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Analyse , : „Finanzierung ist die größte Herausforderung in der Hitzehilfe“

Hitze ist für besonders gefährdete Gruppen gefährlich - Gelder für Anpassungsmaßnahmen jedoch gibt es bisher kaum

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Eine Wärmebildkarte von Berlin
Die Karte des DLR zeigt den Wärmeunterschied zwischen bebauten und unbebauten Flächen in Berlin in den Sommermonaten in Berlin. CC BY-NC-ND 3.0, DLR

Der Sommer hat gerade erst begonnen, und die erste Hitzewelle bricht schon alle Rekorde. Hitze betrifft alle – besonders gefährlich ist sie allerdings für gefährdete Gruppen, wie alte und kranke Menschen, Kinder oder Obdachlose. Leonie Große-Allermann, bei der Berliner Stadtmission zuständig für Klimaanpassung, berichtet im Gespräch über die Herausforderungen der Hitzewelle für soziale Einrichtungen, Hitzeschutzpläne und eingestellte Förderprogramme.

Frau Große-Allermann, Sie arbeiten zum Thema Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen – wie haben Sie die Hitzewelle diesen Sommer erlebt?

Heute morgen hat eine Arbeitskollegin gesagt: Je mehr man weiß, desto mehr betrifft einen das. Das geht mir auch so: Je mehr ich weiß, was macht Hitze mit dem Körper, was macht Hitze mit den Menschen, desto mehr betrifft mich das auch persönlich. Ich bekomme das natürlich auch über unsere Hilfsangebote mit: Solche Hitzewellen sind eine extreme Belastung, für die betroffenen Menschen und für unsere Mitarbeiter*innen.

Richtet sich ihre Arbeit denn vor allem an die Angestellten? Oder geht es um den Schutz besonders gefährdeter Gruppen?

Um beides. Das Thema Hitzeschutz ist in gewissem Sinn immer zweigeteilt: zum einen geht es darum, besonders verletzliche Personen zu schützen. Und zum anderen um Arbeitsschutz. Das hängt natürlich auch zusammen: Die Menschen in sozialen Einrichtungen werden ja von anderen Menschen betreut, gepflegt oder unterstützt. Und diese können ihre Arbeit nur gut machen, wenn sie selbst nicht belastet sind. Der Arbeitsschutz macht da eine recht strikte Trennung, aber ich finde, das lässt sich nur zusammen angehen.

Solche Temperaturen wie in diesem Jahr hat es in Deutschland bisher noch nie gegeben.

Die Hitze in diesem Jahr war besonders heftig. Aber tatsächlich ist das für uns kein neues Thema. Der Umgang mit Hitze, das beschäftigt uns in sozialen Einrichtungen schon seit ein paar Jahre. Es ist schon länger klar: Das ist ein Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Was unternimmt die Berliner Stadtmission konkret im Bereich Hitzeschutz?

Das sind sehr verschiedene Maßnahmen. Was wir seit vielen Jahren im Kontext Obdach- und Wohnungslosenhilfe machen, ist die Hitzehilfe – also wie die Kältehilfe im Winter, nur umgekehrt im Sommer. Da geht es um Sachmittel wie Trinkwasser oder Sonnencreme, die an verschiedenen Stellen und in bestimmten Einrichtungen ausgegeben werden, oder um das Angebot kühler Orte. In der Notübernachtung an der Frankfurter Allee zum Beispiel, da gibt es das Projekt Cool Weekend. Dort gibt es einen beschatteten Außenbereich, in dem es Essen, Trinken und einen Platz zum Ausruhen gibt. Die Kältebusse sind auch zwei Jahre lang im Sommer als Hitzebusse gefahren, aber das ist jetzt eingestellt.

Warum?

Das hat sich als logistisch zu schwierig erwiesen – im Winter fahren die Kältebusse nachts auf leeren Straßen und sie wissen genau, wo sie hinmüssen. Die Hitzebusse hingegen sind mitten am Tag durch den Verkehr gekrochen und kamen nur schwer dorthin, wo sie tatsächlich gebraucht wurden.

Gibt es da eine Verschiebung – weniger Hilfe im Winter, dafür jetzt mehr im Sommer?

Es ist nicht so, dass das eine das andere ersetzt, der Hitzeschutz kommt als neue Aufgabe dazu. Klar, die Kälte- oder Eistage verändern sich, und insgesamt wird es wärmer. Aber man hat auch diesen Winter gesehen, dass das nicht bedeutet, dass es nicht mehr kalt ist – es war ein extrem kalter, frostiger Winter. Und auch nicht ganz so kalte, aber dafür nasse Nächte sind ein großes Problem, weil Nässe im Winter sehr gefährlich ist: Alles ist nass, das Immunsystem ist geschwächt. Und für Menschen, die auf der Straße leben, ist Hitze ist oft sogar gefährlicher als Kälte, weil es nicht so viele Ausweichmöglichkeiten gibt. Im Winter gibt es ein etabliertes Netz von Räumen wie Notübernachtungen. Aber es gibt viel zu wenig Rückzugsorte im Sommer, wo Menschen sich bei Hitze abkühlen können.

Auf der Karte mit kühlen Orten, die die Stadtverwaltung online zur Verfügung stellt, finden sich nur wenige Einträge – und manche kosten Eintritt.

Es braucht auf jeden Fall Räume, die kühl und allen Menschen zugänglich sind. Die Kirchen machen da teilweise mit, indem sie ihre großen alten Kirchengebäude öffnen, die ja ohne Klimaanlage kühl sind. Aber wenn diese nur über weite Wege erreichbar sind, bringt das natürlich nicht viel. Da muss noch viel passieren, auch in der Stadtentwicklung. Es braucht ein Netz kühler Orte, Verschattung, Entsiegelung – das sind Themen, die man nicht alleine als Einrichtung oder Träger lösen kann.

Sind Obdachlose denn die Gruppe, die am meisten von Hitzewellen betroffen ist?

Das lässt sich nicht so in eine Rangfolge bringen. Die Liste von Personen, die durch Hitze besonders betroffen ist, ist lang. Unterscheiden lässt sich das in Personen, die Hitze besonders ausgesetzt sind und in Personen, die sich nur eingeschränkt anpassen können. Zur ersten Gruppe zählen natürlich obdachlose Menschen oder Menschen, die im Freien arbeiten. Zur zweiten Gruppe gehören zum Beispiel Kinder, vor allem jüngere Kinder, alte Menschen und Menschen mit Behinderungen, die besonders durch Hitze gefährdet sind. Oft kommen aber mehrere Faktoren zusammen. Zum Beispiel bei alten, pflegebedürftigen Menschen, die vorerkrankt sind, Unterstützungsbedarf benötigen und zugleich nicht mobil sind. Oder Menschen mit Suchterkrankungen, die bei obdachlosen Menschen oft vorliegen. Auch Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, haben weniger Spielraum, sich anzupassen und Maßnahmen zum Hitzeschutz zu ergreifen.

Wie passen sich Einrichtungen wie Pflegeheime an die neuen Herausforderungen an?

Als ich meine Arbeit aufgenommen habe, habe ich eine Bestandsaufnahme gemacht, um zu wissen: Was gibt es denn schon? Und tatsächlich wird vieles auch schon gemacht, oft auch ganz intuitiv, gerade in der Betreuungs- und Pflegepraxis. Zum Beispiel wird darauf geachtet, dass Menschen genug trinken, dass Trinkwasser bereit steht, es Abkühlungsmöglichkeiten gibt. Was ich jetzt mache, ist viel Sensibilisierungsarbeit, Infomaterial zusammenstellen, neu aufarbeiten, zur Verfügung stellen. Also das bündeln, was es schon gibt und Anregungen und Hilfestellung geben. Zum Beispiel: Wie erstelle ich einen Hitzeplan für meine Einrichtung?

Haben denn viele Einrichtungen bereits einen solchen Notfallplan für Hitze?

Das steht noch ziemlich am Anfang. Viele einzelne Aspekte sind schon in den normalen Abläufen enthalten, und manchmal auch in Krisenkonzepten. Aber ein wirkliches Hitzeschutzkonzept oder einen Hitzeplan, das haben bisher die wenigsten Einrichtungen.

Wie würde ein solcher Hitzeschutzplan aussehen?

Im Grund geht es um einen Plan, der festlegt, was bei Hitze konkret passiert: Wer ist verantwortlich, wen zu warnen, wie wird das im Team kommuniziert? Wann werden welche Maßnahmen ergriffen – was machen wir vor dem Sommer, was machen wir in der Sommerzeit und was machen wir ganz konkret, wenn der Deutsche Wetterdienst Warnstufe 1 oder 2 ausruft? Also eine Liste von Maßnahmen mit festgelegten Verantwortlichkeiten und Informationen, die wichtig sein können. Vieles wird bereits gemacht, aber der Plan schreibt das nochmal übersichtlich und sortiert fest, so dass es auch evaluiert und weitergegeben werden kann. Und er ist natürlich auch eine Gelegenheit, sich nochmal über die möglichen Auswirkungen von Hitze Gedanken zu machen. Ich weiß von einer Einrichtung bei uns, die jetzt aktiv einen solchen Plan erstellt hat, und da sind sehr viele Überlegungen eingeflossen: Worauf muss man achten, wenn Personen von der Hitze draußen in einen klimatisierten Raum kommen? Müssen wir Medikamente anpassen im Sommer, weil die bei Hitze anders wirken? Wann beziehen wir Ehrenamtliche mit ein, wann informieren wir Angehörige?

Was sind die Hauptprobleme für Angestellte?

Da gibt es zwei Punkte: Zum einen die körperliche Belastung, vor allem im Bereich Pflege, aber auch in der aufsuchenden Sozialhilfe. Wir haben ja Seniorenzentren, aber auch viel aufsuchende Hilfe, bei der vor allem obdachlose Menschen im Stadtraum aufgesucht werden. Pflegeberufe sind ja körperlich belastende Berufe, und diese Belastung ist bei Hitze natürlich noch größer. Zum anderen ist hier der Betreuungsaufwand höher: Es muss mehr darauf geachtet werden, dass genug getrunken wird, vielleicht muss eine Person öfter gewaschen werden. Hitzewellen fallen oft auch in die Zeit, in der mehr Mitarbeiter*innen im Urlaub sind, dann fällt ohnehin mehr Arbeit an. Und dann gibt es das Problem, dass man bei Hitze weniger konzentriert, weniger leistungsfähig ist – das merken wir selbst an uns und das haben ja auch Studien sehr deutlich gezeigt, wie aktuell die Studie von Prognos, die zeigt, welch hohe Kosten durch einen Hitzetag entstehen.

Wie können Einrichtungen damit umgehen?

Sie können kleinere organisatorische Maßnahmen ergreifen: Getränke bereitstellen, Ventilatoren aufstellen. Arbeitszeit und -ort anpassen, also beispielsweise Tätigkeiten in die frühen Morgenstunden verlegen oder, wenn möglich, in kühlere Räume. Das geht in vielen Einrichtungen aber nur begrenzt, und es hilft auch nur bis zu einem gewissen Grad. Ganz allgemein gilt eigentlich: Technische und bauliche Maßnahmen vor personenbezogenen Maßnahmen. Das ist das STOP-Prinzip des Arbeitsschutzes: Substitution, also das Austauschen gefährlicher Aspekte, technisch-bauliche Maßnahmen, organisatorische Maßnahmen und erst zuletzt personenbezogene. Es braucht natürlich alle. Aber zuallererst bräuchte es bauliche Anpassungsmaßnahmen.

Das bedeutet Klimaanlagen?

Wir werden nicht um Klimaanlagen herumkommen, das haben die letzten Wochen nochmal gezeigt, auch wenn das im Hinblick auf Klimaschutz kontraproduktiv ist. Da muss man natürlich schauen, dass man sie punktuell und sehr gezielt einsetzt und wie man mit anderen baulichen Maßnahmen Abhilfe schaffen kann. Die beschränken sich ja nicht auf Klimaanlagen. Da geht es um Verschattung, Dachbegrünung, Außenbegrünung. Und wenn es um größere Projekte oder Neubau geht, eine gute Wärmedämmung.

Gibt es für diese Anpassungsmaßnahmen Fördergelder?

Das ist das Problem. Baumaßnahmen sind die effektivsten Maßnahmen, aber es sind eben auch die teuersten. Wir haben 90 Einrichtungen - wo kommt das Geld her, diese alle hitzesicher zu machen? Gerade beim Thema Hitze ist Wissen definitiv nicht das Problem. Dass Anpassung wichtig und dringlich ist, das ist gerade in sozialen Einrichtungen allen klar. Es gibt aber keine Förderprogramme dafür. Beziehungsweise es gibt ein Förderprogramm – das, über das meine Stelle derzeit finanziert ist, zur Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen. Das Programm ist 2020 gestartet. Dieses Jahr konnten aber keine Anträge eingereicht werden, und wann das nächste Förderfenster öffnet ist noch unklar. Finanzierung ist die größte Herausforderung, gerade in der Hitzehilfe.

Sind Kommunen denn nicht inzwischen verpflichtet, Hitzeaktionspläne zu erstellen?

Das bundesweite Klimaanpassungsgesetz verpflichtet die Länder, Strategien zu entwickeln. Aber eine Pflichtaufgabe sind Klimaanpassungskonzepte für Kommunen noch nicht. Auch Hitzeaktionspläne sind für Kommunen nicht verpflichtend. Berlin hat kürzlich einen Hitzeaktionsplan entwickelt, aber da bleibt offen, wie genau die Maßnahmen finanziert werden sollen. Das soll aber nicht heißen, dass nichts passiert. In der jüngsten Hitzewelle haben sich die Debatten sehr darauf fokussiert, was alles fehlt, was alles nicht passiert. Da gibt es natürlich viel, keine Frage. Aber man muss auch sehen, dass durchaus schon viel gemacht wird, dass es Entwicklungen gibt, die einem Hoffnung machen können.

Was denn zum Beispiel?

Vielleicht ist das meine Wahrnehmung, weil ich in dieser Bubble arbeite. Ich würde dennoch sagen: Im Bereich Klimaanpassung passiert gerade sehr viel. Es gibt viele engagierte Menschen, die das Thema vorantreiben. Die Konzepte schreiben, für Krankenhäuser Hitzeschutzpläne entwickeln, konkrete Maßnahmen umsetzen, um ihre Einrichtungen an Hitze anzupassen.

Was würden Sie sich wünschen, um diese Menschen zu unterstützen?

Gesicherte, nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten – für größere Maßnahmen, aber vor allem auch für kleinere. Wir haben viele Fälle, wo schon eine Außenverschattung der Fenster einen großen Unterschied machen würde. Oder ein Sonnensegel. Das kostet verhältnismäßig wenig und geht schnell. Genau für solche Anpassungsmaßnahmen gibt es aber kaum Töpfe, bei denen unkompliziert und ohne allzu großen Aufwand Gelder beantragt werden können. Ein Antrag bei einem der großen Förderprogramme, etwa für die energetische Sanierung, wäre dafür oft viel zu aufwendig. Und dann: Dass Anpassung als Querschnittsthema begriffen wird. Es gibt so viele Synergien mit anderen wichtigen Themen: Arbeit, Energie, Krisenvorsorge. Ich würde mir wünschen, dass Anpassung nicht als zusätzliche Aufgabe gedacht wird, die jetzt auch noch gemacht werden muss, sondern als Chance. Der Klimawandel ist eine soziale Frage – und Klimaanpassung ist eine gute Antwort darauf. Weil sie denen hilft, die benachteiligt sind und zeigt, dass eine gerechte Klimapolitik niemanden zurücklässt.

Leonie Große-Allermann ist seit 2025 Beauftragte für Klimaanpasung bei der Berliner Stadtmission, einem Verein unter dem Dach der Evangelischen Kirche, der in Berlin soziale Einrichtungen betreibt, unter anderem Pflegeheime, Kindertagesstätten sowie Hilfseinrichtungen für Obdachlose und Suchtkranke. Die Stelle ist finanziert über das Förderprogramm Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen des Bundesministeriums für Umwelt, Klima, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Interview: Juliane Schumacher

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