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Hintergrund , : Der Kampf um die Bodenschätze des Kongo

Die Demokratische Republik Kongo liefert Rohstoffe für moderne Schlüsseltechnologien. Doch für die lokale Wirtschaft und Bevölkerung bleibt kaum etwas übrig. Von Mohamed Ireg

Wichtige Fakten

Details

Männer und Jugendliche schleppen Säcke mit Erzen auf den Schultern aus einem Tagebau.
Bergbau in Rubaya bei Goma in der Provinz Nord-Kivu. Hier werden Coltan und Mangan abgebaut – in einer Region, die unter der Kontrolle der M23-Rebellen steht (April 2025). Foto: IMAGO / News Licensing

Von meinem Besuch im Kongo ist mir ein Bild besonders im Gedächtnis geblieben: die endlose Kolonne von Lastwagen, die Kobalt und andere Mineralien aus den Bergbauregionen des Landes abtransportierten. Ich sah sie auf staubigen Straßen, an Grenzübergängen und entlang wichtiger Verkehrswege. Jeder Einzelne von ihnen steht am Anfang einer Lieferkette, die vielleicht in einer Batterie für Elektrofahrzeuge in Europa, einem Smartphone in Nordamerika oder einem Rechenzentrum endet, das die digitale Wirtschaft mit Energie versorgt. Tag für Tag verlassen riesige Mengen wertvoller Rohstoffe die Demokratische Republik Kongo – Mineralien, die für die moderne Welt unverzichtbar geworden sind.

Doch im selben Land haben Millionen Menschen Schwierigkeiten, sich und ihre Familien zu ernähren. Jüngsten Schätzungen zufolge sind mehr als 25 Millionen Kongoles*innen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Der Kongo steht damit vor einer der größten Hungerkrisen der Welt. Gleichzeitig verfügt das Land über ein enormes landwirtschaftliches Potenzial: schätzungsweise 80 Millionen Hektar Ackerland, immense Wasserressourcen und klimatische Bedingungen, die den Anbau einer breiten Palette an Nutzpflanzen ermöglichen.

Wenn international über den Kongo berichtet wird, stehen häufig die wiederkehrenden Krisen des Landes im Mittelpunkt. In den vergangenen Monaten berichteten die Medien über erneute Gewaltausbrüche im Osten des Landes, Massenvertreibungen und einen weiteren Ebola-Ausbruch. Natürlich sind diese Krisen real und erfordern dringendes Handeln. Doch sie drohen auch, eine grundlegendere Frage in den Hintergrund zu drängen: Wie kann es sein, dass eines der rohstoffreichsten Länder der Welt in einem Kreislauf aus Armut, Instabilität und Hunger gefangen bleibt?

Die Ursachen liegen weder in einem Mangel an Ressourcen noch in einem vermeintlichen Versagen der kongolesischen Bevölkerung oder des Staates. Grund dafür ist vielmehr ein politisches und wirtschaftliches System, das seit mehr als einem Jahrhundert auf die Extraktion der Reichtümer des Kongo ausgerichtet ist, während viel zu wenig in das Wohlergehen der kongolesischen Bevölkerung investiert wird. Die Geschichte des modernen Kongo ist nicht einfach eine Geschichte von Konflikten, sondern vor allem eine der Extraktion.

Wie der Kolonialismus den Extraktivismus begann

Um zu verstehen, warum so viel Reichtum den Kongo verlässt und so wenig davon im Land bleibt, lohnt sich ein kurzer Blick auf die koloniale Vergangenheit des Landes.

Im Jahr 1885 wurde das Gebiet der heutigen DR Kongo zum Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. erklärt. Unter dem Kongo-Freistaat wurden weite Teile des Landes in Gebiete zur Rohstoffausbeutung umgewandelt, die vor allem der Gewinnung von Kautschuk und Elfenbein dienten. In den Dörfern wurden harte Produktionsquoten durchgesetzt, Zwangsarbeit war weit verbreitet, und wer die Produktionsziele verfehlte, musste mit harten körperlichen Strafen rechnen. Historiker*innen schätzen, dass in dieser Zeit Millionen Kongoles*innen infolge von Gewalt, Hungersnöten, Krankheiten und dem Zusammenbruch sozialer Strukturen starben.

Nachhaltiger noch als seine Brutalität wirkte das Wirtschaftsmodell fort, das der Kolonialismus hervorbrachte. Straßen, Eisenbahnlinien und das Flusstransportnetz wurden nicht geschaffen, um kongolesische Gemeinden miteinander zu verbinden oder die nationale Entwicklung zu fördern. Ihr Hauptzweck bestand darin, Rohstoffe aus dem Landesinneren zu den Häfen und von dort weiter auf die globalen Märkte zu bringen.

Die Kolonie schuf enormen Reichtum für Europa, doch nur ein geringer Teil davon wurde in den Aufbau einer diversifizierten Wirtschaft investiert, die den Bedürfnissen der kongolesischen Bevölkerung hätte gerecht werden können. Die Landwirtschaft wurde auf die Exportproduktion ausgerichtet, während die lokale Entwicklung der Extraktion untergeordnet blieb. Als der Kongo 1960 seine Unabhängigkeit erlangte, zog sich die Kolonialverwaltung zurück – doch die von ihr geschaffenen Strukturen erwiesen sich als weitaus beständiger.

Wer profitiert von den Bodenschätzen?

Heute nimmt der Kongo eine strategische Position in der Weltwirtschaft ein, die noch vor einer Generation kaum vorstellbar gewesen wäre. In seinem Boden liegen einige der wichtigsten Mineralien für die Technologien des 21. JahrhundertsDas Land ist der weltgrößte Produzent von Kobalt, einem wichtigen Bestandteil vieler wiederaufladbarer Batterien, und verfügt über bedeutende Vorkommen an Kupfer und Coltan – Mineralien, die für die Herstellung von Smartphones, Laptops und anderen elektronischen Geräten benötigt werden.

Da Regierungen und Unternehmen ihre CO₂-Emissionen möglichst schnell reduzieren wollen, ist die Nachfrage nach diesen Mineralien sprunghaft gestiegen. Elektrofahrzeuge, Anlagen für erneuerbare Energien und digitale Technologien sind auf Lieferketten angewiesen, die ihren Ursprung immer öfter in kongolesischen Minen haben. Auf diese Weise wurde der Kongo zu einem unverzichtbaren Bestandteil des globalen ökologischen Wandels.

Doch der Nutzen aus diesem Mineralreichtum ist weiterhin ungleich verteilt. Internationale Debatten über den Kongo drehen sich häufig um das Konzept der „Konfliktmineralien“ – Ressourcen, die in von Gewalt und bewaffneten Gruppen geprägten Gebieten abgebaut werden. Diese Bedenken sind zwar berechtigt, können den Blick auf die umfassendere Problematik jedoch verstellen. Allzu oft richtet sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf lokale Milizen, Korruption oder Unsicherheit, während das übergeordnete Wirtschaftssystem, das von den kongolesischen Ressourcen profitiert, deutlich weniger Beachtung findet.

Das Smartphone in der Hosentasche der Endnutzer*innen, die Batterie in einem Elektrofahrzeug und die Server, die die digitale Wirtschaft am Laufen halten – sie alle stehen, wenn auch nur indirekt, in Verbindung mit den Landschaften und Gemeinschaften, in denen diese Mineralien abgebaut werden. Dies wirft eine unbequeme Frage auf, die in Diskussionen über Konfliktmineralien selten zur Sprache kommt: Wenn der Kongo für die moderne Weltwirtschaft so unverzichtbar ist, wer profitiert dann eigentlich von seinem Reichtum?

Die Kosten der Energiewende für den Kongo

Für viele Regierungen stellt die Abkehr von fossilen Brennstoffen eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar. In Europa, Nordamerika und Asien werden ehrgeizige Pläne vorangetrieben, um erneuerbare Energien auszubauen, Verkehrssysteme zu elektrifizieren und CO₂-Emissionen zu senken. Elektrofahrzeuge sind dabei zu einem Symbol dieses Wandels geworden: Sie versprechen eine sauberere, von batteriebetriebenen Technologien statt von Benzin geprägte Zukunft.

Die Batterien, die Elektrofahrzeuge antreiben, benötigen große Mengen kritischer Mineralien, insbesondere Kobalt und Kupfer. Mit der wachsenden Nachfrage nach diesen Rohstoffen hat der Kongo im globalen Wettlauf um saubere Energietechnologien zunehmend an Bedeutung gewonnen. Zugleich verschärfte sich der Wettbewerb zwischen den Großmächten – darunter China, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union –, da Regierungen versuchen, sich den Zugang zu den Mineralien zu sichern, die die Grundlage für die Industrien der Zukunft bilden. 

Aus dieser Perspektive eröffnet sich für den Kongo eine historische Chance: Ein Land, das lange am Rande der Weltwirtschaft stand, rückt plötzlich ins Zentrum einer neuen industriellen Revolution.

Allerdings verlassen Rohstoffe den Kongo nach wie vor weitgehend unverarbeitet, während der Großteil der Fertigung, technologischen Innovation und Wertschöpfung anderswo stattfindet. Das hat zur Folge, dass die Länder, die die Mineralien verbrauchen, oft weitaus größere wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen als die Länder, die sie abbauen.

Dies ist das zentrale Paradoxon der grünen Wende: Die Welt sucht nach Lösungen für die Klimakrise, doch die ungleichen Wirtschaftsbeziehungen, die den Lieferketten zugrunde liegen und diese erst ermöglichen, werden zu wenig beachtet. Die Wende mag die CO₂-Emissionen senken, führt jedoch nicht automatisch zu einer Verringerung der Ungleichheit.

Kurz: Sie mag grün sein, ist aber nicht unbedingt gerecht.

Warum der Kongo sich nicht selbst ernähren kann

Wenn von den Reichtümern des Kongo die Rede ist, sind damit fast immer seine Mineralien gemeint – es geht um Kobalt, Kupfer, Gold und Coltan. Weitaus weniger Beachtung findet eine andere Form des Reichtums, die ebenso wichtig sein dürfte: Land.

Die DR Kongo verfügt über besonders günstigste Voraussetzungen für die Landwirtschaft, wie etwa riesige Flächen fruchtbaren Bodens, immense Süßwasserressourcen, reichlich Niederschläge und eine klimatische Vielfalt, die den Anbau einer breiten Palette von Nutzpflanzen ermöglicht. Die Landwirtschaft ist nach wie vor die Haupteinkommensquelle für Millionen kongolesischer Haushalte, insbesondere in ländlichen Gebieten.

Trotz dieses Potenzials bleibt Ernährungsunsicherheit weit verbreitet. Millionen von Menschen haben Schwierigkeiten, sich ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen, und das Land importiert weiterhin erhebliche Mengen an Produkten, die auch im Inland produziert werden könnten. Dies wirft eine wichtige Frage auf: Warum spielt die Landwirtschaft trotz ihres enormen Potenzials in den nationalen Entwicklungsstrategien immer noch eine so untergeordnete Rolle?

Auch nach der Unabhängigkeit setzte sich diese strukturelle Priorisierung fort: In den folgenden Jahrzehnten stand der Bergbau weiterhin im Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit, zog ausländische Investitionen an und rückte den Kongo ins internationale Blickfeld – weit mehr als es die Landwirtschaft tat. Regierungen, Unternehmen und ausländische Akteure betrachteten den Mineralreichtum des Kongo durchweg als strategischen Vorteil, während das landwirtschaftliche Potenzial des Landes großenteils unerschlossen blieb.

Konflikte haben dieses Ungleichgewicht noch weiter verschärft. Wiederkehrende Zyklen von Gewalt und Vertreibung störten die landwirtschaftliche Produktion nachhaltig, vertrieben Familien von ihrem Land und schwächten lokale Märkte. In vielen ländlichen Regionen stehen Bauern und Bäuerinnen vor erheblichen Herausforderungen hinsichtlich des Zugangs zu Straßen, Lagermöglichkeiten, Bewässerungssystemen, landwirtschaftlichen Betriebsmitteln und Finanzdienstleistungen. Für viele Communitys liegt die größere Herausforderung nicht in der Produktion von Nahrungsmitteln, sondern in ihrem Transport und der Vermarktung.

Daraus ergibt sich ein eklatanter Widerspruch: Der Kongo exportiert strategisch wichtige Mineralien, während er Nahrungsmittel importiert, die er selbst erzeugen könnte. Ein Land, das dazu beiträgt, die Elektrofahrzeuge der Welt mit Energie zu versorgen, verfügt zugleich über ein landwirtschaftliches Potenzial, das die Ernährungssicherheit in weiten Teilen Zentralafrikas grundlegend verbessern könnte. Doch für Millionen kongolesischer Familien liegt eine solche Perspektive in weiter Ferne. Die Herausforderung für den Kongo besteht daher nicht allein in der Frage, wie Rohstoffe abgebaut werden. Sie betrifft auch die Entwicklungsbereiche, die vernachlässigt werden, wenn die Extraktion zum Leitprinzip der Wirtschaft geworden ist.

Warum humanitäre Hilfe die Krise nicht lösen kann

Die Auswirkungen des extraktiven Wirtschaftsmodells im Kongo werden besonders deutlich, wenn man sie vor dem Hintergrund humanitärer Krisen betrachtet. In den vergangenen Jahrzehnten wurden Millionen Menschen durch Konflikte vertrieben, Gemeinden waren immer wieder von Nahrungsmittelknappheit betroffen, und Krankheitsausbrüche wie Ebola belasteten die ohnehin angeschlagenen öffentlichen Versorgungssysteme zusätzlich.

Als Reaktion darauf wurden umfangreiche humanitäre Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Internationale und lokale Organisationen stellen finanzielle Soforthilfe, Nahrungsmittel, medizinische Notfallversorgung, Schutzmaßnahmen und Unterstützung für vertriebene Familien bereit. Diese Maßnahmen retten täglich Leben und bleiben für Millionen Kongoles*innen unverzichtbar. Ohne sie wären die humanitären Folgen von Konflikten und Vertreibung weitaus gravierender.

Doch humanitäre Hilfe unterliegt einer wesentlichen Einschränkung: Ihr vorrangiges Ziel besteht darin, akute Not zu lindern, und nicht darin, die Strukturen zu verändern, die diese Not hervorbringen. Nahrungsmittelhilfe kann Familien dabei unterstützen, eine Missernte oder Vertreibung zu überstehen. Nothilfeprogramme können Communitys helfen, die von Gewalt betroffen sind. Doch derartige Hilfen allein können die tiefer liegenden wirtschaftlichen Probleme nicht beseitigen, die Menschen überhaupt erst anfällig für Krisen machen.

Die internationale Gemeinschaft stellt erhebliche Mittel bereit, um Krisen zu bewältigen, sobald sie eintreten. Weniger Aufmerksamkeit gilt dagegen den langfristigen Mustern der Extraktion, unzureichender Investitionen und der Vernachlässigung des ländlichen Raums, die zu diesen Krisen beitragen.

Kann der Kongo seinen Reichtum zurückgewinnen?

Wenn die Herausforderungen des Kongo auf dem Extraktivismus als Entwicklungsmodell beruhen, geht es nicht bloß darum, wie Ressourcen effizienter abgebaut werden können. Vielmehr stellt sich die Frage, ob der Reichtum des Landes künftig anderen Prioritäten dienen kann. Die Herausforderung für den Kongo liegt nicht in einem Mangel an Ressourcen, sondern in der Frage, wer über deren Nutzung bestimmt und letztlich von ihnen profitiert. Damit rückt ein weiter gefasster Begriff in den Mittelpunkt: Ressourcensouveränität.

Im Kern geht es bei der Ressourcensouveränität darum sicherzustellen, dass der aus Rohstoffen geschaffene Reichtum zur nationalen Entwicklung beiträgt, anstatt in erster Linie ausländischen Interessen zu dienen. Damit verbunden ist die Frage, ob Mineralien das Land weiterhin nur als unverarbeitete Rohstoffe verlassen sollten oder ob durch die Verarbeitung im Inland und die regionale Industrialisierung mehr Wert für den Kongo erwirtschaftet werden kann. Ebenso stellt sich die Frage, wie die Einnahmen aus dem Rohstoffabbau genutzt werden können, um Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur und produktive Wirtschaftssektoren zu finanzieren.

Es bedeutet auch anzuerkennen, dass die Zukunft des Kongo nicht allein auf seinen Bodenschätzen beruhen kann. Ernährungssouveränität und ländliche Entwicklung müssen stärker in den Blick genommen werden. Ein Land, das über riesige landwirtschaftliche Ressourcen verfügt, sollte nicht weiterhin von Nahrungsmittelimporten abhängig sein, während fruchtbares Land ungenutzt bleibt und der lokalen Bevölkerung auf dem Land grundlegende Unterstützung fehlt.

Letztlich geht es bei dieser Debatte nicht nur um Wirtschaft. Es geht um Demokratie und Macht. Wer entscheidet darüber, wie die Ressourcen des Kongo genutzt werden? Wer profitiert von dem Reichtum, der im Boden des Kongo steckt? Und kann sich der Kongo von einem Land, das der Welt vor allem Rohstoffe liefert, zu einem Land entwickeln, das seinen außergewöhnlichen Reichtum nutzt, um Wohlstand für die eigene Bevölkerung zu schaffen?

Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Aber sie eröffnen die Perspektive auf eine Zukunft, die sich deutlich von dem extraktiven Wirtschaftsmodell unterscheidet, das den Kongo in der Vergangenheit geprägt hat.

Übersetzung aus dem Englischen von Cornelia Gritzner & Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective.

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