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Als Ibrahim Traoré im Oktober 2022 Präsident Burkina Fasos wurde, war er mit 34 Jahren der jüngste Staatschef der Welt. In den wenigen Jahren seiner Amtszeit hat Traoré bereits Geschichte geschrieben. Er trieb den Abzug der in Burkina Faso stationierten französischen Truppen voran; unter seiner Führung trat das Land aus der Regionalorganisation ECOWAS aus und gründete gemeinsam mit den Nachbarländern Mali und Niger die Konföderation der Sahelstaaten (Confédération des Etats du Sahel, AES). Auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik hat er weitreichende Reformen umgesetzt.
Traoré polarisiert, in Burkina Faso wie auch in der panafrikanischen und internationalistischen Linken sowie in der Schwarzen Diaspora. Die einen feiern ihn als Hoffnungsträger eines neuen Panafrikanismus, des längst überfälligen Endes des französischen Neokolonialismus in Westafrika und des Strebens der afrikanischen Staaten nach Souveränität. Andere verweisen auf die autoritären Züge des Militärregimes und die Repression gegen Gewerkschaften, kritische Zivilgesellschaft und Medien.
Traorés politische Projekte und das Tempo, in dem sie umgesetzt werden, sind beachtlich. Das begeistert viele vor allem in der jungen Generation, die frustriert sind von der jahrzehntelangen neokolonialen Dominanz Frankreichs und dem gerontokratischen politischen System, das sich als reformunfähig erwiesen hat. Die Frage bleibt jedoch, inwiefern eine Militärregierung die Alternative darstellen und wie eine tragfähige Vision gerechter sozioökonomischer Strukturen und politischer Herrschaft im Land aussehen kann.
Ein Putsch gegen den Terrorismus
Traoré hatte am 30. September 2022 gegen die Militärregierung von Oberstleutnant Paul Henri Sandaogo Damiba geputscht, der selbst erst im Januar 2022 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war. Weder Damiba noch Traoré traten ihr Amt mit einem ausgearbeiteten Programm an. Beide rechtfertigten ihre Coups mit dem Versagen der vorherigen Regierung, die Sicherheitskrise im Land zu bewältigen. Seit Ende der 2010er Jahre haben die Angriffe dschihadistischer Gruppen massiv zugenommen. Bei Anschlägen und Gegenschlägen sterben jährlich mehrere tausend Menschen; Schulen und medizinische Einrichtungen bleiben teilweise geschlossen, und über zwei Millionen Menschen – fast zehn Prozent der Bevölkerung – wurden zeitweise intern vertrieben.
Angesichts der Tatsache, dass sein wichtigstes Ziel der „Kampf gegen den Terror“ war, stand bei seinem Machtantritt kaum zu erwarten, dass Traoré teilweise weitreichende Reformen innerhalb von nur drei Jahren umsetzen würde. Bereits im Januar 2023 forderte er Frankreich zum Abzug seiner verbleibenden Truppen auf. Viele Menschen in der Region und insbesondere in Burkina Faso begrüßten den Abzug der 400 französischen Soldat*innen. Angesichts der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage erschien es offensichtlich, dass die hoch ausgerüstete französische Spezialeinheit, die offiziell den Kampf gegen die dschihadistischen Gruppen unterstützen sollte, dazu nicht in der Lage war.
Radikale soziale Bewegungen, insbesondere aus dem Umfeld der Studierendenbewegung, mobilisieren seit vielen Jahren gegen den französischen Neokolonialismus. Ende der 2010er Jahre weitete sich die Mobilisierung weit über den Kern radikaler Aktivist*innen aus. Die seither wachsende antifranzösische Stimmung kann Traoré nutzen, um Unterstützung für seine Regierung zu generieren.
Geopolitische Verschiebung
Nicht nur die Beziehungen zu Frankreich haben sich unter Traorés Regierung verändert, sondern auch jene zu den Nachbarländern Benin und Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) sowie zur ECOWAS, der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft. Letztere hatte die Mitgliedschaft von Mali, Burkina Faso und Niger im Anschluss an die Militärcoups ausgesetzt. Nach dem Putsch in Niger im Juli 2023 übten die ECOWAS und Frankreich Druck auf die dortige Militärregierung aus, den vorherigen Präsidenten, Mohamed Bazoum, wieder einzusetzen. Benin, Côte d‘Ivoire und Senegal signalisierten ihre Bereitschaft, Truppen nach Niger zu entsenden. Die Militärregierungen in Mali und Burkina Faso, die ebenfalls eine Intervention befürchten mussten, bekundeten ihre Solidarität mit Niger und ihre Bereitschaft, das Nachbarland gegebenenfalls militärisch zu unterstützen. Wenig überraschend erklärten Burkina Faso, Mali und Niger im Januar 2024 ihren Austritt aus der ECOWAS.
Im September 2023 verabschiedeten die drei Länder die Liptako-Gourma-Charta und legten damit den Grundstein für die Gründung der AES im Juli 2024. Die AES wurde in erster Linie als Verteidigungspakt und als Reaktion auf den externen Druck während der Krise vom Juli/August 2023 geschaffen. Sie hat sich seither weiterentwickelt, beispielsweise durch den Aufbau einer Investitions- und Entwicklungsbank sowie eines gemeinsamen Fernsehsenders; Sicherheits- und Verteidigungspolitik stehen aber nach wie vor im Zentrum des Bündnisses. Im Dezember 2025 wurde eine 5.000 Soldat*innen starke gemeinsame Streitmacht gegründet.
Kritik unerwünscht
Das prestigeträchtigste Infrastrukturprojekt der Regierung Traoré ist der Bau einer Autobahn zwischen den beiden größten Städten des Landes, Ouagadougou und Bobo-Dioulasso. Zu den prominenten Projekten, die die ökonomische Souveränität des Landes stärken sollen, zählt der (weitgehend staatlich finanzierte) Bau zweier Fabriken zur Verarbeitung von Tomaten, die 2024 eingeweiht wurden. Im Juli 2024 wurde zudem das Bergbaugesetz reformiert. Der Staat erhält mit der Reform das Recht, Anteile an Bergbauvorhaben zu erwerben. Die lokale Weiterverarbeitung der Ressourcen soll gestärkt und die Formalisierung des handwerklichen Bergbaus vorangetrieben werden. Der Pflichtanteil des Staates an einer industriellen Mine wurde von 10 auf 15 Prozent erhöht. Im August 2024 erwarb die Regierung für 90 Millionen US-Dollar zwei Goldminen (von aktuell insgesamt 15 im Land; alle anderen werden von multinationalen Unternehmen betrieben).
Soziale Bewegungen und radikale zivilgesellschaftliche Organisationen fordern seit langem eine stärkere Kontrolle über den Bergbausektor und mehr Wertschöpfung im Land. Es ist fast ironisch, dass diese Forderungen jetzt, ähnlich wie die Ablehnung der französischen neokolonialen Dominanz, von einer Regierung aufgegriffen werden, die gegenüber solchen Bewegungen und Aktivist*innen repressiv agiert. Zwar proklamierte Traoré am 2. April 2025 eine „progressive Volksrevolution“. Gleichzeitig werden die Handlungsspielräume für Bewegungen, Aktivist*innen und Medien, die sich seit langem für ökonomische und Ressourcensouveränität und das Ende der neokolonialen Einflussnahme einsetzen, eingeschränkt.
Jüngstes Beispiel ist die Union Générale des Etudiants Burkinabè (UGEB), die wichtigste studentische Organisation des Landes, die seit ihrer Gründung 1960 eine wichtige Rolle in den sozialen Kämpfen einnimmt. Am 26. Mai 2026 untersagte ein ministerieller Erlass der UGEB für drei Monate sämtliche Aktivitäten, der Vorsitzende und weitere aktive Studierende wurden festgenommen. Die UGEB hatte zuvor öffentlich die Einschränkung der Grundrechte im Zuge des „Kampfs gegen den Terror“ kritisiert. Hierfür wird ihr nun „Verherrlichung des Terrorismus“ vorgeworfen.
Die Studierendenorganisation ist der bislang prominenteste, bei weitem aber nicht der einzige Fall: Im April und Mai 2026 wurden bereits andere Organisationen aufgelöst oder ihre Aktivitäten vorübergehend eingestellt. Grundlage hierfür ist das veränderte Gesetz über die Vereinigungsfreiheit vom Juli 2025, dessen offizielles Ziel es ist, Geldwäsche und die Finanzierung des Terrorismus durch nichtstaatliche Organisationen einzudämmen.
Tatsächlich besteht aktuell kaum institutioneller Raum für Opposition, der Spielraum für Kritik durch Medien, soziale Bewegungen und organisierte Zivilgesellschaft bleibt begrenzt. Schon die zivile Regierung unter Roch Marc Christian Kaboré, der seit 2015 Präsident war und im Januar 2020 durch Damibas Putsch gestürzt wurde, hatte unter Verweis auf die terroristische Bedrohung die Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt. Die Politik der „allgemeinen Mobilmachung“ von 2023 erlaubt der aktuellen Regierung, für die Bekämpfung des Terrorismus materielle Ressourcen zu konfiszieren und Personen zum Militär einzuziehen. Auf dieser Grundlage wurden mehrfach Vertreter*innen von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und Medien für Antiterroreinsätze „an die Front“ beordert.
Mangel an Informationen
Im März 2025 löste das zuständige Ministerium den burkinischen Journalist*innenverband auf. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter sowie eine Reihe weiterer Journalist*innen wurden ohne Gerichtsbeschluss festgenommen. Einige wurden vom Militär zum Kampf gegen die dschihadistischen Gruppen eingezogen. Bis heute sind eine Reihe kritischer Journalist*innen verschwunden; andere ebenso wie Künstler*innen und Social Media-Aktivist*innen leben im Exil.
Die Kontrolle über die Medien ist intensiv; entsprechend schwierig ist der Zugang zu verlässlichen Informationen. Der wichtigste unabhängige Radiosender des Landes, Radio Oméga, wurde im August und September 2023 eingestellt, nachdem er ein Interview zum Putsch in Niger gesendet hatte. Im August 2025 folgten erneut drei Monate Sendestopp, weil der Sender die Regierung als „Junta“ bezeichnet hatte. Im März 2026 wurde die Zeitung Courrier Confidentiel für drei Monate eingestellt.
Soziale Medien spielen eine gleichermaßen wichtige und problematische Rolle. Während die Berichterstattung durch unabhängige Medien eingeschränkt bleibt, werden soziale Medien intensiv genutzt, um Unterstützung für die Regierung zu gewinnen. Traoré avancierte innerhalb kurzer Zeit zum Star in den sozialen Medien. Die Verlässlichkeit der Aussagen der Posts und die Herkunft der Bilder und Videos ist oft schwer nachzuvollziehen. Fest steht, dass ein Teil KI-generiert ist – beispielsweise Hymnen auf Traoré von Beyoncé, Justin Bieber und Rihanna oder auch eine Botschaft des Papstes.
Die Kombination aus Social-Media-Hype, dem Mangel an verlässlichen Informationen und dem starken Wunsch, insbesondere der jüngeren Generation, nach einem grundlegenden Wandel der politischen und wirtschaftlichen Strukturen hat dazu geführt, dass Traoré für viele zu einem Sinnbild revolutionärer Hoffnung geworden ist.
Der lange Schatten von Thomas Sankara
In dieses Bild passt auch der Vergleich mit Thomas Sankara. Sankara war ebenfalls ein aufstrebender junger Offizier, der 1983 durch einen Putsch Präsident wurde. Bis heute ist Sankara als Panafrikanist und für seinen Einsatz zur Stärkung der lokalen Wirtschaft und Landwirtschaft, Korruptionsbekämpfung und Frauenförderung bekannt.
Traorés Regierung erklärte den Jahrestag der Ermordung Sankaras, den 15. Oktober, 2023 erstmals zum Nationalfeiertag und benannte den ehemaligen Boulevard Charles de Gaulle in Ouagadougou in Boulevard Thomas Sankara um.
Tatsächlich war Sankara bereits im Jahr 2000 unter der Regierung von Blaise Compaoré (der für den Putsch und die Ermordung Sankaras 1987 verantwortlich gewesen war) rehabilitiert und zum „nationalen Helden“ ausgerufen worden. Auch die Planung des Sankara-Denkmals, das Traoré 2025 einweihte, und der Auftrag an den burkinisch-deutschen Stararchitekten Francis Kéré gehen auf das Jahr 2017 zurück, also auf die erste Amtszeit der Regierung Kaboré.
Traoré agiert heute unter anderen Bedingungen als Sankara in den 1980er Jahren. Insbesondere war Sankara nicht mit der Bedrohung durch terroristische Gruppen konfrontiert. Im Unterschied zu Sankara, der sich gegen die konservativen religiösen und traditionellen Eliten stellte, basiert Traorés Herrschaft auf deren Unterstützung. Auch unabhängig von der Frage, ob Traoré der neue Sankara ist: Der Personenkult erschwert in der ohnehin polarisierten Diskussion eine kritische Auseinandersetzung über politische Strategien und Visionen. Und für eine solche Auseinandersetzung bleiben Räume für die kritische burkinische Zivilgesellschaft unverzichtbar.



