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Viele westeuropäische Nationalteams bilden heute die postmigrantische Gesellschaft ab. Aber selbst wenn sie gewinnen, besiegen sie den Rassismus nicht.
Als die deutschen Fußballer im Sommer 2024 in die heimische Europameisterschaft starteten, war das ein besonderer Moment. Erstmals bei einem Großturnier führte ein Kapitän mit Migrationshintergrund ein DFB-Team an: der türkischstämmige İlkay Gündoğan. Doch nach einer Würdigung des Augenblicks war niemandem so recht zumute. Bei den Europawahlen war die AfD zweitstärkste Kraft geworden, Umfragen zeigten offen rassistische Einstellungen: 20 Prozent wünschten sich mehr „weiße“ Nationalspieler, 17 Prozent fanden es „schade“, dass Gündoğan Kapitän ist. Von türkeideutschen Fans wurde er als Verräter ausgepfiffen.
Dabei sind Spieler-Biografien, die der Vorstellung ethnischer Homogenität entgegenstehen, beim DFB nicht neu. Fritz Szepan, Nachname amtlich Sczepan, war der deutsche Kapitän bei den WM-Turnieren 1934 und 1938. Sein Vater kam aus Ostpreußen, Szepan selbst wurde in Gelsenkirchen geboren, galt aber vielen trotzdem als „Pole“. Für die rassistische Propaganda des NS-Regimes waren solche Spieler ein Problem. Umständlich wurden sie deshalb für „kulturell deutsch“ erklärt.
Aber erst ab den 1990er-Jahren, vor allem nach der Reform des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000, wurde die DFB-Mannschaft diverser. Nationalteams der Männer wie die in Frankreich, England oder den Niederlanden, also in Staaten mit kolonialer Vergangenheit, hatten sich oft schon ab den Siebzigern diversifiziert. Die Reaktionen reichten von pragmatisch bis ablehnend, mitunter aber auch idealisierend. Das französische Team etwa wurde vor dem WM-Sieg 1998 mit dem Slogan „Black-Blanc-Beur“, „Schwarz-Weiß-Arabisch“ überhöht. Der multikulturelle Fußball sollte die Gesellschaft kitten – eine Hoffnung, die er gar nicht erfüllen konnte.
Angesichts dieser Konkurrenz beschloss der DFB, sich zu öffnen. Dass Nationalteams heute diverser sind, ist ein Erfolg antirassistischer Kämpfe, aber noch mehr ein Ergebnis ökonomischer Konkurrenz: Kein Verband kann es sich leisten, all die sportlich talentierten migrantischen Kinder als Ressource zu ignorieren. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass Männernationalteams die Vielfalt der Gesellschaft heute stärker abbilden als früher.
Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren.
Was macht das mit Vorstellungen von Volk und Nation? Von etwa 2006 bis 2014 wurde die neue „Internationalmannschaft“ in Deutschland stark romantisiert. Liberale Medien bejubelten sie als Sinnbild eines entspannteren Multikulti-Deutschlands. Zugleich gaben migrantische Fans nun mehrheitlich an, sich mit der DFB-Elf identifizieren zu können. Umfragen zeigen jedoch, dass Fußball Identitätsvorstellungen allenfalls kurzfristig beeinflusst. Rassistische Einstellungen steigen nach erfolgreichen Turnieren oft sogar an, selbst wenn Teams ethnisch divers sind – im Siegesjubel gibt es keinen Nationalismus ohne Rassismus. Und wirklich akzeptiert sind die Spieler nicht. Mesut Özil etwa kritisierte einst: „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren.“
Anders ist die Lage im Fußball der Frauen. Dort spielen in vielen der Länderteams – auch in jenem des DFB – weiterhin wenige People of Colour. Das liegt auch daran, dass Verbände und Klubs weniger konsequent scouten und die Bedingungen im Frauenfußball oft nicht professionell sind. Das macht eine Karriere für gesellschaftlich unterprivilegierte Gruppen weniger attraktiv. Doch auch hier ist ein Wandel absehbar, teils schon vollzogen. Das gilt etwa für die USA und ganz besonders für Frankreich. Verantwortlich dafür ist dort auch die Infrastrukturpolitik: Seit den 1980er-Jahren wurden systematisch frei zugängliche Bolzplätze in migrantischen Vierteln errichtet, auf denen viele der weiblichen Stars von heute zu spielen anfingen. Das zeigt: Nationalteams werden nicht automatisch divers, auch wenn die Gesellschaft es bereits ist – es braucht Strukturen, die die Diversität fördern.
Für viele Fans haben migrantische Spieler*innen aber nur einen Wert, solange sie Leistung bringen – als Deutsche auf Probe.
Aus Angst vor rechter Mobilisierung meidet der DFB derzeit das Thema Diversität. Für die Spieler bedeutet das einerseits größere Selbstverständlichkeit: Dass
Jonathan Tah oder Serge Gnabry für Deutschland spielen, ist heute in liberalen Milieus normalisiert. Zudem hat sich Ausgrenzung verschoben: Als „weiß“ wahrgenommene Migrant*innen wie Lukas Podolski oder Mario Gómez gelten als Deutsche. Doch der Hass der Rassisten in den Stadien gegen die People of Colour auf dem Platz schwindet nicht. Zwar sind die Teams durchmischt, aber die Führungsetagen und die Fankurven sind es nicht. Und ein Bundestrainer mit türkischem Migrationshintergrund wäre derzeit noch undenkbar. Einzelne Trainer aus marginalisierten Gruppen werden auch in Deutschland sichtbarer und selbstbewusster.
Spieler*innen sind heute eine umworbene Ware. Kein Land kann sich einen rassistischen Filter leisten. Für viele Fans haben migrantische Spieler*innen aber nur einen Wert, solange sie Leistung bringen – als Deutsche auf Probe. Diversität unterläuft einer neoliberalen Nation nicht, sondern sie dient ihr im globalen Wettbewerb. Diversität kann sogar mit neuem Nationalstolz koexistieren. Doch Diversität und Rassismus schließen sich selbst dann nicht aus.
Dieser Text ist Teil des Atlas der Migration 2026.


