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Analyse , : Indien: Sieg der Kakerlaken

Eine indische Studierendenbewegung zwingt den Bildungsminister zum Rücktritt. Von Britta Petersen

Wichtige Fakten

Autorin
Britta Petersen,

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Zwei Junge Männer mit Kakerlaken-Gesichtsmasken aus Pappe machen ein Selfie.
Anhänger der „Cockroach Janta Party“ (CJP) während einer Demonstration am 6. Juni 2026 in Neu-Delhi, Indien. Die satirische Partei, die 36 Tage lang gegen korrupte Hochschulprüfungen auf die Straße ging, ist die erste große Protestbewegung der Gen Z in Indien. Foto: IMAGO / Hindustan Times

Kakerlaken sind in Indien ziemlich weit verbreitet. Man findet sie in Studierenden-Wohnheimen ebenso wie in Fünf-Sterne-Hotels, und da sie sich ziemlich schnell vermehren, greifen selbst Tierfreundinnen und Veganer schon einmal zum Latschen oder zur chemischen Keule. Aber es hilft alles nichts, früher oder später krabbeln sie wieder aus irgendeinem undichten Abflussrohr. Die Küchenschaben sind unbesiegbar.

Diese Lektion musste nun auch Premierminister Narendra Modi lernen. 36 Tage lang protestierten junge Menschen unter dem Banner der neu gegründeten Cockroach Janta Party (Kakerlaken-Volkspartei) in der Hauptstadt Neu-Delhi und anderen großen Städten, bis die Regierung ihrer Forderung nach einem Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan nachgab. „Wir haben es geschafft“, jubelt die 25jährige Simpi Yadav, die erst Tage zuvor mit dem Zug aus der Industriestadt Nagpur nach Delhi gekommen war. 

Massenproteste in Delhi

Zusammen mit Zehntausenden campierte sie am Jantar Mantar, Delhis Version des „Speakers Corner“ im Londoner Hyde Park, malte Plakate und sang Protestlieder, selbst als die Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Demonstrierenden vorging. „Viele von uns haben noch nie zuvor protestiert“, sagt Neha Bora, Studentin an der Jawaharlal Nehru University (JNU) in Delhi und eine Anführerin des flankierenden Hungerstreiks. Nehas Familie unterstützt eigentlich Modi; dennoch kam ihre Mutter, wie viele andere Eltern, nach Delhi, um der Tochter moralischen Beistand zu leisten. „Wir haben verstanden, dass Politik etwas ist, das uns passiert, auch wenn wir uns selbst für unpolitisch halten“, sagt Neha. 

Während Medien und indische Intellektuelle begeistert sind, dass hier eine Generation  politisch mündig geworden ist, wo sie selbst versagt haben – nämlich darin, der auf Hegemonie zielenden „Postpolitik“ der regierenden Hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) etwas entgegenzusetzen –, stellt sich doch die Frage, wie es nun weitergeht.

„Zum ersten Mal seit Jahren fühlt es sich wunderbar an, Inderin zu sein. Gerade als alle Hoffnung verloren schien, kamen sie: Junge Kakerlaken, die mit dem Regen hereingeschwemmt wurden. Die Nachkommen der unheiligen Verbindung zwischen einem Richter und einem Witz“, schreibt die nie um eine eloquente Formulierung verlegene Schriftstellerin Arundhati Roy.

Korruption und Jugendarbeitslosigkeit

Ausgelöst wurden die Proteste durch die korrupte Vorabveröffentlichung von Prüfungsfragen der zentralisierten Zulassungsprüfungen für den Studiengang Medizin (NEET), in deren Folge sich zahlreiche Studierende das Leben nahmen, die sich über Jahre hinweg auf die Prüfung vorbereitet hatten. Doch das eigentliche Problem geht tiefer: Weder das indische Bildungssystem noch der Arbeitsmarkt wird den Erfordernissen einer riesigen jungen Bevölkerung – rund 950 Millionen Inder*innen sind unter 35 Jahren – gerecht. 

Die erst Anfang des Jahres spontan entstandene Kakerlaken-Partei verlieh der Empörung nun Dynamik und Stimme. Die Partei ist eine satirische Bewegung, ins Leben gerufen von Abhijeet Dipke, einem Marketing-Studenten aus Boston, der sich darüber geärgert hatte, dass Indiens Oberster Richter Surya Kant arbeitslose Jugendliche als „Kakerlaken“ und „Parasiten“ bezeichnet hatte. Mit ein paar spontan zusammengezimmerten Memes von Küchenschaben, die vor nationalen Symbolen wie dem Parlament und der indischen Flagge Reden halten, erreichte er ein Millionenpublikum – und flog direkt von der Uni zurück nach Delhi, um die Proteste anzuführen.

Den Kakerlaken gelang es, den Protest in die Tradition des Unabhängigkeitskampfes gegen die britischen Kolonialherren zu stellen und so breitere Teile der Bevölkerung zu erreichen.

Unterstützt wurde er von Sonam Wangchuk, einem bekannten, 60jährigen Aktivisten und Bildungsreformer aus Ladakh, der für 26 Tage in den Hungerstreik ging, bevor die Polizei ihn zwangsweise in ein Krankenhaus einlieferte. Sechs Studierende, Mitglieder der All India Students Association (AISA), dem studentischen Flügel der Kommunistischen Partei Indiens (Befreiung), schlossen sich dem Hungerstreik an. Doch es war nicht das von Mahatma Gandhi bekannt gemachte Mittel des Hungerstreiks, das die Proteste erfolgreich machte. 

Die Kakerlaken produzierten in Windeseile humorvollen Online-Content, sangen und verhackstückten populäres Liedgut, von Bollywood über patriotische Songs der indischen Unabhängigkeitsbewegung bis zu revolutionären Dauerbrennern. Dabei gelang es ihnen, den Protest in die Tradition des Unabhängigkeitskampfes gegen die britischen Kolonialherren zu stellen und so breitere Teile der Bevölkerung zu erreichen. Umliegende Gurdwaras (Tempel der Sikh-Religion) bekochten die Demonstrierenden und boten Unterkunft, nahe gelegene Restaurant lieferten Gratis-Mahlzeiten. Die oft verhärteten kommunalen Grenzen zwischen Religionen und Kasten brachen auf.

Kastenübergreifender Protest

Die 36 Tage des Protests im Zentrum Delhis wurden zu einem Happening, das den Teilnehmer*innen vermutlich ein Leben lang als politisches Initiationserlebnis in Erinnerung bleiben wird.

„Ich fand bei all meinen Besuchen in Jantar Mantar einen Mikrokosmos der Nation vor, in dem die Arbeiterkaste, Dalits und indigene Bevölkerung die privilegierten Kasten zahlenmäßig deutlich übertrafen“, schreibt Ajaz Ashraf in der Zeitung „The Hindu“. Die Tatsache, dass Kakerlaken-Gründer Abhijeet Dipke selbst der untersten Kaste der Dalits angehört, tat ein Übriges. Der Slogan „Jai Bhim“, der den Gründer der Dalit-Bewegung  und Vater der indischen Verfassung, Bhimrao Ramji Ambedkar, ehrt, war am Jantar Mantar täglich zu hören.

„Die Parolen, die wir rufen, die Führungspersönlichkeiten, an die wir uns erinnern, und die Geschichten, die wir feiern – all das wird nach und nach Teil unserer kollektiven Vorstellungskraft“, so die Soziologin Shruty Harilal. „Lange Zeit galt ‚Jai Bhim‘ als etwas, das ausschließlich den Ambedkar-Anhängern vorbehalten war. Dass dieser Ruf heute von Menschen unterschiedlichster Herkunft erhoben wird, deutet darauf hin, dass Ambedkars Ideen allmählich in eine viel breitere öffentliche Debatte Einzug halten.“

Während Richter Surya Kant nur aussprach, was in Teilen der herrschenden Klasse gedacht wird, unterschätzte er wohl, wie viele junge Menschen in Indien tatsächlich keine Zukunftsperspektive haben. Nach einer Studie der Azim Premji University sind 40 Prozent der Hochschulabsolvent*innen zwischen 15 und 25 Jahren und 20 Prozent der 25- bis 29jährigen arbeitslos. 83 Prozent aller Arbeitslosen in Indien sind jung, so der „India Employment Report“ von 2024, der von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und dem Institute for Human Development in Delhi herausgegeben wird. „Mit einem Medianalter von 28 Jahren gehört Indien zu den jüngsten Volkswirtschaften der Welt. Da der Anteil der jungen Menschen jedoch allmählich zurückgeht, wird das Zeitfenster, um von der demografischen Dividende zu profitieren, immer kleiner“, so die Studie.

Wachsende Ungleichheit

„Es herrscht eine massive Arbeitslosenkrise, doch jedes Unternehmen und jede Institution scheint unter Personalmangel zu leiden. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Korruption grassiert überall, und niemand scheint auch nur mit der Wimper zu zucken. Staatliche Dienstleistungen kosten uns entweder ein Vermögen oder lassen uns wie Trottel dastehen. Wenn ich an unsere Zukunft denke, kommt mir alles sehr hoffnungslos vor“ – so bringt es ein Vertreter der Generation-Z auf der Plattform Reddit auf den Punkt.

Bisher haben alle indischen Regierungen im neoliberalen Glauben darauf vertraut, dass Wirtschaftswachstum den Wohlstand für alle vergrößere. Zwar ist Indien seit mehreren Jahren die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt (derzeit mit einer Rate von 7,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), doch wie überall auf der Welt wächst vor allem die Ungleichheit. Laut einem Bericht von Oxfam International aus dem Jahr 2023 besitzt das reichste ein Prozent der Bevölkerung mehr als 40 Prozent des gesamten Vermögens des Landes, die unteren Hälfte hingegen lediglich drei Prozent. 

Da Indien über stabile Institutionen verfügt und die Regierung Modi über eine solide Mehrheit im Parlament, hatte diese wohl zunächst gedacht, die Krise aussitzen zu können.

Dabei hat Indiens Generation Z vergleichsweise spät ihre eigene Stimme gefunden. Zwischen 2022 und 2025 haben Jugendproteste in den Nachbarländern Sri Lanka, Bangladesch und Nepal ihre Regierungen gestürzt. Auch wenn die Voraussetzungen jeweils spezifisch waren, ist das Muster doch ähnlich: Der gut ausgebildeten Jugend fehlen Perspektiven, während sie gleichzeitig in den sozialen Medien sehen, was die besitzende Klasse sich alles leisten kann. „Warum keine Handbücher übers Fressen und die andern Annehmlichkeiten, die man unten nicht kennt, als ob man unten nur den Kant nicht kennte!“, fragte bereits Bertolt Brecht in den „Flüchtlingsgesprächen“. Das Handbuch ist nun auf Instagram.

Da Indien über weitaus stabilere Institutionen verfügt als die kleineren Nachbarländer und die Regierung Modi über eine solide Mehrheit im Parlament, hatte diese wohl zunächst gedacht, die Krise aussitzen zu können. Erst nachdem auch Polizeigewalt die Kakerlaken nicht vertreiben konnte, wandte sich Modi mit einem auf dem Smartphone selbst aufgenommenen Video an die Jugend und drängte Minister Pradhan zum Rücktritt. Ironischerweise wurde das Modi-Video zunächst von Facebook gelöscht, weil der Algorithmus es für ein Deep-Fake hielt.

Keine soziale Revolution

Mit einer eilig einberufenen Task Force unter Leitung des Unternehmers Nandan Nilekani, Gründer der IT-Firma Infosys, will die Regierung nun das System zentraler Eingangsexamen zu Universitäten überarbeiten lassen. „Dies war nur ein Moment, keine soziale Revolution“, meint Surinder S. Jodhka, Professor für Soziologie an der JNU. „Das Bildungssystem muss transparent und rechenschaftspflichtig gemacht werden.“ Diese Einschätzung teilt auch Amitabh Mattoo, Professor für Internationale Politik an der JNU. „Wir können nicht von Studierenden erwarten, dass sie an Leistung glauben, während die Institutionen regelmäßig ihr Vertrauen missbrauchen“, so Mattoo. „Die Aufgabe des Komitees unter Nilekani wird es sein, ein betrugssicheres System für Eingangsexamen zu schaffen. Die Aufgabe für die Republik ist größer: Sie muss sich des Vertrauens als wert erweisen, das die junge Generation in sie setzt.“

Das sehen auch die jungen Kakerlaken so. „Der Rücktritt [des Ministers] ist nicht das Ende, sondern ein Anfang. Wir kommen zurück, wenn in Zukunft wieder etwas passiert“, sagt die 17jährige Sona Malik, die bei den Protesten dabei war und Anwältin werden will. CJP-Gründer Abhijeet Dipke und sein Team halten sich derweil die Möglichkeit offen, aus der satirischen Bewegung eine echte Partei zu formen: „In der indischen Politik soll man niemals nie sagen.“

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