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Ich war nie ein großer Fan des fahnenschwenkenden Patriotismus. Ich respektiere das Ritual und verstehe, warum es manche Menschen emotional berührt. Aber mein eigenes Verhältnis zum Patriotismus war schon immer kompliziert bis distanziert. Ich kann nur schwer sentimentale Gefühle für ein Land aufbringen, das meine Vorfahr*innen versklavt und ihre Arbeitskraft ausgebeutet, das ihnen die Bürgerrechte vorenthalten und sie für ihr Streben nach Freiheit drangsaliert hat – und das heute von deren Nachfahr*innen gefeiert werden soll, als wäre seine Geschichte ein Festzug und keine Wunde.
Selbst mit dem Treuegelöbnis, dem „Pledge of Allegiance“, tue ich mich schwer. Wem soll diese Treue gelten? Zwei Nationen, einer schwarzen und einer weißen? Unter wessen Gott? Eine geteilte Gesellschaft, in der Gerechtigkeit lediglich für manche gilt? Wir sollen die Hand aufs Herz legen und Worte aufsagen, die nie die ganze Wahrheit dieses Landes ausgedrückt haben. „The land of the free and the home of the brave“ („Das Land der Freien und die Heimat der Tapferen“) liest sich vor dem Hintergrund der Geschichte der Schwarzen eher wie „Das Land des Diebes und die Heimat der Versklavten“. Das ist kein Zynismus. Das ist Erinnerung.
Das Versprechen und seine Wirklichkeit
Die Vereinigten Staaten bereiten sich auf die Feierlichkeiten zu ihrem 250-jährigen Bestehen vor, und es wird Feuerwerk und Festumzüge geben, Reden, Fahnen, Konzerte und die sorgsam choreografierte Zurschaustellung von Nationalstolz. Es wird viel von Freiheit die Rede sein, von Demokratie, Mut und Opferbereitschaft. Weniger Erwähnung finden werden Versklavung, Enteignung der indigenen Bevölkerung, rassistischer Terror, Ausgrenzung von Frauen, Ausbeutung von Immigrant*innen und der jahrhundertelange Kampf, der nötig war, um dieses Land dazu zu zwingen, wenigstens einen Teil seiner Versprechen einzulösen. Das ist das Problem mit dem patriotischen Spektakel: Allzu oft verlangt es von uns, das Versprechen zu feiern und dabei zu ignorieren, dass es immer wieder gebrochen wird.
Die Unabhängigkeitserklärung verkündete im Jahr 1776, dass „alle Menschen gleich erschaffen“ seien, während versklavte Menschen ge- und verkauft, ausgepeitscht, vergewaltigt und zur Arbeit ohne Lohn gezwungen wurden. Die Verfassung schützte die Sklaverei. Schwarze Menschen schufen Wohlstand, den sie selbst nicht besitzen durften. Frauen waren vom Wahlrecht ausgeschlossen. Indigene Völker wurden von ihrem Land vertrieben. Und dennoch haben Menschen, denen der volle Umfang der Bürgerrechte verwehrt worden ist, Generation für Generation darum gekämpft, die Bedeutung des Wortes Demokratie mit Leben zu füllen. Das sind die Vereinigten Staaten, die ich ehren möchte: nicht den Mythos, sondern die Kämpfe.
Schwarze Menschen konnten sich noch nie den Luxus eines unkomplizierten Patriotismus leisten. Wir liebten ein Land, das unsere Liebe nicht erwiderte. Wir haben in den Kriegen dieses Landes gekämpft, seine Institutionen aufgebaut, seine Steuern gezahlt, seine Kinder großgezogen, seine Kultur bereichert und seine Demokratie gestärkt. Und trotzdem mussten wir um jedes bisschen Anerkennung und jedes kleine Stück Gerechtigkeit kämpfen.
Das ist das Problem mit dem patriotischen Spektakel: Allzu oft verlangt es von uns, das Versprechen zu feiern und dabei zu ignorieren, dass es immer wieder gebrochen wird.
Man denke an die Schwarzen Soldaten, die im Ausland für Demokratie kämpften und danach in den rassistischen Terror ihrer Heimat zurückkehrten. Einige kamen in der US-Uniform aus dem Ersten Weltkrieg zurück, nur um von weißen Mobs geschlagen, erniedrigt oder gelyncht zu werden – von Menschen, die sehr wohl wussten, dass diese Uniform für den Anspruch auf Menschlichkeit, Würde und Bürgerrechte stand. Der Dienst für ihr Land hat diese Soldaten nicht geschützt. Ihr Patriotismus hat sie nicht gerettet. Ihre Opferbereitschaft hat ihnen keine Sicherheit verschafft. Diese Geschichte müsste Teil der Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der Vereinigten Staaten sein.
Und ebenso die Geschichte der Schwarzen Frauen, die durch Demonstrationen, Organisierung, Unterricht, Gebete, Strategien, Widerstand und Wahlen den Weg für eine ehrlichere Demokratie bereiteten. Schwarze Frauen wurden bei den Wahlrechtsdemonstrationen an den Rand gedrängt, aus den gesellschaftlichen Narrativen getilgt und dazu angehalten, Bewegungen zu dienen, die nicht immer unseren Interessen dienten. Trotzdem haben wir weitergemacht, uns organisiert, uns Raum verschafft.
1913 demonstrierte die damals frisch gegründete Sorority Delta Sigma Theta bei der Woman Suffrage Procession, einer Demonstration für das Frauenwahlrecht in Washington, D.C. Schwarze Frauen verstanden, dass das Wahlrecht kein Geschenk war. Es war eine Waffe, ein Schutzschild und eine Forderung. In den Südstaaten wurden Schwarze Frauen selbst nach der Verabschiedung des neunzehnten Verfassungszusatzes, der das Frauenwahlrecht einführte, durch rassistische Gesetze und weiße Gewalt an der Stimmabgabe gehindert. Das Recht existierte nur auf dem Papier, bevor es in die Praxis umgesetzt wurde. Auch das sind die Vereinigten Staaten.
Kein Fest der Demokratie
1852 fragte Frederick Douglass: „Was bedeutet der 4. Juli für den Sklaven?“ Diese Frage hallt noch immer nach, weil auch der Widerspruch noch nachhallt. Wie kann eine Nation Freiheiten feiern, während sie dieselben verwehrt? Wie kann eine Nation die Demokratie feiern, während sie gleichzeitig Wählerstimmen unterdrückt? Wie kann eine Nation Veteran*innen ehren und sie gleichzeitig im Stich lassen? Wie kann eine Nation von Freiheit reden, während sie gleichzeitig Bücher verbannt, Geschichte verfälscht und das Aussprechen der Wahrheit bestraft?
Das 250. Jubiläum der Vereinigten Staaten könnte eine Chance sein. Es könnte zu einem tieferen, reiferen Patriotismus einladen – einem Patriotismus, der nicht auf Leugnung, sondern auf Ehrlichkeit basiert. Zu einem Patriotismus, der keine Amnesie erfordert. Einem Patriotismus, der Kritik als Fürsorge versteht. Einem Patriotismus, der weiß, dass die Wahrheit über dieses Land auszusprechen nicht bedeutet, dieses Land zu hassen. Aber dazu wird es nicht kommen, wenn die Gedenkfeier wieder nur eine Übung in Mythenbildung bleibt.
Wenn das Haus des Volkes zur Arena wird, wenn nationales Gedenken zum Marketing und Patriotismus als Kampf inszeniert wird, sollten wir das nicht als harmlose Unterhaltung abtun. Es ist ein Zeichen gesellschaftlichen Verfalls.
Wir haben bereits gesehen, wohin die Reise geht. Ein Käfigkampf auf dem Rasen des Weißen Hauses, verpackt als Unternehmens-Spektakel mit patriotischem Branding, ist kein Fest der Demokratie. Es ist der Höhepunkt des Rituals – die Aushöhlung seiner gesellschaftlichen Bedeutung, bis nur noch die Symbole übrigbleiben, die Substanz jedoch verloren gegangen ist. Wenn das Haus des Volkes zur Arena wird, wenn nationales Gedenken zum Marketing und Patriotismus als Kampf inszeniert wird, sollten wir das nicht als harmlose Unterhaltung abtun. Es ist ein Zeichen gesellschaftlichen Verfalls.
Wir brauchen keine Geburtstagsfeier, die auf Ausblendung basiert. Wir brauchen eine Aufarbeitung. Wir müssen die Frage stellen, wer dieses Land aufgebaut und wer davon profitiert hat, wer ausgeschlossen wurde, wer Widerstand geleistet hat und wem dieses Land immer noch etwas schuldig ist. Wir müssen uns fragen, warum Vermögensunterschiede zwischen ethnischen Gruppen fortbestehen, warum das Wahlrecht weiter attackiert wird, warum Schwarze Frauen in der Öffentlichkeit nach wie vor herabgewürdigt werden, warum Druck auf Schulen ausgeübt wird, die Geschichte zu verschweigen, und warum Reparationen als radikal dargestellt werden, aber Diebstahl als Tradition.
Mit 250 Jahren sollten die Vereinigten Staaten alt genug sein, um sich nicht mehr selbst zu belügen. Es soll Feuerwerk geben, wenn es denn sein muss. Auch Reden und Feierlichkeiten. Aber es muss ebenfalls Erinnerung, Demut und eine ehrliche Aufarbeitung geben.
Patriotismus ohne Wahrheit ist Propaganda. Feiern ohne Aufarbeitung ist Ausweichen. Und von einem Land, das sich nicht ehrlich erinnern will, ist kaum zu erwarten, dass es in eine gerechte Zukunft geht.
Übersetzung von Cornelia Röser und Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective


