Nachricht | Nordafrika - International / Transnational Moses Hess zwischen Sozialismus und Zionismus

Anlässlich des 200. Geburtstages von Moses Hess veranstaltete das Israel-Büro der RLS eine internationale Konferenz (18.-20.3. in Jerusalem).

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Wer war Moses Hess? Und warum wurde dem Vorkämpfer des Sozialismus und zugleich des Zionismus ein dreitägiges Gedenken – überdies in Jerusalem – gewidmet, wahrscheinlich die erste internationale wissenschaftliche Konferenz, die sich mit Leben und Werk des Philosophen und Publizisten beschäftigte?

Moses Hess, geboren am 21. Januar 1812 in Bonn, wuchs in einer jüdischen Unternehmerfamilie auf. Besonders beeinflussten ihn zunächst der Großvater und dessen Talmudunterricht. Der Vater wollte, dass er in das Familienunternehmen einsteige. Moses jedoch hatte andere Ambitionen. Ihn interessierten die Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung und der Religion. Er schrieb sich an der Bonner Universität ein und beschäftigte sich zudem autodidaktisch mit Fragen der Gesellschaftsanalyse und der Geistesgeschichte. Seine frühen Schriften erschienen in fortschrittlichen Publikationsorganen – in der Rheinischen Zeitung, den Deutsch-Französischen Jahrbüchern, den Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz u. a. Dem engen Kontakt mit Junghegelianern – unter anderem Ruge, Börne und Heine - wie auch der Freundschaft und Zusammenarbeit mit Karl Marx und Friedrich Engels entsprang die vielseitige Beschäftigung mit dem Sozialismus.

Marx und Engels deuteten im Kommunistischen Manifest und in anderen frühen Verlautbarungen den gesellschaftlichen Progress als Geschichte von Klassenkämpfen, deren Grundtendenz sich auf den Sozialismus und Kommunismus richte. Die Objektivität, Gesetzmäßigkeit und Widersprüchlichkeit der Geschichtsverläufe waren wesentliche Elemente ihrer Sicht auf die Gesellschaft, zusammengefasst zum umfassenden Konzept des dialektischen und historischen Materialismus bzw. zu dem, was den Marx‘schen Sozialismus ausmacht. Mit anderen Sozialismusvorstellungen gingen sie hart ins Gericht, so auch mit dem „Wahren Sozialismus“, der die angestrebte gerechte Gesellschaft ethisch begründete. Auch wenn Hess als Person nicht ausdrücklich benannt wurde, zielten die harschen Polemiken eindeutig auf ihn. Die Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Wegbereitern des Sozialismus wurden durch die Ideenkontroversen stark belastet. Dennoch bekannte sich Hess Zeit seines Lebens zum Sozialismus und Kommunismus, arbeitete er aktiv in der Internationalen Arbeiterassoziation mit bzw. trug er wesentlich zur Verbreitung der Lehre von Marx bei.

Das Engagement für die sozialistische Theorie, Gesellschaft und Bewegung hielt Hess nicht davon ab, sich zu seiner jüdischen Herkunft zu bekennen und wesentliche Elemente jüdischen Selbstverständnisses in die publizistische Wirksamkeit einzubringen. Sein Buch „Rom und Jerusalem“ weist ihn als Vorläufer, vielleicht sogar als „geistigen Vater“, des Zionismus aus. Theodor Herzl zumindest lobte Hess in hohen Tönen; er, Herzl, hätte sein Grundwerk („Der Judenstaat“) nicht geschrieben bzw. veröffentlicht, wenn ihm 1896 „Rom und Jerusalem“ bekannt gewesen wäre. Dem Kompliment an den Älteren widerspricht nicht, dass sich die Zionismus-Vorstellungen von Hess und Herzl in vielen Fragen unterscheiden bzw. einander widersprechen. 

Die Ironie des Schicksals wollte es, dass sowohl Hess’ sozialistische Ambitionen als auch seine (vor)zionistischen Ideen recht bald der Vergessenheit anheim fielen (auch später in Israel). Andere Vordenker und „Macher“ sowohl des Sozialismus als auch des Zionismus – Marx, Engels, Herzl - schoben sich in den Vordergrund und gingen als „Gründerväter“ in die Geschichte ein.

Das Spannungsfeld, in dem Moses Hess sich bewegte, abzuklopfen und aktuelle Bezüge aufzuzeigen, war Gegenstand der ideenreichen, gut organisierten und viel beachteten Konferenz in Jerusalem. Veranstaltet wurde sie in enger Kooperation zwischen dem Leo Baeck Institut Jerusalem, dem Israel-Büro der Rosa Luxemburg Stiftung und dem Martin-Buber-Lehrstuhl für Jüdische Religionsphilosophie der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt a. M. sowie dem Zentrum für Deutsch-Jüdische Studien der Universität Sussex.

Selbst eine knappe Zusammenschau der Themenkreise, Fragestellungen und Dispute auf der Konferenz weist aus, wie breit und anspruchsvoll der historische und ideengeschichtliche Rahmen gespannt war. Im Eröffnungsvortrag am 18. März ordnete Shlomo Avineri, weit über Israel hinaus bekannter Politologe und fundierter Hesskenner, zunächst das Wirken von Moses Hess in dessen Zeitumstände ein. Zugleich spannte er den Bogen von der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gegenwart. Höchst sensibel sprach er das Streben nach Befreiung und Selbstbestimmung an bzw. benannte er jüdische Sozialismustraditionen. Hess wurde von ihm als sozialistischer Demokrat gewürdigt, der die universalistischen Wurzeln des Sozialismus in der jüdischen Tradition gefunden zu haben meinte. Selbst für das friedfertige Zusammenleben von Juden und Arabern habe Hess ideelle Anstöße geliefert.

An den beiden nachfolgenden Konferenztagen näherten sich 19 Referentinnen und Referenten von unterschiedlichen Seiten Moses Hess an - sei es über Spinoza und andere Quellen jüdischen Denkens, über Nationalismus und Sozialismus oder über Karl Marx und andere Hess beeinflussende zeitgenössische Persönlichkeiten. Den Einfluss Spinozas auf das Schaffen von Moses Hess thematisierten vor allem Willi Goetschel (Toronto / Göttingen) und Tracie Matysik (Austin). Ihnen ging es insbesondere um die Theorie-Praxis-Dialektik, aber auch um die Freundschaft zwischen Hess und Berthold Auerbach, der viel zu Hess’ Begeisterung für Spinoza beigetragen hatte.

Ein zweiter Themenblock widmete sich dem „Verhältnis von Hess und Marx“. David McLellan (Kent) und Michael Kuur Sørensen (Odense) widerspiegelten die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen beiden Sozialismustheoretikern in den 1840er Jahren – vor Erscheinen des „Kommunistischen Manifests“. Sie würdigten auch die Mitarbeit von Hess an der „Deutschen Ideologie“. Ausführlich wurde die Kategorie „Verkehr“ erläutert, eine Quelle des ideellen Konflikts zwischen Hess und Marx.

Bedeutsam für die politische und geistige Orientierung Moses Hess waren dessen Aufenthalt in Paris, der Einfluss der französischen Intelligenzia und die Begegnung bzw. die spätere Auseinandersetzung mit frühen sozialistischen und zionistischen Denkern. Zum Thema sprachen auf der Konferenz Silvia Richter (Heidelberg) und Mark H. Gelber (Beer Sheva). Ein viertes Panel war Hess’ Schrift „Über das Geldwesen“ gewidmet. Adam Sutcliffe (London) und Sharon Gordon (Jerusalem) lieferten die entsprechende Diskussionsgrundlage. Ihnen schlossen sich Beiträge von Ofri Ilani (Tel Aviv) und Ron Margolin (Tel Aviv) über die universelle Mission der Juden bzw. des jüdischen Humanismus an, dargestellt u. a. anhand Hess’ „Die heilige Geschichte der Menschheit“.

Gleich zwei Panel beschäftigten sich mit einem der zentralen Werke von Moses Hess, „Rom und Jerusalem“. Sein Erscheinen vor genau 150 Jahren war immerhin wesentlicher Anlass für das Zustandekommen der Jerusalemer Konferenz. Stichwörter der ausführlichen Erörterung waren Nationalismus, Religion, Identität und Selbstbestimmung. In den Beträgen von Iveta Leitane (Riga), Lorenzo Santoro (Rende), Kenneth Koltun-Fromm (Haverford) und Michael K. Silber (Jerusalem) wie auch in den zupackenden Diskussionen wurden von den großen Perspektiven der Geschichte abgeleitete Begriffsinhalte im Denken von Moses Hess erörtert, z. B. sein Verständnis von „Rasse“, seine Vorstellung vom jüdischen Volk oder die Einflüsse Giuseppe Mazzinis auf Hess’ Nationalstaatsgedanken.

Das achte Panel konzentrierte sich auf den jüdischen Messianismus. Dem dienten die Gedankenführung von George Y. Kohler (Beer Sheva) über die Dispute zwischen Moses Hess und Leopold Löw, von Christian Wiese (Frankfurt a. M.) über das Verhältnis von Judentum und Christentum im Denken von Hess und Samuel Hirsch sowie der Beitrag von Mirjam Thulin (Frankfurt a. M.) über Berührungspunkte bei Hess und Heinrich Graetz hinsichtlich Wissenschaft, Geschichte und jüdischer Nation.

Der in die Geisteswelt und in die ideellen Kontroversen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führende vorletzte Themenblock widmete sich aktuellen Sichten und Wertungen, insbesondere in osteuropäischen Staaten, auf Moses Hess. Moshe Zuckermann (Tel Aviv) referierte über Georg Lukacs Sicht auf Hess und deutete sie als materialistische Kritik am Idealismus. Ihm schloss sich Mario Kessler (Potsdam /  New York) mit einer kritischen Analyse des marxistischen Diskurses über Hess nach 1945 an. Aufbauend auf die Habilitationsschrift von Auguste Cornu (1934) sei zu Beginn der 1960er Jahre in den osteuropäischen Staaten damit begonnen worden, die Werke von Hess neu zu editieren. Dabei habe die Kritik am „Wahren Sozialismus“ jedoch überdimensional dominiert. Differenziertere Einschätzungen über Hess habe es erst ab Ende der 1970er Jahre (Bruno Frei u. a.) gegeben.

In der kontroversen abschließenden Disputation zwischen Shlomo Avineri (Jerusalem), David McLellan (Kent) und Moshe Zuckermann (Tel Aviv) über die Dialektik von Sozialismus und Nationalismus wurden insbesondere die von Hess ausgehenden Impulse und aktuellen Bezüge in den Mittelpunkt gerückt. Benannt wurden Wandlungen im Zionismus, der immer stärker religiöse Züge annehme und in eine Sackgasse geraten sei. Das Nationale spiele nach wie vor eine bedeutende Rolle. Das gäbe Hess Recht, der dem Sozialen (Klassenkampf, soziale Proteste) und dem Nationalen gleichermaßen Bedeutung zusprach. Nationale Interessen seien z. B. im aktuellen Konflikt sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite zu akzeptieren bzw. zu respektieren. Gleichzeitig dürften die vom übersteigerten Nationalismus ausgehenden Gefahren jedoch nicht unterschätzt werden.

Mit der Jerusalemer Hess-Konferenz, so bestätigten die Teilnehmer einhellig, sei ein achtenswerter Beitrag zur Ideengeschichte der Junghegelianer wie auch zur Herausbildung von Marxismus und Zionismus geleistet worden. Hess wurde als bedeutender Vorläufer beider Geistesströmungen und als kreativer Denker gewertet. In seinen Schriften habe er sozialen Protest, sozialistische Bewegung und nationales Engagement gleichberechtigt und durchaus aktuell miteinander verknüpft. Damit bestätigte die Konferenz auf der Grundlage neuer Forschungserkenntnisse den Stellenwert von Moses Hess in den Debatten über Nationalismus, Internationalismus und frühen Zionismus. Es wurde beschlossen, die Konferenzbeiträge einem internationalen Interessentenkreis zur Verfügung zu stellen.

Ein Nachtrag: Die Konferenz war von einer Reihe informativer Veranstaltungen begleitet, mittels derer Moses Hess den Teilnehmern als Mensch und produktiv schaffender Wissenschaftler näher gebracht wurde. Dazu gehörten eine Ausstellung der Jüdischen Nationalbibliothek mit originalen Briefen und Publikationen von Hess sowie eine Lesung mit (ins Hebräische übersetzten) Hess-Texten, dargeboten durch einen israelischen Künstler (Illi Gorlitzky). Zum emotionalen Auftakt der Konferenz gerieten der Besuch des ältesten Kibbutz des Landes (Dagania A) und das Gedenken am Grabe von Moses Hess, beide Plätze am südlichen Ufer des Sees Genezareth (Kinneret) gelegen. Dazu eine Marginalie: Obwohl der Grabstein den (hebräischen) Hinweis enthält, dass hier der „Begründer der deutschen Sozialdemokratie“ seine letzte Ruhestätte gefunden habe, ließ das Grab am 200. Geburtstag des Philosophen – am 21. Januar 2012 -, aber auch zwei Monate später, kaum ein gesondertes deutsches oder israelisches Interesse erkennen. Immerhin zählten zu den wenigen achtungsvollen Bekundungen auf der Grabplatte ein Gedenkstein des linken deutschen Politikers Gregor Gysi, seiner ausdrücklichen Bitte folgend niedergelegt am 21. Januar, und ein entsprechendes ehrendes Gedenkzeichen der Rosa Luxemburg Stiftung.

(Bericht: Angelika Timm, Hella Hertzfeldt)