Details

Am ersten Abend der Ausschreitungen lag im Umkreis von mehreren Kilometern ein beißender Geruch nach verbranntem Kunststoff in der Luft. Der Geruch hielt sich tagelang in einem Abschnitt der Lower Newtownards Road in East Belfast und in der nahe gelegenen Häuserzeile der Lendrick Street, wo Autos und Wohnhäuser in Brand gesetzt worden waren. Ein Hubschrauber von Sky News fing den Moment ein, als eine Menge maskierter Randalierer – darunter viele Jugendliche – einen Bus anzündete, bevor sie Häuser ins Visier nahmen. Ihr Ziel war es, „Ausländer“ mit Gewalt aus dem Viertel zu vertreiben.
Wenige Stunden zuvor war im Internet mithilfe von KI-generierten Grafiken, auf denen dutzende Stadtviertel in Belfast und im Umland markiert waren, zu Protesten aufgerufen worden. Am nächsten Tag kursierten Adressen von Mehrparteienhäusern, in denen angeblich Migrant*innen lebten – eine Vorgehensweise, die bereits im vergangenen Sommer in der protestantischen Stadt Ballymena in der Provinz Ulster zum Einsatz gekommen war.
Auslöser dieser Aufrufe zur Gewalt waren Presseberichte vom Vortag, dem 9. Juni, die in den sozialen Medien von drastischen Bildern eines gewalttätigen Messerangriffs in Nord-Belfast begleitet wurden. Bei dem mutmaßlichen Täter handelte es sich um einen sudanesischen Staatsangehörigen, der über die Republik Irland nach Nordirland eingereist war.
Für diejenigen, die den 30-jährigen bewaffneten Nordirlandkonflikt erlebt haben, der heute als The Troubles bekannt ist, waren die Bilder von brennenden Häusern und maskierten Selbstjustizlern, die Straßensperren errichteten, auf schreckliche Weise vertraut. Auch wenn hier neuere rechtsextreme Aktionsformen zum Einsatz kamen, wurden die Angriffe unübersehbar durch die verbliebenen Strukturen organisierter loyalistischer (pro-britischer) Gewalt gestärkt, die einen Großteil der Geschichte Nordirlands geprägt haben.
Als ich nach der ersten Nacht der Unruhen an einen der Schauplätze in Belfast zurückkehrte, waren bereits zahlreiche Nachrichtenteams vor Ort, die die Stadt offenbar als Beispiel für den Aufschwung rechtsextremer Straßengewalt betrachteten. In vielen Kommentaren und Nachrichtenbeiträgen fehlte jedoch eine Auseinandersetzung mit den spezifischen sozialen und politischen Bedingungen Nordirlands, die diese gezielten rassistischen Übergriffe überhaupt erst ermöglichten.
Warum die Ausschreitungen in loyalistischen Vierteln stattfanden
Im Zusammenhang mit den gewalttätigen Protesten gegen Einwanderung fällt ein entscheidender Faktor auf: Sie fanden fast ausschließlich in loyalistischen Vierteln statt, die im weitesten Sinne protestantisch und unionistisch geprägt sind, mehrheitlich von Arbeiter*innen bewohnt werden und von sozialen Problemlagen gekennzeichnet sind.
Der von irischen Nationalist*innen und Republikaner*innen geprägte Stadtteil Falls Road in West-Belfast war zwar auf einer der frühen KI-generierten Grafiken aufgeführt, mit denen die Gewalt angefacht wurde, doch dort kam es nicht zu vergleichbaren Vorfällen. Eine weitere Grafik rief nordirische Nationalist*innen und Unionist*innen sowie Katholik*innen und Protestant*innen dazu auf, sich zu einem angeblichen Akt der Solidarität gegen ethnische Minderheiten vor dem Belfaster Rathaus zu versammeln – einem Gebäude, das selbst als Symbol der einstigen politischen Vorherrschaft der Unionisten in der Hauptstadt der Region gilt. Zu dieser Demonstration sollen Berichten zufolge nur drei Personen erschienen sein.
Sommerliche Ausschreitungen gehören in Nordirland seit Langem zum politischen Alltag. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Ziele der Gewalt zunehmend verschoben und richten sich immer häufiger gegen kleine, aber wachsende ethnische Minderheiten in der Region. Die Zahl der registrierten rassistisch motivierten Hassverbrechen überstieg schon vor zehn Jahren erstmals die der konfessionell motivierten Delikte, und dieser Trend hat sich seither weiter verstärkt.
Die Democratic Unionist Party (DUP) ähnelt inzwischen stark der alten Garde des Unionismus. Schon diese verstand es, ihre Anhängerschaft geschickt gegen vermeintliche Feinde aufzubringen, um sich anschließend in ihre großen Häuser zurückzuziehen, während sich das von ihr entfachte Chaos auf den Straßen entfaltete.
Angesichts der Ereignisse im Juni argumentierten manche Beobachter*innen, dass es sich hierbei um ein bekanntes Muster handle: eine Form der Gewalt, deren Wurzeln in der Geschichte der pogromartigen Angriffe auf Katholik*innen im Norden liegen und die sich jetzt gegen einen neuen „inneren Feind“ richtet. Auch die materiellen Widersprüche innerhalb des Ulster-Unionismus, der die treibende politische Kraft hinter diesen Entwicklungen bildet, spielen dafür eine Rolle. Seit Langem ist bekannt, dass Organisationen wie der Oranier-Orden und führende unionistische Politiker*innen Ressentiments schüren, um von den sozialen Ungleichheiten in den von ihnen dominierten Gebieten abzulenken. Solche Spannungen anzuheizen, stellt für sie nach wie vor eine bewährte Taktik dar, wenn sich etwa im Vorfeld von Wahlen der politische Druck erhöht.
Die parteipolitisch dominierende Kraft des unionistischen Lagers, die Democratic Unionist Party (DUP), ähnelt inzwischen stark der alten Garde des Unionismus. Schon diese verstand es, ihre Anhängerschaft geschickt gegen vermeintliche Feinde aufzubringen, um sich anschließend in ihre großen Häuser zurückzuziehen, während sich das von ihr entfachte Chaos auf den Straßen entfaltete. Diese Gewaltausbrüche werden zusätzlich durch die mangelnde organische Verbindung zwischen der DUP und den konkurrierenden unionistischen Parteien einerseits sowie der Basis andererseits verschärft. Das zeigte sich auch im Juni, als kaum ein politische Führungsfigur versuchte, die Spannungen auf den Straßen zu entschärfen.
Hinzu kam, dass sich bereits seit einigen Monaten eine koordinierte Unruhe aufgebaut hatte, die unter der Oberfläche brodelte. In loyalistischen Vierteln tauchten Flaggen christlich-fundamentalistischer Netzwerke auf, daneben Symbole und Graffiti, die auf eine wachsende Verbindung zur rechtsextremen Szene Großbritanniens hindeuteten. Als die Gewalt im Juni ausbrach, wurde sie zu einem erheblichen Teil aus der Ferne angeheizt – vom prominenten Rechtsextremisten Tommy Robinson und von Elon Musk, dessen Unternehmen SpaceX nur wenige Tage später an die Börse ging, wodurch er zum weltweit ersten Billionär wurde.
Seit Langem versuchen britische rechtsextreme Gruppen, loyalistische Milieus für sich zu gewinnen. Allerdings sind diese keineswegs durchweg reaktionär ausgerichtet. Vergeblich versuchte noch in den 2010er Jahren etwa Paul Golding, der damalige Vorsitzende der Hass predigenden neofaschistischen Gruppierung Britain First, die von ehemaligen Mitgliedern der British National Party gegründet worden war, sich in loyalistischen Kreisen zu etablieren und deren Unterstützung zu gewinnen.
Diesmal wurden verschiedene miteinander vernetzte Akteur*innen der extremen Rechte – darunter englische Social-Media-Influencer*innen und Vertraute Robinsons wie etwa der wegen Mordes verurteilte Glen Kane – an mehreren Schauplätzen der Unruhen in und um Belfast gesichtet. Kane wurde zudem einige Tage nach den ersten Gewaltausbrüchen inmitten einer kleinen Gruppe von Gegendemonstrant*innen bei einer antirassistischen Kundgebung gesehen. Die Präsenz dieser Akteur*innen auf den Straßen im Juni deutet darauf hin, dass Gruppen zusammengefunden haben, deren Zusammenschluss noch vor einem Jahrzehnt kaum vorstellbar gewesen wäre.
Gegen Ende derselben Woche wurde bekannt, dass das 44-jährige Opfer des Messerangriffs, der zum Auslöser der Gewalteskalation wurde, etwa zwei Jahrzehnte vor den Unruhen im Juni selbst Opfer einer paramilitärischen Bande geworden war. Die Täter hatten ihn entkleidet, geschlagen und schließlich in Brand gesetzt.
Eine Region (fast) ohne Migrationsgeschichte
Während des Nordirlandkonflikts gab es, wenig überraschend, kaum Zuwanderung in die Region.
Seit seinem offiziellen Ende im Jahr 1998 hat Nordirland erhebliche demografische Veränderungen erlebt. Dennoch ist die Region nach wie vor die kulturell und ethnisch am wenigsten vielfältige – nicht nur auf den Britischen Inseln, sondern in ganz Nordwesteuropa.
Die jüngste Volkszählung von 2022 ergab, dass nur 3,4 Prozent der Bevölkerung Nordirlands – etwas mehr als 65.000 Menschen – einer ethnischen Minderheit angehören. In einem Gebiet mit 1,9 Millionen Einwohner*innen haben lediglich 2.379 Menschen Asyl beantragt.
Dennoch markierten die Ausschreitungen im Juni bereits den dritten Sommer in Folge, in dem es zu umfangreichen und zunehmend koordinierten Angriffen dieser Art kam. Rassistisch motivierte Gewalt scheint sich inzwischen als fester Bestandteil der Sommermonate zu etablieren, wobei, wie bereits erwähnt, die Anzahl der rassistischen Hassverbrechen die der konfessionell motivierten längst übersteigt.
Die Folgen reichen weit über die unmittelbaren Schäden und Belastungen für die betroffenen Gemeinden hinaus. Angesichts der anhaltenden Forderungen nach einem Referendum über die irische Einheit wird die Frage, wie der Bedrohung durch diese gewalttätigen loyalistischen Ausschreitungen begegnet werden soll, immer dringlicher – sowohl im Hinblick auf die Durchführung eines solchen Referendums als auf den Staat, der daraus hervorgehen könnte.
Wie Oliver Eagleton kürzlich in einem Beitrag darlegte, in dem er die politische Kultur der evangelikalen Protestant*innen in Ulster beleuchtete, ist der jüngste Ausbruch loyalistischer Gewalt (wie auch die vorangegangenen) eindeutig als Reaktion auf den wahrgenommenen Verlust von Macht und Privilegien zu verstehen. Die dahinterstehende Allianz reicht dabei über die religiös-politische Subkultur der Provinz hinaus, die auffällige Parallelen und Verbindungen zum Deep South der USA aufweist. Doch Äußerungen der letzten Wochen – darunter die eines radikalen Predigers, der argumentierte, es sei „schwer, die Randalierer zu kritisieren“ – verdeutlichen, welche Rolle der fundamentalistische Eifer beim Schüren des Hasses spielt. Dieser Hass sei, so Eagleton, inzwischen zu einer expliziten Form der white supremacy, der weißen Vorherrschaft, „mutiert“.
Es war zu beobachten, wie loyalistische Paramilitärs Beteiligte anleiteten. Bemerkenswert ist, dass die Ausschreitungen gerade in von ihnen kontrollierten Gebieten stattfanden.
Den politischen Führungsfiguren der unionistischen Bewegung gelang es einst, genügend Industriearbeiter*innen und paramilitärische Kräfte zu mobilisieren, um das öffentliche Leben weitgehend lahmzulegen und Regionalregierungen zu Fall zu bringen, etwa im Rahmen des Streiks des Ulster Workers’ Council im Jahr 1974, der sich gegen den Versuch richtete, mit dem im Vorjahr geschlossenen Abkommen von Sunningdale eine überparteiliche Regierung – und damit eine Machtteilung zwischen Unionist*innen und Nationalist*innen – zu etablieren.
Doch nach Jahrzehnten der Deindustrialisierung ist die Zahl solcher häufig gewaltsamer Mobilisierungen zurückgegangen. Unterstützer*innen werden nun zunehmend unter besonders vulnerablen jungen Menschen rekrutiert. Berichten zufolge wurden einige von ihnen im Juni angeworben, indem man ihre Drogenschulden beglich.
An mehreren Schauplätzen war zu beobachten, wie loyalistische Paramilitärs, die den Aufforderungen zur Auflösung nur zögerlich nachgekommen waren, Beteiligte anleiteten. Bemerkenswert ist, dass die Ausschreitungen gerade in von ihnen kontrollierten Gebieten stattfanden. Möglicherweise ging es diesen Gruppen auch darum, ihre fortbestehende Macht zu demonstrieren und deutlich zu machen, dass sie sich trotz ihres schwindenden Einflusses und der Tatsache, dass einige ihrer aggressivsten Wandmalereien inzwischen übermalt werden, nicht kampflos verdrängen lassen.
Basisnetzwerke effektiver als staatliche Hilfe
Die Gewalt hinterließ tiefe Spuren sowohl bei den Menschen, die ihr unmittelbar ausgesetzt waren, als auch in den betroffenen Vierteln, in denen die verkohlten Überreste und Schäden noch Tage nach den Ausschreitungen das Stadtbild prägten.
Aber es zeigte sich auch, dass stabile Basisnetzwerke für Notfall- und Nachbarschaftshilfe aktiv wurden, als die anfänglichen Bemühungen der Behörden, der Gewalt entgegenzuwirken, nachließen. Es gelang einer Reihe von Basisorganisationen – darunter das Anaka Women’s Collective und die Menschenrechtsorganisation PPR –, in den entscheidenden ersten Nächten eine wesentlich größere Anzahl von Menschen zu evakuieren und unterzubringen als die Nordirische Wohnungsbaubehörde und andere staatliche Stellen zusammen.
Wie Beobachter*innen in Belfast hervorhoben, haben die über Generationen hinweg gemachten Gewalterfahrungen Netzwerke zivilgesellschaftlicher Unterstützung hervorgebracht, die auf plötzliche Gewaltausbrüche wahrscheinlich besser vorbereitet sind, als es an anderen Orten der Fall ist. Angesichts der realen Gefahr weiterer Unruhen und rassistischer Straßengewalt in ganz Großbritannien in diesem Sommer bleibt offen, ob entsprechende Gruppen dort ebenso gut auf derartige Entwicklungen vorbereitet sind.
Nachdem die Gewalt im Laufe der Woche abgeebbt war, markierte eine Reihe antirassistischer Kundgebungen in der gesamten Region einen vorläufigen Wendepunkt. An einer Demonstration vor dem Rathaus von Belfast nahmen am Samstag, dem 13. Juni, mehrere tausend Menschen teil. Sie schien einen vorläufigen Schlussstrich unter die schwerste Welle der Ausschreitungen zu ziehen. Allerdings wurde kaum darüber diskutiert, wie es denn nun weitergehen soll.
Kaum noch jemand stellt sich die Frage, weshalb und auf welche Weise diese Gewalt zu einem neuen, alljährlichen Bestandteil der Sommermonate in Nordirland geworden ist.
Rund 200 Polizist*innen – viele davon aus Schottland – wurden nach Nordirland entsandt, um den Schaden für die Tourismusbranche und andere politisch einflussreiche Unternehmen so gering wie möglich zu halten und um weitere Angriffe in den loyalistischen Stadtvierteln einzudämmen, von denen die Ausschreitungen ausgegangen waren. Auch das erinnerte an The Troubles, als ganze Stadtviertel baulich umgestaltet wurden, um die größtenteils konfessionell motivierte Gewalt in den Arbeitervierteln (auf die rund zwei Drittel aller Todesopfer entfielen) einzudämmen, während die wohlhabenderen, grünen Vororte weniger stark in Mitleidenschaft gezogen und nicht zu teilweise rechtsfreien Räumen wurden.
Politik und Medien haben ihre Aufmerksamkeit rasch wieder anderen Themen zugewandt, auch wenn dies möglicherweise nicht der letzte Gewaltausbruch dieser Art bleiben wird. Im Zuge der fortlaufenden Wiederaufbauarbeiten und der Bemühungen um die weitere Unterbringung der Evakuierten stellt sich kaum noch jemand die Frage, weshalb und auf welche Weise diese Gewalt zu einem neuen, alljährlichen Bestandteil der Sommermonate in Nordirland geworden ist.
Übersetzung aus dem Englischen von Camilla Elle und Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective.

