Zum Hauptinhalt springen

Kolumne , : Das unerträgliche Grau

In Gaza ist Grau nicht nur die Farbe der Trümmer, sondern des Lebens. Von Ali Abu Yassin

Wichtige Fakten

Details

Neue Unterkunft aus Holz im Al-Shati Flüchtlingslager, inmitten von zerstörten Gebäuden Gaza-Streifen, 11. Mai 2026
„Wir werden hier auf den Ruinen bleiben, denn außerhalb von Gaza gibt es für uns kein Leben.“ Eine provisorische Holzunterkunft, die der 38-jährige Alaa Jouda für seine Familie errichtet hat, steht auf den Trümmern seines zerstörten Hauses im Flüchtlingslager Al-Shati westlich von Gaza-Stadt., 11. Mai 2026, Foto: Yousef Zaanoun/Activestills

Plötzlich flog unser Haus ohne Vorwarnung in den Himmel, dann krachte es auf die Erde. Auf allen Seiten des Hauses fielen Steine und Trümmer des Appartements herunter, das man bereits zu einem früheren Zeitpunkt des Krieges beschossen hatte. Keine hundertfünfzig Meter trennten mein Haus von dem Viertel, das bombardiert und von der Landkarte gelöscht worden war. Eine schwarze Wolke legte sich über den Ort, und ein neues Gefühl schlich sich in unsere Herzen, ein anderes als früher, wenn wir Bomben hörten oder das Haus erbebte. Diesmal wurden wir von Ekel ergriffen, vermischt mit Wut, Langeweile und Gleichgültigkeit über die Rückkehr des Krieges. Alles in Gaza sagt zu dir, dass der Krieg, im Gegensatz zu den Meldungen in den Medien, keineswegs zu Ende ist: Denn noch immer nagen Groß und Klein am Hungertuch, noch immer sind die Grundvoraussetzungen des Lebens nicht gegeben, und es wird erneut bombardiert, als befänden wir uns am Anfang des Krieges.

Wir haben keine Kraft und keine Geduld mehr für all diesen Ekel und das Spiel mit unseren Gefühlen, das die Mehrheit der Staaten mit uns spielt, insbesondere die Vereinigten Staaten, Israel und ihre Verbündeten. Es kommt mir vor, als seien alle Konferenzen und Pläne bezüglich des Wiederaufbaus und die Ankündigungen, die Gazas wundervolle Zukunft betreffen, nicht mehr als eine Beruhigungsspritze, auf dass sie die größten strategischen Planungen umsetzen können, die sie beabsichtigen, selbst wenn es noch einige Zeit dauern wird: Denn keiner verliert etwas und keiner wälzt sich auf der Glut der Armut, der Angst und der Obdachlosigkeit außer den Menschen von Gaza.

Oft ist mir deutlich geworden, dass die Besatzung uns nicht als Menschen behandelt, ja, nicht einmal als Tiere. Denn außerhalb von Gaza haben Tiere einen Ort, an dem sie Zuflucht, Fressen und Trinken finden, eine Behandlung und Sicherheit, während uns in Gaza all das nicht zur Verfügung steht. Einmal habe ich in Österreich eine Freundin mit einem Hund besucht, und mir fiel auf, wie intensiv sie sich um diesen Hund kümmerte. Ich begleitete sie zu einem Geschäft für Hundenahrung, wo sie kostspielige Dinge für ihn kaufte. Und das immer wieder. Einmal fragte ich sie: „Wie hoch sind die Kosten für diesen Hund im Monat?“ „Tausend Euro.“ Ich schwieg. Sie sah mich an und fragte: „Warum schweigst du?“ Ich sagte: „Egal.“ Ich wollte ihr nicht erzählen, dass man in Gaza nur sehr selten jemanden findet, dem im Monat tausend Euro zur Verfügung stehen. Sie verstand mein Schweigen, meine Blicke und meine Gedanken und setzte hinzu: „Weißt du, Ali, ich hatte früher sogar drei Hunde, die mich dreimal so viel gekostet haben. Aber zwei habe ich meinen Töchtern geschenkt.“ Das war im Jahr 2005, zu einer Zeit, als dieser Betrag in Gaza dem Gehalt eines gut dotierten Angestellten gleichkam.

Ich bin in viele Länder der Welt gereist, aber Gaza und seine Menschen trug ich immer bei mir. Nun warte ich sehnsüchtig darauf, dass sich die Lage hier ändert und wir, wie die anderen Erdenbewohner, in Sicherheit und Würde leben, dass wir unsere und die Zukunft unserer Kinder für die nächsten Jahre planen können. Aber wegen dieser aufeinanderfolgenden Kriege und Aufstände können wir nicht einmal den nächsten Tag planen. Wir leben ein ganzes Leben lang in einem Provisorium, hängen zwischen Leben und Tod, zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Seit zwanzig Jahren leben wir in Gaza unter Belagerung und sehen die Welt nur auf den Fernsehbildschirmen. Früher verfolgten wir Filme, Serien und Lieder, die letzten Modetrends, Michel Jackson, Titanic und die Fußball-Weltmeisterschaft und haben mit diesen Stars und Geschichten geträumt. Aber mit der enormen Entwicklung der sozialen Medien auf verschiedenen Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok siehst du jetzt die ganze Welt direkt in deinen Händen.

Du kannst auch mit der Google-App durch die Straßen von Berlin oder Las Vegas oder über die Champs-Élysées in Paris wandern, den Abend im Fishawi-Café in Kairo verbringen, du kannst die Verkäufer in der Fatih-Straße in Istanbul und die Boote in Venedig und Amsterdam sehen. Die ganze Welt liegt in deiner Hand. Aber was für die ganze Welt vielleicht nützlich sein mag, treibt die Menschen in Gaza, die das Gift des Lebens noch immer Tropfen für Tropfen einnehmen, in Verzweiflung und Elend, denn weder sterben sie noch sind sie am Leben. Und das Schlimmste ist, wenn der Mensch in einem Zwischenbereich festhängt, oder, wie es der große Dichter Nizar Qabbani ausdrückte: „Zwischen Paradies und Hölle“.

Warten ist ein schwieriger Zustand, selbst in seiner banalsten Variante. Stehst du beispielsweise in einer Schlange, meinst du zu ersticken, hast das Gefühl, Gefangener dieses Augenblicks zu sein, ohne zu wissen, warum. Obwohl es eigentlich ganz einfach ist: Du stehst nur, und sei es in einer Schlange in einer Bank, um einen Geldbetrag zu erhalten. Und obwohl du infolge deines Stehens am Ende Geld bekommst, hast du das Gefühl, die Sekunden gingen so langsam vorbei wie Stunden. Wie mag es dann wohl sein, wenn du dein ganzes Leben lang stehen musst? Und am Ende der Schlange erwarten dich jedes Mal nur Tod, Bomben, eine Blockade und eine schlimmere Lage als zuvor.

Wir haben keine Kraft und keine Geduld mehr für all diesen Ekel und das Spiel mit unseren Gefühlen, das die Mehrheit der Staaten mit uns spielt, insbesondere die Vereinigten Staaten, Israel und ihre Verbündeten. 

In dem Augenblick, als unser Haus in den Himmel stieg und das Viertel erbebte, begriff ich, dass wir in eine neue Phase der Eskalation des Krieges eingetreten waren, und dies in aller Stille und ohne viel Aufhebens. Das war vor einer Woche. Vorgestern näherten sich die Bombeneinschläge unserem Haus noch mehr, sie waren kaum dreißig Meter entfernt, denn vor dem Lebensmittelladen, in dem wir einzukaufen pflegen, fielen die Bomben. Es entstand ein Geräusch, von dem ich den Eindruck hatte, es komme aus unserer Wohnung; noch immer fallen Steine herunter, und jedes Mal überleben die Kinder wie durch ein Wunder. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Haus mit mir spricht und fragt: „Was habe ich denn getan, dass ich bombardiert werde?“

Wir liefen hinaus, dorthin, wo die Bomben niedergegangen waren, um den Verletzten zu helfen. Der erste Mensch, den ich sah und der aufgrund einer Kopfverletzung blutüberströmt war, war der Friseur des Viertels, dessen Friseursalon aus einem kleinen Zelt bestand, mit zwei Plastikstühlen und einem großen Stuhl für den Kunden sowie einem kleinen Spiegel. Khalids Träume waren ganz klein gewesen: Er wollte nur für sich und seine Kinder sein tägliches Brot verdienen. Wie sehr war er von Freude überwältigt gewesen, als er auf die Zeltwand „Salon Khaled – Modernste internationale Haarschnitte“ geschrieben hatte. 

Das Wort „international“ wird von den Ladenbesitzern in Gaza übrigens sehr oft verwendet. Der Schuhverkäufer schreibt beispielsweise: „Modernste internationale Marken“, und der Falafel-Verkäufer verkauft „internationale Sandwiches“. Selbst der Popcorn-Verkäufer nennt sein Popcorn „international“. Es ist, als wollten die Menschen eine Botschaft an die Welt senden: Wir sind ein Teil von euch, wir leben in Gaza nicht isoliert auf einer Insel außerhalb der Welt. Wir gehören zur Welt, also schaut auf uns, seht uns. Wir stehen vor euch, und wir haben zwei Hände und einen Kopf. Und wisst ihr, dass dieser Kopf denken und kreativ sein kann, dass er etwas von Mode, Fußball und den Regeln der Etikette versteht, und dass er manchmal singt und tanzt?

Nach allem, was in Gaza bis heute geschieht, kann mir keiner erzählen, die Welt nehme zur Kenntnis, dass hier Menschen lebten. Niemand ist hier in Sicherheit, der Tod bedroht alle in Gaza in jeder Sekunde. Die Menschen sterben aus purem Zufall; am Leben zu bleiben, ist reine Glückssache. Manchmal versuchen wir, die Zukunft zu planen – ich meine die Zukunft in zwei oder drei Monaten –, aber wenn der Tod an deine Wohnungstür klopft, dann wird das Leben zur Absurdität, und die einzige Wahrheit heißt nur noch Tod.

Mehrere Menschen sind in ihren Autos gestorben, blutüberströmt. Unter ihnen waren Kinder, die sich in diesem Augenblick womöglich auf dem Weg zum Strand befanden, vielleicht hatten ihre Eltern sie auch mitgenommen, um ihnen neue Kleider zu kaufen, denn wir standen kurz vor dem Opferfest. Keiner aus der Gegend hat überlebt, egal, ob er vor seinem Laden gesessen hatte oder in seinem Haus oder ob er durch die Straße gelaufen war: Alle sind potenzielle Todesopfer und warten auf diesen Zufall.

Derzeit geschieht in Gaza aber etwas, was schlimmer ist als der Tod. Ich kann dieses Grau nicht mehr ertragen, das uns seit Kriegsbeginn umgibt. Es ist zum Himmel geworden, der alles in Gaza bedeckt. Nicht allein die Farbe der Trümmer ist grau, sondern das Leben selbst ist grau geworden. Sogar in die Gefühle und Emotionen haben wir kein großes Vertrauen mehr, seit sie sich grau färbten.

Ich glaube, dass Psychologen, Militärs, Politiker und Wissenschaftler das, was in Gaza passiert, steuern, damit die Umwelt für die Bevölkerung abweisend wird. Sie versuchen alles, um das zu erreichen. So ist es auch mit der enormen Ausbreitung von Mäusen und Ratten in Gaza: Man könnte meinen, jemand habe sie hineingeworfen oder dazu angetrieben, sich in Häusern und Zelten auszubreiten, um dem Wahnsinn noch einen weiteren Wahnsinn hinzuzufügen. Kein Bewohner von Gaza kann wegen der Verbreitung der Nager mehr eine Tür oder ein Fenster öffnen. Ganz abgesehen von den Geräuschen, die sie verursachen, und ihrem unerträglichen Geschrei mitten in der Nacht. Als würde es uns hier an Geräuschen fehlen! Reichen die Drohnen und Raketen und das Schreien der Trauernden nicht aus, dass man noch das von den Ratten verursachte Geräusch hinzufügen musste?

Die Menschen unterdrücken ihre Wut mit ihrem Unglück und sind sich all der Pläne bewusst, mit denen sie seit Jahrzehnten zu kämpfen haben. Tatsache aber ist, dass die Menschen von Gaza ihr Gaza trotz Zerstörung, Müll und Ratten mehr lieben als alles andere auf der Welt. Sie haben kein anderes Zuhause als dieses, und so sehr man früher versuchte, die Menschen zu vertreiben und sie dazu zu bringen, den Gazastreifen zu verlassen, so sehr klammern sie sich doch weiter an ihre Häuser und werden trotz Tod, Bomben und Zerstörung nicht weggehen, selbst wenn ganze Dörfer und Städte dem Erdboden gleichgemacht werden wie Beit Hanun, Beit Lahia, Rafah, Khan Yunis und Dschabalia.

In Gaza gibt es ein Geheimnis: Wer in Gazas Gassen und an seinem Meeresstrand aufgewachsen ist, wer durch den Zawiya-Suk, die Fahmi-Bek-Straße und die Barquq-Zitadelle gelaufen und durch die alten zauberhaften Läden flaniert ist und wer am Strand von Rafah gelegen hat, der kann Gaza nicht verlassen. Aber selbst wenn er Gaza verließe, würde Gaza ihn nicht verlassen.

Meine Freunde wunderten sich stets über meine starke Liebe zu Gaza und fragten mich, warum ich nicht in Erwägung ziehe, mich in irgendeinem europäischen Land niederzulassen, wo ich doch so viel gereist sei. „Ich liebe Gaza und seine Menschen“, antwortete ich. „Und wisst ihr, was? Sollte Gott es mir bestimmt haben, ins Paradies zu kommen, dann werde ich ihn bitten, mich nach Gaza zurückzubringen.“ Auch wenn sie uns weiter bombardieren und auch noch den Rest zerstören und Gaza mit Ratten und reißenden Bestien bevölkern: Wir werden hier auf den Ruinen bleiben, denn außerhalb von Gaza gibt es für uns kein Leben.
 

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Das könnte Sie auch interessieren

Leben in Gaza

: Kolumne

In dieser Kolumne schreibt Ali Abu Yassin sehr persönlich über das Leben in Gaza

Weitere Inhalte zum Thema

Die Krise der Ernährungssouveränität im Gazastreifen

: Analyse 17.07.2026

Während der Gazastreifen von einer Hungersnot heimgesucht wird und die Menschen nach Essbarem…

Die Kampagne gegen das UNRWA und das palästinensische Rückkehrrecht in…

: Studien 07/2026

Israel-nahe Akteur*innen, Narrative und ihre politische Resonanz

Gaza: Augenzeug*innen (2025), 13 August 2026

: Film

Berlin20:00 Uhr

Ein Filmprojekt palästinensischer Künstler*innen, basierend auf Zeug*innenaussagen aus Gaza