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Im Sommer 2026 kommt es in den Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine zum Eklat. Im Zentrum steht der erinnerungspolitische Konflikt über die von der Ukrainischen Aufständischen Armee (Ukrajinska powstanska armija, UPA) 1943 an der polnischen Bevölkerung in der Region Wolhynien verübten Massenmorde. Der polnische Präsident, Karol Nawrocki, hat im Juni gar dem ukrainischen Präsidenten, Wolodymyr Selenskyj, den höchsten Orden des Landes aberkannt: den Orden des Weißen Adlers. Selenskyj hatte einer Militäreinheit der ukrainischen Armee den Namen „Helden der UPA“ verliehen; damit sollen Widerstandskämpfer gegen die Sowjetunion geehrt werden, doch in Polen hat der Schritt für Empörung gesorgt. Wie kam es zu den Massakern während des Zweiten Weltkriegs, und welche Rolle spielten sie in der Geschichtspolitik der unabhängigen Ukraine und im Verhältnis zum Nachbarland Polen?
Wolhynien (Ukrainisch Volyn, Polnisch Wołyń) liegt im Nordwesten der Ukraine und grenzt im Norden an Belarus sowie im Westen an Polen. Die Region war historisch von drei großen ethnischen Gruppen geprägt: Ukrainer*innen, Pol*innen sowie Juden und Jüdinnen. Der Bevölkerungsanteil von Russ*innen, Belarus*innen, Tatar*innen und Karäer*innen war deutlich geringer. Ab dem 19. Jahrhundert siedelten tschechische und deutsche Kolonist*innen in den Dörfern Wolhyniens. Die Region wurde 1569 im Zuge der Lubliner Union in die Polnisch-Litauische Adelsrepublik eingegliedert. Zu diesem Staat gehörte Wolhynien bis zur dritten Teilung Polens im Jahr 1795, seit der es unter die Herrschaft des Russischen Reiches fiel.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Wolhynien Teil der neu ausgerufenen Ukrainischen Volksrepublik (Ukrajinska Narodna Respublika, UNR). 1918 wurde der polnische Staat wiederhergestellt. Die UNR konnte ihre Macht nicht behaupten und unterlag in einer Reihe von Kriegen den Bolschewiki. Infolge des Polnisch-Sowjetischen Krieges von 1919–1921 eroberte Polen die ukrainischen Gebiete Westwolhyniens zurück, die es historisch als Teile seines Staatsgebiets betrachtete, und gliederte sie ein. Die polnische Armee besiegte außerdem die Ukrainische Galizische Armee (Ukrajinska halyzka armija, UHA) der Westukrainischen Volksrepublik (Sachidno-Ukrajinska Narodna Respublika, SUNR). Daher betrachteten sowohl ein Großteil der ukrainischen Bevölkerung als auch viele ukrainische Parteien und Organisationen Polen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als Besatzungsmacht. Dies schuf die erste wichtige Grundlage für die komplizierten polnisch-ukrainischen Beziehungen.
In der Zwischenkriegszeit gliederte der wiederhergestellte polnische Staat eine ethnisch äußerst heterogene Region ein, deren Bevölkerung zu einem überwiegenden Teil aus Ukrainer*innen bestand. Polen war bestrebt, die ukrainische Bevölkerung zu integrieren und zu loyalen Staatsbürger*innen zu machen, wobei es mal auf rigorose Assimilation, mal auf politische Integration unter Wahrung der ethnischen Identität setzte. In wirtschaftlicher Hinsicht waren selbst die demokratischeren Maßnahmen jedoch häufig mit einer Bevorzugung der polnischen Bevölkerung verbunden. So erhielten Pol*innen etwa größere und bessere landwirtschaftliche Flächen und besetzten Schlüsselpositionen im Staatsdienst. Außerdem unterstützten die polnischen Behörden in der Zwischenkriegszeit die Umsiedlung von Pol*innen aus den überwiegend polnisch besiedelten Gebieten nach Wolhynien, wodurch eine Reihe polnischer Siedlerkolonien entstand.
Vor diesem Hintergrund wurde die Entstehung einer politischen Kraft, die zum Widerstand gegen die Pol*innen aufrief, ein wichtiger Faktor für die Verschärfung der ukrainisch-polnischen Spannungen: In den 1930er Jahren nahm die im Untergrund agierende Organisation Ukrainischer Nationalisten (Orhanisazija ukrajinskych nazionalistiw, OUN) in Wolhynien ihre Tätigkeit auf. Die OUN vereinte verschiedene ideologische Strömungen. Manche ihrer Vordenker*innen befürworteten demokratische Positionen, andere wiederum hingen den Ideen des ukrainischen integralen Nationalismus an. Im Namen desselben wurden starke antipolnische Ressentiments kultiviert, und in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre rief ein Teil der Vordenker*innen der OUN für den Fall einer neuen ukrainischen Revolution sogar offen zum Massenmord an der polnischen Bevölkerung auf. In dieser Frage herrschte jedoch innerhalb der Führung der OUN kein Konsens.
Gleichzeitig unterstützte die Mehrheit der politisch aktiven Ukrainer*innen Wolhyniens und Galiziens die legalen demokratischen Parteien. In Galizien zählten dazu die Ukrainische Nationaldemokratische Allianz (Ukrajinske nazionalno-demokratytschne ob'jednannja, UNDO) und die Ukrainische Sozialistische Radikale Partei (Ukrajinska sozialistytschno-radykalna partija, USRP). In Wolhynien hatten die USPR und die Wolhynische Ukrainische Allianz (Wolynske ukrajinske ob’jednannja, WUO) die größte Anhängerschaft. Auch die im Untergrund agierende Kommunistische Partei der Westukraine (Komunistytschna partija Sachidnoji Ukrajiny, KPSU) war in Wolhynien überaus populär. Die politische Orientierung der Bevölkerung der Region war durchaus vielfältig.
Als das nationalsozialistische Deutschland im September 1939 in Polen einmarschierte, besetzte die Sowjetunion Wolhynien. Das neue totalitäre Regime machte sich daran, eigene Institutionen und Herrschaftsstrukturen vor Ort aufzubauen: Dazu gehörten die landwirtschaftliche Kollektivierung sowie die sogenannte Entkulakisierung, das heißt die Enteignung und Verfolgung von vermeintlich wohlhabenden, als „Kulaken“ bezeichneten Bauern und andere politische Repressionsmaßnahmen. Sämtliche politischen Parteien mit Ausnahme der kommunistischen wurden verboten. Dies trug indirekt zum Wachstum der OUN bei; gerade in den Jahren 1939–1941 schlossen sich ihr zahlreiche neue Mitglieder an, die keine Möglichkeit mehr hatten, in legalen Parteien tätig zu sein.
Auch Mitglieder der OUN waren Repressionen ausgesetzt, den sowjetischen Behörden blieb allerdings nicht genügend Zeit, um das Untergrundnetzwerk dieser Organisation in Wolhynien und Galizien zu zerschlagen.
Deutsche Besatzung und die “extrem gewalttätige Gesellschaft”
Bereits am 22. Juni 1941 begann mit dem deutschen Überfall der Deutsch-Sowjetische Krieg, die Region geriet unter deutsche Besatzung. In dieser Zeit entwickelte sich in der Region eine „extrem gewalttätige Gesellschaft“. Die Deutschen begannen, Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung zu verüben. Die erste Welle der Gewalt gegen Juden und Jüdinnen dauerte von Sommer bis Herbst 1941 und kostete etwa 37.000 Menschen das Leben. Von Oktober 1941 bis zum Sommer 1942 wurden auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht in Wolhynien 75 Ghettos und 26 Zwangsarbeitslager für Juden und Jüdinnen eingerichtet. Gleichzeitig entstanden Lager für sowjetische Kriegsgefangene mit furchtbaren Haftbedingungen. Zwischen 1941 und 1942 kamen Zehntausende sowjetische Kriegsgefangene ums Leben. Von Mai 1942 bis zum Ende des Jahres liquidierte die deutsche Besatzungsverwaltung im Zuge der zweiten Gewaltwelle gegen Juden und Jüdinnen beinahe alle Ghettos in Wolhynien. Dabei wurden etwa 160.000 Juden und Jüdinnen getötet. Opfer dieser Gewaltwelle wurden Schätzungen zufolge außerdem 1.500 Roma und mindestens mehrere hundert Bewohnende von Altenheimen.
Im Herbst 1942 begann die dritte, von den Nazis als „Judenjagd“ bezeichnete Gewaltwelle. Nun sollten alle, die bis dahin überlebt hatten und sich versteckt hielten, getötet werden. Letztlich überlebten nur fünf Prozent der jüdischen Bevölkerung die Besatzung. Der nicht-jüdischen Bevölkerung drohte die Todesstrafe für jede Unterstützung von Juden und Jüdinnen. In zahlreichen Fällen ließ die deutsche Besatzungsmacht nicht-jüdische Ukrainer*innen, Pol*innen und Tschech*innen, die es gewagt hatten, jüdischen Flüchtenden zu helfen, zur Abschreckung erschießen. Wie viele Menschen in Wolhynien der deutschen Gewalt zum Opfer fielen, muss noch durch gesonderte Untersuchungen geklärt werden.
Eine Gewalt, wie sie die deutsche Besatzungsmacht in den Gemeinden Wolhyniens ausübte, hatte die dortige Bevölkerung selbst während der sowjetischen Besatzung von 1939 bis 1941 nicht erlebt. Massenmorde fanden vor aller Augen statt. Bereits im Sommer 1941 begann man, die lokale Bevölkerung für den Dienst in lokalen Hilfspolizeieinheiten – den sogenannten Schutzmannschaften, die aus der lokalen Bevölkerung rekrutiert wurden – zu mobilisieren. Eine gewisse Rolle spielte dabei eine Zeit lang auch die OUN. Ihre Führung strebte 1941 eine Zusammenarbeit mit dem Besatzungsregime an und hoffte anfänglich auf die Gründung einer unabhängigen Ukraine. Nachdem die nationalsozialistischen Behörden der OUN die Gründung eines eigenen Staates untersagt hatten, nahm die Zusammenarbeit einen pragmatischen Charakter an.
Die OUN setzte ihre Mitglieder in den Reihen der Schutzmannschaften ein, um weitere Mitstreiter für ihre Sache zu gewinnen. Viele dieser Hilfspolizisten liefen im Frühjahr 1943 zur UPA über. Nur ein Teil der Männer diente aus ideologischer Überzeugung in den Schutzmannschaften, viele traten aufgrund einer komplexen Verflechtung von persönlichen, ideologischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Motiven in den Dienst ein. Einige wurden zwangsweise mobilisiert.
Angehörige der Schutzmannschaften wurden zur Unterstützung bei Massenmorden und der „Judenjagd“ herangezogen, wohingegen den Angehörigen der deutschen Polizei oder des Sicherheitsdienstes (SD) die Wahl gelassen wurde. Lokale Polizeibeamte konnten weder einen niedrigeren Dienstgrad wählen noch sich zum Kämpfen an die Front versetzen lassen. Bei Weigerung, an den Massenmorden teilzunehmen, drohte ihnen selbst die Exekution.
Die Besatzungsmacht hielt auch die lokale Bevölkerung dazu an, sich an den Morden zu beteiligen, und versprach dafür Prämien in Form von Salz, Zucker, Tabak oder Schnaps. Dieser Praxis lag eine ausgesprochen kolonialistische Perspektive zugrunde, denn die Besatzungsverwaltung unterstellte den Einheimischen, dass sie den Wert von Geld oder Gold nicht zu schätzen wüssten und sich stattdessen nur durch Lebensmittelrationen gewinnen ließen.
Darüber hinaus verschleppten die nationalsozialistischen Besatzungsbehörden aus Wolhynien etwa 50.000 Einwohner*innen unterschiedlicher ethnischer Herkunft zur Zwangsarbeit. Die deutsche Besatzung trug zur Verrohung der Menschen bei; Morde wurden zu etwas Alltäglichem. Vor diesem Hintergrund entstand in Wolhynien im Frühling 1943 auf Initiative der OUN-B, dem von Stepan Bandera geführten Flügel der OUN, die Ukrainische Aufständische Armee (UPA). Sie begann, deutsche Stellungen anzugreifen, Lebensmitteltransporte zu sabotieren und abgelegene ländliche Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen.
Zu dieser Zeit waren in Wolhynien außerdem sowjetische Partisan*innen aktiv, es bildeten sich bandenähnliche Gruppierungen und verschiedene Partisanengruppen ohne klare politische oder ideologische Ausrichtung. Die Besatzungsmacht reagierte mit Strafmaßnahmen gegen die Landbevölkerung, ganze Dörfer wurden niedergebrannt. So ermordeten die Nazis in den Jahren 1943 und 1944 etwa 10.000 Dorfbewohner*innen in Wolhynien, darunter Ukrainer*innen, Pol*innen und Tschech*innen.
Wie die UPA Zehntausende Pol*innen ermordete
Unter den Bedingungen eines Krieges, in dem zahlreiche Akteure gegeneinander kämpften, zeichnete sich noch eine weitere Opfergruppe ab: die polnische Bevölkerung. Zunächst verübte die UPA im Frühjahr 1943 vereinzelte Morde an Pol*innen. Die polnischen Einwohner*innen suchten sich zu retten, indem sie in die Städte flohen oder verstärkt mit den deutschen Besatzern, den sowjetischen Partisan*innen oder der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) zusammenarbeiteten. Die Heimatarmee war die militärische Organisation des polnischen Untergrunds während des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) und unterstand der polnischen Exilregierung in London. Als Reaktion darauf begann die Führung der UPA, ganze polnische Dörfer zu vernichten und sämtliche Einwohner*innen der Zusammenarbeit mit dem Feind zu beschuldigen.
Parallel zu diesem Prozess ging die deutsche Besatzungsmacht dazu über, verstärkt polnische Männer für den Dienst in den Schutzmannschaften zu verpflichten. Ukrainer*innen wurde ab 1943 zunehmend misstraut, da sie unter Verdacht standen, mit der UPA zu sympathisieren. Sowohl ukrainische als auch polnische Angehörige der Schutzmannschaften wurden an Strafaktionen gegen Dörfer beteiligt. Das verstärkte unter den Angehörigen der UPA die Feinseligkeit gegenüber der polnischen Bevölkerung.
Im Juni und Juli 1943 begann die UPA, systematisch polnische Dörfer in Wolhynien auszulöschen. Ende 1943 und Anfang 1944 griffen die Massenmorde dann auch auf andere an Wolhynien grenzende Regionen über. Insgesamt ermordete die UPA in den Jahren 1943 und 1944 60.000 bis 80.000 Pol*innen. Es gibt jedoch auch die durchaus begründete These, wonach die UPA bereits seit ihrer Gründung die Absicht hatte, die polnische Bevölkerung durch Morde zur Flucht aus Wolhynien zu zwingen. Damit verfolgte die UPA das Ziel, die Kontrolle über das Gebiet zu erlangen und sich damit gegen eine andere ethnische Gruppe durchzusetzen, deren politische Führung ebenfalls Anspruch auf diese Region erhob. Eine solche Deutung widerlegt jedoch nicht die oben beschriebene Eskalation der Morde.
Die Hauptverantwortung für diese Gewalttaten tragen die Einheiten der UPA, die die Massenmorde initiierten. Allerdings wären diese Morde wohl kaum möglich gewesen, wenn sich in Wolhynien bis 1943 nicht eine „extrem gewalttätige Gesellschaft“ entwickelt hätte, für deren Entstehung die nationalsozialistische Besatzungspolitik verantwortlich war. Und auch die polnische Heimatarmee trägt Verantwortung für die Vergeltungsmaßnahmen gegenüber ukrainischen Dörfern.
In Wolhynien endete der Krieg weder im Februar 1944, als die Rote Armee erneut in das Gebiet einmarschierte, noch am 8. Mai 1945, als das nationalsozialistische Deutschland kapitulierte, und auch nicht am 2. September 1945, als Japan die Waffen streckte. Der Krieg dauerte in Wolhynien noch bis Anfang der 1950er Jahre; erst dann nahm der sowjetische Geheimdienst die letzten Mitglieder der UPA fest, die weiterhin Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft geleistet hatten.
Der "Krieg der zwei Wahrheiten"
Während der gesamten Zeit der sowjetischen Besatzung Wolhyniens bis Ende der 1980er Jahre konnte man in der Ukraine über die massenhafte Gewalt gegen Pol*innen allenfalls hinter verschlossenen Türen sprechen. Die Erinnerung an die UPA wurde in Familien hingegen oft zum Symbol für den Widerstand gegen die sowjetische Besatzung. Als die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte, wurden daher die meisten Kämpfer*innen der UPA als zu Unrecht verurteilt rehabilitiert. Von der Rehabilitierung ausgenommen waren lediglich jene, die in den Schutzmannschaften gedient, das heißt mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten.
Mit Unabhängigkeit der Ukraine begannen Historiker*innen seit den 1990er Jahren, sich der Aufarbeitung der Massenmorde an der polnischen Bevölkerung zu widmen. Am 22. Dezember 1995 verständigten sich Vertreter*innen der Ukraine und Polens in Warschau darauf, eine Reihe internationaler wissenschaftlicher Seminare zur Erforschung der 1943 an Pol*innen verübten Massenmorde zu veranstalten. Die Reihe akademischer Konferenzen fand im Zeitraum von 1996 bis 2008 statt. Dabei widmete sich die historische Auseinandersetzung weniger der unbestrittenen Frage, ob die Morde begangen wurden, sondern vielmehr der Kontroverse, wie diese zu interpretieren seien.
Die Mehrzahl der ukrainischen Historiker*innen bezeichnete die Ereignisse als „ukrainisch-polnischen Krieg“ oder auch nur als „Konflikt“. Gemäß einer anderen Interpretation, die von einzelnen ukrainischen und polnischen Forschenden vertreten wurde, begingen im Rahmen dieses „Krieges“ beide Seiten Massenmorde an der unbewaffneten Zivilbevölkerung, in deren Folge es beidseitig zu ethnischen Säuberungen gekommen sei. Vor dem Hintergrund, dass die Massenmorde der UPA darauf abzielten, das Gebiet von Pol*innen zu „säubern“ und eine „Ukraine für Ukrainer*innen“ zu schaffen (eine Forderung der Ideologie des integralen Nationalismus), trat eine Reihe polnischer Historiker*innen für eine dritte Deutung dieser Ereignisse ein, nämlich als Genozid.
Abgesehen von den Konferenzen hat es in der Ukraine bis heute keine breitere öffentliche Debatte über diese Frage gegeben. In den ukrainisch-polnischen Beziehungen lassen sich seit 1991 im Wesentlichen zwei erinnerungspolitische Modelle im Umgang mit den Morden in Wolhynien von 1943 unterscheiden: der „Krieg der zwei Wahrheiten“ und der Ansatz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“.
Der letztere Ansatz wurde Anfang der 2000er von Papst Johannes Paul II. vorgeschlagen. Mit der Formel war gemeint, dass sowohl die Pol*innen als auch die Ukrainer*innen sich gegenseitig um Verzeihung bitten sollten, um sich anschließend zu versöhnen und gemeinsam am Aufbau ihrer demokratischen Zukunft zu arbeiten. Die damaligen Präsidenten der Ukraine und Polens, Leonid Kutschma und Aleksander Kwaśniewski, griffen diese Devise 2003 auf und versuchten, sie zur Grundlage einer gemeinsamen Strategie zur Überwindung der historischen Widersprüche zu machen.
Für eine solche Überwindung hätte es jedoch weiterer wissenschaftlicher Studien, einer Aufnahme der Thematik in Bildungsprogramme und einer breiteren öffentlichen Debatte unter Beteiligung der Zivilgesellschaft bedurft. All dies ist allerdings nicht eingetreten, und letztendlich setzte sich nach und nach das Narrativ vom „Krieg der zwei Wahrheiten“ durch. Sowohl Historiker*innen als auch politische und zivilgesellschaftliche Akteur*innen versuchten in der Folge, aus dem Erbe der „Endlösungen“ des Zweiten Weltkriegs eine Politik „endgültiger Geschichtsdeutungen“ zu entwickeln. Eine Reihe polnischer und ukrainischer politischer Akteur*innen begann, um die Deutung der Ereignisse zu ringen und einander wechselseitig davon zu überzeugen, dass es sich entweder um „Völkermord“ (die Strategie der polnischen Seite) oder um einen „Krieg“ (die vorherrschende Strategie der ukrainischen Seite) handelte.
Seit Mitte der 2000er Jahre wird in diesen Debatten immer deutlicher sichtbar, wie der Kreml die Geschichte instrumentalisiert, um seine aggressive Politik zu legitimieren. Das Putin-Regime machte sich eine Strategie zu eigen, die bereits von der UdSSR in der Zeit des Kalten Krieges angewendet wurde, als die westlichen Nachbarn des Nazismus oder Faschismus bezichtigt wurden. Die UdSSR erhob einst Vorwürfe gegen die Bundesrepublik, wo die Schuldigen des Naziregimes nicht ausreichend bestraft und dessen Folgen nicht ausreichend aufgearbeitet worden seien. Auf ähnliche Weise warf das Putin-Regime der Ukraine vor, dass sie durch die Ehrung der UPA angeblich automatisch „faschistisch“ geworden sei. Es fand gewissermaßen eine Umkehr der Devise „der Zweck heiligt die Mittel“ statt. Das Kreml-Regime rechtfertigte mit edlen Mitteln (dem Kampf gegen den Faschismus) ein schändliches Ziel: eine aggressive imperialistische Politik.
Diplomatischer Zündstoff
Seit der Präsidentschaft Wiktor Juschtschenkos kultivierte die ukrainische Regierung allerdings tatsächlich teilweise Elemente eines Heldennarrativs über die UPA in ihrer Erinnerungspolitik – insbesondere in den Jahren 2007 und 2010, als Juschtschenko Roman Schuchewytsch (Kommandeur der UPA) und Stepan Bandera (Führer der OUN) posthum den Ehrentitel „Held der Ukraine“ verlieh. Während der Präsidentschaft Petro Poroschenkos verabschiede das ukrainische Parlament 2015 ein Gesetz, das die Mitglieder von OUN und UPA zu Kämpfer*innen für die Unabhängigkeit der Ukraine erklärte. Dies trug dazu bei, dass sich ein heroisches Narrativ über die Geschichte der UPA herausbildete. Der Tatsache, dass einzelne Gruppierungen an Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung (Pol*innen, Juden und Jüdinnen sowie schließlich auch Ukrainer*innen) beteiligt waren, wird häufig entweder verschwiegen, geleugnet oder gar gerechtfertigt.
Ein solcher Kurs war von Anfang an nicht Teil der Politik Wolodymyr Selenskyjs. 2026 bewilligte er jedoch den Antrag, einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte den Ehrennamen „Helden der UPA“ zu verleihen. Angesichts der Tatsache, dass die Ukraine bereits seit bald fünf Jahren einen vollumfänglichen Krieg um ihre Unabhängigkeit bestreiten muss, sucht die Politik verstärkt nach symbolischen Mitteln, um die Kämpfenden zu motivieren. Eines dieser symbolischen Mittel ist die Geschichte des Kampfes der UPA gegen die UdSSR. Da der polnische Präsident Karol Nawrocki einer politischen Partei angehört, deren Wahlkampagnen häufig auf Erinnerungspolitik setzen, zögerte er nicht, diese Situation zu nutzen. Doch damit wurde ein neuer Zyklus diplomatischer Konflikte zwischen der Ukraine und Polen angestoßen.
- ^ Ausführlicher zu dieser Politik siehe: Snyder, Timothy: Sketches from a Secret War. A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine, New Haven and London 2007.
- ^ Ausführlicher zur Ideologie des ukrainischen Nationalismus siehe: Shkandrij, Myroslav: Ukrainian Nationalism: Politics, Ideology, and Literature, 1929–1956, New Haven 2015.
- ^ Siehe hierzu ausführlicher: : Zaitsev, Oleksandr: Ukrajinskyj intehralnyj nazionalism (1920–1930-ti roky), Narysyj intelektualnoji istoriji, Kyjiw 2013, S. 239–327
- ^ Hier beziehe ich mich auf das Konzept von Christian Gerlach: Gerlach, Christian: Extremely Violent Societies. Mass Violence in the Twentieth-Century World, New York 2010.
- ^ Ebd.
- ^ Staatsarchiv der Oblast Wolyn (DAWO), Bestand Н–2, Findbuch 2, Akte 26, Bl. 87, 95.
- ^ „Ukraine – Polen: Schwierige Fragen“: Internationale wissenschaftliche Seminare ukrainischer und polnischer Historiker, Website des Instituts für Geschichte der Ukraine der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine

