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Es duftet verlockend nach Gegrilltem. Es gibt Schaschlik, Salat „Olivier“, Borschtsch – das ganze Repertoire der nostalgischen Post-Ost-Küche. Laut erklingen Popsongs. „Wie in Anapa!“ (Ferienort an der russischen Schwarzmeerküste), bemerken die Gäste auf Russisch. Das ist ein Kompliment für die Authentizität des Ortes – und grenzt an Selbstexotisierung.
Die Szene spielt nicht im Süden Russlands, sondern im Nürnberger Stadtteil Langwasser, einer Trabantenstadt, in der viele russisch-sprachige Spätaussiedler*innen leben. Im Schau-fenster der Schaschlikbude hängt ein Wahl-plakat, das 50 Prozent Rabatt auf Schaschlik verspricht – allerdings nur für den Tag, an dem der CSU-Kandidat zur Kommunalwahl hier zu Besuch war.
Eine Gruppe russischsprachiger Linker zieht an den Supermärkten mit osteuropäischen Lebensmitteln namens MixMarkt und Hozain vorbei. Dort wurden die beliebten „Rotfront“-Bonbons im sowjetischen Design für den Infostand gekauft. Die Versammelten wollen heute für die Partei Die Linke werben. Viele von ihnen haben erst vor Kurzem angefangen Deutsch zu lernen, nachdem sie Russland aus politischen Gründen verlassen mussten. Allerdings findet die Agitation in Langwasser vor allem auf Russisch statt.
Das Aus für humanitäre Visa
Unter ihnen ist Konstantin aus der Republik Komi im Norden Russlands. Er ist bereits seit mehr als 20 Jahren linker Aktivist. Zusammen mit seiner Frau floh er im Frühjahr 2024 aus Russland nach Kasachstan, da die Gefahr bestand, zur russischen Armee eingezogen zu werden. Dank humanitärer Visa für verfolgte Russ*innen konnten die beiden in Deutschland einreisen.
Die Kommunalwahlen in Nürnberg sind bereits der dritte Wahlkampf, in dem sich Konstantin für Die Linke engagiert. Zuvor verteilte er bei den Kommunalwahlen in Thüringen und bei den Bundestagswahlen Flugblätter. Bereits in der ersten Woche nach seiner Ankunft in Deutschland hatte er einen Ortsverband in Thüringen angeschrieben und um ein Treffen zum Kennenlernen gebeten.
„Sie dachten zuerst, das sei eine Provokation oder Spam. Schließlich komme ich aus Russland“, erzählt Konstantin. Aber es gelang ihm, schnell Kontakt zu den aktiven Parteimitgliedern vor Ort aufzunehmen. „Wir wurden zum Tag der Befreiung am 8. Mai eingeladen. Was für eine Party! Die Leute kamen auf mich zu und luden mich auf eine Wurst, ein Bier oder auch einen Joint ein. Alle waren sehr freundlich.“
Auch Barbara aus Sibirien kam mit einem humanitären Visum nach Deutschland, das war 2022. Nachdem eine von ihr organisierte Ausstellung ins Visier der russischen Staatsanwaltschaft geraten war, musste sie das Land verlassen. Sie und ihr Partner gehörten zu den Ersten, die ein humanitäres Visum für verfolgte Russ*innen erhielten.
„Damals wurden wir eingeladen, eine Ausstellung in Berlin zu organisieren. Und man schlug uns vor, dafür ein humanitäres Visum zu beantragen. Wir wussten nicht, was uns erwartete. Wir wussten zum Beispiel auch nicht, dass man sich selbst um eine Krankenversicherung kümmern muss. Das Aufnahmelager, das Jobcenter – auf das alles war ich nicht vorbereitet“, erzählt sie. Die allgemeine Unsicherheit und ihre damals noch geringen Deutschkenntnisse hemmten Barbara und hinderten sie daran, sich ein neues Leben aufzubauen.
Mit denselben Schwierigkeiten hatte die linke Aktivistin Elena zu kämpfen, die seit Ende 2022 in Niedersachsen lebt. „Wir hatten nicht damit gerechnet, ein Visum für Deutschland zu erhalten. Wir sind ja keine Wissenschaftler*innen, keine IT-Fachkräfte und keine richtigen Flüchtlinge. Man holt uns ja nicht aus dem Gefängnis“, sagt sie.
Elena verbrachte die erste Hälfte ihres Lebens in der Ostukraine und die zweite in Sankt Petersburg. Dort lebte sie mit ihrem Partner, Journalist und ebenfalls linker Aktivist. Eine Woche vor der Ankündigung des russischen Präsidenten zur Mobilmachung im September 2022 erhielt er ein humanitäres Visum. Nach ihrer Abreise wurde die Wohnung des Paares durchsucht – sicherlich hatte Elenas feministischer Aktivismus die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte geweckt. Sie hatte mehrmals zum 8. März feministische Kundgebungen angemeldet.
Während Elena in Russland in einer linken Organisation aktiv gewesen war, konnte sie sich in Deutschland nicht sofort wieder engagieren. „Ich wurde von einem Gefühl der Einsamkeit und des Verlusts überwältigt. Ich fragte mich: Wer bin ich hier? Ich vermisste sogar meinen nervigen Job“, beschreibt Elena ihre Lage infolge der erzwungenen Emigration. „Ein klarer Status, Arbeit, eine Wohnung – in Russland war das Alltag. Meine Nerven lagen völlig blank. Ich war kurz vor dem Zusammenbruch, ich schlief schlecht und vergaß alles. Aber zugleich forderte meine innere Stimme: Los, bring dein Leben wieder in Ordnung!“ Wieder politisch aktiv zu werden wurde Teil von Elenas Plan, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Wie Konstantin, Barbara und Elena ging es vielen der etwa 3.000 Russ*innen, die ein humanitäres Visum für Deutschland erhielten – unter ihnen viele Aktivist*innen, Journalist*innen, Mitarbeiter*innen von Nichtregierungsorganisationen, Oppositionspolitiker*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Kulturschaffende. Mit dem Regierungsantritt der großen Koalition 2025 wurde das Programm für humanitäre Visa jedoch de facto auf Eis gelegt. Dies zeigt der Fall von Alexej Moskalew deutlich: Er wurde 2023 wegen Beiträgen in sozialen Netzwerken zu zwei Jahren Haft verurteilt. Internationale Medien berichteten darüber: Es ging um eine Zeichnung seiner Tochter Mascha, ein Anti-Kriegs-Bild, das erst in der Schule und dann bei den Sicherheitsbehörden für Aufsehen sorgte. Für ihn gab es bereits eine Visa-Genehmigung des Auswärtigen Amtes in Deutschland, die jedoch zurückgezogen wurde.
Neue Sprache, neue Genoss*innen
Die Sprachbarriere zu überwinden und sich im neuen politischen Kontext zu orientieren – dies wurden die wichtigsten Aufgaben für viele Neuangekommene. So verständigte sich Konstantin anfangs mit seinen deutschen Freund*innen auf Englisch, doch inzwischen kann er gut Deutsch und versteht das meiste. Auch politisch hat er Anschluss gefunden. In seinem Kreisverband hielt er schon mehrere Vorträge über die Lage in Russland. Sein Vorschlag, dem in Haft ermordeten Alexej Nawalny zu gedenken, stieß auf große Zustimmung. Zur Mahnwache an dessen Todestag kamen etwa 30 Personen.
“Als Ausländerin bin ich etwas zurückhaltend: Mein Deutsch ist ein solides B1 aus Lehrbüchern der 90er-Jahre”, sagt Elena. Sie sei dennoch entschlossen, den Austausch mit deutschen Linken fortzusetzen, auch wenn es wegen der Sprachbarriere nicht immer einfach sei: “Ich kann schon am Blick erkennen, wie oft jemand mit Ausländer*innen zu tun hat. Ein Genosse sagte sogar: ‚Ich bin Internationalist, aber ich verstehe nichts von dem, was sie sagt.'”
Barbara begann 2023 kontinuierlich Deutsch zu lernen. Sie machte schnell Fortschritte und konnte ein Masterstudium anfangen. Durch einen Bekannten lernte sie linke Aktivist*innen kennen und begann, an Veranstaltungen der Linken in Konstanz teilzunehmen. Im Februar 2025 beteiligte sich Barbara dann an der Organisation einer Veranstaltung für den Kreisverband: ein Treffen mit dem unabhängigen linken Kandidaten bei den Wahlen zur Staatsduma im Jahr 2021 Michail Lobanov.
Für Barbara sind Kunst und politischer Aktivismus untrennbar miteinander verbunden. „Ich sehe ein enormes Potenzial für politische Bildung innerhalb von Kulturprojekten“, erklärt sie. „Die Themen, die wir in Russland bearbeitet haben, sind auch hier von brennender Aktualität: der gesellschaftliche Rechtsruck, die Prekarisierung von Arbeit sowie Fragen der sozialen Infrastrukturen und der Energiegerechtigkeit.“
Dennoch stößt sie im Alltag an Grenzen. „Ich habe meine Erfahrungen als Kuratorin und Forscherin, die politische Inhalte in zeitgenössische Kunstprojekte übersetzt, noch nicht voll ausschöpfen können. Da ich zu Beginn meines Studiums kein Stipendium erhalten habe, bindet die Sicherung des Lebensunterhalts derzeit immer noch viele Kapazitäten, die ich eigentlich gern in den Aktivismus und die regelmäßige Organisation von Veranstaltungen stecken würde.“
Die in Berlin lebende Katja spricht bereits fließend Deutsch. Sie findet jedoch, dass die Partei Die Linke nicht die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, um Ausländer*innen in das Parteileben einzubinden: „Ohne sehr gute Deutschkenntnisse ist es unmöglich, den Diskussionen in Versamm-lungen zu folgen. Die Leute sprechen auf C2-Niveau viel zu schnell. Meiner Meinung nach wären gemischte Treffen besser.“
Katja kam 2019 nach Deutschland, um hier eine Ausbildung zu machen und mit besseren beruflichen Perspektiven nach Russland zurückzukehren. Zuvor hatte sie in Russland an Protestaktionen gegen Putins Regime teilgenommen, bei denen ihre Freund*innen mehr als ein Mal von der Polizei festgenommen wurden.
Nach Beginn des russischen Angriffskriegs begann Katja, Geflüchteten aus der Ukraine am Berliner Hauptbahnhof zu helfen, wo in den ersten Tagen Hunderte Menschen ankamen. „Ich konnte nicht zu Hause sitzen und mich nur mit destruktiven Dingen beschäftigen, Nachrichten lesen und mit meiner Mutter reden“, sagt Katja. Sie habe wegen ihrer russischen Herkunft negative Reaktionen befürchtet: „Praktisch jeder fragte mich: ‚Woher kommst du?‘ Ich sagte, dass ich nicht aus Moskau, sondern aus der Region Krasnodar komme und Ukrainisch verstehe. Viele Ukrainer*innen waren angenehm überrascht, dass es noch Menschen aus Russland gibt, die vernünftig sind. Die Hilfe für die Geflüchteten wurde somit auch zu einer Hilfe für mich selbst.“
Seit zwei Jahren arbeitet Katja bei einer LSBTIQ*-Hilfsorganisation. Sie beteiligte sich an einer Petition für humanitäre Visa für trans* Personen aus Russland. Obwohl die Petition nicht genügend Unterstützung erhielt, sieht Katja darin einen Anknüpfungspunkt für weitere Diskussionen. „Ich war überrascht von der Menge an transphoben Kommentaren. Ich hätte nicht erwartet, dass es in der deutschen Gesellschaft so viel Transphobie gibt.“
Durch ihr Engagement verstärkte sich auch Katjas politischer Aktivismus und sie nahm sich selbst als links wahr. Sie beteiligte sich am Bundestagswahlkampf – gemeinsam mit dem russischen Politiker Michail Lobanow – für die Linke in Berlin-Marzahn, einem Stadtteil mit vielen russischsprachigen Einwohner*innen. „Mir hat der einfache, menschliche Ansatz im Wahlkampf gefallen. Ich spürte, dass man mir vertraute als jemandem, der Teile von Marzahn besser versteht als sie“, beschreibt Katja ihre Erfahrungen. Im Anschluss trat Katja der Partei Die Linke bei.
Zur Aktionswoche nach Nürnberg kam Katja bereits als erfahrene Wahlkämpferin. So nahm sie 2025 an den Haustürgesprächen bei den Kommunalwahlen in Essen teil. „Ich mag Haustürgespräche selbst eigentlich nicht. Ich gehöre zu denen, die nicht gern die Tür öffnen. Aber meine russischsprachigen Freund*innen schlugen vor, es zu versuchen, und es hat mir gefallen“, erzählt Katja. Die Gespräche fanden nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Russisch statt. „Letztendlich war es eine tolle Erfahrung. Ich fand es gut, dass wir die Menschen nach ihren Problemen gefragt haben, anstatt ihnen zu erzählen, wie gut unsere Partei ist.“
Aktiv in der Linken und in Gewerkschaften
Aber das Engagement russischer Linker beschränkt sich nicht auf die Arbeit in der Partei. Viele haben ihre Berufung in der Gewerkschaftsarbeit gefunden. Der in München lebende Dmitrij kam 2019 als IT-Spezialist nach Deutschland und ist seitdem bei der IG Metall aktiv.
„IT-Gewerkschaften sind internationaler ausgerichtet – umso mehr, je mehr sich IT-Fachkräfte proletarisieren“, erklärt Dmitrij. „Viele haben jedoch Angst vor Gerichtsverfahren, weil sie ihre Aufent-haltsgenehmigung nicht verlieren wollen, und das ist ein großes Problem. Es gibt in Deutschland nicht genügend Richter*innen für Verfahren an den Arbeitsgerichten, weshalb Rechtsstreits lange dauern. Die Menschen können aber wegen der Befristung ihrer Aufenthaltsgenehmigungen nicht so lange auf ein Gerichtsurteil warten.“
Dmitrij betont, dass deutsche Arbeitnehmer*innen, darunter auch IT-Fachkräfte, im Gegensatz zu ihren Kolleg*innen in Russland eher zu kollektivem Handeln und zum Kampf für ihre Rechte bereit seien. In Russland würden sie sich eher nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen, wenn Konflikte mit ihren Arbeitgeber*innen auftreten.
Russischsprachige Organizer*innen sind in den Gewerkschaften derzeit sehr gefragt. So haben bereits mehrere russische Linke ein bezahltes Praktikum bei Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) begonnen. Dies war auch aufgrund der vielen Vorteile von humanitären Visa möglich. Migrant*innen konnten direkt nach der Ankunft in Deutschland eine Arbeit aufnehmen oder ein Studium beginnen.
Dmitrij ist einer der Organisator*innen der Aktionswoche der russischen Linken in Nürnberg. In fünf Tagen sei es den Aktivist*innen gelungen, an mehr als 3.000 Wohnungen zu klingeln. Die russisch-sprachigen Migrant*innen wurden dabei von lokalen Parteimitgliedern unterstützt. Da im Stadtteil Langwasser jedoch viele Spätaussiedler*innen leben, die Russisch als Muttersprache sprechen, finden viele Gespräche auf Russisch statt. Die Wahlkämpfer*innen haben die Erfahrung gemacht, dass in der Muttersprache oft eine größere emotionale Nähe zwischen den Gesprächspartner*innen entsteht.
Miteinander diskutieren, einander verstehen
Viele der kürzlich nach Deutschland gekommenen Linken loben die hiesige Diskussionskultur: Klare Organisation, klare Strukturen, stets wird protokolliert. Konstantin stellt fest: „Die Diskussionen sind gut aufgebaut – ohne persönliche Angriffe, ohne überflüssige Worte zu verlieren.“ Er schränkt ein, dass es bei konfliktreichen Themen, zum Beispiel zum Krieg im Nahen Osten, nicht immer gelinge, die Diskussion strukturiert zu führen: „Dann gibt es heftige Diskussionen mit gegenseitigen Vorwürfen. Aber selbst diese hitzigen Diskussionen werden protokolliert.“
Andere sehen das Problem darin, dass sich Debatten zu sehr auf theoretische Fragen konzentrieren. Davon berichtet Vera, die in Bonn lebt. Dort hat sie sich dem örtlichen „Migraplenum“ angeschlossen, in dem viele Migrant*innen der zweiten und dritten Generation vertreten sind. „Die Leute lesen so viele Bücher und verweisen dann oft in ihren Redebeiträgen auf sie. Das ist nicht sehr zugänglich und nicht inklusiv. Man muss versuchen, sich verständlich auszudrücken. Aber das ist sowohl in Russland als auch in Deutschland ein Problem.“
Vera kommt aus einer Großstadt im Süden Russlands. Da ihr Vater Umweltaktivist war, erlebte sie als Teenagerin Hausdurchsuchungen, die als Raubüberfälle getarnt waren. „Ich bin in einer Atmosphäre der Ablehnung gegenüber der Polizei aufgewachsen, war in der Schule eine Nonkonformistin“, erzählt sie. Ihr Vater wurde als politischer Flüchtling in Deutschland anerkannt, so konnte auch Vera direkt nach der Schule nach Deutschland umziehen. „Ich hatte so vieles erfahren über Sexismus an russischen Universitäten, über Vorurteile gegenüber Frauen, über Belästigungen, dass mir klar wurde: Unter diesen Bedingungen würde ich nicht überleben – man würde mich sofort exmatrikulieren“, erklärt Vera ihre Entscheidung. Derzeit studiert sie Sozialwissenschaften in Düsseldorf.
Im Jahr 2022 trat Vera dem Feministischen Antikriegswiderstand (FAS) bei. Dort koordiniert sie den internationalen Arbeitsbereich sowie die Ortsgruppe Nordrhein-Westfalen. Der FAS ist eine Graswurzelbewegung, die unmittelbar nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine entstanden ist. Die Initiative wurde von den russischen Behörden zum „ausländischen Agenten“ und zur „unerwünschten Organisation“ erklärt – wer hier mitmacht, dem bzw. der droht eine strafrechtliche Verfolgung in Russland.
Im selben Jahr trat Vera der Gewerkschaft bei, als sie am Arbeitsplatz mit Problemen konfrontiert war. Der Partei Die Linke schloss sich Vera im Dezember 2025 an, um dem Rechtsruck entgegenzuwirken. „Es wurde deutlich, dass die AfD an Popularität gewinnt. Rechte Kräfte drohten auch die politischen Institutionen zu erreichen. Die politischen Gremien sind ein wichtiges Kampfgebiet, auch wenn mir basisdemokratische Organisationen näherstehen“, sagt Vera.
Meinungsverschiedenheiten bleiben
Viele russischsprachige Menschen, die in Deutschland leben, bezeichnen den Rechtsruck in der deutschen Politik als ausschlaggebenden Moment, der Partei Die Linke beizutreten, da sie in ihr eine antifaschistische Kraft sehen. „Ich hatte Angst vor Putin-Anhänger*innen in den Reihen der Linken. Aber die Rede von Heidi Reichinnek beeindruckte mich sehr. Und auch ein Treffen mit Luigi Pantisano war prägend. Er nahm sich Zeit, mein Problem mit dem humanitären Visum wirklich zu verstehen, und gab mir wertvolle Ratschläge, die ich an meine Community weitergeben konnte. Danach habe ich verstanden, dass die Partei nicht statisch ist, sondern sich verändern kann“, sagt Barbara. Bislang ist sie noch kein Parteimitglied geworden: „Das ist ein ernsthafter Schritt, eine Entscheidung fürs Leben.“
Elena fand in der Linken das, was ihr in Russland als Aktivistin gefehlt hat: gemeinsam mit Gleichaltrigen Politik zu machen. „Die Mischung der Altersgruppen ist ein angenehmer Trost für vergangene Traumata, denn damals gab es keine 30- bis 40-Jährigen oder noch Ältere im Aktivismus“, sagt sie. In Russland hielten junge Menschen Aktivismus und Feminismus für lächerlich, doch: „Widerstand zu leisten ist normal! Seine politische Haltung zu zeigen ist normal. Das ist ein sehr tolles Gefühl“, kommentiert Elena ihre Erfahrungen in Deutschland. „Der Prozess selbst ist in seiner Normalität bewundernswert. Die Leute fahren nach getaner Arbeit mit dem Auto los, um sich um kommunale Angelegenheiten zu kümmern, ob als Abgeordnete oder im Ehrenamt. Sie diskutieren alles und finden das ganz und gar nicht lächerlich.“
Diese neue Normalität in Deutschland ruft bei Elena ein bittersüßes Gefühl hervor: „Es ist schön zu sehen, dass man etwas bewirken kann, und zwar nicht nur im Kleinen. Die Menschen schließen sich zusammen, Abgeordnete üben Druck aus, und das löst praktische Probleme. Wir haben versucht, dasselbe in Russland zu tun, aber dort war es wie Trockenschwimmen!“
Elena konstatiert jedoch, es sei ihr bisher nicht gelungen, sich vollständig ins Parteileben zu integrieren. Nach dem sprunghaften Anstieg der Mitgliederzahlen im Januar und Februar 2025 habe sie versucht, „ein Rädchen im Getriebe“ der Partei zu werden. Doch ihre Ortsgruppe habe sich durch einen Konflikt an der Frage des Genderns gespalten. “I still have to fight this shit" kommentiert Elena dies mit bitterer Ironie. Sie setzt ihre Hoffnungen darauf, sich nach einem Umzug andernorts in der Linken zu engagieren.
Schon vor 2025 hatte Elena versucht, sich in ihrer Ortsgruppe einzubringen. Doch dort sei sie auf Ablehnung gestoßen, als es um Waffenlieferungen an die Ukraine ging. Ihrer Meinung nach ist dies der größte Dissens zwischen vielen russischsprachigen Linken, der offiziellen Beschlusslage der Partei Die Linke und der Meinung vieler Genoss*innen.
Konstantin wirft ein, dass viele ukrainische Genoss*innen versucht hätten, ihre Position zu erklären: „Sie veröffentlichen Texte, aber niemand liest sie. Eine Diskussion kommt gar nicht erst in Gang.“ Auch Vera beschäftigt die Haltung der deutschen Linken zu Waffenlieferungen an die Ukraine: „Gegen Lieferungen zu sein scheint mir realitätsfern. Im Falle eines bewaffneten Angriffs ist man gezwungen, sich zu verteidigen.“
Katja steht dem „absoluten Pazifismus“, der teilweise in der Partei vertreten werde, ebenfalls kritisch gegenüber: „Die Linke hat ziemlich seltsame Vorstellungen von Russland, die nicht ganz der Realität entsprechen – sowohl in der Einschätzung, inwieweit man sich mit Russland einigen kann, als auch in der naiven Haltung gegenüber Waffenlieferungen an die Ukraine.“ Deswegen sei sie der Partei Die Linke nicht sofort beigetreten. Ihre Entscheidung, Mitglied zu werden, sei sogar von einigen ihrer Freund*innen kritisiert worden. „Waffen für die Ukraine sind eine Notwendigkeit aufgrund des Rechts auf Souveränität und Selbstverteidigung. Wenn man Russland erlaubt, ein Land zu erobern, wird es dabei nicht bleiben“, argumentiert sie.
Sich organisieren und dabei man selbst bleiben
In Nürnberg endete die Aktionswoche mit der Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Russischsprachige Linke. Mehr als 30 Personen schlossen sich der BAG an, die meisten von ihnen sind Parteimitglieder. Es gab Videogrußworte des Parteivorsitzenden Jan van Aken und der frauenpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion, Kathrin Gebel. Kathrin wandte sich auf Russisch an die Versammelten, denn Russisch ist ihre zweite Muttersprache.
„Der Wunsch, einen solchen Zusammenschluss zu gründen, bestand schon lange. Vor den Bundestagswahlen 2025 gab es endlich den Anstoß dazu“, erzählt Artyom aus Dresden, einer der Initiator*innen der BAG Russischsprachige Linke. Das Wissen über Russland sei etwas, das russischsprachige Menschen mit ihren deutschen Genoss*innen teilen könnten. Angesichts des globalen Rechtsrucks und der Rolle Russlands als Aggressor sei dieses Wissen von großer Aktualität.
Artyom stammt aus Kasachstan und kam vor 25 Jahren zum Studium nach Deutschland. Damals trat er der SPD bei – und gleichzeitig einer anarchistischen Gewerkschaft. „Ich war schon immer links – demokratischer Sozialist, kein Sozialdemokrat“, sagt Artyom. 2018 trat er aus der SPD aus und in die Partei Die Linke ein. Damals entschied er: „Ich bin lieber in einer Partei, in der ich mit 95 Prozent der Punkte übereinstimme, und die restlichen fünf – die unkritische Haltung gegenüber Russland – werde ich versuchen zu ändern.“
Artyom gehörte auch zu den Gründer*innen der Ukrainischen Linken Initiative und der Russischsprachigen Demokratinnen und Demokraten. Letzteres Bündnis wurde in Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft. Für deren Gründung könnte ihm in Russland eine strafrechtliche Verfolgung drohen.
Auf dem Kongress der russischsprachigen Linken wurde Artyom zum Delegierten für den Bundesparteitag der Linken gewählt. Derzeit arbeiten er und seine Genoss*innen an der offiziellen Anerkennung der BAG durch die Partei Die Linke. Ist dies erreicht, kann Artyom die russischsprachigen Linken auf den kommenden Parteitagen vertreten.
Artyom sieht in der innerparteilichen Demokratie der Linken viele Vorteile: „Ein einfaches Mitglied der Linken hat mehr Einflussmöglichkeiten als beispielsweise ein Mitglied in der SPD. Allerdings wurden die Delegierten für die vergangenen Parteitage bereits vor zwei Jahren gewählt, das heißt, es gab bisher keine neuen Gesichter unter ihnen.“ Zum Bundesparteitag im Juni konnten sich aber auch Neumitglieder aufstellen lassen. Es wird sich also auf den kommenden Parteitagen zeigen, welche Beschlüsse die neuen Delegierten fassen werden.
Welchen Einfluss die BAG in der Partei zukünftig haben wird, wird die Zeit zeigen. Aber es scheint, als hätten die russischsprachigen Linken mit ihrem Timing ins Schwarze getroffen. Gerade jetzt wird das Parteiprogramm in der Partei diskutiert und erneuert. Ein Ziel der BAG ist es, dass sich ihre deutschen Genoss*innen an sie wenden, um mehr Wissen über Russland zu erhalten und sich beim Wahlkampf auf Russisch unterstützen zu lassen. Der nächste Einsatz ist bereits geplant – bei den Kommunalwahlen in Berlin. Es ist zu hoffen, dass die BAG den russischsprachigen Genoss*innen helfen wird, ihren Platz in der deutschen Linken zu finden – trotz aller Meinungsverschiedenheiten.
Elena verliert, wie viele ihrer russischsprachigen Genoss*innen, nicht den Glauben an die Partei Die Linke: „Und welcher anderen Gruppe könnte ich mich als Ausländerin anschließen? Nichts hilft mir so sehr, mich nicht als Fremde zu fühlen, wie Genoss*innen mit linken Ansichten.“




