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Hintergrund , : Wie überleben?

Polnisch-jüdische Flüchtlinge in der Sowjetunion über Holocaust, Kommunismus und Antisemitismus (1939–1946)

Wichtige Fakten

Details

Eine junge Frau mit zwei Säuglingen steht vor einem Militärlastwagen. Auf dem Radkasten ist die Beschriftung "UNRRA / A.J.C.D." zu lesen.
Polnisch-jüdische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im Vertriebenenlager Babenhausen, wo das Joint Distribution Committee und die Hilfs- und Wiederaufbaubehörde der Vereinten Nationen (UNRRA) Hilfe leisteten, 20. August 1947. Foto: US Holocaust Memorial Museum

Dem nazideutschen Überfall am 1. September 1939 folgte am 17. September der Einmarsch sowjetischer Truppen in die östlichen Landesteile des damaligen Polen. Vorausgegangen war der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 samt eines geheimen Zusatzprotokolls, das „Interessensphären“ der beiden Staaten definierte. Am 28. September 1939 folgte ein Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen NS-Deutschland und der UdSSR, der wiederum geheime Zusatzprotokolle enthielt. Polen wurde erneut geteilt, die östlichen Landesteile fielen an die Sowjetunion. 

In Folge dieser Ereignisse gerieten viele polnische Jüdinnen und Juden unfreiwillig in den Machtbereich der UdSSR. Viele von ihnen wurden (zwangs-)umgesiedelt, was später paradoxer Weise manchen von ihnen im Angesicht der Shoah das Leben rettete. Dieses Kapitel der Shoah, der jüdisch-polnischen sowie sowjetischen Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Deutschland weniger bekannt. Markus Nesselrodt stellt sie exemplarisch vor. Der Beitrag entstand auf Grundlage eines Vortrags beim Gesprächskreis Antisemitismus der Rosa-Luxemburg-Stiftung. 

1. Fajga Dąb

Im Sommer 1948 schrieb die 16-jährige Fajga Dąb in einem Lager für jüdische Überlebende des Holocaust im hessischen Zeilsheim ihre Erinnerungen an die Jahre zwischen 1939 und 1948 nieder. In ihrem polnischsprachigen Bericht „Wie wir die Nazibesatzung überlebten“ beschreibt Dąb, wie sie als 7-jähriges Mädchen den deutschen Überfall auf Polen im Herbst 1939 erlebte. Sie skizziert, wie die Deutschen ihre Familie aus ihrer Heimatstadt im Norden Warschaus über den Fluss Narew vertrieben, der wenig später die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion markieren sollte. Gegen ihren Willen war die Familie Dąb auf sowjetisches Territorium gelangt, wo sie sich plötzlich in einer Gruppe geflohener und von den Deutschen vertriebener polnischer Juden wiederfanden. In Białystok, einem Zentrum der Fluchtbewegung von West nach Ost auf nunmehr sowjetischem Territorium, gelang es der Familie nicht, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Die sowjetischen Behörden nahmen die Notlage der vielfach mittellosen polnisch-jüdischen Flüchtlinge zwar zur Kenntnis, sorgten jedoch nicht für deren ausreichende Versorgung mit Wohnraum, Lebensmitteln, Medizin und nicht zuletzt mit Arbeit. Verzweifelt angesichts ihrer wirtschaftlichen Notlage, erwogen die Eltern von Fajga Dąb sogar eine Rückkehr in ihre sich nunmehr im deutschen Generalgouvernement befindende polnische Heimat. Als die sowjetischen Behörden im Frühjahr 1940 die jüdischen und nichtjüdischen Flüchtlinge und Vertriebenen befragten, ob sie bleiben und die sowjetische Staatsbürgerschaft annehmen oder in ihre Heimatorte zurückkehren wollten, sahen die Eheleute Dąb endlich eine Möglichkeit gekommen, auf legalem Wege der Armut und Perspektivlosigkeit ihrer Flüchtlingsexistenz in der Sowjetunion zu entkommen und ließen sich registrieren. Die sowjetische Geheimpolizei NKWD kam auf diese Weise in den Besitz von Listen mit zehntausenden Namen von rückkehrwilligen polnischen Juden. 

Aus Sicht der sowjetischen Führung stellten die jüdischen Flüchtlinge eine ökonomische Belastung und potentielle politische Gefahr dar. In einer monatelang vorbereiteten Aktion verschleppte der NKWD Ende Juni 1940 die Familie Dąb und etwa 65.000 weitere polnische Juden aus dem annektierten Osten Polens in das Landesinnere der Sowjetunion. Die Deportierten wurden nachts in ihren Wohnungen aufgegriffen und zum Bahnhof gebracht, wo man ihnen mitteilte, dass sie ihrem Wunsch entsprechend in ihre alten Heimatorte gebracht würden. Hoffnungsfroh und dennoch verunsichert durch das bedrohliche Auftreten der NKWD-Offiziere bestieg Fajga Dąb in einer sommerlich warmen Juninacht 1940 den Zug am Bahnhof von Białystok. Nach wochenlanger Fahrt in einfachen Güterwaggons fand sich die Familie in einer sogenannten Sondersiedlung im Norden Russlands wieder. Sondersiedlungen waren zumeist abgelegene Dörfer, zuweilen auch noch unbesiedelte Flecken Erde, in denen die Deportierten lebten und Zwangsarbeit verrichteten. Die physische Überlastung bei gleichzeitiger akuter Unterernährung und dem Fehlen angemessener Winterkleidung führte in den folgenden Wochen und Monaten zu unzähligen Todesopfern unter den polnisch-jüdischen Sondersiedlern. Auch die Mutter von Fajga Dąb gehört zu den Opfern von Stalins Sondersiedlungen. Sie verhungerte kurz nach ihrer Ankunft im nordrussischen Archangelsk. Ihre Mutter bezeichnet Dąb im Bericht von 1948 als „erstes Opfer der Naziverbrechen“. Im weiteren Verlauf ihres Berichts schreibt Dąb über das schwere Leben in der Sowjetunion, das von Hunger und harter körperlicher Arbeit geprägt war. Im Laufe ihres Erfahrungsberichts wandelt sich jedoch der Tonfall ihrer Darstellung. Aus dem weitgehend passiven Kind, über dessen Schicksal andere entschieden, wird gegen Ende des Textes ein selbstbestimmt handelnder Mensch. So führt Dąb abschließend aus: „Auch ein hartes Leben kann und muss man leben!!! Wir standen das durch, wir überlebten dank unseres starken Willens.“ 

Die Geschichte von Fajga Dąb steht exemplarisch für die etwa 70.000 Personen umfassende Gruppe polnisch-jüdischer Flüchtlinge, die zwischen Herbst 1939 und Sommer 1941 gegen ihren Willen aus dem sowjetisch besetzten Polen in Sondersiedlungen und andere Haftstätten im Norden Russlands verschleppt wurden. Die Mehrheit von ihnen verbrachte über ein Jahr in Unfreiheit, bevor sie im Rahmen einer umfassenden sowjetischen Amnestie für polnische Staatsangehörige Sondersiedlungen, Arbeitslager und Gefängnisse verlassen und in die südlichen Regionen der Sowjetunion ziehen konnte. Wenige Jahre später sollte sich herausstellen, dass ihre Verschleppung sie dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen hatte. Paradoxerweise hatte ihnen die Deportation in das Innere der Sowjetunion das Leben gerettet. Aus den Verschleppten waren Überlebende des deutschen Genozids an den europäischen Juden geworden.

2. Simon Davidson 

Die zweite große Gruppe polnischer Juden, die sich zwischen 1941 und 1946 im sicheren Landesinneren der Sowjetunion wiederfanden, waren diejenigen, die keine Erfahrungen mit Deportation, Haft oder Zwangsarbeit machen mussten. Der Bundist Simon Davidson war einer von ihnen. Ende der 1970er Jahre publizierte Davidson in der texanischen Wahlheimat seine Erinnerungen unter dem Titel Mayne milkhome yorn (Meine Kriegsjahre) in jiddischer Sprache, die wenig später ins Englische übersetzt wurden. Davidson war zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls auf seine Heimatstadt Łódź bereits ein 50-jähriger verheirateter Buchhalter mit zwei jugendlichen Kindern. Sein Bericht beschreibt die Ereignisse demnach aus der Perspektive eines Erwachsenen. Mithilfe der Erinnerungen Simon Davidsons lässt sich ausführlich nachzeichnen, mit welcher Motivation polnische Juden im September 1939 entschieden, ihre Heimat in Richtung Osten zu verlassen. Wie viele andere Familien auch, entschieden die Eheleute Davidson, dass die männlichen Mitglieder der Familie schnellstmöglich Łódź verlassen sollten. In der Annahme, die Deutschen würden die Frauen verschonen, Männer jedoch zur Zwangsarbeit und Schlimmerem nötigen, verließ Simon Davidson die Stadt gemeinsam mit seinem Sohn. Ein zweites Fluchtmotiv war der Wunsch, sich der polnischen Armee anzuschließen, um das Heimatland gegen die deutschen Angreifer zu verteidigen. Ohne Zugang zu gesicherten Informationen schenkte Davidson Gerüchten Glauben, dass eine neue Verteidigungslinie an der Weichsel aufgebaut werden würde, und steuerte deshalb am 6. September 1939 die 140 Kilometer von Łódź entfernte Hauptstadt Warschau an. Dort angekommen, suchte Davidson den Kontakt zu seinen Genossen vom Bund. Nach Tagen der Unsicherheit und zunehmender Panik angesichts der näher rückenden Wehrmacht, erfuhr Davidson vom Einmarsch der sowjetischen Streitkräfte in Ostpolen am 17. September 1939 und schlussfolgerte, dass es in absehbarer Zeit zu einer Teilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion kommen würde. 

Als jüdischer Sozialist sah sich Davidson einem Dilemma gegenübergestellt. Die Deutschen, so befürchtete er, würden ihn als Juden verfolgen, die Sowjets würden ihn als linken Abweichler betrachten und inhaftieren. Davidson entschied sich aus Angst um sein Leben und das seines Sohnes für die Flucht in das sowjetisch besetzte Gebiet und beschloss, seine politische Identität so gut es geht geheimzuhalten. Erneut zu Fuß und in Gesellschaft einer kleinen Gruppe jüdischer Flüchtlinge gelang es Davidson, mit Hilfe eines bezahlten Schleppers den Grenzfluss Bug in der Kleinstadt Wyszków zu überqueren, um von dort aus weiter ins nahegelegene Białystok zu gelangen. Davidson war zwar in Sicherheit, doch lebte er wie die Mehrheit der polnisch-jüdischen Flüchtlinge in dem Bewusstsein, dass ein Leben unter sowjetischer Herrschaft lediglich das geringere Übel im Vergleich zu Hitlerdeutschland sei. Diese Einsicht wurde von vielen Zeitgenossen geteilt; eine aufrichtige Unterstützung der sowjetischen Besatzung war nur bei wenigen verbreitet. Das Gefühl der Erleichterung vermischte sich bei der Mehrheit der Flüchtlinge schnell mit der Sorge um Familienangehörige und die unmittelbare Zukunft. 

Die rasche politische, wirtschaftliche und soziale Integration der besetzten polnischen Gebiete in das Territorium der Sowjetunion verhieß bereits im Winter 1939/40 wenig Gutes für die mehrheitlich mittellosen jüdischen Flüchtlinge. Eine der wenigen Optionen für die Flüchtlinge, auf legalem Weg den Lebensunterhalt zu bestreiten, war die Arbeitsmigration in das Innere der Sowjetunion. Auch Simon Davidson sah in der freiwilligen Umsiedlung die einzige Möglichkeit, um möglichst wenig Aufmerksamkeit für seine bundistische Vergangenheit zu erregen und zugleich Frau und Tochter aus dem deutsch besetzten Łódź zu sich zu holen. Tatsächlich gelang es Davidson, innerhalb weniger Monate mit Hilfe von Briefen, Mittelsmännern und Schleppern seine Familie im weißrussischen Orscha unweit von Witebsk wiederzuvereinen. Die Davidsons richteten sich in dem kleinen Ort ein, gingen einer geregelten Arbeit nach und lebten zunehmend ein normales sowjetisches Leben. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gelang es der Familie, sich erneut zu Fuß dem langen Treck der Flüchtlinge in Richtung Osten anzuschließen. Wenige Wochen nach Beginn der Operation Barbarossa erreichten die Davidsons die Moskauer Vororte, wo sie einen Zug nach Taschkent bestiegen, der ihnen schließlich das Leben retten sollte. Taschkent, die Hauptstadt der Usbekischen Sowjetrepublik, befand sich fast 4.000 Kilometer entfernt von der Front und versprach zunächst Sicherheit vor dem Zugriff der Deutschen. 

Die beiden vorgestellten Zeugnisse von Fajga Dąb und Simon Davidson geben einen Einblick in die komplexe Überlebensgeschichte polnischer Juden in der Sowjetunion. Sie erlauben neue Perspektiven auf eine vielschichtige Geschichte der Zwangsumsiedlung und der Flucht aus dem besetzten Polen, des Alltags in der Sowjetunion und schließlich der Rückkehr in eine zerstörte Heimat. 

Die Familie Davidson gehört einer Gruppe von schätzungsweise 100.000 polnischen Juden an, denen als sowjetische Staatsbürger im Sommer und Herbst 1941 auf verschiedenen Wegen die Flucht vor der einrückenden deutschen Wehrmacht gelang. Aus sowjetischer Perspektive gehörten diese Menschen dem Kollektiv der rund 14 Mio. Evakuierten an. Im erwähnten Taschkent und vielen weiteren Städten und Kolchosen trafen die Geflohenen und Evakuierten auf jene zehntausenden polnischen Juden, die etwa zur selben Zeit aus den sowjetischen Sondersiedlungen und Arbeitslagern entlassen worden waren. Es war also das sowjetische Zentralasien, tausende Kilometer entfernt von Moskau, wo sich die Wege der Familien von Fajga Dąb und  Simon Davidson  kreuzten. Hier, im Süden der Sowjetunion, erhofften sie sich ein sicheres Leben und eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln, Wohnraum und Medizin. Evakuierung und Amnestie bewirkten im Herbst 1941 die Synchronisierung polnisch-jüdischer Erfahrungen in der Sowjetunion, die bislang sehr verschieden gewesen waren. Auf der einen Seite befanden sich jene, die wie Fajga Dab Deportation, Zwangsarbeit und Haft erlebt hatten. Auf der anderen Seite standen diejenigen, die wie Familie Davidson bislang nicht Opfer sowjetischer Repressionen gewesen waren und seit Kriegsbeginn 1939 ein verhältnismäßig normales Leben als Bürger der Sowjetunion geführt hatten. Es ist unter anderem dieser wesentliche Unterschied in den Erfahrungen mit dem sowjetischen Staat, die nach Kriegsende zu unterschiedlichen Bewertungen des sowjetischen Exils führen sollten.

3. Nachkriegspolen 

Die Voraussetzung für die Rückkehr polnischer Juden aus der Sowjetunion nach Polen bildete das Repatriierungsabkommen, das die UdSSR mit der von ihr unterstützten Provisorischen Polnischen Regierung im Juli 1945 schloss. Es stellte allen Staatsbürgern polnischer und jüdischer Nationalität das Recht zur Rückkehr nach Polen in Aussicht. Die Monate zwischen Sommer 1945 und der Rückkehr im Frühjahr 1946 waren vor allem eine Zeit des gespannten Wartens auf die Wiederbegegnung mit der Heimat. Die jüdischen Selbstzeugnisse legen den Eindruck nahe, dass kaum jemand das wahre Ausmaß der Katastrophe vor der Rückkehr erahnt hatte. Froh darüber, dem Zugriff des NKWD entkommen zu sein, begaben sich etwa 200.000 jüdische Exilanten zwischen den Jahren 1944 und 1946 auf den Weg nach Polen. Addiert man weitere Gruppen polnischer Juden hinzu, die die Sowjetunion vor dem Jahr 1944 und nach 1946 verlassen konnten, so ergibt sich eine Summe von rund 230.000 Personen, die Krieg, deutsche Besatzungsherrschaft und Holocaust in der unbesetzten Sowjetunion überlebt hatten. Geht man von etwa 350.000 jüdischen Überlebenden in Polen aus, bedeutet das, dass zwei von drei den Krieg in der Sowjetunion überlebten.

Die meisten jüdischen Rückkehrer aus der Sowjetunion wurden nicht in ihre alte Heimat gebracht, sondern in den neuen polnischen Westgebieten in Niederschlesien und Pommern angesiedelt. Gerade in Niederschlesien sollte der Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Polen realisiert werden. Hier gründeten sich große jüdische Nachkriegsgemeinden. Zugleich wurde die Grenzregion im Westen Polens schnell zur »Absprungbasis« für jüdische Emigranten. Wer das Land verlassen wollte, suchte vorrangig hier nach einem Weg. Zwar standen viele Rückkehrer einer Zukunft Polens unter sowjetischem Einfluss kritisch gegenüber, doch waren längst nicht alle bereit, ihre alte Heimat für immer zu verlassen. In dieser Phase der Unentschiedenheit wirkte sich die Nachricht vom Pogrom in Kielce im Juli 1946 umso erschütternder aus. Sie konfrontierte die polnisch-jüdischen Rückkehrer unvermittelt mit der Virulenz der antisemitischen Bedrohung. Dass sich unter den 42 Opfern des Pogroms mehrheitlich jüdische Rückkehrer aus der Sowjetunion befanden, die erst seit kurzem in einem staatlichen Heim für Repatrianten in Kielce lebten, besaß einen hohen Symbolcharakter für viele bis dato unentschlossene Rückkehrer. Der Schock über das Ausmaß der Gewalt in Kielce wurde noch durch Nachrichten über das zurückhaltende bis unterstützende Verhalten der Miliz und Armeeangehörigen verstärkt. Die Folgen des Pogroms waren gravierend. Bis Dezember 1946 war die Hälfte aller polnischen Holocaustüberlebenden bereits aus dem Land geflohen, die meisten davon in die in der amerikanischen Besatzungszone gelegenen Lager für Displaced Persons in Deutschland. 

4. Die jüdischen Displaced Persons-Lager

Dort befanden sich 150 der insgesamt 184 DP-Lager in Deutschland. Unter Displaced Persons verstanden die Alliierten zunächst befreite Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und später auch Flüchtlinge aus Osteuropa. Die jüdischen DPs lebten zunächst in nach Staatsangehörigkeit eingeteilten Lagern und ab Herbst 1945 schließlich in eigenen Camps. Die jüdischen DP-Lager im besetzten Deutschland waren Orte der Sicherheit, der Erneuerung, der Genesung. Orte des Lebens nach der Katastrophe. Aber sie waren auch Orte der Begegnung unterschiedlicher Überlebendengruppen. Hier trafen Menschen aufeinander, die auf sehr verschiedene Weise die Kriegszeit verbracht und schließlich den Weg in die DP-Lager gefunden hatten. Noch bevor sich die Transitorte der jüdischen DP-Lager infolge der Staatsgründung Israels auflösten und ihre kurzzeitigen Bewohner in alle Welt zerstreuten, entstanden erste Überlegungen, wie die Erfahrungen in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges in die Geschichte der jüngsten Katastrophe integriert werden könnten. 

Im Sommer 1947 erschien im von den Alliierten besetzten München ein Artikel in einer jiddischsprachigen Zeitung mit dem vielsagenden Titel „Übergang“. Darin warnt der polnisch-jüdische Autor Marek Liebhaber unter Verwendung eines Pseudonyms davor, ein wichtiges Kapitel der jüdischen Geschichte während des Zweiten Weltkrieges zu vergessen. Liebhaber spricht von jener Gruppe polnischer Juden, die während des Zweiten Weltkrieges in den Tiefen der Sowjetunion ausgeharrt hatte und nach Kriegsende in die polnische Heimat zurückgekehrt war. Er sprach damit auch über seine eigene Überlebensgeschichte. 

„Hunderttausende Juden sind aus der Sowjetunion zurückgekehrt, wo sie vor dem Nazitod gerettet wurden. Das Problem ist, dass ein Gefühl der großen Dankbarkeit sich mit einer Anklage gegen die sowjetische Regierung vermischt. Viele haben eine historische Kuriosität erlebt: Sie waren zum Tod durch harte Arbeit in die Lager verschleppt worden und dies rettete sie letztlich vor dem Tod. Viele fanden in der Sowjetunion ein gastfreundliches Asyl vor, fernab der Hölle. Wir verstehen die Gefühle von Dankbarkeit wie auch die Gefühle der Anklage, doch sie dürfen nicht die wichtige und objektive Verarbeitung der Erfahrungen in Russland in den Jahren 1939-1945 behindern.“

Die Tabuisierung der vielfältigen Erfahrungen von Verfolgung, Zwangsarbeit und Verlust fördere das Vergessen eines aus Liebhabers Sicht wichtigen Teils jüdischer Geschichte während des Zweiten Weltkriegs. Liebhaber begründet die Notwendigkeit einer historischen Aufarbeitung der Exilgeschichte mit dem Gebot, zu erinnern, aber auch mit der Sorge um mögliche soziale Konflikte zwischen jüdischen Überlebendengruppen.

„Das Fehlen jeglicher Materialien und das Verschweigen der Thematik verursachen Missverständnisse in unserem Leben. Nach innen: Es schafft einen Antagonismus von 'denen, die im KZ litten' und 'jenen, die weniger litten und aus Russland zurückkamen’.“ 

Fast 80 Jahre nach dem Erscheinen von Marek Liebhabers Zeitungsartikel lässt sich feststellen, dass die Erlebnisse polnischer Juden in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges zunehmend besser erforscht sind. Allein in den vergangenen 10 Jahren sind unzählige Monografien, Biografien, Sammelbände und Aufsätze zum Thema erschienen. Dennoch ist es noch ein weiter Weg zu einer integrierten Geschichte des Holocaust, die  Flucht und Exil – wie Marek Liebhaber - als Teil der jüdischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg begreift. 

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