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Jeden Morgen trifft man sie: den Mann mit der schwarzen Daunenjacke, der immer an derselben Tür einsteigt; die junge Frau mit dem Thermobecher, die alle sechs Wochen die Spitzen ihrer Haare anders färbt, diesmal in ein ausgewaschenes Grün-Blau. Es ist eine eigentümliche Form von Vertrautheit: Man teilt für ein paar Minuten denselben Raum, fährt dieselbe Strecke. Gesprochen wird nicht. Auf diese Weise werden Menschen Teil des Alltags, ohne Teil des Lebens zu sein.
Was zunächst wie eine beiläufige Beobachtung wirkt, verweist auf einen strukturellen Zustand. Denn die Einsamkeit vieler junger Menschen ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Modells, das Flexibilität, Mobilität und permanente Verfügbarkeit verlangt.
In Beijing, Schanghai oder Shenzhen leben und arbeiten Millionen Menschen weit entfernt von ihren Herkunftsorten. Sie wohnen in Hochhauskomplexen, teilen sich Wohnungen mit Fremden, die sie kaum sehen und noch seltener sprechen. Der Arbeitsalltag ist durch lange Wege und Bürozeiten streng durchgetaktet. Während man in der Mittagspause Essen bestellt, wird auf WeChat bereits die nächste Arbeitsnachricht beantwortet.
Zu den Menschen, denen junge Professionals im Alltag begegnen, unterhalten diese jedoch keine wirklichen Beziehungen.
Die Fragmentierung des Soziallebens
Das bedeutet indes nicht, junge Menschen wären heute weniger sozial. Im Gegenteil: Selten wurde so viel kommuniziert und interagiert wie heute. Man beantwortet Nachrichten postwendend, sendet sich Essenfotos und kommentiert mit passenden Emoticons. Im Arbeitsumfeld führt das dazu, dass man über WeChat selbst nach Feierabend erreichbar bleibt. Auch Dating beginnt kaum noch mit einer persönlichen Begegnung, sondern wird vom Algorithmus bestimmt. Der Boom von Spielen wie Love and Deepspace, in denen virtuelle Partner rund um die Uhr verfügbar sind, verweist auf ein wachsendes Bedürfnis nach emotionaler Verlässlichkeit.
In chinesischen Online-Debatten wird dies häufig unter dem Begriff „emotionaler Wert“ diskutiert. Gemeint ist die Fähigkeit einer Beziehung, Aufmerksamkeit, Fürsorge und emotionale Stabilität zu bieten – Ressourcen, die im Alltag junger Städter*innen zunehmend knapp werden.
In diesem Kontext wird in China noch ein anderer Begriff diskutiert: das „Verschwinden des Nahen“. Der Anthropologe Xiang Biao beschreibt damit den schleichenden Verlust sozialer Verankerung im persönlichen Umfeld; die alltägliche Nähe, die früher durch Nachbarschaften oder lokale Gemeinschaften entstanden sei, verschwinde.
In Chinas Großstädten zeigt sich diese Entwicklung besonders drastisch: Arbeit, Mobilität und digitale Plattformen strukturieren den Alltag inzwischen so stark, dass Beziehungen flexibel, effizient und permanent verfügbar sein müssen.
Diese Entwicklung entfaltet ihre Dynamik vor dem Hintergrund der jüngeren chinesischen Geschichte. Über Jahrzehnte hinweg waren soziale Beziehungen in der Volksrepublik eng an die Arbeitseinheit (Danwei) gebunden. Die Danwei war weit mehr als nur ein Arbeitsplatz: Sie organisierte Wohnung, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Freizeitangebote und soziale Absicherung. Arbeitskolleg*innen waren häufig zugleich Nachbar*innen, die Kinder gingen in dieselben Kindergärten und Schulen, und viele Alltagskontakte entstanden nicht durch individuelle Entscheidungen, sondern aus der Einbindung in dieselben Arbeitsstrukturen.
Allerdings organisierte die Danwei keineswegs ein idyllisches Gemeinschaftsleben. Sie wirkte oft paternalistisch, da individuelle Freiheit eingeschränkt und soziale Kontrolle ausgeübt wurde. Dadurch entstanden starre Hierarchien, lokale Machtstrukturen und Formen von Klientelismus, die den gesellschaftlichen Wandel erschwerten.
Mit den Reform- und Öffnungsprozessen seit den 1980er Jahren veränderte sich dieses Modell grundlegend. Die wirtschaftliche Dynamik der Reformära eröffnete Millionen Menschen neue Bildungs-, Arbeits- und Aufstiegsmöglichkeiten. Gleichzeitig wurden viele der sozialen Funktionen, die zuvor über die Danwei organisiert worden waren, schrittweise ausgelagert oder privatisiert. Die Arbeitsverhältnisse wurden flexibler, und Mobilität erwies sich als wichtige Voraussetzung beruflichen Erfolgs. Hunderte Millionen Menschen verließen ihre Herkunftsorte und zogen in die expandierenden Metropolen der Ostküste.
Gerade dieser historische Wandel macht Xiang Biaos Diagnose vom „Verschwinden des Nahen“ so interessant. Denn sie verdeutlicht, dass sich die Orte, an denen Zugehörigkeit entsteht, auch in China grundlegend verändert haben. Viele der Institutionen, die – wie die Danwei – früher alltägliche Begegnungen, langfristige Beziehungen und lokale Gemeinschaften hervorbrachten, verloren an Bedeutung. An ihre Stelle traten Arbeitsmärkte, Plattformen und digitale Netzwerke, die die Verbindungen zwischen Menschen kurzfristiger, funktionaler und räumlich flexibler gestalten.
Die Einsamkeit vieler junger Stadtbewohner*innen lässt sich deshalb nicht allein als psychologisches Phänomen deuten, sondern ist auch Ausdruck eines historischen Übergangs: von einer Gesellschaft, in der soziale Beziehungen institutionell eingebettet waren, hin zu einer Gesellschaft, in der Zugehörigkeit zunehmend individuell hergestellt, gepflegt und organisiert werden muss.
Von der privaten Erfahrung zur politischen Frage
Gesellschaftlich sichtbar wird allerdings vor allem die Einsamkeit einer bestimmten sozialen Gruppe. Plattformen wie TikTok oder Xiaohongshu zählen hunderte Millionen Nutzer*innen, doch nur ein kleiner Teil produziert selbst regelmäßig Inhalte – und diejenigen, die über die Zeit, das kulturelle Kapital und die digitale Kompetenz dafür verfügen, gehören überwiegend zur urbanen, gut ausgebildeten Mittelschicht.
Die Großstadt besteht jedoch nicht nur aus Büroangestellten, Content Creators oder Akademiker*innen. Während auf Xiaohongshu über Burnout, Dating und emotionale Verfügbarkeit diskutiert wird, bleibt die Infrastruktur dieser urbanen Lebenswelt auf Millionen Lieferfahrer, Reinigungskräfte, Sicherheits- und Dienstleistungsangestellte angewiesen. Diese leben ebenfalls häufig fern ihrer Herkunftsorte und arbeiten unter ebenso hohem Druck, verfügen aber über deutlich weniger soziale Sicherheit – und über weniger Sichtbarkeit.
Die Einsamkeit urbaner Professionals und die Unsichtbarkeit der Dienstleistungsangestellten sind dabei zwei Seiten derselben Medaille. Die moderne Großstadt bringt Menschen in immer größere ökonomische Abhängigkeiten ohne soziale Beziehungen. Die Gesellschaft erscheint zunehmend als bloßes Netzwerk von Dienstleistungen und Funktionen. So werden Lieferfahrer*innen, Reinigungskräfte oder Sicherheitsangestellte Teil des Alltags der jungen Professionals, ohne Teil einer gemeinsamen sozialen Welt zu sein.
Auf diese Weise wird Burnout zur Frage der Selbstfürsorge und Einsamkeit zur Frage der Selbstoptimierung. Kurz: Strukturelle Probleme werden in private Verantwortlichkeiten übersetzt.
Soziale Beziehungen bieten nicht nur emotionale Unterstützung. Sie schaffen Vertrauen, Solidarität und das Gefühl geteilter Erfahrungen. Wenn diese Beziehungen fragmentieren, werden persönliche Schwierigkeiten immer seltener als gesellschaftliche Probleme gedeutet. Und wer gesellschaftliche Probleme individuell erlebt, sucht dann auch nach individuellen – anstatt nach kollektiven – Lösungen. Auf diese Weise wird Burnout zur Frage der Selbstfürsorge und Einsamkeit zur Frage der Selbstoptimierung. Kurz: Strukturelle Probleme werden in private Verantwortlichkeiten übersetzt.
Einsamkeit kann, statt in Solidarität zu münden, leicht in Ressentiments umschlagen: gegen Frauen, gegen Minderheiten oder andere Gruppen, die für die persönlichen Probleme verantwortlich gemacht werden. Auch in China lassen sich derartige Dynamiken beobachten. Die enorme Popularität nationalistischer Diskurse im Internet, die wiederkehrenden Debatten über „richtige“ Männlichkeit oder die scharfen Geschlechterkonflikte zwischen jungen Männern und Frauen verweisen auf eine Gesellschaft, in der viele traditionelle Formen sozialer Zugehörigkeit unter Druck geraten.
Im chinesischen Kontext enthält diese Entwicklung noch eine weitere Dimension. Denn die Volksrepublik hat seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt, die größte Urbanisierungsbewegung der Geschichte erlebt und enorme soziale Mobilität ermöglicht. Gleichzeitig änderten sich viele der Institutionen, über die Zugehörigkeit früher hergestellt wurde – Arbeitseinheiten, Nachbarschaften, Herkunftsgemeinschaften oder Großfamilien. Dabei gingen vor allem jene gesellschaftlichen Strukturen verloren, die Zugehörigkeit kollektiv organisierten.
China hat innerhalb einer Generation soziale Strukturen aufgelöst, die Gemeinschaft organisiert haben. Was tritt an ihre Stelle?
Für viele junge Chines*innen ist Mobilität heute beruflich unverzichtbar. Häufig war bereits die Elterngeneration aus einem Dorf in eine Kreisstadt gezogen, die Kinder gingen anschließend zum Studium in die Provinzhauptstadt und später wegen der Arbeit nach Beijing, Schanghai oder Shenzhen. China hat innerhalb einer Generation soziale Strukturen aufgelöst, die Gemeinschaft organisiert haben. Was tritt an ihre Stelle?
Die Frage nach Einsamkeit berührt nicht nur individuelle Lebensentwürfe, sondern auch das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft. Schließlich versteht sich die Volksrepublik weiterhin als sozialistisches Projekt, in dem gesellschaftlicher Zusammenhalt, kollektive Entwicklung und soziale Harmonie wichtige politische Bezugspunkte bleiben. Umso bemerkenswerter ist die Popularität der Debatte über Einsamkeit, emotionale Erschöpfung und das Verschwinden sozialer Nähe unter jungen Menschen. Diese Debatte verweist auf eine grundlegende Spannung zwischen den Anforderungen eines hochmobilen, wettbewerbsorientierten Alltags und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft.
Die Frage lautet letztlich nicht nur, wie Menschen mit Einsamkeit umgehen, sondern auch, welche gesellschaftlichen Räume heute noch existieren, in denen Solidarität, Vertrauen und kollektive Erfahrungen entstehen können. In diesem Sinne berührt die Debatte über Einsamkeit eine klassische sozialistische Fragestellung: Unter welchen Bedingungen können Menschen sich als Teil einer Gesellschaft erfahren und nicht lediglich als Individuen, die nebeneinander leben und arbeiten und miteinander konkurrieren? Die Popularität von Begriffen wie „das Verschwinden des Nahen“ verweist darauf, dass diese Frage für viele junge Chines*innen rasant an Bedeutung gewinnt.
Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.


