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Analyse , : Syrien: Rückkehr ins Nirgendwo

Die syrische Wirtschaft liegt am Boden. Erzwungene Rückführungen von Syrer*innen drohen bestehende Konflikte vor Ort zu verschärfen

Wichtige Fakten

Autor
Joseph Daher,

Details

Drei Menschen gehen durch von Kriegsruinen gesäumten Straße.
Yarmouk war ein palästinensischer Stadtteil von Damaskus, der durch das ehemalige Assad-Regime in großen Teilen verwüstet wurde. Tausende Lagerbewohner, die während des syrischen Bürgerkriegs erneut vertrieben wurden, leben weiterhin ohne Zugang zu Strom, Wasser und grundlegenden kommunalen Dienstleistungen (19. Juni 2026). Foto: IMAGO / Anadolu Agency

Die überwiegende Mehrheit der Syrer*innen in Deutschland und Europa möchte unter den aktuellen Umständen nicht nach Syrien zurückkehren. Zerstörung durch den Krieg, politische Instabilität, Wirtschaftskrise und anhaltende Menschenrechtsverletzungen machen eine sichere Rückkehr unmöglich.

Der syrische Arbeitsmarkt befindet sich weiterhin in einer schweren Krise; insbesondere unter jungen Menschen ist die Arbeitslosigkeit hoch. Hinzu kommt, dass rund 83 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse dem informellen Sektor zugerechnet werden. Damit fehlt den meisten Beschäftigten eine soziale Absicherung und rechtlicher Schutz, Millionen Arbeiter*innen sind von Ausbeutung oder plötzlichem Einkommensverlust bedroht.

Die Rückkehr von schätzungsweise 1,6 Millionen Syrer*innen seit Dezember 2024 belastet den Arbeitsmarkt zusätzlich. Die meisten von ihnen hatten in den Nachbarstaaten, insbesondere in der Türkei, im Libanon und in Jordanien, Schutz gesucht. Zusätzlich kehrten rund 1,9 Millionen Binnenvertriebene in ihre Herkunftsregionen zurück; weiterhin sind jedoch rund 5,54 Millionen Menschen innerhalb Syriens vertrieben. Zählt man die noch im Ausland lebenden Syrer*innen hinzu, handelt es sich bei mehr als der Hälfte der Bevölkerung um Vertriebene.

Nach Angaben des UNHCR setzt die Rückkehr die bereits ohnehin überlastete öffentliche Infrastruktur und soziale Dienstleistungen unter zusätzlichen Druck – insbesondere in Regionen mit vielen Binnenvertriebenen und Rückkehrer*innen. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist lediglich etwas mehr als die Hälfte der öffentlichen Krankenhäuser voll funktionsfähig, und nur etwa ein Drittel der Gesundheitszentren arbeitet im Normalbetrieb.

Gleichzeitig ist mehr als ein Drittel aller Schulen beschädigt oder zerstört. Auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) betonte im Mai 2025, dass fehlende wirtschaftliche Perspektiven und mangelhafte Dienstleistungen die größte Herausforderung für rückkehrende Syrer*innen darstellen.

Der Bedarf für den Wiederaufbau Syriens ist enorm. Die Weltbank geht von Kosten in Höhe von 216 Milliarden US-Dollar (188 Milliarden Euro) aus, was etwa dem Zehnfachen des geschätzten Bruttoinlandsprodukts des Landes entspricht. Neun von zehn Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, fast 17 Millionen sind auf unmittelbare humanitäre Hilfe angewiesen, und mehr als neun Millionen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit.

Im Juli 2025 erhöhten die syrischen Behörden die Gehälter im öffentlichen Dienst um 200 Prozent, im März 2026 noch einmal um die Hälfte. Dennoch reichen die Einkommen weder im öffentlichen noch im privaten Sektor zur Deckung der Lebenshaltungskosten aus. Dasselbe gilt für den gesetzlichen monatlichen Mindestlohn, der auch nach einer drastischen Erhöhung mit 1,256 Millionen Syrischen Pfund (derzeit knapp 85 Euro) weit unter dem Existenzminimum liegt. 

Eine massenhafte Rückkehr syrischer Geflüchteter würde also eine ohnehin angespannte Wirtschaft zusätzlich belasten. Gleichzeitig gingen die Rücküberweisungen aus dem Ausland in einem solchen Fall stark zurück.

Die Bedeutung der Rücküberweisungen

Die meisten Syrer*innen sind auf finanzielle Unterstützung durch Angehörige im Ausland angewiesen. Nach Schätzungen belaufen sich die Rücküberweisungen auf rund vier Milliarden US-Dollar jährlich (rund 3,5 Milliarden Euro) und kommen seit 2011 primär aus Europa und den Golfstaaten. Mit jährlich zwischen 300 und 400 Millionen Euro sind Überweisungen aus Deutschland die wichtigste europäische Quelle, was sich auf die fortschreitende Integration syrischer Geflüchteter in den deutschen Arbeitsmarkt zurückführen lässt.

Nach 2011 stellten die Rücküberweisungen zunächst lediglich eine Ergänzung der Einkommen dar, mit der Zeit aber wurden sie immer wichtiger. Durch die fortschreitende Entwertung der syrischen Währung und die anhaltend hohe Inflation sind sie für viele Familien mittlerweile die wichtigste oder sogar die einzige Einkommensquelle zur Sicherung ihres Lebensunterhalts.

Seit dem Sturz des Assad-Regimes werden die Überweisungen auch für den Wiederaufbau zerstörter Häuser genutzt. In manchen Regionen haben sich gemeinschaftliche Initiativen gebildet, die mit Geldern aus der syrischen Diaspora Gebäude und lokale Infrastruktur instandsetzen.

Profite statt Wohnraum

Auch 2026 leidet Syrien weiter unter einem massiven Mangel an Wohnraum und einer weitgehend zerstörten Infrastruktur. Nach dem Humanitarian Needs and Response Plan für das Jahr 2025 ist rund ein Drittel der Wohnungen beschädigt oder vollständig zerstört. Wichtige Infrastruktur wie Straßen, Wasser- und Stromnetze oder die Abwasserversorgung sind in weiten Teilen des Landes nicht funktionsfähig.

Da ein umfassender Wiederaufbauplan fehlt, entstanden in mehreren Städten lokale Proteste gegen Immobilienprojekte, die eher auf die Erzielung von Profit als auf die Schaffung dringend benötigten Wohnraums ausgerichtet sind. In Homs setzte die Bevölkerung des Stadtteils Qarabis das kuwaitische Unternehmen Al-Omran Real Estate Development Company unter Druck, Teile seines Projekts „Boulevard of Victory“ aufzugeben, das viele Bewohner*innen aus ihren Häusern verdrängt hätte. 

Auch in Damaskus konnte die Bevölkerung ein Bauvorhaben verhindern, das den Al-Jahiz-Park – eine der letzten verbliebenen öffentlichen Grünflächen der Stadt – in ein kommerzielles Areal mit Cafés und Parkplätzen verwandeln sollte. Anfang Mai 2026 demonstrierten Bewohner*innen der Stadtteile Mezzeh, Kfar Souseh und Basateen al-Razi gegen die Anwendung des Dekrets 66. Dieses wurde 2012 verabschiedet und ermöglicht die Modernisierung „informeller Wohnanlagen“ durch Immobilienprojekte.

Neben der sinkenden Kaufkraft und den sich verschlechternden Lebensbedingungen leidet ein Großteil der Bevölkerung unter extrem hohen Mieten und Immobilienpreisen. Anstatt bezahlbaren Wohnraum und öffentliche Infrastruktur für die breite Bevölkerung zu schaffen, dienen die geplanten Immobilienprojekte vor allem einer wohlhabenden Elite.

Diese Wohnungspolitik ist Teil einer umfassenderen politökonomischen Strategie: Al-Scharaas Regierung reagiert auf die anhaltende Wirtschaftskrise mit Austeritätspolitik und marktorientierten Entwicklungsmodellen.

Al-Sharaas Austeritätspolitik

Bereits unter dem Assad-Regime wurden Sozialleistungen kontinuierlich abgebaut. Der Anteil der staatlichen Ausgaben für Subventionen und andere Unterstützungsprogramme sank von 15,5 Prozent des Staatshaushalts im Jahr 2010 auf 5,6 Prozent 2024. Gleichzeitig verringerte die anhaltend hohe Inflation die Kaufkraft großer Teile der Bevölkerung immer weiter.

Die Wirtschaftspolitik der neuen syrischen Führung stellt in dieser Hinsicht keinen Bruch dar. Im Gegenteil, nach Ankündigungen von Kürzungen der Staatsausgaben verkündeten die neuen Machthaber, bis zu ein Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst entlassen zu wollen.

Bereits im Dezember 2024 wurde außerdem der Preis für subventioniertes Brot von 400 syrischen Pfund (für 1,5 kg) auf 4.000 syrische Pfund (zunächst für 1,2 kg, seit Mai 2026 für 1,05 kg) erhöht. Das entspricht einer Preissteigerung von mehr als 1.300 Prozent und verschärfte insbesondere die Ernährungsunsicherheit der ärmsten Bevölkerungsschichten.

Gleichzeitig hob die Regierung die Subventionen für Treibstoffe und Erdölprodukte auf, wodurch die Produktionskosten sowohl in der Landwirtschaft als auch im verarbeitenden Gewerbe erheblich anstiegen. Im Oktober 2025 kündigte die syrische Regierung außerdem eine drastische Erhöhung der Strompreise an, im Januar 2026 stiegen die monatlichen Stromrechnungen dann von zuvor durchschnittlich 0,74 bis 3,5 Euro auf Beträge zwischen 43 und 147 Euro.

Damit führt die neue Regierung die politökonomische Ausrichtung der vorausgehenden Regierung eher fort als sie zu überwinden. Syrien steht weiterhin vor tiefgreifenden strukturellen Problemen, zu denen eine instabile Währung, ein geschwächtes Finanzsystem, zerstörte Infrastruktur, geringe Kaufkraft, hohe Produktionskosten und ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zählen.

Dennoch verfolgt die Regierung ein Wirtschaftsmodell, das auf kurzfristige Gewinne und vor allem auf den Dienstleistungssektor abzielt – zulasten der produktiven Bereiche der Wirtschaft und einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. Gleichzeitig fehlt ein wirksamer Schutz der heimischen Produktion gegenüber ausländischer Konkurrenz, insbesondere in Industrie und Landwirtschaft. 

Die beschleunigte wirtschaftliche Liberalisierung verschärft diese Entwicklung. Ende Januar 2025 senkte Damaskus die Zölle auf mehr als 260 türkische Produkte, was dazu führte, dass das syrische Handelsdefizit gegenüber der Türkei im selben Jahr mit 3,26 Milliarden US-Dollar (2,84 Milliarden Euro) einen historischen Höchststand erreichte.

Wachsender Widerstand

Die wachsende Unzufriedenheit von Arbeiter*innen im öffentlichen, privaten und informellen Sektor mündet seit Beginn des Jahres in eine Reihe von Protesten und Streiks. Im Regierungsbezirk Idlib und im ländlichen Aleppo traten Lehrkräfte Ende Januar 2026 in einen groß angelegten Streik, mehr als 1.700 Schulen blieben geschlossen. Die Protestierenden forderten unbefristete Arbeitsverträge, die Wiedereinstellung entlassener Kolleg*innen und Lohnerhöhungen.

Auch Beschäftigte anderer Bereiche gingen auf die Straße – darunter Transport- und Industriearbeiter*innen, Studierende, Rechtsanwält*innen und Bäcker*innen. Ihre Proteste belegen die zunehmende Unzufriedenheit angesichts des anhaltenden Kaufkraftverlusts und des fortschreitenden Verfalls der öffentlichen Dienstleistungen. Zugleich richten sie sich gegen Korruption, Vetternwirtschaft, mangelnde Transparenz und fehlende politische Mitbestimmung.

Mitte Mai kam es zunächst in Raqqa, Deir ez-Zor und Daraa zu erneuten Protesten, die sich später auf andere Regionen ausweiteten. Auslöser war die Entscheidung des syrischen Ministeriums für Wirtschaft und Industrie, einen Ankaufspreis für Weizen festzulegen, der unter den Produktionskosten liegt.

Bleiberecht und Wiederaufbau

Ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung und den Wiederaufbau der staatlichen Infrastruktur würde eine massenhafte Rückkehr syrischer Geflüchteter die ohnehin prekäre sozioökonomische Lage im Land weiter verschärfen.

Die Rücküberweisungen der syrischen Diaspora bleiben unverzichtbar, um den Zugang zu grundlegenden Gütern und Dienstleistungen zu ermöglichen. Geldüberweisungen fördern jedoch in erster Linie den Konsum; es handelt sich nicht um produktive Investitionen in die nationale Wirtschaft. Sie sind ein Instrument des Überlebens, aber keine Basis für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.

Anstatt mit der Rückführung syrischer Flüchtlinge zu drohen, sollten Deutschland und die Europäische Union deren Aufenthalt rechtlich dauerhaft absichern. Mit dieser Stabilität könnten sie sich frei zwischen ihrem Aufnahmeland und Syrien bewegen und eine aktivere Rolle beim Wiederaufbau Syriens spielen. 

Statt unrealistische massenhafte Rückführungen anzukündigen, sollten deutsche und europäische Entscheidungsträger*innen einen inklusiven Wiederaufbauprozess und eine breitere demokratische Beteiligung innerhalb Syriens fördern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich autoritäre Entwicklungen weiter verfestigen und politische wie wirtschaftliche Ausgrenzung zunimmt. Das wiederum würde neue Anreize schaffen, Syrien zu verlassen und anderswo nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu suchen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dis:orient. Zum Thema erscheint demnächst ein Dossier.

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