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Analyse , : Kampf der Energiesysteme

Die Chancen einer grünen Energiewende sind so günstig wie nie. Und Deutschland verspielt sie gerade.

Wichtige Fakten

Autor
Uwe Witt,

Details

Hinter einem Windpark in einer Mittelgebirgslandschaft geht die Sonne unter. Die Windräder heben sich gegen den rot gefärbten Horizont und die große Sonnenkugel ab.
Sonne und Wind sind die Grundlagen der grünen Energiewende in Deutschland. Das Bild zeigt einen Windpark bei Bad Homburg in Hessen. Foto: IMAGO / Jan Eifert

Während Deutschland gerade ein energiepolitisches Rollback vollzieht, entwickelt sich die Welt in eine ganz andere Richtung: Massive Elektrifizierung in Industrie, Wärmeversorgung und Verkehr sowie Flexibilisierung im Energieverbrauch sind Kernelemente einen neuen Etappe der globalen Energiewende, bei der sich China mittlerweile an die Spitze gesetzt hat. Auch auf nationaler Ebene sind diese Elemente angesichts des erreichten Ausbaugrades beim Ökostrom und des bevorstehenden Kohleausstiegs zentral für die künftige Energieversorgung. Bremst die Bundesregierung sie weiter aus, wird das nicht nur den Klimaschutz gefährden, sondern auch der hiesigen Wirtschaft und den Verbraucher*innen teuer zu stehen kommen – nicht zuletzt, weil Deutschland dann in fossilen Abhängigkeiten gefangen bleibt. Es drohen gigantische Fehlinvestitionen.

Verschenkter Strom

Verkehrte Welt: Am 1. Mai 2026 mussten in Deutschland etliche Kund*innen um die Mittagszeit ihren Strom nicht bezahlen, sondern bekamen vielmehr Geld dafür, dass sie ihn abnahmen. Das gab es schon öfters, aber nicht in diesem Umfang. Photovoltaik- und Windanlagen produzierten am Feiertag so viel Elektrizität, dass die Abschlüsse an den Strombörsen preislich auf bislang unbekannte Tiefststände fielen. Mit bis zu minus 499 Euro pro Megawattstunde, also fast 50 Cent pro Kilowattstunde , waren am Spotmarkt negative Strompreise und zugleich die Abregelung von Erzeugungsanlagen notwendig, um Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. 

Direkt profitiert haben davon übliche Haushalte kaum. Gewinner waren Unternehmen, die direkt an Spotmärkten agieren, sowie die wenigen Endkund*innen, die bereits flexible Stromtarife und entsprechende Messeinrichtungen haben. Beide Gruppen können gegebenenfalls auch Hochpreisphasen aus dem Weg gehen, von denen es beispielsweise gleich am Abend des 1. Mai eine gab. Hier war Ökostrom wetter- und tageszeitbedingt knapp und der Bedarf deutlich höher als mittags. Die stabile Hochdrucklage mit wenig Wind über Europa trieb in der letzten Juniwoche nicht nur die Temperaturen, sondern auch die Strompreise extrem nach oben: Abends erzeugte sie an den Strombörsen Preisspitzen von über 600 Euro je MWh, mittags hingegen war Strom mit knapp 32 Euro je MWh sehr günstig.

Woher kommen diese verrücken Preissprünge? Deutschland hat mittlerweile einen Ökostromanteil von 56 Prozent des Gesamtverbrauchs, was weitreichende Folgen hat. Die wachsenden Preisausschläge am Großhandelsmarkt sind nur eine davon, denn die Bundesrepublik befindet sich in einer neuen Phase der Energiewende. So muss die naturgemäß schwankende Einspeisung erneuerbarer Energien nicht mehr nur „ins Stromsystem integriert werden“, wie es in den letzten Jahren hieß. Ökostrom ist jetzt systembestimmend. Hält der zu seiner Integration notwendige Aus- und Umbau von Stromnetzen und Speichern sowie die Mobilisierung flexibler Verbraucher nicht Schritt mit dem Ökostromausbau, führt das zu teuren Verwerfungen. Die enormen Preisausschläge sind eine Folge der Defizite, die Deutschland hier aufweist.

Im letzten Jahr wurden in der Bundesrepublik 283 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Sonne, Wind und anderen erneuerbaren Quellen gewonnen. Braun- und Steinkohle sowie Erdgas und andere nicht erneuerbare Erzeugung trugen dagegen nur noch zu 41 Prozent (196 Mrd. kWh) zur Nettostromerzeugung bei. 

Nettostromerzeugung in Deutschland (nur regenerative Energien). Quelle: Energy-Charts: Säulendiagramme zur Stromerzeugung | Energy-Charts

Im deutschen Stromsektor führte die Entwicklung in Verbindung mit der Stilllegung von Kohlekraftwerken zu deutlich sinkenden CO2-Emissionen. Auch die Treibhausgasemissionen Deutschlands insgesamt sinken, wobei die Einsparung im letzten Jahr geringer ausfiel als in den Vorjahren. Das liegt vor allem an den Sektoren Verkehr und Gebäude, die ihre orientierenden sektoralen Klimaschutzziele regelmäßig reißen. 

Reiche setzt Klimaziele aufs Spiel

Bislang übererfüllt Deutschland in Summe aber noch die Gesamtziele des nationalen Klimaschutzgesetzes (KSG), vor allem weil der Strombereich deutlich stärker sank als erwartet. Es besteht dadurch gegenwärtig sogar ein Puffer von 107 Mio. t CO2-Äquivalenten, wenn man die jährlichen Gesamtemissionen addiert und mit den entsprechenden Vorgaben des KSG für die Jahre 2021 bis 2025 vergleicht. Doch das alles wird sich absehbar ändern. Weil bislang wirksame Maßnahmen der Politik fehlen, die Emissionen auch im Verkehr und im Gebäudesektor deutlich senken, wird Deutschland seine klimaschädlichen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 nicht wie geplant um 65 Prozent, sondern nur um 62,6 Prozent gegenüber 1990 reduzieren können, wenngleich das Gesamtbudget für die Jahre 2021 bis 2030 knapp eingehalten wird. Das ist die Einschätzung des im Juni vom Umweltbundesamt veröffentlichten Treibhausgas-Projektionsberichts.  Auch das im Klimaschutzgesetz des Bundes geforderte Minderungsziel von minus 88 Prozent bis 2040 werde verfehlt und somit auch die bis 2045 angestrebte Treibhausgasneutralität in Deutschland. 

Kohlendioxidemissionen der Stromerzeugung in Deutschland. Quelle: Energy-Charts

Allerdings steht der Weg zur Erfüllung der deutschen Klimaziele derzeit offen wie nie zuvor. Die Bundesregierung wehrt sich jedoch, ihn zu gehen - obwohl damit zugleich die Abhängigkeit von importierten fossilen Rohstoffen reduziert würde.

Ökostrom verdrängt zunehmend Gas 

Warum haben wir jetzt eine viel günstigere Situation, die Wirtschaft treibhausgasfrei zu machen als noch vor einigen Jahren? Weil sich Deutschland und viele andere Staaten in einer neuen Phase der Energiewende befinden. Mittlerweile können jene Mengen an Ökostrom preiswert produziert werden, die nötig sind, um über den Strombereich hinaus auch andere Sektoren schrittweise zu dekarbonisieren. Dieser umfassende Umstieg von einer Welt, in der Öl oder Gas verbrannt werden, in eine, die weitgehend klimaneutral funktioniert, hat aber neben dem Bedarf an viel Ökostrom einige weitere (bewältigbare) Herausforderungen: 

Zunächst muss der Elektrifizierung bei Gebäudewärme, Verkehr und in Industrieprozessen deutlich stärkere Priorität eingeräumt werden. Nur so lässt sich der Ökostrom auch nutzen, und nur so können die bislang verlustreichen fossilen Anwendungen effizienter werden. Reiches Rollback beim Heizungsgesetz passt dazu ebenso wenig wie das Bestreben der Union, das Verbrennerverbot für Neuwagen ab 2035 zu durchlöchern. 

Zum anderen muss der Ökostrom tatsächlich zu den Verbraucher*innen gelangen, und nicht wegen Netzengpässen oder anderen systemischen Flaschenhälsen abgeregelt werden, wenn er im vermeintlichen Überfluss produziert wird. Dafür braucht es ausreichend Netze, Umspannwerke und Stromspeicher. Flexibilität beim Strombezug seitens der Verbraucher*innen senkt in einer Welt mit flexibler Erzeugung ebenfalls Kosten und Emissionen.

Im Prinzip ist Deutschland zumindest auf dem Weg dahin. Das zeigt sich an folgendem: Im Durchschnitt sanken die deutschen Strompreise an der Großhandelsbörse im März und April trotz der seit Anfang April aufgrund des Iran-Kriegs drastisch gestiegenen Gaspreise. Das Strompreisniveau im Mai stieg zwar leicht, aber es lag noch immer 9 Prozent unter den Vorkriegswerten im Februar, obgleich seitdem die Gaspreise um etwa ein Drittel angezogen haben. Das scheint zunächst überraschend, denn zuvor bestimmten regelmäßig die Gaspreise (über die Kosten des Betriebs des teuersten noch benötigten Gaskraftwerks) die Börsenstrompreise – wir erinnern uns an die Gaskrise 2022, als der sperrige Begriff „Merit-Order-Effekt“ selbst an Küchentischen Thema war. 

Dass sich die Strompreise von den Gaspreisen nunmehr abkoppeln ist eine Folge der fortgeschrittenen Energiewende: Infolge der zunehmende Ökostrom-Einspeisung und der Wetterlage im Frühjahr setzen teure Gaskraftwerke an der Börse an immer weniger Stunden den für alle Bieter verbindlichen Großhandelspreis. Gaskraft wird deutlich weniger aufgerufen, da es meist genug Ökostrom gibt. Im Ergebnis lagen laut Verivox auch die Endkundenpreise für Strom bei Neukund*innen im Mai auf dem Niveau vom Frühjahr 2021, also vor dem Ukraine-Krieg. Bei Anwendungen hingegen, die fossiles Gas nutzen, schlägt der aktuelle Preisanstieg an den Gasmärkten durch: Der Gaspreis für Gewerbe-Endkund*innen etwa hat sich im selben Zeitraum fast verdoppelt. Hier zeigt sich exemplarisch, welche Energieträger wirtschaftlich teuer und riskant sind, und welche zukunftsfähig.

Deutschland verschenkt Milliarden durch fehlende Flexibilität

Der preisdämpfende Ökostrom-Effekt kommt in Deutschland allerdings weniger zum Tragen als es möglich wäre. Denn verschleppter Netzausbau, mangels intelligenter Stromzähler wenig flexible Haushalte sowie fehlende Netzanschlüsse für Stromgroßspeicher zwingen hierzulande häufiger zum Abregeln von Wind- und Solaranlagen. Teure fossile Erzeugung muss dann unnötig einspringen. So sprangen die Börsenstrompreise in der wolkenlosen Hitzewoche Ende Juni nach Sonnenuntergang mehrfach kurzzeitig extrem in die Höhe, weil PV-Anlagen nichts mehr erzeugten, kaum Wind wehte und Gaskraftwerke zusätzlich noch Klimaanlagen versorgen mussten. Im Ergebnis stieg der durchschnittliche Monatsgroßhandelspreis für Juni wieder auf 103 Euro/MWh. Eine Flotte von Stromgroßspeichern hätte nicht nur die niedrigen Marktpreise für die massenhafte PV-Einspeisung am Tage stabilisiert, sie hätte auch ihren tagsüber gespeicherten Strom am Abend abgeben können und somit etliche Gaskraftwerke arbeitslos gemacht.

Spanien ist da weiter. Dort bestimmte Gas den Strompreis von Jahresbeginn bis März nur noch in 9 Prozent der Stunden, gegenüber 52 Prozent im Jahr 2021. Das Land hat seine Wind- und Solarerzeugung in den letzten vier Jahren um 37 Prozent erhöht und Flexibilitätsdienstleistungen ausgebaut. Im weiterhin extrem gasabhängigen Italien sind es demgegenüber 75 Prozent der Stunden, in denen Gaskraftwerke den Großhandelspreis bestimmen. Entsprechend wurden im Großhandelspreis im März in Italien satte 143 Euro/MWh verlangt – gegenüber nur 42 Euro/MWh in Spanien. 

Deutschland lag im März mit 24 Prozent der Zeit bzw. 96 Euro/MWh zwischen den beiden Ländern. Die fehlende Flexibilität hat uns reichlich Geld gekostet: Nach einer aktuellen Fraunhofer-Analyse hätte Deutschland eine zusätzliche kurzfristige Flexibilität von 20 Gigawatt Speicherleistung mit vier Stunden Speicherkapazität im Zeitraum Januar 2025 bis Ende Mai 2026 volkswirtschaftliche Einsparungen von 5,6 Milliarden Euro ermöglicht.

Die Botschaft: Macht‘s elektrisch und flexibel, und zwar zügig!

Die klare betriebswirtschaftliche Botschaft dieser Verhältnisse lautet unmissverständlich: Baut mit Tempo eure Ökostromerzeugung aus! Mobilisiert aber gleichzeitig Speicher und andere Infrastruktur zur flexiblen Einspeisung und Nutzung! Dann sinken Preise und Abhängigkeiten vom fossilen Energiemarkt. Das wäre allerdings das genaue  Gegenteil dessen, was hierzulande Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betreibt, etwa bei der Diskriminierung von Stromspeichern über das Kraftwerkssicherheitsgesetz. Oder beim Ausbremsen neuer Solardächer und Windkraftanlagen. 

Dem globalen Trend und der ökonomischen Vernunft trotzend stemmt sich die ehemalige Eon-Managerin zudem gegen die konsequente Elektrifizierung gerade der  Bereiche, die im Klimaschutz hinterherhinken. Wer jedoch statt auf Ökostrom und Effizienz bei Heizungswechsel (Wärmepumpe) lieber auf ominöse Biotreppen und Grüngasquoten setzt, ja sogar dem Neueinbau von Gasheizungen keinen Riegel vorschiebt, verteuert und verzögert den Klimaschutz. Gleiches gilt für E-Autos und ÖPNV versus Verbrenner-Limousinen. Zudem lauert in der Gasfixierung eine strategische Gefahr für Deutschland: „Mit den USA als größtem Lieferanten für teures LNG-Gas werden Abhängigkeiten erhöht mit eklatanten sozio-ökonomischen wie sicherheitspolitischen Konsequenzen,“ schreibt der Berliner Politökonom Christian Christen in einem lesenswerten Aufsatz.

China und andere Staaten tun dagegen alles, um die Elektrifizierung von Gebäudewärme, Automobilen und Industrie voranzutreiben. Kein Wunder: Fast 90 Prozent des globalen Zubaus an Energieerzeugungsleistung gingen in den letzten Jahren in Erneuerbare Energien. Und der langfristig preiswerteste und verlustärmste Weg, sie zu nutzen, sind eben elektrische Antriebe, etwa in PKWs  oder Wärmepumpen für die heimische Heizung. 

Elektrifizierungsgrad (Anteil elektrischer Energie am Gesamtenergieverbrauch) in ausgewählten Ländern: China hat die EU in Sachen Elektrifizierung weit überholt. Quelle: Ember 2026

Lieber Gas-Country als Electro State? 

Für das Forschungsinstitut Ember ist die laufende elektrotechnische Revolution hin zum „Electro State“ nicht weniger als „die tiefgreifendste Transformation des Energiesystems seit dem Wandel von Biomasse zu fossilen Brennstoffen im 18. Jahrhundert“. Dass China in den letzten Jahren jährlich rund zehn Prozent seiner Wirtschaft elektrifiziert, Europa und oder die USA aber nur weniger als halb so viel, sagt etwas darüber, wer im globalen Wettbewerb zukünftig strukturelle Vorteile haben wird. China hat zwar mit 34 bis 37 Prozent einen niedrigeren Ökostromanteil als die EU (45 Prozent), und produziert CO2-Emissionen von jährlich 12 Milliarden Tonnen (EU: 3,2 Milliarden Tonnen). Die Dynamik des Wandels im Reich der Mitte und in anderen Staaten Asiens, getrieben auch von konsequenter staatlicher Industriepolitik, ist dennoch überwältigend. 

Hierzulande werden dagegen die Leerstellen bei der Produktion fast aller jener Industriegüter, die für die Elektrifizierung zentral sind (Speicher, Regeltechnik) immer größer – und damit die Abhängigkeit von China. Das kann Deutschland teuer zu stehen kommen. „Wer lediglich Cleantech einkauft, statt Cleantech systematisch zu bauen, gewinnt Emissionsreduktion und verliert Wertschöpfung“, analysiert Christian Christen. Das sei kein zwingend schlechtes Tauschgeschäft für das Klima und die Reduktion der teuren fossilen Importe, „aber es ist schlecht für die europäische Industriepolitik, regionale Wertschöpfung und Beschäftigung.“ Die Krise der deutschen Automobilindustrie lässt grüßen.

„Electrify everything you can“ 

Eine Analystengruppe um die britischen Experten Adrian Hiel und Michael Liebreich veröffentlichte kürzlich das Schema einer „Elektrifizierungstreppe“, welche Anwendungsfälle zur Elektrifizierung nach Wirtschaftlichkeit bzw. Anforderungen an Innovation und Infrastruktur ordnet. Ihre Empfehlung: „Electrify everything you can, do the rest later“. Konzentriert Euch zunächst auf die untersten Treppenstufen, elektrifiziert diese aber mit aller Kraft. Das Übrige macht später. Zuverlässig verstoßen Reiches und Söders aktuelle Umbau-Bremsen zu Lasten von Wärmepumpen, E-Autos und Elektrobussen gegen exakt diese Transformationsregeln.

Ein weiteres Beispiel: Pakistan. Siemens hatte vor Jahren hier gigantische Großaufträge zum Bau von Gaskraftwerken realisiert. Angesichts der globalen Gaspreisexplosionen schwenkte das nun Land um. Importierte Pakistan im Jahr 2018 noch weniger als 1 Gigawatt Solarmodule, waren es bis Anfang 2026 kumuliert 51 Gigawatt. Laut dem Energieexperten Erik Richter-Alten resultierten daraus 12 Milliarden Dollar vermiedene Öl- und Gasimporte seit 2018.

Energiewende zunehmend ökonomie- statt politikgetrieben

Laut ihm waren hier übrigens Preisdifferenzen zur fossilen Beschaffung auschlaggebend, keine umfassenden Energiepläne oder Einspeisevergütungen – was ebenfalls die neue Phase der globalen Energiewende kennzeichnet. Die seinerzeit gasgetriebenen Stromtarife explodierten in Pakistan nach 2022, die Bevölkerung habe mit preiswerten Solar-Panels auf Hausdächern, im Gewerbe und der Landwirtschaft reagiert. Er resümiert: „Wenn die Technologie verfügbar ist und die Alternative teuer genug wird, passiert die Energiewende nicht durch Politik. Sie passiert durch Ökonomie“. 

Richter-Alten verweist auch auf Schwächen des Pakistan-Modells: Wer kein Solardach hat, zahlt höhere Stromtarife. Batterie-Importe seien mit 1,25 Gigawattstunden noch im Anfangsstadium. Ein Zwei-Klassen-System entstehe. Man mag hinzufügen, dass es erst einmal jene Nationen brauchte (darunter Deutschland und China), die für Solaranlagen mittels garantierter Einspeisevergütungen, Einspeisevorrang oder industriepolitischen Interventionen einen Massenmarkt schafften, damit die Kosten von Solarpaneelen letztlich so stark sinken konnten, dass Länder wie Pakistan nun davon profitieren (die woanders, etwa im Textilbereich, vielfach unter imperialen Welthandelszwängen leiden). Auch hat das weitaus stärker industrialisierte Europa ein deutlich komplexeres Energiesystem, was einen planvollen und abgesicherten Übergang erfordert. Der Markt allein wird hier längst nicht alles regeln. Zudem kann kluge vorausschauende Transformationspolitik zumindest sehr hohe Öl-, Gas- und CO2-Preise als Umbautreiber überflüssig machen. 

Aber die Grundlektion bleibt: Selbst wenn man die Integrationskosten des Ökostroms (Netzausbau, Speicher, Kosten flexibler Nachfrage etc.) mitbetrachtet, ist wirtschaftlich der Kampf „Erneuerbare gegen Kohle und Gas“ im Prinzip entschieden. Die fossile Stromwelt ist zu teuer. Der Wandel kann durch schlechte Regierungspolitik nur noch verzögert, aber nicht mehr dauerhaft aufgehalten werden. Dies ist dann auch der sozioökonomische und technologische Unterschied zu früheren Energiekrisen und Preisschocks, wie etwa die von 1973 mit ihren Sonntagsfahrverboten: Heute stehen mit nunmehr preiswerten Erneuerbaren Energien und Speichern im marxschen Sinne jene Produktivkräfte zur Verfügung, die die Dekarbonisierung über kurz oder lang erzwingen werden. Dies vor allem rein betriebswirtschaftlich, aber auch durch die zunehmenden Machtressourcen der sich herausgebildeten Greentech-Industrie. Doch um nicht falsch verstanden zu werden:  Die Entscheidung zwischen „kurz oder lang“ kann auch eine in menschlichen Zeithorizonten unumkehrbare brutale Erderwärmung bedeuten. Hier ist nichts entschieden, Klimakämpfe haben sich alles andere als erledigt. 

Machtvolle Blockaden und Rollback

Blockadepotential gibt es hierzulande beispielsweise insbesondere für den Gebäude- und Mobilitätsbereich. Zwar werden über den grünen Stromsektor und die Elektrifizierung auch diese Sektoren irgendwann durchdrungen werden, viele fossile Anwendungen sind mit Blick auf ihre Lebensdauer schon heute unwirtschaftlich. Aber gerade in den konsumentennahen Bereichen Heizung und Pkw, die die Energiewende nun erreicht, schafft es das alte fossilistische System immer wieder erfolgreich, den Wandel zu bremsen. Lobbyarbeit und BILD-Kampagnen „für Freiheit im Heizungskeller und auf Autobahnen“ verfangen hier einfacher, als gegen die damalige, auf der jährlichen Stromrechnung versteckte Ökostrom-Umlage. Dieses Verhetzungspotential ist besonders in einem Umfeld gefährlich, das in ganz Europa zunehmend von Rechtspopulismus und Fake-News gekennzeichnet ist.

Der in Dänemark lehrende Uni-Professor Andreas Rasche fasst den Rückzug der Umweltpolitik der EU seit den letzten EU-Wahlen zusammen: Allein in den letzten 12 Monaten habe die EU unter anderem …

  • das vereinbarte Verbot von Verbrennungsmotoren im Jahr 2035 geschwächt;
  • ein Klimaziel für 2040 verabschiedet, das die Nutzung von fragwürdigen CO2-Auslands-Zertifikaten erlaubt;
  • 41.000 Unternehmen von der EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung ausgenommen;
  • die europäische Lieferkettenrichtlinie verzögert und deren Aufgabenbereich um 70  Prozent reduziert.

Die damit verbundene Bestrafung von Vorreitern schüre nicht nur Unsicherheit, sondern schaffe auch Misstrauen. Unternehmen fehle eine kohärente politische Ausrichtung, so Rasche. 

In diesem Sinn kritisiert auch der Duisburger Betriebsrat von Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) und LINKE-Bundestagsabgeordnete Mirze Edis scharf die geplante Aufweichung des Europäischen Emissionshandels für Energiewirtschaft und Industrie (ETS-1): Wie die Salzgitter AG habe sich mit Saarstahl ein Stahlwerk als First Mover auf den Weg der kompletten Dekarbonisierung der Roheisenproduktion gemacht. Hierfür nehme das Unternehmen 4,6 Milliarden Euro in die Hand, um fortschrittlichen Grünen Stahl zu produzieren. „Statt diese Pioniere zu unterstützen, rammt Katherina Reiche mit ihrer fossilen Lobby-Politik diesem verantwortungsbewussten Vorreiter in der deutschen Industrie das Messer in den Rücken“. Der Hintergrund: Reiche und die EU-Kommission planen im Rahmen der Überarbeitung des ETS-1 unter anderem, die weitgehend kostenlose Vergabe von CO2-Zertifikaten für die Industrie über das Jahr 2034 hinweg aufrecht zu erhalten, anstatt zu sie endlich zu versteigern, wie ursprünglich geplant. Zudem sollen zusätzliche Zertifikate auf den Markt gebracht werden. Der Einsatz von grünem Wasserstoff statt klimaschädlicher Kokskohle rechnet sich aber kaum noch, wenn konventionelle Stahlwerke als Konkurrenten beim Emissionshandel weiter privilegiert werden.

Auch die kurzfristigen Expansionspläne der globalen Öl- und Gasproduzenten entspringen einem anderen Geist, als ihn der Stromsektor zunehmend prägt. Die Zuwachspläne für neue Felder liegen heute um 33 Prozent höher als im Jahr 2021 - jenem Jahr, in dem die Internationalen Energieagentur (IEA) erstmals bestätigte, dass, um die Energienachfrage in einer 1,5-Grad-Welt zu decken, keine neuen Öl- und Gasfelder erschlossen werden dürften. „Öl- und Gasindustrie auf direktem Weg in den Klimakollaps“ titelte die Organisation Urgewald im letztem November folgerichtig. Der Krieg gegen die Ukraine wird zu dieser Entwicklung beigetragen haben, ließ er doch die Energiepreise genauso in die Höhe schießen wie jetzt die Schließung der Straße vom Hormus durch das Mullah-Regime und Trump. 

Trendwende beim CO2-Ausstoß bleibt noch aus

Würden diese Pläne tatsächlich umgesetzt, könnten sie sich als gigantische Fehlinvestitionen entpuppen. Denn bis Ende 2025 machten Erneuerbare Energien bereits 49 Prozent der weltweit installierten Stromerzeugungskapazität aus und trugen in dem Jahr 86 Prozent zum weltweiten Kapazitätszuwachs bei. In Verbindung mit dem Preisverfall bei Photovoltaik und Stromspeichern wird das global auch den Zubau von Elektroautos weiter beschleunigen. In China waren 70 Prozent der im Jahr 2025 verkauften Batterie-Elektroautos bereits günstiger als das durchschnittliche konventionelle Auto. Selbst bei Lkws schrumpft der Anteil der Neuzulassungen mit Dieselmotor zugunsten von E-Trucks. Auch der Wärmepumpenmarkt wächst, während der Absatz von Öl- und Gasheizungen unter Druck gerät. Die IEA erwartet, dass Wärmepumpen bis 2035 weltweit etwa 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas verdrängen.

Die EU-Kommission wiederum will mit ihrem am 15. Juni diesen Jahres veröffentlichten Electrification Action Plan den Ölverbrauch halbieren. Das soll kumuliert 200 Milliarden Euro an fossilen Importkosten bis 2040 einsparenund 520 Millionen Tonnen CO₂- Emissionen pro Jahr weniger bedeuten – ein Fünftel des heutigen Niveaus.

Bei den weltweit größten Kohleverbrauchern China und Indien (zusammen 70 Prozent) sinkt durch den Ökostromausbau seit kurzem die Kohlenachfrage; in Europa, einschließlich Deutschland, schon seit langem. In Summe werden diese Entwicklungen auch auf die globalen Öl-, Gas- und Kohlemärkte durchschlagen, sie schrumpfen lassen. Die globalen Treibhausgasemissionen könnten dann endlich sinken.

Momentan tun sie das noch nicht. Die erhoffte Trendwende beim globalen CO2-Ausstoß ist bislang ausgeblieben. Ein Bericht für das Jahr 2025 der Universität Exeter geht davon aus, dass die weltweiten Treibhausgasemissionen aus fossiler Verbrennung weiter gestiegen sind, voraussichtlich um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wenn die Emissionen sich auf diesem Niveau fortsetzten, werde das verbleibende CO2-Budget, das ein Einhalten des 1,5-Grad-Ziels aus dem Pariser Übereinkommen ermöglichen soll, noch vor 2030 aufgebraucht sein. Der Hauptgrund: Die Dekarbonisierung der Energiesysteme in vielen Ländern schreite voran, sie reiche aber nicht aus, um den Anstieg des weltweiten Energiebedarfs auszugleichen, so der Bericht. 

Imperialer Kampf um Rohstoffe und Flächen

Auch eine erneuerbare Welt braucht Ressourcen, keine Frage. Im Unterschied zu Kohle, Öl und Gas werden die in Windrädern, Solarpaneelen oder Speichern eingesetzten Rohstoffe wie Kupfer, Stahl und Seltene Erden aber nicht klimaschädlich verbrannt, sondern lassen sich am Ende des Lebenszyklus großteils wiederverwenden. Wer diesbezüglich fossile mit regenerativen Energien gleichsetzt, argumentiert also etwas schief. Die harte Kritik an Mega-Rohstoffprojekten von internationalen Bergbaukonzernen aus dem Norden im Globalen Süden zu Lasten der dort lebenden Bevölkerung ist jedoch mehr als berechtigt, denn sie bleiben in der Regel ausbeuterisch und umweltzerstörerisch, auch wenn letztlich nur ein kleiner Teil dieser Rohstoffe in den Greentech-Sektor wandert. 

Der kapitalistische Rohstoffsektor ist also alles andere als konfliktfrei. Umso mehr sollte auch eine Linke für zirkuläres Wirtschaften, gegen Luxusverbräuche und Wachstumsfetischismus kämpfen. Problematisch wird zudem auch der Flächenbedarf, den ein erneuerbares System braucht. Denn Wind- und Solaranlagen werden nicht nur für die Elektrizitätsversorgung benötigt. Sie sind gleichfalls die Grundlage zur Produktion grünen Wasserstoffs und seiner Derivate, welche man zur Dekarbonisierung jener Bereiche benötigt, die einer Elektrifizierung nicht sinnvoll zugänglich sind (Stahlherstellung, Teile der chemischen Industrie, Luft und Seeverkehr). Ein erheblicher Teil davon soll mangels Fläche und Sonnenertrag im Globalen Süden produziert werden – nach Vorstellung des Globalen Nordens.

Zwei Haupttrends laufen gegeneinander

Momentan erleben wir – bei noch leichtem Anstieg der Gesamtenergienachfrage – weltweit zwei gegenläufige Entwicklungen: 

Die Schlagzeilen bestimmt der von rechts initiierte politisch-regulative Rollback gegen Teile der Energiewende. Seine ökonomische Basis liegt vor allem in den absehbaren Verlusten fossiler Konzernsparten. So entwerten sich Gasleitungen oder LNG-Terminals und vormals profitable Geschäftsmodelle. Zudem drohen in den vom Umbau betroffenen Regionen Rückgänge in Beschäftigung bzw. guter Arbeit sowie bei Steuereinnahmen. Dass über die Energiewende an anderer Stelle mehr zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen als wegfallen, überzeugt etliche der unmittelbar betroffenen Beschäftigten wenig. 

Hinzu kommen Trägheiten gegen Änderungen eingefahrener Infrastrukturen des alten Energiesystems. Die Konstruktion und Produktion eines Dieselmotors mit 2.000 Bauteilen zu beherrschen beispielsweise erfüllt viele Ingenieure, Facharbeiter und Werkstätten mit Stolz. Der vielfach effizientere Elektromotor kommt mit nur 200 Bauteilen aus, von denen sich gerade einmal 20 bewegen. Er erscheint so nicht selten als Bedrohung, zumal wenn es ein importierter Motor ist. 

Vor allem aber befeuern fossilistische Kapitalfraktionen, rechte Medien, Schwurbler und Unbedarfte einen Kulturkampf gegen eine zunehmend erneuerbare Energiewelt, basierend auf haltlosen Unterstellungen („Heizhammer!“), Missverständnissen und Wissenslücken. Es ist mehr als der übliche klebrige Mix jeder Systemveränderung. Auch weil er von faschistoiden Tech-Bros und ultrarechten Regierungen wie der unter Trump sekundiert wird. Er wäre angesichts der zeitkritischen Klimakrise ein Weg ins Verderben.

Der gegenteilige Trend (mit dem Hormus-Schock als Katalysator) ist der rasante und nun zunehmend wirtschaftlich getriebene Ausbau der globalen Ökostromkapazitäten, verbunden mit einer massiven Elektrifizierungs- und Flexibilisierungsoffensive. Dieser Weg kann die Dekarbonisierung auch im Mobilitäts- und Gebäudesektor sowie der Industrie beschleunigen und den Gesamtenergieverbrauch senken, da er deutlich verlustärmer ist als Kondensationskraftwerke, Dieselmotoren und Gasthermen. 

Auch hinter diesem Trend steht eine große Industrie. Es ist der Weg, der jene Staaten, die ihn beschreiten, von fossilen und politischen Abhängigkeiten in der Energieversorgung befreit, und der zumindest die Chance bietet, die ärgsten Folgen der Klimakrise noch einzudämmen. 

Welcher der beiden Wege dauerhaft obsiegen wird (und wer dessen Kosten tragen wird), ist in vielen Ländern noch offen. Das Jahr 2026 mit der größten Öl- und Gaskrise seit 1973 wird jedoch als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem sich erstmals beide Alternativen offen und gangbar gegenüberstanden.

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