buches verbindet. Hierher gehört der Arzt und Judenretter Heinrich Kuntzen, später Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Jena. (S. 71) Hierher gehören auch die Namen jener Juden, die angesichts ihrer bevorstehenden Deportation ihren Ausweg nur im Selbstmord sahen wie Ludwig Leopold, Dr. Alfred Lachmann und das Ehepaar Siegfried und Lina Peretz. Der Autor nennt dies eine tragische Form «des eher unbemerkten Widerstandes» und unterscheidet dies vom «Überlebenswiderstand» um jeden Preis und vom «Rettungswiderstand» von Juden und ihren nichtjüdischen Helfern, die mittels gefahrvoll geknüpfter Netzwerke das Überleben von Einzelpersonen und sogar von Familien sicherten. (S. 65)

Von den Aufsätzen des zweiten Themenbereiches sei auf Frederic Crahays Beitrag über «Das Komitee zur Verteidigung der Juden: Der jüdische Widerstand gegen die deutschen Besatzer in Belgien» hingewiesen. Zu den verschiedenen Aufgaben des 1942 gebildeten Comite de Defense des Juifs (CDJ) oder Joodsch Verdedigingscomiteit gehörte die Rettung jüdischer Kinder, die mit falscher Identität ausgestattet in Klostern und anderen kirchlichen Einrichtungen überlebten. Im Bergarbeitergebiet um Charleroi arbeitete das CDJ mit verschiedenen Gruppen des Arbeiterwiderstandes zusammen, stammten doch einige seiner Mitglieder selbst aus der Linken Poale Zion. Hier wäre die Kooperation mit dem trotzkistischen Widerstand zu ergänzen. Einer dieser Koordinatoren war Abraham Leon, der vom Linkszionismus zum organisierten Trotzkismus gewechselt war, sich jedoch um möglichst breite Bündnisse innerhalb der Linken bemühte. Er wurde entdeckt und in Auschwitz ermordet. Victor Martin, Absolvent einer katholischen Schule, unterhielt Kontakte zum CDJ und reiste in tollkühner Mission von Charleroi in die Nahe von Auschwitz. Auf dem Rückweg mehrmals inhaftiert und seinen Häschern wieder entwischt, wurde er zu einem der ersten Zeugen des Massenmordes. Der später international bekannte Jurist und Philosoph Chaim Perelman gehörte zur Führungsgruppe des CDJ.

Der bewaffnete jüdische Widerstand, so im Warschauer Ghetto und in den Vernichtungslagern Treblinka und Sobibor, gilt als Markzeichen kollektiven Uferlebenswillens. Hingegen wendet sich Aurelia Kalisky im Aufsatz über «Widerständige Vermittlung einer Zerstörung» unbewaffneten Widerstandsformen zu. Hierzu gehörte die Hilfe innerhalb des Ghettos und der Lager für Kranke, Geschwächte und Kinder, die Fluchthilfe und Kontakte zum nichtjüdischen Widerstand. Die Autorin unterstreicht die Bedeutung solcher Widerstandsformen, die über konkretes Handeln hinaus auch den Protagonisten «ihre agency als Akteure der Geschichte zurückzugeben» vermochte. (S. 209 – Hervorh. i. Orig.). Sie weist damit einen Weg des Verständnisses zu Widerstandsformen jenseits bewaffneter Aktion und vor allem jenseits von Passivität.

«Jakob der Lügner», Frank Beyers Film nach Jurek Beckers Roman, schilderte 1974 ein Beispiel solchen Widerstandes: Der Ich-Erzähler (im Film dargestellt von Vlastimil Brodsky) stärkt mit erfundenen Radiomeldungen über das tatsächliche Vorrücken der Roten Armee den Überlebenswillen der Bewohner eines namenlosen Ghettos. Buch wie Film gehörten in der DDR zur massenwirksamen Vermittlung des faschistischen Judenmordes. Das Diktum des Mitherausgebers Stephan Lehnstaedt, wonach «die spezifische Opferbereitschaft rassischer Verfolgung im Holocaust für die DDR weder Thema war noch Thema sein durfte», verwundert bei solch künstlerischen Leistungen ebenso wie angesichts von über eintausend Büchern, die in der DDR verschiedensten Bereichen jüdischer Kultur gewidmet waren. Ebenso einseitig ist seine Behauptung, der DDR-Geschichtswissenschaft seien ihre Themen «vorgegeben» worden (S. 10). In Parteiinstituten war dies bis zu einem gewissen Grad der Fall, an den Universitäten und der Akademie der Wissenschaften konnten Historiker aber innerhalb eines zentralen Forschungsplanes ihre Themen weitgehend selbst bestimmen, darunter auch zum Widerstand von Juden. Die von Lehnstaedt behauptete Beschränkung der Widerstandsforschung auf den kommunistischen Untergrund stimmte für kirchliche Zeithistoriker zu keinem Zeitpunkt, an staatlichen Einrichtungen und sogar an der SED-Akademie für Gesellschaftswissenschaften stimmte sie im letzten Jahrzehnt der DDR nicht mehr.

Der Mitherausgeber Frank-Lothar Kroll, der ansonsten auch für seine Kontakte zur «Neuen Rechten» bekannt ist, tritt im Band inhaltlich nicht in Erscheinung.

Frank-Lothar Kroll / Stephan Lehnstaedt (Hrsg.): Jüdischer Widerstand in Europa. Grundlagen, Formen, Netzwerke; BeBra Wissenschaft, Berlin 2025, 240 S., 

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