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Hintergrund , : Fußball von unten, mit dem linken Fuß

Feministische Kollektive in Mexiko verbinden Fußball mit Protest und Selbstermächtigung

Wichtige Fakten

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Ein Frauen-Fan-Club posiert in den Sitzrängen eines Stadions in Mexiko. Viele halten Banner hoch auf denen in spanisch steht: "Barra Feminista", "#futbolsinviolenca", Otro Futbol is Posible"
„Si gana una, ganamos todas“ – „Gewinnt eine, gewinnen alle" Der Mitglieder des 2019 gegründeten Fanclubs Barra Feminista gehen geschlossen zu Fußballspielen und bilden einen eigenen Block. Barra Feminista, Mexiko 2023, CC BY-SA 4.0, Por DeBolsillo - Trabajo propio

Die aktuelle mexikanische Linksregierung kann nichts für die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Die Entscheidung für die USA, Kanada und Mexiko als Austragungsorte fiel Mitte 2018, lange vor ihrer Amtszeit. Doch sie muss mit den Konsequenzen leben und gute Miene machen zum bösen kapitalistischen Spiel der FIFA. Gleichzeitig nutzt eine aktive, feministische Fußballszene die WM-Aufmerksamkeit für ihren Kampf für einen Fußball und eine Gesellschaft frei von Gewalt, Diskriminierung und Patriachat. 

Nur 13 der 104 WM-Spiele finden auf mexikanischem Boden statt, fünf davon in der Hauptstadt, darunter am 11. Juni das Eröffnungsspiel im Aztekenstadion vor mehr als 80.000 Zuschauer*innen. Die Tickets dafür sind für die große Mehrheit unbezahlbar. Und ebenso wie an den beiden anderen Spielorten Guadalajara und Monterrey sind die Auswirkungen der WM auf das Stadtbild und den Alltag vieler Menschen enorm – und nicht unbedingt positiv. Noch kurz vor Beginn des Großereignisses gleicht die Hauptstadt an neuralgischen Punkten, etwa dem internationalen Flughafen, der U-Bahn oder im Umkreis des Aztekenstadions, einer riesigen Baustelle. 

Eliana Gilet, uruguayische Journalistin und Reporterin, lebt in Mexiko und arbeitet als Freelancerin für verschiedene Medien. Im Kontext der WM schreibt sie zahlreiche Beiträge für das unabhängige mexikanische Medienprojekt Desinformémonos

Gerold Schmidt ist Diplom-Volkswirt, Übersetzer und Journalist. Er leitet seit März 2024 das Regionalbüro Mexiko, Zentralamerika und Kuba der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers „Wem gehört der Fußball?“.

Die Zweifel, ob sich die Erwartungen an sprudelnde Tourismuseinnahmen erfüllen, sind groß. Im eigentlich fußballbegeisterten Mexiko scheint der Enthusiasmus für die Weltmeisterschaft merkwürdig gedämpft. Zu schlecht ist der Ruf der FIFA mit ihrer absoluten Kommerzialisierung des Ereignisses, zu angespannt das Verhältnis Mexikos zum Hauptausrichter USA unter der Trump-Regierung. Aber vor allem wollen die Hauptstadtbewohner*innen der FIFA nicht einfach das Feld überlassen. „Wir hassen die FIFA, wir lieben den Fußball“ ist ein in diesen Tagen viel zitierter Slogan.

Besonders Frauen sind in einer Vielzahl von Initiativen aktiv. Dort verbinden sie ihre Liebe zu einer anderen Art von Fußball mit sozialen Anliegen und den Protesten gegen soziale und politische Missstände in Mexiko. Sie feiern den Straßenkick, sie organisieren Diskussionen über die Zukunft des Frauenfußballs in der männerdominierten mexikanischen „Fußballmafia“ und spielen eigene Turniere. SIe praktizieren einen „Fußball von Unten“. 

Ein Beispiel dafür ist das mittlerweile schon fast zum Klassiker gewordene Straßenturnier des Frauenkollektivs „Morras Futboleras“, der Fußballmädchen – wobei der Begriff Morras eher mit selbstbewussten jungen Frauen übersetzt werden müsste. In diesem Jahr spielten sie am 9. März, einem Montag, auf dem Zócalo, dem zentralen Platz im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt direkt vor dem Regierungspalast. Das Datum wurde bewusst gewählt, denn in vielen Ländern riefen Initiativen an diesem Tag zu einem „intersektional-feministischen Frauenstreik“ auf. Auch in Mexiko ging es dabei um die grassierende Gewalt gegen Frauen, um finanzielle Abhängigkeit, überlastete und ungerechte Care-Strukturen, um Rassismus und den Kampf gegen rechts. Und vor allem ging es darum, den Fußball der Frauen zu zelebrieren, ohne Gewalt, ohne Kommerz und ohne Unterdrückung. 

Öffentlicher Raum für Frauen

Sich öffentlichen Raum anzueignen, um dort sicheren Fußball für Frauen und queere Menschen zu spielen, sieht Shelma, eine der Koordinatorinnen des Straßenturniers, als Möglichkeit, „daran zu erinnern, dass wir ein Recht auf die Stadt und auf Vergnügen haben“. Rat, eine weitere Aktivistin aus dem vorbereitenden Frauenkollektiv, meint: „Fußball ist nicht nur ein Spektakel, sondern auch ein Moment und ein Ort der Begegnung unter Freundinnen“. 

Ganz ähnlich wie das Spiel auf dem Zócalo funktioniert der „Anti-FIFA-Kick“. Sein Auftakt war die zeitweise Besetzung der Hauptverkehrsader Avenida Tlalpan direkt von dem Aztekenstadion am 1. März 2026. In der ersten Reihe standen erneut die Frauen. Statt den Autos gehörte die Avenida den Straßenfußballer*innen. Eine weitere Aktion war der „Straßenkick für Samir“, der an die bis heute nicht aufgeklärte Ermordung des indigenen Umweltaktivisten Samir Flores im Februar 2019 im angrenzenden Bundesstaat Morelos erinnerte. Für Samir improvisierten indigene Frauen in der Hauptstadt ein Spiel – ohne Schiedsrichter oder allzu feste Regeln.

Alle diese Initiativen zielen auf futbol popular, einen Fußball der Bevölkerung bzw. der Vielen ab, getragen mehrheitlich von Frauen, „von unten und mit dem linken Fuß”, wie es Organisator*innen häufig formulieren. Sie organisieren einen Gegenpol zur Privatisierung des Fußballs durch transnationale Konzerne. Ihre Aktionen sind keine Massenveranstaltungen. Aber sie mahnen die Regierung, sich nicht auf die Abhängigkeit vom Tourismus als Wirtschaftsmotor zu berufen und Fußballgroßereignisse als der Quelle für Deviseneinnahmen zu rechtfertigen. „Angesichts all der Gewalt, die national und international um uns herum herrscht, sind uns unsere eigenen Begegnungsräume sehr wichtig“, sagt Rat.

Um an den verschiedenen Straßenkicks teilzunehmen, braucht es in der Regel nichts weiter als die Bereitschaft und den Wunsch, zu spielen. Fußballerisches Geschick oder Erfahrung sind zweitrangig. Viele Regeln des herkömmlichen Fußballs werden einfach ausgesetzt. „Wir nutzen den öffentlichen Raum, um uns zu treffen, und schaffen einen anti-patriarchalen Fußball, jenseits der Logik von Wettbewerb und Ausgrenzung“, erklärt Rat. Dabei versteht sie anti-patriarchalen Fußball als „einen Fußball mit Platz für queere Personen, Frauen, andere Dissident*innen und Trans-Freundinnen“.

Nach und nach hat dieser Fußball weitere Diversitäten einbezogen, zum Beispiel hörbehinderte Menschen. Auch Kinder. Das wirkt bis in die Peripherie der Hauptstadt. Bei mehreren Veranstaltungen spielen die Mädchen der Initiative „Más Sueños” (Mehr Träume) aus der Gemeinde Ecatepec mit. Más Sueño richtet sich mit seinem Programm „Lila Spielfeld“ vor allem an junge Mädchen mit Erfahrungen häuslicher Gewalt. Sie können dort nicht nur Fußball spielen, sondern nebenbei auch ihre Rechte kennenlernen. „Es existieren zwei Weltmeisterschaften: die von oben, die den Funktionären Geld einbringt, und die von unten, die auf Gemeinschaft beruht und die Werte sät“, meint die Expertin für Genderpolitik und Gründerin von Más Sueños, Perla Acosta. 

Abseits von Mainstream und starren Regeln

Die anfangs zitierte Shelma ist Mitglied der Barra Feminista. Dieser 2019 gegründeten, besonderen Fangemeinde gehören nur Frauen an. Sie gehen geschlossen zu Fußballspielen und bilden einen eigenen Block. Ihr erklärtes Ziel ist es, einen gemeinsamen Raum für das Feiern ohne Gewalt zu schaffen und den Frauenfußball auf und neben dem offiziellen Spielfeld zu stärken. Ebenso setzen sie sich für eine Gehaltsangleichung zwischen männlichen und weiblichen Profispieler*innen ein.

Shelma beschreibt den Gedanken der Barra Feminista so: „In der Barra Feminista, in der ich mitmache, sind wir alle Fans des Frauenfußballs. Viele von uns spielen selbst. Andere haben zuvor noch nie in ihrem Leben die Kugel gekickt. Aber es gefällt ihnen, dabei zu sein, das ist das Coole daran. Es gibt viele Mädchen, die gerne spielen würden, sich aber unter Jungs und Männern nicht so sicher fühlen, selbst wenn es in der Familie oder mit Freunden ist.“ 

Die Barra Feminista irritiert auf positive Weise: Sie setzt sich aus Anhängerinnen verschiedener Clubs zusammen. Deswegen bejubeln die Frauen ein Tor oft gemeinsam, egal für welches Team es gerade fällt. Für viele homophobe und gewaltverherrlichende Sprüche aus dem maskulinen Fanlager haben die Frauen kreative und friedliche Varianten geschaffen, die sie skandieren. Eine Zeitlang kooperierte die Barra Feminista mit dem Hauptstadtverein Club América, einem der beliebtesten und zugleich umstrittensten Fußballclubs in Mexiko. Der Club lud die Frauen zu seinen Fußballspielen ein und brüstete sich mit einer neuen Fankultur. Als sich die Barra Feminista vom Club América vor allem für Imagezwecke ausgenutzt fühlte, hatte die Kooperation ein Ende.

Dagegen bringt sich die Barra Feminista auch im fünften Jahr nacheinander beim Turnier der Morras Futboleras ein. „Wir haben die Gelegenheit genutzt, nach und nach andere Kollektive und unabhängige Fußballmedien einzubinden“, sagt Shelma. „Mit dem jährlichen Turnier erinnern wir ebenso an unser Recht auf Freizeit. Frauen wurden historisch gesehen in den privaten Raum verbannt. Als wir uns den öffentlichen Raum angeeignet und dazu noch eine Sportart ausgeübt haben, die von Männern, für Männer praktiziert wird und über die Männer diskutieren, ahnte niemand, was in den folgenden Jahren alles kommen würde“, beschreibt sie die Entwicklung. 

Tatsächlich hat der Frauenfußball in Mexiko auf der Straße und in regulären Ligen in den letzten Jahren einen neuen Aufschwung erlebt. Anfang der 1970er war er schon einmal populär. Damals wurden die mexikanischen Fußballspielerinnen, alle Amateurinnen, im eigenen Land vor mehr als 100.000 Zuschauer*innen im Aztekenstadion Vizeweltermeisterinnen. Die „Männermafia“ im Profifußball würgte die plötzliche unliebsame Konkurrenz daraufhin regelrecht ab.   

„Wenn eine gewinnt, gewinnen alle“

In den von Frauen initiierten, alternativen Fußball-Events ist die Solidarität mit anderen Frauenanliegen fast immer präsent, etwa mit der Bewegung der Madres Buscadores (Suchende Mütter). 130.000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden, die meisten von ihnen jung, die meisten Männer. Es sind fast immer die Mütter, die nach ihnen suchen und die oft widerwilligen Behörden zu Nachforschungen drängen. Die Suchenden Mütter wollen die Aufmerksamkeit für die Weltmeisterschaft dafür nutzen, dass ihre Suche mehr unterstützt wird. Die hohe Zahl an Femiziden in Mexiko ist ein weiteres Thema, auf das die Frauen bei ihren alternativen Fußballaktionen hinweisen. 

Wenn die Aktivistinnen für gewaltfreien Fußball eintreten, dann haben sie gleichzeitig eine gewaltfreiere mexikanische Gesellschaft insgesamt zum Ziel. In wenigen Wochen wird die FIFA mit einem satten Gewinn aus Mexiko abziehen. Dagegen muss die Bevölkerung in Mexiko-Stadt mit den Nachwirkungen der Fußballweltmeisterschaft kämpfen. Gleichzeitig werden viele Projekte für einen anderen Fußball, die im Kontext der Fußballweltmeisterschaft sichtbarer wurden, fortbestehen. Dies gilt besonders für die von Frauen organisierten Projekte.  Am 9. März lautete das Motto des Straßenturniers der Morras Futboleras „Wenn eine gewinnt, gewinnen wir alle.“ Gemeint waren die Frauen. Aber wenn die mexikanische Gesellschaft sich die Botschaft der Fußball-Initiativen von Unten zu Herzen nimmt, kann sie als ganze gewinnen. 
 

Dieser Text ist eine erweiterte und modifizierte Fassung des Originalartikels der Journalistin Eliana Gilet, der unter dem Titel „Gewinnt eine, gewinnen alle“ bei Desinformémonos erschienen ist. 

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