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Interview , : „Widerstandskraft heißt nicht, immer stark sein zu müssen“

Wisam Al-Deirawi über die psychische Belastung von Frauen in Gaza – und darüber, wie Kunst zur Heilung beitragen kann

Wichtige Fakten

Details

Die Theaterregisseurin Wisam Al-Deirawi redet bei einem Workshop im Bazour Centre in Gaza im Januar 2026.
Die Theaterregisseurin Wisam Al-Deirawi bei einem Workshop im Bazour Centre in Gaza im Januar 2026. Foto: Bazour Centre

Die Bühnenautorin und Theaterregisseurin Wisam Al-Deirawi aus Gaza ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Seeds Theatre Association for Culture and Arts. Mit ihr sprach Katja Hermann, RLS-Büroleiterin in Ramallah, über die spezifische Situation der Frauen in Gaza.
 

Katja Hermann: Wie würden Sie den Alltag in Gaza beschreiben? Wie überstehen die Menschen die ständige Unsicherheit?

Wisam Al-Deirawi: Um ehrlich zu sein, ist das Leben in Gaza in allen Bereichen äußerst herausfordernd geworden. Jeden Tag wachen Familien auf, ohne zu wissen, wie sie ihre grundlegendsten Bedürfnisse nach Nahrung, frischem Wasser und den wichtigsten Dingen erfüllen können. Fortbewegung ist schwierig, es gibt kaum bezahlte Arbeit, und die Menschen leben aufgrund der fortwährenden Krise und Instabilität unter immensem psychischem Druck. Trotz dieser Notlage ist überall eine beeindruckende Widerstandskraft und Entschlossenheit zu spüren. Familien geben ihr Bestes, um sich ein Gefühl von Normalität zu bewahren, und Eltern bemühen sich auch unter den widrigsten Umständen, das bestmögliche Umfeld für ihre Kinder zu schaffen. In den Communitys in Gaza sind Solidarität und gegenseitige Unterstützung traditionell tief verankert. Das erleben wir jeden Tag.

Welchen speifischen Herausforderungen müssen sich Frauen vor diesem Hintergrund stellen?

Frauen in Gaza tragen einen enormen Teil der alltäglichen Last, besonders unter den aktuellen Umständen. Viele Frauen sind direkt dafür verantwortlich, für ihre Familien zu sorgen und trotz der ausgesprochen knappen Möglichkeiten und Ressourcen den Bedürfnissen von Kindern und älteren Familienangehörigen möglichst gerecht zu werden. Diese Frauen stehen zudem durch die permanente Ungewissheit, die Sorge um Sicherheit und Wohlergehen ihrer Liebsten und die Angst um die Zukunft ihrer Kinder unter hohem psychischem Druck. Häufig sind sie gezwungen, ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Gesundheit hintanzustellen, um sich um ihre Familien zu kümmern. 

Frauen benötigen mehr als nur grundlegende humanitäre Hilfe. Sie benötigen auch psychosoziale Unterstützung, Möglichkeiten zur Selbstermächtigung und Safe Spaces – sichere Räume, in denen sie ihre Erfahrungen teilen, ihre Stimme stärken und Netzwerke gegenseitiger Unterstützung aufbauen können.

Trotz dieser Herausforderungen sehen wir immer wieder inspirierende Frauen, die in ihren Familien und Communitys Stärke und Führungskraft beweisen. Viele beteiligen sich weiterhin aktiv in gemeinschaftlichen, kulturellen und humanitären Initiativen und tragen zur Stärkung und Unterstützung ihrer Communitys bei. Deshalb ist es essenziell, dass die Stimmen von Frauen Gehör finden und sie bei Entscheidungsfindungen und der Gestaltung von Programmen, die sich auf ihr Leben auswirken, maßgeblich einbezogen werden. Frauen sind häufig am besten in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und über die realen Lebensumstände in ihren Communitys zu sprechen.

Krieg und Genozid haben das soziale Miteinander in Gaza in Mitleidenschaft gezogen. Mit der Zerstörung traditioneller Familien- und Sozialgefüge sind nun zehntausende Frauen und Mädchen gezwungen, für sich selbst zu sorgen. Wie gehen sie mit dem Verlust ihrer Heimat und ihrer Familien um?

Der Krieg hat Gazas Gesellschaft tief erschüttert, und viele Frauen und Mädchen tragen plötzlich Verantwortung, auf die sie in einem solchen Maße überhaupt nicht vorbereitet waren. Manche Frauen haben ihren Hauptversorger verloren, während andere gezwungen sind, die volle Verantwortung für ihren Haushalt zu übernehmen – sich um Kinder zu kümmern, Alltagsbedarf heranzuschaffen und wichtige Entscheidungen über das Überleben und die Zukunft ihrer Familien zu treffen. 

Trotz dieser harten Realität erleben wir immer wieder eine außerordentliche Widerstands- und Anpassungsfähigkeit bei den Frauen. Viele sind zusehends selbstständiger geworden und haben Lernangebote, Arbeit oder Möglichkeiten gesucht, sich in Gemeinschaftsinitiativen einzubringen, um damit ihre Familien zu unterstützen und eine Form von Stabilität und Zusammenhalt aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig müssen sie durch diese Verantwortung viele persönliche Opfer bringen. Die Last ist erdrückend und hinterlässt häufig bleibende psychische und soziale Schäden. Deshalb benötigen Frauen mehr als nur grundlegende humanitäre Hilfe. Sie benötigen auch psychosoziale Unterstützung, Möglichkeiten zur Selbstermächtigung und Safe Spaces – sichere Räume, in denen sie ihre Erfahrungen teilen, ihre Stimme stärken und Netzwerke gegenseitiger Unterstützung aufbauen können. Durch unsere Kultur- und Communityarbeit haben wir erlebt, wie Frauen in Gaza ihren Schmerz in Stärke und ihre Not in die Motivation verwandelten, weiterzumachen. Trotz ihrer schrecklichen Verluste spielen viele Frauen weiterhin eine zentrale Rolle für den Schutz ihrer Familien, die Aufrechterhaltung sozialer Gefüge und die Bewahrung von Hoffnung in ihren Communitys.

Wie kommen Sie selbst inmitten all dieser Geschehnisse mit den Herausforderungen Ihres Arbeits- und Privatlebens zurecht?

Ehrlich gesagt, gibt es meiner Meinung nach kein Rezept dafür, wie man mit diesen Umständen richtig umgeht. Wir versuchen einfach, einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Manchmal gibt mir die Arbeit das Gefühl, immer noch etwas Sinnvolles zu tun. An anderen Tagen ist sie eine zusätzliche Last, die zu dem wachsenden persönlichen und familiären Druck noch hinzukommt. Wie so viele Menschen in Gaza trage ich tagtäglich Angst und Trauer in mir. Die Nachrichten zu verfolgen, mir Sorgen um die Zukunft zu machen und mich jeden Tag um die Grundbedürfnisse meiner Familie und meiner Arbeit kümmern zu müssen, bringt eine ständige Unsicherheit und emotionale Erschöpfung mit sich. Ich kann also nicht behaupten, dass ich mich an alles gewöhnt habe, aber ich habe gelernt, durchzuhalten, auch wenn es mir nicht gut geht. Was sich geändert hat, ist, dass ich mittlerweile realistischer denke und weniger dazu neige, auf lange Sicht zu planen. Ich habe die kleinen Dinge, die für uns früher selbstverständlich waren, zu schätzen gelernt und verstehe die Erschöpfung und Überarbeitung von anderen inzwischen besser. Mir ist außerdem bewusst geworden, dass Widerstandskraft nicht heißt, immer stark sein zu müssen, sondern eher, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen und trotzdem weiterzumachen. Diese Erfahrung hat auch verändert, wie ich meine Arbeit sehe. Vor dem Krieg war ich mehr auf Projekte, Ergebnisse und messbare Erfolge fokussiert. Heute sehe ich, dass deren wahrer Wert in der Fähigkeit liegt, Menschen dabei zu unterstützen, durchzuhalten, standhaft zu bleiben und ihre Menschenwürde trotz all dieser Zerstörung zu bewahren.

Berichten zufolge haben sexuelle Gewalt und Zwangsprostitution in Gaza seit dem Krieg zugenommen. Können Sie mehr dazu sagen?

Zunächst sei gesagt, dass es nicht einfach ist, über sexuelle Gewalt in Gaza zu sprechen. In einer konservativen Gesellschaft wie der unseren sind Themen wie Ehre und soziales Ansehen eng mit dem Status der Frauen und Mädchen innerhalb der Familie und der Gemeinschaft im Allgemeinen verknüpft. Aus diesen Gründen melden viele Frauen Fälle von Belästigung, Missbrauch oder Ausbeutung, die sie erleben, nicht – aber nicht, weil ihre Erlebnisse unerheblich wären, sondern weil sie soziale Abwertung oder negative Reaktionen aus ihrem Umfeld fürchten. Oder weil sie Angst haben, ihnen könne die Schuld daran gegeben werden, was sie durchgemacht haben. 

Wenn wir von einer Zunahme an sexueller Gewalt und Ausbeutung seit dem Krieg sprechen, beziehen wir uns auf ein Problem, das weitaus größer ist als das, was dokumentiert und statistisch erfasst wird. Der Krieg hat fast jeden Lebensaspekt der Menschen hier verändert. Millionen sind vertrieben worden, und viele Familien wohnen in Zelten, Schulen oder überfüllten Unterkünften, die kaum Privatsphäre bieten. Stellen Sie sich ein junges Mädchen oder eine Frau vor, die mit Dutzenden, wenn nicht sogar Hunderten von Menschen auf beengtem Raum lebt, sich mit ihnen Sanitäranlagen teilt und keinen sicheren und privaten Rückzugsort hat. Allein diese Zustände begünstigen sexuelle Belästigung und Ausbeutung.

Der Krieg verwüstet nicht nur Gebäude. Er zerstört auch viele der Schutzsysteme und Unterstützungsnetzwerke, auf die sich Menschen in ihrem Alltag verlassen.

Der Zusammenbruch der Wirtschaft hat zudem weitere Formen der Schutzlosigkeit geschaffen. Wenn Familien ihre Wohnungen, ihr Einkommen und ihren grundlegenden Schutz verlieren, dann macht das Frauen und Mädchen anfälliger für Ausbeutung in Bezug auf ihre Bedürfnisse und Lebensumstände. Ich spreche hier nicht nur von expliziten Missbrauchstaten, sondern auch von Situationen, in denen ein ungleiches Machtgefüge ausgenutzt wird – wenn Personen die Not von Frauen, ihr Bedürfnis nach Nahrung, Hilfe, Schutz oder Arbeit zu ihrem Vorteil nutzen. Mich beschäftigt auch die derzeit lauter werdende Diskussion über die Kinderehe. Manche Familien gehen vielleicht geleitet von Angst und nicht aus Grausamkeit davon aus, dass die Verheiratung ihrer Töchter ihnen in dieser chaotischen Zeit Schutz oder Stabilität bringe. Doch in vielen Fällen kostet diese Entscheidung die Mädchen ihre Kindheit, ihre Bildung und ihre Zukunftsaussichten. Ich wünsche mir, dass Leser*innen außerhalb von Gaza verstehen, dass sich das Problem nicht auf einzelne Vorfälle beschränkt. Es geht auch um das allgemeine Umfeld, das Frauen und Mädchen anfälliger für Gewalt macht und ihnen Möglichkeiten nimmt, sich Hilfe zu suchen. Der Krieg verwüstet nicht nur Gebäude. Er zerstört auch viele der Schutzsysteme und Unterstützungsnetzwerke, auf die sich Menschen in ihrem Alltag verlassen.

Welche offiziellen Unterstützungsstrukturen gibt es für Frauen und Mädchen in Gaza?

Wenn jemand aus Europa das Wort „Unterstützungsleistungen“ hört, denkt er oder sie vielleicht an spezialisierte Zentren, Hotlines oder staatliche Institutionen, die leicht verfügbar sind. Die Realität in Gaza sieht völlig anders aus. Viele Institutionen haben ihre Arbeit eingestellt, wurden zerstört oder laufen mit äußerst eingeschränkter Kapazität. Dadurch ist der Zugang zu Schutzleistungen, psychosozialer Unterstützung und Rechtsberatung schwerer denn je geworden, während der Bedarf nach solchen Diensten drastisch gestiegen ist. Manche lokalen und internationalen Organisationen leisten weiterhin psychosoziale Unterstützung, humanitäre Hilfe und kümmern sich um die schwierigsten Fälle. Doch das Ausmaß der Bedürftigen übersteigt die verfügbaren Ressourcen bei Weitem. Die fortlaufende Vertreibung, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und die häufige Störung von Kommunikationsmitteln macht es zudem zu einer Herausforderung, die Leistungen überhaupt in Anspruch zu nehmen. 

Auf sozialer Ebene gehen manche vielleicht davon aus, dass die Familie die Funktion eines Schutzschildes übernimmt. Das mag teilweise stimmen, lässt aber einige Aspekte außer Acht. In unserer Gesellschaft können Familien eine wichtige Unterstützung sein, doch bei sensiblen Themen wie Belästigung oder sexueller Gewalt bieten sie nicht immer das Umfeld, in dem sich eine Frau oder ein Mädchen sicher genug fühlt, um offen darüber zu sprechen. Viele Mädchen schweigen lieber – nicht, weil sie keine Hilfe benötigen, sondern weil sie fürchten, dass sie von der Gesellschaft anders gesehen werden oder es zu Problemen innerhalb der Familie kommt, wenn sie über ihre Erfahrungen sprechen. Stattdessen suchen manche Mädchen Hilfe bei jemandem aus dem Freundes- oder Verwandtenkreis oder einer Vertrauensperson aus der Community. 

Die Frauen hier haben nicht nur mit einem Mangel an Hilfsangeboten zu kämpfen, sondern mit dem Verlust von Sicherheit, Stabilität, Privatsphäre und der Kontrolle über ihr eigenes Leben.

Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen, die ich derzeit beobachte, ist die Entstehung informeller Unterstützungsnetzwerke von Frauen für Frauen. In Zelten, Obdachlosenunterkünften und behelfsmäßigen Wohngegenden teilen Frauen Informationen, Ressourcen und sogar Verantwortung für die Kinderbetreuung miteinander und unterstützen sich gegenseitig emotional. Häufig helfen diese einfachen, von der Gemeinschaft getragenen Initiativen den Frauen, besser zurechtzukommen und durchzuhalten, als es eine öffentliche Hilfsstelle könnte. 

Was ich verdeutlichen möchte, ist, dass die Frauen hier nicht nur mit einem Mangel an Hilfsangeboten zu kämpfen haben, sondern mit dem Verlust von Sicherheit, Stabilität, Privatsphäre und der Kontrolle über ihr eigenes Leben. Wenn eine Frau monatelang nicht weiß, wo sie die nächste Nacht schlafen wird oder wie sie Wasser und Nahrung für ihre Kinder beschaffen soll, dreht sich alles nur noch ums Überleben. Und dennoch sehe ich weiterhin jeden Tag Frauen, die ihre Familien beschützen wollen, sich gegenseitig unterstützen und inmitten dieser Umstände, deren Schrecken ich kaum in Worte fassen kann, Würde und Hoffnung bewahren.

Wie verlässlich sind Organisationen und Einrichtungen bei Meldungen von sexueller Belästigung und Missbrauch?

Das Vertrauen in Institutionen unterscheidet sich von Situation zu Situation und von Community zu Community. Organisationen, die sich auf Schutz und psychosoziale Unterstützung spezialisieren, bemühen sich sehr, Frauen und Mädchen, die Belästigung, sexuelle Gewalt und andere Formen der Ausbeutung erleben, ein sicheres, vertrauliches und unterstützendes Umfeld zu bieten. Für Überlebende sexueller Gewalt ist es das Wichtigste, dass sie sich sicher fühlen und darauf vertrauen können, dass ihre Privatsphäre gewahrt wird und sie ohne Vorurteile oder Stigmatisierung behandelt werden. Wenn Organisationen hohe Standards hinsichtlich Vertraulichkeit und Schutz einhalten und ihre Dienste mit Würde und Respekt erbringen, sind Betroffene eher bereit, sich ihnen anzuvertrauen oder sie um Hilfe zu bitten. 

Gleichzeitig ist es wichtig, die realen Herausforderungen anzuerkennen, die weiterhin bestehen. Angst vor sozialer Stigmatisierung, Sorge, dass private Informationen preisgegeben werden, und manchmal auch Unkenntnis bestehender Angebote können Frauen und Mädchen davon abhalten, sich Hilfe zu suchen. Dies macht deutlich, dass es weiterhin notwendig ist, das Bewusstsein in den Communitys zu stärken, den Zugang zu Leistungen zu verbessern und ein größeres Vertrauen zwischen Communitys und Schutzdienstleistenden aufzubauen. Letzten Endes sollten alle Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Ausbeutung werden, von ihrem Recht auf Hilfe wissen und davon, dass es ausgebildete Profis und Organisationen gibt, die ihnen bereitwillig zuhören, sie unterstützen und ihnen mit Verschwiegenheit, Respekt und ohne Schuldzuweisungen oder Diskriminierung begegnen.

Sie haben informelle Unterstützungsnetzwerke von Frauen für Frauen erwähnt. Können Sie beschreiben, wie sich die Frauen in Gaza gegenseitig unterstützen?

Unter den momentanen Umständen verlassen sich viele Frauen in Gaza auf informelle Unterstützungsnetzwerke ihrer Communitys. Die meiste Unterstützung kommt häufig aus der erweiterten Familie, von Müttern, Schwestern und anderen weiblichen Familienangehörigen, da diese meist die engsten Bezugspersonen sind und am ehesten emotionalen und psychischen Beistand leisten können. Frauen erhalten außerdem wichtige Unterstützung von Nachbarinnen, Freundinnen und sozialen Netzwerken innerhalb ihrer Communitys, insbesondere im Kontext von Vertreibung oder in dicht besiedelten Gebieten. Sie informieren einander oft gegenseitig über verfügbare Hilfsangebote und Ressourcen und helfen einander praktisch und emotional dabei, die Herausforderungen des Alltags zu meistern. In manchen Fällen wenden sich Frauen auch an Vertrauenspersonen aus der Community, Freiwillige oder lokale Aktivistinnen, die sie dabei unterstützen können, die richtigen Organisationen oder Hilfsangebote zu finden. Obwohl diese informellen Netzwerke eine wesentliche Rolle spielen, können sie spezialisierte Schutz- und Unterstützungsleistungen nicht ersetzen. Sie helfen Frauen dabei, zurechtzukommen, sich den Umständen anzupassen und standhaft zu bleiben, aber sie sind nicht immer in der Lage, die professionelle Unterstützung zu bieten, die manche Frauen und Mädchen benötigen – besonders in Fällen von Gewalterfahrungen, bei Traumata oder komplexen psychischen und psychosozialen Bedürfnissen. Deshalb ist es essenziell, sowohl gemeinschaftsbasierte Unterstützungsnetzwerke als auch institutionelle Schutzmaßnahmen zu stärken, um sicherzustellen, dass Frauen und Mädchen Zugang zu jeder Unterstützung haben, die sie benötigen.

Wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen für die Mädchen ein, die unter diesen Umständen in Gaza aufwachsen? Was halten Sie von dem Begriff „verlorene Generation“, der in letzter Zeit immer wieder benutzt wird?

Ohne Zweifel werden die Umstände, unter denen Mädchen heutzutage in Gaza aufwachsen, Langzeitfolgen für ihr Leben haben. Wir reden hier über Jahre von psychischem Stress, wiederholten Unterbrechungen der Bildung, dem Verlust eines Sicherheits- und Stabilitätsgefühls und traumatischen Erlebnissen von tausenden Familien. Gleichzeitig bin ich persönlich vorsichtig, was den Begriff „verlorene Generation“ angeht. Der Ausdruck scheint eine ganze Generation zum Scheitern und zur Hoffnungslosigkeit zu verurteilen, und ich glaube nicht, dass das der Wahrheit gerecht wird. Was wir vor Ort erleben, ist eine Generation, die extrem widrige Lebensumstände ertragen musste und dabei ein außerordentliches Durchhaltevermögen, große Anpassungsfähigkeit und Entschlossenheit bewiesen hat. Viele Mädchen halten trotz all der Herausforderungen an ihren Träumen und Zielen fest. Sie suchen immer noch nach Wegen, zu lernen, sich auszudrücken und zu ihren Communitys beizutragen. 

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sicherzustellen, dass diese heutige Generation nicht mit all den Konsequenzen allein gelassen wird. Was wir brauchen, sind bedeutende Investitionen in Bildung, psychosoziale Unterstützung, kulturelle und künstlerische Aktivitäten und Initiativen, die Mädchen darin bestärken, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und sich Gehör zu verschaffen. Ich persönlich bezeichne sie lieber als eine überlebende Generation, die eine Chance verdient, statt als verloren. Ihre Zukunft wird nicht allein von den Umständen geprägt, in die sie hineingeboren wurden, sondern auch von der Unterstützung, den Ressourcen und den Möglichkeiten, die ihnen in den nächsten Jahren zur Verfügung gestellt werden. 

Sie nutzen Theater und Animation als Mittel zur Reflexion, Heilung und als Bewältigungsstrategie für Frauen in Gaza. Wie würden Sie Ihren Ansatz beschreiben?

Im Bozour-Theater teilen wir die Überzeugung, dass Kunst kein Luxusgut ist, besonders in Krisenzeiten. Ganz im Gegenteil, sie ist ein unverzichtbares Werkzeug für Ausdruck, Resilienz und Erholung. Unser Ansatz basiert darauf, Safe Spaces zu schaffen, in denen Frauen und Mädchen ihre Geschichten teilen und ihre Emotionen und Erfahrungen auf eine Weise präsentieren können, die ihre Privatsphäre und ihre Würde wahrt. Im Theater fragen wir die Teilnehmerinnen nicht einfach, ob sie auftreten wollen. Stattdessen ermutigen wir sie, ihre Erlebnisse, Ideen und Fragen in Geschichten und kreative Performances zu verwandeln. Theater hilft dabei, die Isolation zu durchbrechen, Selbstvertrauen aufzubauen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass ihre Stimmen gehört, geschätzt und ernst genommen werden. 

Animation stellt eine andere, jedoch ebenso wirkungsvolle Ausdrucksform dar, besonders wenn es darum geht, sensible Dinge oder Gefühle zu thematisieren, über die es schwerfällt zu sprechen. Durch Zeichnungen, Storytelling und das Erschaffen von Figuren können Teilnehmerinnen ihre Gedanken und Erfahrungen auf kreative und geschützte Weise mitteilen. Das Ziel ist nicht bloß die Produktion eines Theaterstücks oder eines animierten Films. Es geht darum, Frauen und Mädchen darin zu bestärken, ihre Stimme zu finden, sich auszudrücken und Beziehungen zueinander aufzubauen. Viele Teilnehmerinnen berichten uns, dass einer der wertvollsten Effekte dieses Prozesses die Erkenntnis sei, nicht allein zu sein, dass ihre Erlebnisse und Gefühle einen Wert haben und es verdienen, geteilt zu werden. In Gaza haben wir die Erfahrung gemacht, dass Kunst und Kultur inmitten widrigster Lebensumstände Hoffnung bringen können. 

Welche emotionalen und ethischen Aspekte spielen für die Leitung eines Projektes mit Frauen in Gaza aktuell eine Rolle? 

Kurz gesagt geht es bei jedem heutigen Projekt mit Frauen in Gaza nicht nur darum, eine Aktivität anzubieten oder ein Programm durchzuführen, sondern es ist eine zutiefst menschliche und moralische Verantwortung damit verbunden. Wir arbeiten mit Frauen, die äußerst schwere Erfahrungen durchmachen mussten, die geliebte Menschen, ihr Zuhause und wichtige Teile ihres Lebens verloren. Der Mensch hat also immer einen höheren Stellenwert als das Projekt, und Zuhören ist wichtiger als jede Aktivität oder jedes erwartete Ergebnis. 

Aus psychologischer Perspektive bemühen wir uns, äußerst empathisch für die Lebenswirklichkeiten und individuellen Bedürfnisse unserer Teilnehmerinnen zu sein. Wir gehen nicht einfach davon aus, dass alle auf die gleiche Weise bereit sind, sich auf etwas einzulassen oder über etwas zu sprechen. Stattdessen geben wir jeder Frau Raum zu entscheiden, wie und wann sie sich ausdrücken möchte. Manchmal liegt der größte Erfolg bereits darin, einen Ort zu schaffen, an dem eine Frau sich sicher, respektiert und frei von den Bürden des Alltags fühlen kann. 

Aus ethischer Perspektive setzen wir uns dafür ein, dass die Geschichten und das Leid der Frauen nicht zu bloßer Statistik oder zu Content werden, den andere konsumieren können. Wir legen großen Wert auf Respektierung der Privatsphäre und den Schutz der Menschenwürde unserer Teilnehmerinnen und stellen sicher, dass jede Teilnahme gut informiert, aus freiem Willen und selbstbestimmt geschieht. In Wirklichkeit sind es die Frauen, die uns trotz der großen Herausforderungen täglich Stärke, Resilienz und Entschlossenheit lehren. Unsere Rolle besteht nicht darin, für sie zu sprechen, sondern das Umfeld, die Werkzeuge und die Möglichkeiten zu bieten, dass sie ihre eigenen Geschichten auf ihre eigene Weise erzählen können. Für uns ist das aktuell der Kern unserer kulturellen Communityarbeit: die Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen Selbstbestimmung zurückerlangen und Erfahrungen ausdrücken können. Sie sollen nicht nur auf ihr Leid reduziert werden, sondern auch für ihre Stärke, Kreativität und Menschlichkeit Anerkennung erfahren.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihr Ansatz angesichts der aktuellen Lage an seine Grenzen stößt?

Es gibt viele Momente, in denen die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen Sicherheit, Unterschlupf, Nahrung, sauberes Wasser und Gesundheitsversorgung sind. Keine künstlerische oder kulturelle Aktivität kann diese Grundrechte und -bedürfnisse erfüllen. Kunst kann einen Raum für den eigenen Ausdruck, für ein Miteinander, für Reflexion und Hoffnung bieten, aber sie allein kann die Dinge, die Leid erzeugen, nicht aus der Welt schaffen. 

Die echten Grenzen unseres Ansatzes werden dann deutlich, wenn Menschen nur mit dem Überleben und der Sicherung ihrer Grundbedürfnisse beschäftigt sind oder wenn Traumata und erlittene Verluste das übersteigen, was eine kurzfristige Intervention realistisch bewältigen kann. Deshalb stellen wir Kunst nicht als magisches Allheilmittel dar. Stattdessen sehen wir sie als Teil einer umfassenderen Strategie, die ihre Widerstandskraft stärkt und ihnen hilft, ihre Stimmen, ihre Würde und ihre Menschlichkeit zu bewahren. Und dennoch wird mir jedes Mal, wenn eine Frau oder ein Mädchen ihre Geschichte erzählt, wenn sie ein Stück ihres Selbstbewusstseins wiedererlangt oder sich nach langer Zeit des Schweigens endlich wieder gehört fühlt, der Wert meiner Arbeit hier bewusst. Sie mag nicht in der Lage sein, allein die Realität zu verändern, aber sie kann den Frauen einen Ort bieten, an dem sie dieser Realität mit mehr Würde, Stärke und Hoffnung begegnen können.

Wie würde Ihrer Meinung nach ein sinnvoller Wiederaufbau von Gaza für Frauen aussehen – nicht nur auf materieller, sondern auch auf sozialer Ebene?

Gazas Wiederaufbau sollte sich nicht nur auf die Errichtung von Häusern, Straßen und physischer Infrastruktur beschränken, so wichtig diese Bereiche auch sind. Ein echter Wiederaufbau muss auch das Leben der Menschen einbeziehen, soziale Beziehungen erneuern und ein Gefühl der Sicherheit, Würde und Zugehörigkeit innerhalb von Communitys wiederherstellen. Aus Sicht der Frauen muss ein erfolgreicher Wiederaufbauprozess damit beginnen, ihnen zuzuhören und sie grundlegend in die Planungen und Entscheidungsfindungen einzubeziehen. Frauen sollten nicht bloß als Begünstigte des Wiederaufbaus gesehen, sondern als aktive Partnerinnen in dem Prozess anerkannt werden. Frauen haben Krieg, Vertreibung und Verlust am eigenen Leib erfahren und besitzen ein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse und Herausforderungen, denen sich Familien und Communitys stellen müssen. 

Eine starke Gesellschaft wird nicht allein mit Ziegeln und Zement erbaut, sondern durch Menschen, ihre Teilhabe und ihre Fähigkeit, die eigene Zukunft zu gestalten.

Es ist außerdem äußerst wichtig, in Bildung, psychosoziale Unterstützung und wirtschaftliche Chancen zu investieren, die es Frauen ermöglichen, ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen und ihre Fähigkeit zu stärken, sich und ihre Familie zu versorgen. Ebenso wichtig ist es, Orte für Kultur und Gemeinschaft wiederaufzubauen, an denen Leute zusammenkommen und soziale Beziehungen erneuern können, die über die letzten Jahre zu Bruch gegangen sind. 

Aus meiner Sicht sollte der Erfolg eines Wiederaufbaus nicht nur an der Zahl der wiedererrichteten Gebäude gemessen werden. Er sollte auch daran gemessen werden, wie weit die Menschen – insbesondere Frauen – ein Gefühl von Sicherheit, Menschenwürde und Hoffnung für die Zukunft zurückgewinnen. Eine starke Gesellschaft wird nicht allein mit Ziegeln und Zement erbaut, sondern durch Menschen, ihre Teilhabe und ihre Fähigkeit, die eigene Zukunft zu gestalten.
 

Übersetzung von Johanna Czerny & Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective

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: Film

Berlin20:00 Uhr

Ein Filmprojekt palästinensischer Künstler*innen, basierend auf Zeug*innenaussagen aus Gaza