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Nachricht , : Umweltzerstörung für Lithium

Sozioökologische Folgen und Konflikte im Zusammenhang mit der Lithiumgewinnung aus Salzseen

Wichtige Fakten

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CC BY-NC-ND 1.0, Grafik: ZOFF GbR & Riikka Laasko

Ein globales Szenario, in dem die Erderwärmung zwei Grad nicht überschreitet – die entscheidende Grenze, um einen Zusammenbruch unserer Ökosysteme zu verhindern – macht einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien nötig. Dies wiederum erfordert, dass die Produktion von Graphit, Lithium und Kobalt bis 2050 gegenüber dem Förderniveau von 2018 schrittweise um insgesamt rund 450 Prozent steigt. In einem solchen Szenario würde die Nachfrage nach 17 Mineralien, die für die von den Industriemächten vorangetriebene Energiewende entscheidend sind, laut Weltbank von derzeit 40 Millionen Tonnen pro Jahr auf 165 Millionen Tonnen im Jahr 2050 anwachsen. Insgesamt ergäbe sich dadurch innerhalb von knapp drei Jahrzehnten eine Gesamtfördermenge von 3,1 Billionen Tonnen – ein Anstieg, der den Extraktivismus sowie die Zerstörung von Körpern und Territorien auf der ganzen Welt weiter verschärfen würde.

Die Agenda der Europäischen Union umfasst ein Regelwerk, das – neben Handelsabkommen mit Ländern des Globalen Südens – zwölf Memoranden zur Rohstoffgewinnung und das 2023 verabschiedete Gesetz über kritische Rohstoffe (Critical Raw Materials Act) einschließt. Laut einem Bericht von Ecologistas en Acción und dem Observatorio de Multinacionales en América Latina (OMAL) befinden wir uns derzeit «im Übergang vom grünen und digitalen Kapitalismus (2019–2024) zu einem olivgrünen Militärkapitalismus». Angesichts des globalen Wettlaufs zwischen den Großmächten in Ost (China) und West (USA) ist dieser autoritäre Wandel geprägt von der geopolitischen Verdrängung einer im Niedergang begriffenen EU.

In Lateinamerika dringen Projekte zur Lithiumgewinnung immer weiter in die Atacama-Region vor – einem Gebiet auf 2.300 bis 4.500 Metern Höhe, das sich vom Nordwesten Argentiniens über den Norden Chiles bis in den Südwesten Boliviens erstreckt. Heute stammen aus dieser Region 40 Prozent der globalen Lithiumexporte, zudem finden sich hier 53 Prozent der weltweiten Ressourcen. Dieses Territorium, in dem seit Jahrtausenden indigene und bäuerliche Gemeinschaften leben – je nach Region etwa Casabindos, Oahuacas, Cochinocas, Atacamas beziehungsweise Likanantay, Lipez, Collas, Quechuas und Guaranís –, wird heute häufig als «Lithium-Dreieck» bezeichnet. Diese Bezeichnung blendet jedoch die Geschichte und Kultur der dortigen Bevölkerung aus – eine Form epistemischer Gewalt. Sie spiegelt das Bestreben wider, die Region nur noch über das Lithium zu definieren und ihr einen Wert zuzuweisen, der sich nur an den dort verfügbaren Ressourcen orientiert.

China, Australien, Kanada und die Vereinigten Staaten sind die wichtigsten Herkunftsländer des Kapitals, das sich Lithiumvorkommen im «Lithiumdreieck» gesichert hat. In der Region sind auch drei deutsche Unternehmen aktiv: das Dresdner Unternehmen Deutsche E Metalle (Dem), das in Carachi Blanco in der Provinz Catamarca (Argentinien) 70.000 Hektar erschließt und verwaltet; die Firma Eusati, die zur Droege Group gehört und die mit dem halbstaatlichen argentinischen Unternehmen Yacimientos Petrolíferos Fiscales eine Vereinbarung zur Entwicklung der Wertschöpfungskette für «grünes Lithium» geschlossen hat; sowie Liverde von ACI Systems, das ab 2027 in Chile im Salar de Antofagasta Lithium abbauen will. Diese deutschen Initiativen weisen drei gemeinsame Merkmale auf: Keines der Projekte hat bislang mit der Förderung begonnen, es handelt sich um eher kleine Projekte und alle Unternehmen behaupten, ja versichern gar, nachhaltige und umweltfreundliche Fördertechniken einzusetzen – obwohl es bislang keine Technologie gibt, die einen Abbau im angestrebten Maßstab gewährleisten könnte, ohne die Umwelt zu schädigen.

In dieser Region hat der Abbau von Lithium aus Sole zerstörerische soziale und ökologische Folgen und führt zu Konflikten über die Aneignung und Nutzung gemeinsamer Ressourcen wie Wasser, Land und Salzseen. Die Übernutzung von Wasser in endorheischen, also geschlossenen Becken, gefährdet das Überleben von Menschen und Tieren, da sich die Becken angesichts des Umfangs der Soleförderung nicht auf natürliche Weise regenerieren können. 

Bei der Gewinnung von Lithium durch Verdunstung wird ständig Sole aus den Salzseen abgepumpt und in zahlreiche große Becken geleitet. Diese Sole – eine mineralhaltige Flüssigkeit, die unter der Salzkruste liegt – verdunstet dort langsam, sodass der Lithiumgehalt Schritt für Schritt steigt, bis die Konzentration den für die Batterieproduktion in der Elektromobilitätsindustrie erforderlichen Wert erreicht. Derzeit entfallen 87 Prozent der weltweiten Lithiumnachfrage auf Batterien, 59 Prozent davon für die Elektromobilität. 

Die Verdunstungstechnik verbraucht enorme Wassermengen: je nach Salzsee zwischen 580.000 und 900.000 Liter, teilweise sogar bis zu zwei Millionen Liter pro Tonne Lithiumcarbonat. Dies beschleunigt den Wasserentnahmezyklus in einer der trockensten Regionen der Erde. Gleichzeitig entstehen bei dieser Technik Abfälle, unter anderem aus Kalium- oder Natriumsalzen. So würde etwa eine der kleineren Anlagen (20.000 Tonnen jährlich) innerhalb eines Jahrzehnts Abfallmengen erzeugen, die auf einer Fläche von 11,5 Quadratkilometern einen Meter hoch aufragen würden. Zwar existieren andere Gewinnungstechniken, die weniger Sole verbrauchen, etwa die direkte Extraktion, doch sind sie technologisch noch nicht ausgereift, verursachen höhere Kosten und sind nicht im gleichen Maßstab einsetzbar wie die derzeitige Technik. Zudem sind auch sie energie- und wasserintensiv, insbesondere in Bezug auf Süßwasser. 

Die durch den Extraktivismus verursachten ökologischen Ungleichgewichte gefährden die gesamte lokale Biosphäre

Die durch den Extraktivismus verursachten ökologischen Ungleichgewichte gefährden die gesamte lokale Biosphäre: Sie beeinträchtigen die Lebensfähigkeit von Tieren, Pflanzen, der menschlichen Bevölkerung und sogar jener Mikroorganismen, die zu den ältesten der Erde gehören und durch die Sauerstoffproduktion entscheidend für die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten waren. Zu den Risiken der Lithiumproduktion zählen das Austrocknen von Flussauen und Wasserstellen, die Tieren und Kulturpflanzen als Lebensquelle dienen und der lokalen Bevölkerung Einkommen und Nahrung bieten. Zudem sind sie Räume kollektiv überlieferter Formen einer gemeinschaftlichen Landnutzung und -kontrolle. Dies kann zur Auslöschung der Kulturen und Identitäten jener Gemeinschaften führen, die diese Region seit mehr als 12.000 Jahren bewohnen – ein Zeitraum, der in keinerlei Verhältnis zu den höchstens 200 Jahren steht, seit denen Nationalstaaten existieren. 

Die konkrete Gefahr von Wasserstress in jedem der Salzseen – einen Zustand, den die chilenische Umweltbehörde für den Salar de Atacama bereits bestätigt hat – wird durch mangelnde öffentliche Kontrolle und fehlende Informationen über Umweltfolgen zusätzlich verschärft. Hinzu kommt das Fehlen einer strengen Aufsicht durch die Behörden auf nationaler, provinzieller und lokaler Ebene. Für umfassende und kumulative Umweltverträglichkeitsstudien fehlen die Daten zum vorherigen Zustand der Ökosysteme, die eine Einschätzung der Auswirkungen erst ermöglichen würden. Zudem überschneiden sich die extraktiken Projekte: Sie werden von transnationalen Unternehmen unterschiedlicher Herkunft betrieben, die auf dieselben Wasserquellen zugreifen.

Die rasante Ausweitung der Rohstoffprojekte erfolgt ausnahmslos in Territorien mit einem legitimen Anspruch der indigenen Bevölkerung auf territoriale Selbstbestimmung. Diese Projekte verstoßen gegen nationale und internationale Abkommen und Vorschriften, die sowohl in den nationalen Verfassungen als auch in der ILO-Konvention 169 verankert sind – etwa das Recht der Bevölkerung auf freie, vorherige und informierte Zustimmung vor der Umsetzung von Projekten, die ihre Territorien und Gemeingüter betreffen. Sie verstoßen ebenso gegen die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker, die deren Recht auf Selbstbestimmung und kollektives Eigentum anerkennt, sowie gegen die Verpflichtung, die Öffentlichkeit an umweltbezogenen Entscheidungen zu beteiligen und ihr den Zugang zu Gerichten in Umweltangelegenheiten zu gewährleisten, wie es das Escazú-Abkommen vorschreibt. Nicht zuletzt breiten sich die Rohstoffprojekte auch auf Naturschutzgebiete oder Schutzräume für Arten wie Flamingos aus und dringen sogar in Feuchtgebiete der Hochanden vor, die als Ramsar-Gebiete (Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung) ausgewiesen wurden. 

Die Rohstoffprojekte breiten sich auch auf Naturschutzgebiete oder Schutzräume für Arten wie Flamingos aus und dringen sogar in Feuchtgebiete der Hochanden vor, die als Ramsar-Gebiete - Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung - ausgewiesen wurden. 

Durch irreguläre Verfahren und/oder die Aufweichung regulatorischer Anforderungen fördern politische und wirtschaftliche Akteure die Ansiedlung dieser Projekte, die mit dem Versprechen von Arbeitsplätzen und wirtschaftlichem Wachstum für die Region legitimiert werden. Dabei werden einzelne Entscheidungsträger*innen für diese Interessen vereinnahmt, während gleichzeitig die sozialen Bindungen innerhalb der Gemeinschaften und zwischen ihnen geschwächt werden. Das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der sich der Lithiumabbau ausbreitet, sowie der Handlungsspielraum der Unternehmen unterscheiden sich von Fall zu Fall. Sie hängen sowohl von der Fähigkeit nationaler und subnationaler Institutionen ab, Kontrollen durchzusetzen, als auch von den entstehenden Kämpfen und dem Widerstand der indigenen Gemeinschaften, die diese Projekte ablehnen und sich zur Verteidigung ihrer Territorien und Gemeingüter organisieren. «Wasser ist mehr wert als Lithium», «Wir essen keine Batterien» und «Wir wollen nicht zur Opferzone für deinen E-Tesla werden» sind einige der Slogans, die den Widerstand gegen diese vermeintlichen «Lösungen» am klarsten auf den Punkt bringen. Sie verweisen auf die Fortsetzung rassistischer und kolonialer Logiken, die historische strukturelle Ungleichheiten zwischen Ländern und Bevölkerungen reproduzieren und die sozialen und ökologischen Kosten auf jene lateinamerikanischen Länder abwälzen, die die Rohstoffe für die Energiewende der wohlhabenden Staaten bereitstellen müssen, wobei Wasser- und Energieressourcen ebenso wie menschliche Arbeitskraft ausgebeutet werden. 

Der extreme Extraktivismus von «für die Energiewende kritischen Mineralien» überlagert sich in diesen Regionen mit dem Abbau traditioneller Rohstoffe wie Kupfer. Dieser Prozess vollzieht sich im Kontext eines inter-imperialen Konflikts, in dem die Länder des Globalen Nordens verstärkt nach Wegen suchen, ihre Energieversorgung abzusichern und sich dafür jene Ressourcen anzueignen, die sie für ihre Technologisierung und größtmögliche Kapitalakkumulation entlang der Wertschöpfungsketten benötigen. Dieser ungleiche ökologische Austausch, der durch eine starke Machtkonzentration geprägt ist, zerstört lokale Wirtschaftsstrukturen, verändert das soziale Gefüge der betroffenen Regionen und kann schlimmstenfalls zur Vertreibung der Bevölkerung führen. Die Ortschaften, die Widerstand leisten, sehen sich Einschüchterungen, Schikanen, Kriminalisierung und Stigmatisierung ausgesetzt, weil sie Akteuren gegenüberstehen, die über eine enorm konzentrierte wirtschaftliche Macht verfügen. 

Wir leben heute in einem System, das im Kern bereits an seine Grenzen gestoßen ist. Doch selbst angesichts der unbestreitbaren Dringlichkeit, die fossilen Emissionen zu reduzieren, die dieses «Zeitalter der planetaren Überhitzung» hervorgebracht haben, lässt sich der derzeitige ungebremste Produktivismus und die kapitalistische Wirtschaftsweise, die auf Raubbau und Übernutzung beruht, weder mit Lithium noch mit irgendeinem anderen Rohstoff aufrechterhalten. Genau dieses Modell gilt es dringend zu transformieren.
 

Übersetzung von Cornelia Gritzner und Sebastian Landsberger für Gegensatz Translation Collective.



 

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