Zum Hauptinhalt springen

Analyse , : Der Dollar-Sicherheits-Nexus

Die anhaltende Stärke des US-Dollars liegt nicht zuletzt an der militärischen Dominanz der USA. Von Ho-fung Hung

Wichtige Fakten

Autor
Ho-Fung Hung,

Details

Luftaufnahme eines großen Flugzeugträgers in ruhiger See, auf dem Flugdeck parken zahlreiche Marineflugzeuge.
Die weltweite militärische Macht der USA bildet eine zentrale Stütze des globalen Dollar-Systems: Flugzeugträger USS Gerald Ford auf einer Übungsfahrt im Atlantik, 2023. U.S. Navy / Public Domain

Mit jeder Krise der Weltwirtschaft wird die These vom bevorstehenden Ende der Dollar-Hegemonie wieder an die mediale Oberfläche gespült. Im März 1978 – die Stagflation hatte die US-Wirtschaft fest im Griff und das Bretton-Woods-System war gerade in sich zusammengebrochen – veröffentlichte die New York Times unter dem Titel „Ein marxistischer Blick auf die Dollar-Krise“ einen Meinungsartikel des sowjetischen Ökonomen Stanislaw M. Menschikow. Die dazugehörige Karikatur zeigte einen Bären als Soldaten der Roten Armee, der eine Dollarnote unter die Lupe nimmt. Menschikow erklärte in seinem Beitrag, die Widersprüche und Krisenerscheinungen des US-Monopolkapitalismus kündeten vom Ende der globalen Dominanz des Dollars, und die großen Volkswirtschaften hätten bereits begonnen, Reserven in Gold und anderen, weniger unsicheren Währungen aufzubauen.

Die Finanzkrise von 2008, die russische Invasion in die Ukraine, Trumps Zollpolitik und seine Annexionsdrohungen gegen US-Verbündete sowie der noch nicht beendete Krieg gegen den Iran boten allesamt fruchtbaren Boden für ähnliche Prognosen: Die weltweite Geduld mit der monetären Nachkriegsordnung neige sich dem Ende zu. Logischerweise möchte kein relevanter Akteur der Weltwirtschaft mit seinem Außenhandel und seinen Geldreserven von einer Währung abhängig bleiben, die in den Händen eines erratisch agierenden Staates liegt. Die Stellung des US-Dollars gilt aufgrund der dauerhaften Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizite der Vereinigten Staaten schon lange als fragil. Seit Nixon 1971 die Goldkonvertibilität aufhob, ist der US-Dollar als Fiatgeld von keiner Edelmetallreserve mehr gedeckt. Dennoch bleibt er weiterhin die in der Welt- und Finanzwirtschaft meistgenutzte Währung, der Euro folgt mit großem Abstand auf dem zweiten Rang. Und China ist inzwischen zwar die zweitgrößte Volkswirtschaft und „Werkbank der Welt“, doch der Renminbi spielt international eine vergleichsweise geringe Rolle und liegt noch hinter dem britischen Pfund und dem japanischen Yen. Eine Enttäuschung für all jene, die den Renminbi bereits als neue Leitwährung sahen.

Das Dollar-Privileg der USA

Die globale Dominanz des Dollars hat den USA das „unermessliche Privileg“ verschafft, überall in eigener Währung Kredite aufnehmen zu können. Theoretisch können die USA nicht bankrottgehen, da Washington seine Schulden stets mit selbstgedruckten Geld bedienen kann. Mit den Dollars, die sie quasi aus dem Nichts erschaffen, können die USA Waren und Dienstleistungen aus der ganzen Welt erwerben, ohne im Gegenzug eine entsprechende Menge an Waren und Dienstleistungen anbieten zu müssen. Kein anderes Land kann sich größere Haushalts- und Handelsdefizite leisten, ohne einen Staatsbankrott zu riskieren.

Gleichzeitig bleiben alle Länder, die vom US-Dollar abhängig sind, insbesondere die Entwicklungsländer, den Schwankungen des US-Leitzinses ausgeliefert. Schmerzlich deutlich wurden die Risiken der Dollar-Abhängigkeit mit dem Volcker-Schock im Jahr 1979, als die Anhebung der Zinssätze um mehr als 20 Prozent eine internationale Schuldenkrise auslöste. Bei allem Unmut darüber, wahr ist auch: Der Zeitraum der goldgedeckten Dollar-Hegemonie (1945–1971) war nicht einmal halb so lang wie der Zeitraum, in dem der US-Dollar als Fiatgeld die Weltleitwährung bildet (1971–2026).

Bereits zu Hochzeiten des Kalten Krieges haben größere Volkswirtschaften gelegentlich versucht, ihre Währungsreserven zu diversifizieren und den Handel in anderen Währungen abzuwickeln. In jedem dieser Fälle setzte Washington auf militärischen Einfluss, um die Länder wieder auf Linie zu bringen.

Worauf gründet diese Hegemonie, unter welchen Umständen endet sie womöglich, und was kann danach kommen? Konventionelle Ökonom*innen erklären den Fortbestand des Dollar-Systems meist mit sogenannten Mitläufer-Effekten oder „Netzwerk-Externalitäten“: Weil die meisten Staaten und Unternehmen auf den US-Dollar setzen, kann ein einzelner Akteur schwerlich eine andere Währung verwenden. Auch die beispiellose Tiefe, institutionelle Raffinesse und die Stabilität der Dollar-Märkte werden in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur als Erklärung angeführt. Wären dies jedoch hinreichende Faktoren für den Fortbestand einer Währungshegemonie, hätte das britische Pfund diese Rolle nicht eingebüßt: Die Bretton-Woods-Konferenz hatte schon 1944 ein internationales Währungssystem mit dem US-Dollar als Ankerwährung etabliert und die Konvertibilität des US-Dollars in Gold auf 35 USD pro Unze festgelegt. Dennoch war das Pfund Sterling zum Ende des Zweiten Weltkriegs die weltweit wichtigste Währung. Das Britische Weltreich kontrollierte immense Territorien, die vielfach an dessen Währung gebunden waren. Die internationalen Devisenreserven lauteten 1947 zu 90 Prozent auf Pfund Sterling. Doch mit dem Zerfall des britischen Kolonialreiches verlor auch das Pfund rasch seine Vormachtstellung, und Unternehmen wie Regierungen, darunter die nunmehr unabhängigen, ehemals britischen Kolonien und Protektorate, wechselten zum US-Dollar. London blieb ein führender Finanzplatz, doch die City stellte ihre Pfund- auf Dollar-Geschäfte um. Tatsächlich verhalf London als zentraler Dollar-Offshore-Markt der US-Währung zu ihrer globalen Dominanz.

Der Faktor Militär

Stabilität und Stärke des Dollars beruhen also nicht allein auf seinen etablierten Vorzügen und auf der Markttiefe der New Yorker Finanzwirtschaft. Institutionelle Faktoren und bestehende Vorlieben der Finanzwirtschaft spielen in normalen Zeiten eine Rolle. Doch in Krisenmomenten kamen oft auch die militärischen Kapazitäten der USA ins Spiel. Meine Forschung zeigt, dass der Schutzschirm, den die USA den wohlhabendsten kapitalistischen Volkswirtschaften (Europa und Japan) und den Rohstoffproduzenten (insbesondere den erdölexportierenden Ländern im Mittleren Osten) bieten, seit 1945 eine zentrale Stütze des globalen Dollar-Systems bildet. Die USA verfügen über die weltgrößte exportorientierte Rüstungsindustrie und das umfangreichste Netzwerk von Stützpunkten. Beides stellt sicher, dass ihre Verbündeten im Gegenzug große Dollarreserven vorhalten und ihren Außenhandel in US-Dollar abwickeln. Es besteht eine starke Korrelation zwischen einer Abhängigkeit im Verteidigungsbereich – etwa in Bezug auf die Ausrüstung eines Landes mit US-amerikanischen Waffen und die Stationierung von US-Truppen – und dem Besitz von US-Staatsanleihen sowie anderen dollarnotierten Vermögenswerten. Mit diesem, wie ich es nenne, „Dollar-Sicherheits-Nexus“ sind die reichsten kapitalistischen Staaten und die wichtigsten Erdölexporteure auf Dauer eng an das Dollar-System gebunden. Dieses Arrangement hat zur Folge, dass auch andere Länder den US-Dollar verwenden müssen, sofern sie Zugang zu diesen Märkten oder Energiequellen anstreben.

Bereits zu Hochzeiten des Kalten Krieges haben größere Volkswirtschaften gelegentlich versucht, ihre Währungsreserven zu diversifizieren und den Handel in anderen Währungen abzuwickeln: Beispielsweise tauschte Westdeutschland einen Teil seiner Dollarreserven in Gold um, als sich die US-Zahlungsbilanz Ende der 1950er Jahre verschlechterte. In den 1970er Jahren erwogen die arabischen Erdölproduzenten, ihre Ölexporte über einen Währungskorb abzurechnen. Zu Beginn der 2000er Jahre verlegte sich der Irak unter Saddam Hussein darauf, die Verkäufe aus dem UN-Programm „Öl für Lebensmittel“ in Euro statt in Dollar abzuwickeln. In jedem dieser Fälle setzte Washington auf militärischen Einfluss – seien es Anreize, Drohungen oder eine echte Invasion –, um die Länder wieder auf Linie zu bringen. 

Die Widerstandsfähigkeit der Dollar-Hegemonie garantiert natürlich noch nicht ihren Fortbestand. Zwar wird die Mehrheit der weltweit gehaltenen US-Staatsanleihen von Ländern gehalten, die verteidigungspolitisch von den USA abhängig sind, doch seit dem Jahr 2000 liegen diese Anleihen vermehrt auch in Offshore-Finanzplätzen wie den Cayman-Inseln sowie in China – und damit bei einer Großmacht, die nicht nur vom US-Schutzschirm unabhängig, sondern für Washington ein geopolitischer Rivale ist. Dieser durch wachsende US-Haushalts- und Handelsbilanzdefizite noch verstärkte Verfall des Dollar-Sicherheits-Nexus hätte eine weltweite Absetzbewegung von der US-Währung auslösen können. Dazu ist es bisher allerdings nicht gekommen. Stattdessen beobachten wir im Nachgang verschiedener Krisen – auch solcher, die in den USA ihren Ausgang nahmen – eine Konsolidierung der US-Währung in der Weltwirtschaft.

Keine Alternative, nirgends?

Das Fehlen einer tragfähigen Alternative ist ein wichtiger Grund für die stockende Fortentwicklung. Die Konstruktionsfehler des Euro, insbesondere das Fehlen einer zentralen (fiskal-)politischen Steuerung, setzen dessen Verwendung außerhalb Europas enge Grenzen. Die Chancen des Renminbi stehen offenbar besser. Als größte Volkswirtschaft außerhalb des US-Schutzschirms befindet China sich zweifellos in der weltweit stärksten Position, um die Dollar-Hegemonie herauszufordern. Seit der Weltfinanzkrise von 2008 ist es erklärtes Ziel der chinesischen Politik, die Internationalisierung des Renminbi zu fördern. Doch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) begegnet einer finanzwirtschaftlichen Öffnung weiterhin mit Misstrauen und setzt zur Verhinderung von Kapitalflucht auf ein strenges System von Kapitalkontrollen. Dadurch ist der Renminbi nicht frei konvertierbar, was die weltweite Nachfrage nach der Währung beträchtlich dämpft. Wegen der eingeschränkten Konvertibilität des Renminbi sehen sich dessen Besitzer gezwungen – darunter Russland, das einen Großteil seines China-Handels in Renminbi abwickelt, seit es durch die US-Sanktionen aus dem Dollar-System gedrängt wurde –, kostspielige und meist zwielichtige Wege zu finden, den Renminbi in „Währungen unfreundlicher Staaten“ zu tauschen, wie die russische Zentralbank den US-Dollar und andere westliche Währungen nennt. Viele konventionelle Ökonom*innen und IWF-Vertreter*innen waren davon ausgegangen, dass sich das chinesische Finanzsystem nach der Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO) zunehmend öffnen werde. Sie übersahen jedoch, dass dessen Geschlossenheit keine rein ökonomische Frage ist, sondern eine politische Vorgabe, die im Wesen der KPCh-Herrschaft wurzelt. 

Entgegen westlicher Erwartungen entwickelte sich das chinesische Finanzsystem in die entgegengesetzte Richtung: Weil das Staatseigentum einen verfassungsrechtlich garantierten Vorrang besitzt, sind vermögende Chines*innen sehr auf die Sicherheit ihres Eigentums bedacht und sähen es lieber einer Rechtsordnung unterstellt, in der Privateigentum stärker abgesichert ist. Zielländer sind zumeist britische oder ehemals britische Territorien mit einer stabilen Verankerung des Common Law, wie etwa Hongkong, Singapur, die Cayman-Inseln und die USA. Dieser Drang zur Kapitalflucht nimmt zu, seit die chinesische Wirtschaft vor rund zehn Jahren in eine Krisenphase eintrat, deren Ende noch nicht absehbar ist. Dies hat die KPCh wiederum dazu bewegt, die Kapitalkontrollen zu verschärfen.

Die Renminbi-Offshore-Märkte, insbesondere der größte in Hongkong, sollten als Ausgangspunkt für die Internationalisierung dienen und ein frei handelbares Renminbi-Reservoir schaffen. Doch Beijing bremst deren Wachstum, weil man bei Zinssätzen und Bewertungen eine zunehmende Kluft zwischen Offshore- und Onshore-Renminbi fürchtet, die die Finanzmarktstabilität gefährden könnte. Die Offshore-Reserven belaufen sich gegenwärtig auf weniger als 0,5 Prozent der Onshore-Bestände. Zum Vergleich: Die Dollar-Bestände außerhalb der USA sind größer als jene im Land. 

Ein zunehmender Teil des chinesischen Außenhandels erfolgt inzwischen, begünstigt durch den wachsenden Handel mit Russland, in Renminbi und nicht mehr in US-Dollar. Da China jedoch mit den meisten seiner Handelspartner starke Überschüsse verzeichnet, hat dieser Zuwachs noch nicht zu einer wesentlichen Akkumulation von Offshore-Renminbi geführt. Wenn zwei nicht-chinesische Länder, beispielsweise Saudi-Arabien und Brasilien, ihre Handelsbeziehungen auf Renminbi umstellen wollten, wären sie sofort mit dem Problem einer Renminbi-Knappheit auf den Offshore-Märkten konfrontiert. Wollten sie die Transaktionen onshore in China abwickeln, fänden sie nur begrenzte Investitionsmöglichkeiten und stießen auf beachtliche Beschränkungen der Ausfuhr ihres Geldes.

Ein erheblicher Verfall der Dollar-Dominanz wäre wahrscheinlich schon eingetreten, wenn China seine Finanzwirtschaft stärker geöffnet und die Konvertibilität des Renminbi zugelassen hätte. Viele asiatische Volkswirtschaften, von denen einige im Rahmen der Neuen Seidenstraße von China abhängig sind, hätten mit der Aufnahme von Renminbi-notierten Krediten begonnen und durch die Verwendung des Renminbi als Handelswährung einen Prozess der Entdollarisierung eingeleitet. Dies hätte der Hegemonie des US-Dollars zumindest in der chinesischen Einflusssphäre ein Ende bereitet, wobei diese Sphäre in den letzten Jahren stark expandierte, während der geopolitische Einfluss der USA in Asien sank. 

Aktuell zeigt die weltweite US-Militärpräsenz, das langjährige Fundament ihrer Währungshegemonie, ernste Anzeichen von Schwäche, doch der KPCh-Parteistaat stützt, wenn auch unfreiwillig, die Dominanz des Dollars. Ohne tiefgreifende Reformen der Finanzwirtschaft in China wird sich an der derzeitigen Pattsituation wahrscheinlich nichts ändern und die Welt bleibt weiter im Dollar-System gefangen. Die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China mündet in eine Ironie der Geschichte: Der staatliche Zugriff auf die chinesische Wirtschaft ist zu einem Schlüsselfaktor für die Stabilität und Stärke der US-amerikanischen Großmacht geworden.

Deutsche Erstveröffentlichung des Textes „Staying Power“, der zuerst von der „New Left Review“ publiziert wurde. Die Zwischenüberschriften wurden redaktionell eingefügt. Übersetzung aus dem Englischen von Andreas G. Förster und Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective.

Weitere Inhalte zum Thema

Wie funktioniert das Petrodollar-System?

: Hintergrund 27.04.2026

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran legt die Verflechtungen zwischen Öl, US-Dollar und Wall…

Gerechte Energiewende in Senegal

: Policy Brief 05/2026

Politikwechsel statt Schuldenspirale

Zubetoniert?, 09 Oktober 2026

: Diskussion/Vortrag

Celle18:30 Uhr

Kosten, Schäden und Alternativen zur Zementproduktion