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Die Angriffe der Tuareg-Rebellen der Befreiungsfront von Azawad und der dschihadistischen Jama’at Nusrat al-islam wal-Muslimin (JNIM) am 25. April dieses Jahres markieren einen Wendepunkt in der Entwicklung Malis. In den nächsten Monaten könnte sich entscheiden, ob das flächenmäßig riesige Land in Westafrika auseinanderbricht.
Erstmals ist es den neuerlich verbündeten Truppen der Tuareg und Dschihadisten gelungen, das malische Militär zeitgleich an weit entfernt voneinander gelegenen Orten im ganzen Land anzugreifen. Diese Angriffe trafen die Militärjunta ins Herz. Denn den über 20.000 bewaffneten Kräften gelang es, den malischen Verteidigungsminister Sadio Camara, den zweitmächtigsten Mann der Militärjunta, zu töten. Der beliebte Camara war ein enger Vertrauter des Anführers der Junta, Assimi Goïta.
Außerdem konnten die Aufständischen die nordmalische Stadt Kidal erobern. Dieser Verlust wiegt für die malischen Militärs schwer, weil sie erst 2023, zusammen mit Kräften des aus der Wagnergruppe hervorgegangenen russischen Afrikakorps, die Stadt zurückerobern konnten. Der damalige Erfolg besaß hohen symbolischen Wert, da die Putschregierung erst kurz zuvor die Franzosen aus dem Land geworfen hatte – und das nicht zuletzt mit der Begründung, diese könnten die Sicherheit im Land nicht gewährleisten.
Seit der Offensive des 25. April stellt sich nunmehr die Frage, ob der Verlust Kidals den Rückhalt der Militärs in der malischen Bevölkerung, die anfangs durchaus Sympathie für die Machthaber in Uniform hegte, erschüttern könnte.
Der Emir der Dschihadisten
Auf den Sturz der Militärs in Bamako hin arbeitet allen voran der Anführer der Dschihadisten, Iyad Ag Ghali. Er gehört zur im Norden des Landes lebenden Bevölkerungsgruppe der Tuareg. Ag Ghali hatte schon seit den 1980er Jahren an den verschiedenen Rebellionen der Tuareg teilgenommen, die für die Unabhängigkeit kämpfen, weil sie sich von der malischen Regierung in Bamako an den Rand gedrängt fühlen. Im Jahr 2012 gründete er dann eine eigene Gruppe namens Ansar Dine (Verteidiger des Islam). Wie andere Anführer dschihadistischer Gruppen, die nicht nur in Mali, sondern auch in den benachbarten Staaten Burkina Faso und Niger operieren, hatte er sich von einem Tuareg-Separatisten zum Islamisten gewandelt.
Noch im selben Jahr eroberte Ansar Dine die Wüstenstadt Timbuktu. Anschließend hissten Ag Ghalis Männer die schwarze Fahne der Islamisten und ordneten das islamische Recht der Scharia in der Stadt an. Da sich Ag Ghalis Vorgehen gegen den traditionellen Sufi-Islam in der Region richtete, den er durch den strengeren Salafismus ersetzen will, zerstörten seine Kämpfer sogar islamische Heiligtümer in der Stadt. Aufgrund der Tötung gefangener Soldaten der malischen Armee erließ der Internationale Strafgerichtshof später einen Haftbefehl gegen Ag Ghali.
Auch die französischen Truppen und der UN-Friedenseinsatz MINUSMA fanden gegen die Guerilla-Aktionen der Dschihadisten kein Mittel.
Der Fall der Stadt Timbuktu hatte den Militäreinsatz „Serval“ der alten Kolonialmacht Frankreich zur Folge. Dem französischen Militär gelang es zunächst, die Tuareg-Rebellen und Dschihadisten zurückzudrängen.
Doch wenige Jahre später schlossen sich Ag Ghali und Ansar Dine mit anderen bewaffneten Gruppen zur JNIM zusammen, die Al Qaida nahesteht. Das internationale Terrornetzwerk operiert bereits seit den 1990er Jahren im Sahel. Durch Anschläge und vor allem Entführungen westlicher Tourist*innen, für die sie offenbar Lösegeldzahlungen westlicher Staaten erhielten, sicherte Al Qaida sich hinreichend finanzielle Mittel zur Fortsetzung des Kampfes.
Seit Gründung der JNIM avancierte Ag Ghali zum großen Gegenspieler der Regierung in Bamako. Er führte den Kampf zunächst gegen die demokratisch gewählte Regierung von Ibrahim Boubacar Keita. Auch die französischen Truppen und der UN-Friedenseinsatz MINUSMA fanden gegen die Guerilla-Aktionen der Dschihadisten, die in kleinen, oft mit Motorrädern und Pick-Up-Trucks ausgestatteten mobilen Einheiten operierten, kein Mittel.
Mit dem Sturz der Keita-Regierung 2020 und dem nur ein Jahr später folgenden zweiten Putsch schwang Militärmachthaber Assimi Goïta sich zum starken Mann Malis auf. Seitdem kämpft die JNIM gegen die Militärjunta.
Auf dem Weg ins Kalifat?
Bei seinem Kampf ging Ag Ghali auch ein Bündnis mit Amadou Kouffa ein, der in Zentralmali die Terrorgruppe Katina Macina gegründet hatte. Khouffa gehört der Bevölkerungsgruppe der Peul an, einer in vielen Teilen Westafrikas wichtigen Minderheit, die in der Geschichte der Region immer wieder verfolgt wurde. Wie Ag Ghali hatte sich auch Kouffa – nicht zuletzt durch seinen Aufenthalt in Saudi-Arabien – der salafistischen Interpretation des Islam angenähert. Und wie Ag Ghali verfolgt der ehemalige Wanderprediger Khouffa das Ziel einer Islamisierung der Region.
Allerdings hatte Khouffa sich zwischenzeitlich der Terrorgruppe des sogenannten Islamischen Staates angeschlossen, die ebenfalls in Westafrika operierte, weshalb es immer wieder zu blutigen Kämpfen zwischen den Dschihadisten kam. Kouffas Bündnis mit Ag Ghali hat den Einfluss des IS in Mali erheblich geschwächt.
Die Spar- und Privatisierungsauflagen haben den schwachen postkolonialen Staat weiter ausgehöhlt. Dies führte zum weiteren Rückzug des Staates und schwächte dessen Legitimität in den Augen seiner Bürger*innen.
Beiden Anführern geht es um einen Umbau des Staates zu einer islamischen Republik. Als mögliche Vorbilder für ein „islamisches Kalifat“ in Mali könnten Mauretanien oder Syrien dienen. Jenseits der Durchsetzung des islamischen Rechts der Scharia liegt die anvisierte politische Ordnung jedoch noch weitgehend im Dunkeln. Im Mittelpunkt steht bislang die Abgrenzung zur alten Ordnung eines säkularen, postkolonialen Staates, der angesichts von Misswirtschaft, Korruption und Armut hochgradig unbeliebt ist.
Zum Ende des alten malischen Staates, den die Militärs um Goïta – ähnlich wie die mit ihnen verbundenen Juntas in Burkina Faso und Niger – eigenen Angaben zufolge transformieren wollen, trugen auch die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank bei. Die Spar- und Privatisierungsauflagen haben den schwachen postkolonialen Staat weiter ausgehöhlt, indem sie staatliches Handeln in den Kernbereichen Bildung, Gesundheit und Infrastrukturausbau großen internationalen Entwicklungsagenturen, Nichtregierungsorganisationen oder Privatunternehmen übertrugen. Dies führte zum weiteren Rückzug des Staates und schwächte dessen Legitimität in den Augen seiner Bürger*innen.
Verheerend war diese Entwicklung auch deshalb, weil sich dies im Kontext einer wirtschaftlichen Dauerkrise ereignete, die mit der großen Dürre in der Sahelzone der 1970er Jahre begann und bis heute, nicht zuletzt wegen der Auswirkungen der globalen Erderwärmung, immer dramatischere Ausmaße annimmt.
Szenarien der Entwicklung
Als wichtige Führungsperson gilt auch der einflussreiche Imam Mahmoud Dicko, der in der Vergangenheit zwischen der Keita-Regierung und den JNIM-Dschihadisten vermittelt hatte. Dicko gehört der salafistischen Richtung des Islam an und war lange Vorsitzender des Hohen Islamischen Rats des Landes, der zuvor in den Händen der traditionellen Führer gelegen hatte, die sich nicht in die Politik einmischten und den Salafismus aus Saudi-Arabien ablehnten.
Dicko hatte einst zum Protest gegen die Keita-Regierung aufgerufen, musste aber nach der Machtübernahme der Militärs das Land verlassen. Seitdem lebt er im Exil im benachbarten Algerien.
In dem weiter einflussreichen islamischen Geistlichen sehen Beobachter*innen einen möglichen Anführer für eine Zeit nach den Militärs, sollte sich in Bamako die Bevölkerung gegen Goïta erheben. Nach einem solchen Umsturz sieht es derzeit aber nicht aus, auch weil die Militärregierung zivilgesellschaftliche Gruppen, die Dicko nahestehen, verboten hat.
Wahrscheinlicher erscheint zum jetzigen Zeitpunkt, dass der militärische Kampf um die Vorherrschaft im Land sich weiter intensiviert. Das könnte die 22 Millionen Menschen zählende Zivilbevölkerung, die zwischenzeitlich auf eine Befriedung der Lage durch die malischen Militärs und ihre russischen Verbündeten hoffte, in eine gefährliche Lage bringen.
Gerade die Dschihadisten scheinen für eine weitere militärische Eskalation, die sie mit der Blockade der Hauptstadt Bamako bereits ankündigten, bestens gerüstet. Zu ihrer Finanzierung kann die Miliz auf den weit verbreiteten Schmuggel mit Drogen und Waffen sowie auf Abgaben zurückgreifen, die sie auf den Abbau von und Handel mit Rohstoffen, vor allem Gold und Lithium, erheben: Als Gegenleistung für „Sicherheit“ erpressen die Dschihadisten Schutzgeld von den Bergleuten, Händler*innen und Landwirt*innen.
Anders als im Sudan oder im Jemen spielen externe Akteure in Mali und anderswo im Sahel bislang eine untergeordnete Rolle. Selbst die rund 2.500 russischen Söldner sind im Konflikt nicht entscheidend.
Eine Rolle bei der Finanzierung des Dschihadismus spielt weiterhin auch die bereits erwähnte Entführung von Expats, von international tätigen Fachkräften, zum Zwecke der Lösegelderpressung. Im Oktober 2025 gelang den Dschihadisten mit dem Angriff auf die Farm Sanankoroba bei Bamako ein großer Coup. Die Farm gehört Sheikh Ahmed bin Maktoum Al Maktoum, einem General im Ruhestand der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Mitglied der Herrscherfamilie in Dubai. Für die Freilassung von zwei Emiratis wurde offenbar ein hohes Lösegeld gezahlt, die Rede ist von 70 Millionen US-Dollar.
In der aufgeregten Stimmung im Sahel sprießen viele Erzählungen. Wegen der Lösegeldzahlungen und der direkten Verhandlungen des Emirs von Dubai mit den JNIM-Dschihadisten gibt es Anschuldigungen, die Emiratis wollten auch in Mali Einfluss nehmen. Manche glauben bereits an ein Szenario wie im Sudan, wo externe Regionalmächte, darunter die VAE, den Konflikt befeuern. Eine Einflussnahme der Emiratis zugunsten der JNIM scheint aber ausgeschlossen, da Dubai islamistischen Kräfte traditionell ablehnend gegenübersteht.
Anders als im Sudan oder im Jemen spielen externe Akteure in Mali und anderswo im Sahel bislang eine untergeordnete Rolle. Selbst die rund 2.500 russischen Söldner sind im Konflikt nicht entscheidend, wie die jüngsten Attacken zeigten, als sich die Truppen des Afrikacorps kleinlaut zurückziehen mussten. Und auch die alte Kolonialmacht Frankreich, die man in Mali und anderswo in Westafrika überaus kritisch sieht, will sich auf kein weiteres militärisches Abenteuer einlassen. Und so müssen die Malier*innen weitgehend alleine um die Zukunft ihres Landes ringen.
Die Sorge Europas sollte der Zivilbevölkerung gelten, die aktuell der Unterstützung bedarf. Darüber hinaus aber geht es auch um den Kampf gegen die globale Erderwärmung, die – jenseits der Auseinandersetzung um die Macht im Land – über die künftige Bewohnbarkeit des Landes in einer um zwei oder gar drei Grad heißeren Welt entscheiden wird.

