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Als das junge Mädchen auf die Bühne tritt und Alexis Tsipras einen kleinen Zettel übergibt, ist der symbolische Höhepunkt des Abends erreicht. Kurz zuvor war, nach einer rund 40-minütigen Rede des früheren linken Ministerpräsidenten Griechenlands, ein Video zu Ende gegangen. Darin wanderte ebendieses Zettelchen von einer Ärztin zu einem Landwirt, weiter zu einer Angestellten, einem Ladenverkäufer und schließlich wieder zurück in die Hände des Mädchens. An diesem Abend wird mit Symbolik nicht gespart: Vor der Kulisse der Akropolis, vor tausenden Menschen, verkündet Tsipras den Namen der neuen Linkspartei: Griechische Linke Koalition, kurz: ELAS.
Es handelte sich nicht einfach um die Vorstellung einer weiteren Partei in einem ohnehin fragmentierten Parteiensystem, sondern um den Versuch, eine politische Leerstelle zu besetzen, die durch das Fehlen einer glaubwürdigen, progressiven Opposition gegen die konservative Nea Dimokratia (ND) von Kyriakos Mitsotakis entstand und seit Tsipras’ Rückzug von der politischen Bühne immer größer geworden ist.
Dass ausgerechnet Tsipras diesen Raum wieder für sich beansprucht, macht die Sache kompliziert. Denn er ist das Symbol gleichermaßen für den größten Aufbruch der griechischen Linken seit dem Ende der Militärdiktatur und für ihre schwerste Niederlage. Mit Syriza, seiner ehemaligen Partei der radikalen Linken, verbanden viele Menschen im In- und Ausland das Versprechen einer anderen Zukunft, nachdem eine jahrelange Staatsschuldenkrise im Nachklang der globalen Finanzkrise von 2008 das Land sozial, wirtschaftlich und politisch zerrüttet hatte.
Dieses Versprechen stieß jedoch an die Grenzen der Gläubigermacht, die den Ausverkauf des Landes erpresste. Mit seinem im Juli 2015 gewonnenen Referendum verpasste Tsipras Angela Merkel, wie sie es in ihren Memoiren beschreibt, und den Eliten zwar einen kleinen Schreck. Doch der Aufbruch blieb am Ende stecken. Die Niederlage bei der Wahl 2023 schloss endgültig einen politischen Zyklus ab, der aus der Krisenstimmung hervorgegangen war.
Das schwierige Erbe von 2015
Nachdem Tsipras sich zurückgezogen hatte, durchlief Syriza etliche Spaltungen. Alte Weggefährt*innen versuchten ihr parlamentarisches Glück: Die ehemalige Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou gründete die Partei Kurs der Freiheit (Plefsi Eleftherias) und erreichte zwischenzeitlich zweistellige Werte in den Umfragen. Der frühere Finanzminister Yanis Varoufakis gründete MERA25, verpasste aber zuletzt den Einzug ins Parlament. Die einstige Arbeitsministerin Efi Achtsioglou wiederum gründete die Neue Linke (Nea Aristera) mit, die sich von der Syriza-Fraktion abspaltete, jedoch in politischer Bedeutungslosigkeit versank.
In diesem Vakuum wittert Tsipras eine Chance, auf die er sich seit Jahren vorbereitet. Tsipras möchte nun eine zentralisierte Partei aufbauen, die nicht von inneren Strömungen bestimmt wird, sondern vom ‚Dialog mit den Bürger*innen‘.
Die sozialdemokratische PASOK wurde derweil – eher aus Not als aus eigener Stärke – zur größten Oppositionspartei. Nicht etwa, weil sie eine neue gesellschaftliche Dynamik ausgelöst hätte, sondern weil Syriza implodierte. Über Jahre bot die Linke das Bild eines nicht enden wollenden Trümmerfeldes – und das, obwohl die Regierung Mitsotakis einen Skandal nach dem anderen lieferte: die Abhöraffäre, die mangelnde Aufklärung des Zugunglücks von Tempi, den EU-Agrargeld-Subventionsskandal und eine wachsende Distanz zwischen der makroökonomischen „Erfolgsgeschichte“ der Regierung und dem Alltag der meisten Menschen.
In diesem Vakuum wittert Tsipras eine Chance, auf die er sich seit Jahren vorbereitet. Er konzentrierte sich zunächst auf den Aufbau eines nach ihm benannten Instituts, das gesellschaftspolitische Themen debattiert – von sozialen Fragen über Ökologie bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Spätestens die Veröffentlichung seiner Memoiren unter dem Titel „Ithaka“, dem Heimatort des Odysseus, offenbarte, dass er den Gedanken einer Rückkehr nie aufgegeben hatte.
Tsipras möchte nun eine zentralisierte Partei aufbauen, die nicht von inneren Strömungen bestimmt wird, sondern vom „Dialog mit den Bürger*innen“. Sein neuer Versuch beginnt sowohl mit neuen Gesichtern, wie die Ernennung von Theoni Koufonikolakou zur Pressesprecherin zeigt – einer Anwältin, die bis Ende 2025 als stellvertretende Ombudsfrau für die Rechte des Kindes tätig war –, als auch mit langjährig vertrauten Weggefährten wie dem ehemaligen Syriza-Abgeordneten Miltos Chatzigiannakis, der das Amt des Sekretärs der Politischen Kommission übernimmt.
Beide gehören dem elfköpfigen Nationalen Rat an, der derzeit den Aufbau anführt. Mitglied dieses Gremiums ist auch Dionisis Temponeras, der im Gespräch mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung erklärt, warum er sich entschieden habe, bei Tsipras’ neuem Projekt mitzumachen, nachdem er 2025 seine Ämter bei Syriza niedergelegt hatte: „Mein Verbleib in der Partei hatte [seit dem Weggang Tsipras] einen einzigen Zweck: zu versuchen, die Kräfte der Linken und der Progressiven zu einer Verständigung zu führen. Das ist aus verschiedenen Gründen nicht gelungen – sei es aufgrund parteipolitischer Abschottung oder politischer Eitelkeiten.“
Für Temponeras steht fest, dass Tsipras diesen Versuch nun anführen müsse. Er bringe Reife mit, sagt er, weil er nie in Skandale verwickelt gewesen sei. Und er verfüge über Erfahrung: Schließlich sei Tsipras derjenige gewesen, der versucht habe, den Staatsbankrott des Landes zu bewältigen und Griechenland aus den Memoranden herauszuführen.
Andere linke Kräfte sehen das Comeback kritisch. Die Koordinatorin des MERA25-Zentralkomitees, Iro Dioti, die Syriza nach Tsipras’ Kapitulation vor den Gläubigern verließ, vermutet, „dass Herr Tsipras nach Juni 2023 auf die vollständige Auflösung seines politischen Lagers gesetzt hat, um anschließend wieder als dessen Retter auftreten zu können.“ Seine banalen Allgemeinplätze würden an keine Wurzel der heutigen Probleme herangehen: „Wie könnten sie auch, wenn an dieser Wurzel genau jene Politik steht, die Herr Tsipras selbst betrieben hat?“ Für Dioti führt „seine Rückkehr lediglich zu einem Zusammenrücken des Mitsotakis-Systems und hat natürlich nichts mit der Linken und den Brüchen zu tun, die diese vollziehen müsste – das ist schließlich auch nicht der Job des Herrn Tsipras.“
Linker Patriotismus als neuer Kompass
Der Name ELAS ruft unweigerlich Erinnerungen an die EAM–ELAS, die Nationale Volksbefreiungsarmee im Widerstand gegen die deutsche Besatzung, hervor. Er erinnert zugleich an Hellas, also Griechenland, und böse Zungen verweisen darauf, dass auch die griechische Polizei ELAS heiße. All das ist kein Zufall, denn das Kommunikationsteam des ehemaligen Regierungschefs erreichte damit sein erstes Ziel: ins Gespräch zu kommen.
In jedem Fall zeigt der Name, dass Tsipras nicht nur eine Wahlplattform aufbauen will, sondern einen historischen Anspruch formuliert auf die Wiederherstellung linker Hegemoniefähigkeit. Im Mittelpunkt der neuen Erzählung steht die Herstellung eines „nationalen Kompasses“ mittels eines neuen linken Patriotismus. Griechenland brauche „eine moralische Revolution“, die auf die Bedürfnisse nach einem souveränen und demokratischen Griechenland antworte. Entscheidend ist dabei die soziale Wendung des Begriffs: Dieser Patriotismus gründe auf der „unverhandelbaren Hingabe aller an das Land“, aber ebenso auf der „Unterstützung aller ohne jede Diskriminierung“, und solle „der Willkür der Oligarchie“ und der „Unterordnung des Staates unter ihre Interessen“ Grenzen setzen.
Was uns heute trennt, ist nicht unser Verhältnis zur Nation, sondern die Höhe unseres Lohns, sind die Privilegien, die wir genießen, und die Perspektiven, die sich vor uns eröffnen.
Temponeras widerspricht der Einschätzung, der Bezug auf Patriotismus sei lediglich eine taktische Verschiebung. „Die Linke war immer patriotisch“, sagt er, „und sie hat das durch die großen Volks- und nationalen Befreiungskämpfe während des Widerstands und der Besatzungszeit bewiesen.“ Sie habe sich „selbstverständlich auch der Militärdiktatur entgegengestellt“ sowie in weiteren entscheidenden Momenten der griechischen Geschichte Verantwortung übernommen. Problematisch sei daher nicht der Begriff des Patriotismus selbst, sondern seine spätere politische Verschiebung. „Weil die Linke ihn der Rechten überlassen hat“, sagt Temponeras, sei er „leider mit einem nationalistischen Inhalt aufgeladen“ worden. „Das muss sich ändern.“
Zur Begründung verweist Temponeras auf eine der wichtigsten Persönlichkeiten des kommunistisch geprägten Widerstands gegen die deutsche Besatzung: „Ich erinnere daran, dass Aris Velouchiotis von der Notwendigkeit sprach, das Land gegen den Feind zu verteidigen. Er sagte, wir müssten unsere ‚Terrassenfelder‘ verteidigen – also unseren Ort, unsere Häuser, unsere Heimat, unsere Menschen, unsere Welt.“ Auf die Gegenwart übertragen bedeutet dies für Temponeras, „selbstverständlich unsere Grenzen und unsere Souveränitätsrechte“ zu verteidigen, „vor allem aber die Sicherheit und das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger“. Denn damit ein Land geopolitisch stark sein könne, müsse „es zunächst wirtschaftlich und sozial im Inneren stark sein“.
Der Historiker Kostis Karpozilos, der früher der Neuen Linken angehörte, schrieb in der griechischen Tageszeitung Kathimerini, dass Tsipras’ Erfolg davon abhänge, „inwieweit es ihm gelingt, das Feld der Auseinandersetzung ins Soziale zu verlagern und die Rechte für sehr konkrete Verhältnisse verantwortlich zu machen: die Lebenshaltungskosten, die Mieten, die Arbeitsbedingungen im privaten Sektor und den Irrsinn, dass zehn Prozent der Bevölkerung 50 Prozent des Reichtums auf sich vereinen.“ Die soziale Krise von 2026 sei nicht, wie zur Zeit der Memoranden, das Ergebnis äußeren Zwangs. Die Ungleichheit entstehe vielmehr aus innenpolitischen Entscheidungen. Denn, so Karpozilos: „Was uns heute trennt, ist nicht unser Verhältnis zur Nation, sondern die Höhe unseres Lohns, sind die Privilegien, die wir genießen, und die Perspektiven, die sich vor uns eröffnen.“
Einheit der Linken?
Der Kommunikationserfolg bestätigt sich in den jüngsten Umfragen: ELAS hat PASOK überholt und rangiert mit 14 bis 16 Prozent an zweiter Stelle. Die ND verfügt allerdings weiterhin über einen Vorsprung von 10 bis 15 Prozentpunkten. Syriza ist auf 1 bis 2 Prozent abgerutscht, Kurs der Freiheit auf etwa 5 Prozent, MERA25 liegt weiterhin bei 2 bis 3 Prozent und die Neue Linke bei unter einem Prozent. Bei Letzterer zeigen sich nach einem Massenabgang von Führungskräften deutliche Auflösungserscheinungen.
Tsipras selbst verweist darauf, dass Syriza zwar nie die linken Parteien vereinigen konnte, wohl aber Bürger*innen für einen politischen Richtungswechsel zusammengeführt habe. Genau daran versucht ELAS nun anzuknüpfen – als Schnittstelle von radikalen Linken, Sozialdemokratie und politischer Ökologie.
Generalsekretär Sakellaridis weist die Logik einer Sammlung um bekannte Persönlichkeiten zurück. Für ihn kann Einheit nicht als ‚messianische‘ Suche nach einem Retter verstanden werden, sondern nur als kollektives politisches Projekt.
Gleichzeitig ist „Einheit“ selbst zum umkämpften Begriff geworden. Varoufakis stellt der bloßen „Enallagi“, also dem „Austausch“ der Regierung, den Begriff der „Epanaktisi“ entgegen: die „Rückgewinnung“ öffentlicher Güter, demokratischer Kontrolle und jener wirtschaftlichen Instrumente, die der Oligarchie und den Märkten überlassen worden seien. Zu den roten Linien gehören für Dioti auch „die Abschaffung der Energiebörse, die Rückführung der Elektrizitätsgesellschaft und der Eisenbahn in öffentliches Eigentum unter gesellschaftlicher Kontrolle, die Konfrontation mit den Kartellen, die Senkung der Mehrwertsteuer, die Abschaffung der Fonds, das Verbot von Zwangsversteigerungen der Erstwohnung und das Verbot von Rohstoffabbau“. Und sie betont: „Alles andere mag eine ‚Einheit‘ sein, ist aber nicht ‚links‘.“
Gabriel Sakellaridis, Generalsekretär der Neuen Linken und einst Regierungssprecher unter Tsipras, weist seinerseits die Logik einer Sammlung um bekannte Persönlichkeiten zurück. Für ihn kann Einheit nicht als „messianische“ Suche nach einem Retter oder als bloße Addition von Wahlparteien verstanden werden, sondern nur als kollektives politisches Projekt.
Welche Relevanz diese Kritik führender Vertreter*innen von MERA25 und der Neuen Linken angesichts deren schlechter Umfragewerte besitzt, wird sich spätestens bei der nächsten Wahl erweisen.
Mitsotakis in der Zwickmühle
Ministerpräsident Mitsotakis gerät derzeit indes nicht nur von links, sondern auch von rechts unter Druck. Die Spekulationen um eine neue Partei des früheren Ministerpräsidenten Antonis Samaras belegen, dass die ND nicht nur in der Mitte Stimmen verlieren könnte. Denn Samaras steht für eine rechtsnationalistische Strömung, die Mitsotakis’ Modernisierungskurs und mangelnden Konfrontationswillen in großen nationalen Fragen kritisch sieht. Sollte tatsächlich eine Samaras-Partei entstehen, würde sie vor allem im Spektrum rechts der ND wildern: bei konservativen Wähler*innen, die Mitsotakis kritisch sehen, aber nicht zur extrem rechten Partei Griechische Lösung (Elliniki Lysi) wechseln wollen. Weil das griechische Wahlsystem auf Mehrheitsboni ausgerichtet ist, können bereits kleine Verluste die Aussicht auf eine Alleinregierung zunichtemachen.
Noch größere Sorgen bereitet Mitsotakis eine weitere neue Partei: die Hoffnung für die Demokratie (Elpida gia ti Dimokratia) von Maria Karystianou, deren Tochter Marthi zu den 57 Opfern der Zugkatastrophe von Tempi gehört. Karystianou wurde zuvor als Vorsitzende des Angehörigenvereins zur zentralen Figur der Protestbewegung. Ihre Partei, die in Umfragen bei etwa zehn Prozent liegt, verbindet den Kampf gegen Korruption mit rechtskonservativen Positionen.
Regulär steht die nächste Parlamentswahl spätestens 2027 an. Mitsotakis hat eine vorgezogene Neuwahl wiederholt zurückgewiesen, doch die politische Dynamik befindet sich bereits im Wahlkampfmodus. Eine endgültige Entscheidung über den Wahltermin dürfte wohl erst im Laufe des Spätsommers fallen, je nachdem, wie die Waldbrandsaison verläuft und die politische Konkurrenz sich entwickelt. Ein späterer Wahltermin könnte das von Mitsotakis propagierte Image als Stabilitätsgarant unterstreichen. Dennoch erhöht sich der Druck – nicht nur im Parlament, das die politische Landschaft immer weniger abbildet: Mittlerweile gibt es dort 40 unabhängige Abgeordnete.

