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Ende 1958 stürzte der junge Revolutionär Fidel Castro mit seiner Bewegung des 26. Juli den kubanischen Diktator Fulgencio Batista. Das erregte weltweit Aufsehen. Doch kaum jemand ahnte, dass Castro eine der prägendsten politischen Führungsfiguren des 20. Jahrhunderts werden sollte. Fast 50 Jahre lang stand er an der Spitze des kleinen sozialistischen Inselstaates keine 100 Meilen vor der Küste Miamis. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden. In einem Moment, in dem die USA unter Donald Trump und seinem kubanisch stämmigen Außenminister Marco Rubio alles dafür tun, das Erbe Castros zu zerstören.
Fidel Castro verkörpert die kubanische Revolution wie kein anderer. Und den Kampf David gegen Goliath. Castro und seine Mitstreiter*innen, darunter sein argentinischer Weggefährte Che Guevara, entschieden sich kurz nach dem erfolgreichen nationalen Befreiungskampf für eine dezidiert sozialistische Politik. Die USA reagierten bereits 1960 mit einer bis heute ununterbrochenen Wirtschaftsblockade. Sie hat unter der zweiten Trump-Regierung extreme Ausmaße angenommen. Für Trump hat Kuba keine ökonomische Bedeutung. Er will ein Symbol vernichten. Castro spielt dabei eine wichtige Rolle.
Der mexikanische Politikwissenschaftler Jaime Ortega schreibt in einem aktuellen Essay: „Die politische Leidenschaft Fidels war revolutionär, und daher wagemutig, den Rahmen sprengend, komplex, widersprüchlich, voll mit Leerstellen und Hoffnungen.“ Fidel Castro verstand sich als Marxist-Leninist. Doch mehr als ein Theoretiker war er ein Mensch der Tat. Mit ungewöhnlichen Führungsqualitäten, ein begnadeter Redner und ausgestattet mit Sendungsbewusstsein. Stundenlang redete er auf großen Plätzen vor der eigenen Bevölkerung, in Havanna manchmal vor mehreren Hunderttausend Personen. Er erklärte seine Politik, ging fast gleichzeitig auf den Alltag der Menschen und die Weltlage ein, stellte Fragen. Formal waren es Monologe, doch mehrfach berichteten Beobachter*innen, sie seien ihnen wie ein Dialog mit den Massen vorgekommen. Vor internationalen Gremien wie der UNO trat Castro seltener auf, doch auch dort hinterließ er bleibenden Eindruck. Castro erkannte früh die Bedeutung des Fernsehens. Er sah darin ein pädagogisches Instrument und nutzte es bereits zu Beginn der kubanischen Revolution ausgiebig. Langweilig war es bei seinen Vorträgen trotz ihrer Länge nie. Konflikten ging Castro nicht aus dem Weg. Er nutzte die Polemik, um seine Ansichten offensiv zu verteidigen.
Weichenstellung Internationalismus: „Wir sind Patrioten, aber nicht besonders nationalistisch.“
Die kubanische Revolution kämpfte von Anfang an um ihr Überleben. 1961 zerschlug die neue Regierung unter direkter Anleitung von Castro die von den USA geförderte Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht. Mit der vorübergehenden und von Castro autorisierten Stationierung von sowjetischen Atomwaffen auf Kuba schien die Welt im Oktober 1962 am Rande eines Atomkriegs, den die kubanische Bevölkerung nicht überlebt hätte. Die Ereignisse verstärkten bei Fidel Castro die Einschätzung, dass ein sozialistisches Kuba nur eine Zukunft im Rahmen einer weltweiten anti-imperialistischen Bewegung haben könne. Diese Einschätzung deckte sich mit seiner grundsätzlich internationalistischen Haltung. Er erklärte es einmal so: „Wir sind Patrioten, aber nicht besonders nationalistisch.“ Letztlich ordnete er die kubanischen Interessen den internationalistischen Prinzipien unter. Die kubanische Bevölkerung konnte nach Castro nur frei sein, wenn alle Völker frei seien. Die ideelle und materielle Solidarität mit internationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, dem Trikont (Asien, Afrika und Lateinamerika), war damit nur folgerichtig. Dies schloss in den 1960er und 1970er Jahren ein militärisches Engagement beispielsweise in Angola oder im Kongo sowie die Guerilla Che Guevaras in Bolivien ein. Castros direkter Einfluss auf die mittelamerikanischen Befreiungsbewegungen war groß. Für viele Menschen war das sozialistische Kuba auch ein Symbol für den Kampf für wirkliche Unabhängigkeit nach dem formalen Ende des Kolonialismus in vielen Ländern, personifiziert durch Castro. Eine Annäherung an die USA war unter diesen Umständen so gut wie unmöglich. Die Zahl der vielfach vom CIA geplanten und gescheiterten Mordanschläge gegen Fidel Castro ist Legende.
Wahrscheinlich eher als die meisten Politiker*innen sah Castro, dass politische Ereignisse in einem Land immer weniger isoliert vom Rest der Welt gesehen werden konnten. Inmitten des Kalten Krieges und auch danach suchte er, sich den weltpolitischen Veränderungen anzupassen, um Kubas Souveränität zu bewahren. „Sollte Kuba einmal zum Kapitalismus zurückkehren, würden unsere Unabhängigkeit und Souveränität für immer verschwinden. Wir wären eine Verlängerung Miamis.“, erklärte er einmal. Die Annäherung an die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Staaten war angesichts der US-Wirtschaftsblockade überlebensnotwendig für Kuba. Doch die Insel spielte eine wichtige und aktive Rolle in der Bewegung der blockfreien Länder, deren Vorsitzender Castro zweimal war. Kuba wollte sich nicht vereinnahmen lassen. Trotz aller Widrigkeiten suchte Castro immer wieder einen eigenen kubanischen Weg.
Fidel Castros Konzeption von Gerechtigkeit und Gleichheit zielte auf die globalen Ungleichheiten und die Rechte der Menschheit ab. Dies war ein wesentlicher Unterschied zum Narrativ der westlichen Staaten und ihrer liberalen Demokratien. Diese hielten zwar die individuellen Grundrechte hoch, doch zeigten sie im Kontext des Kalten Krieges wenig Interesse an Kritik gegenüber brutalsten Diktaturen, die als Verbündete im „Kampf gegen den Kommunismus“ galten. Oder sie unterstützen sie, wie es die USA in Lateinamerika tat, ganz direkt.
Priorität Einheit: „In einer belagerten Festung ist Uneinigkeit Verrat“
Angesichts der ständigen äußeren Bedrohung durch die USA war die innere Einheit für Fidel Castro immens wichtig. Ignacio Ramonet, Castro-Vertrauter und früherer Chefredakteur von Le Monde Diplomatique, schreibt in einem Beitrag von einer „Einheit bis zum Äußersten“ und zitiert den alten jesuitischen Wahlspruch „In einer belagerten Festung ist Uneinigkeit Verrat“. Für Castro hieß das, dass Kritik intern möglich und notwendig war, aber nicht nach außen dringen und die Revolution als solche infrage stellen durfte. Wer dieses Prinzip verletzte, musste – auch angesichts der Blockade und ständiger US-Aggressionen mit explizit konterrevolutionären Aktionen – mit Konsequenzen rechnen. Konkret bedeutete das für nicht wenige Oppositionelle eine teilweise längere Inhaftierung und/oder das Exil. Dieses Denken bestimmte auch die Haltung zu politischen Parteien. Für den kubanischen Revolutionsführer war Demokratie nie eine Frage eines Mehrparteiensystems. Er sah in einem solchen Modell vielmehr Spaltung und eine liberale Vorstellung von Eliten, die die Macht unter sich aufteilten.
Castro setzte andere Schwerpunkte. Er wiederholte immer wieder die Bedeutung von kostenloser Bildung und Ausbildung sowie einer umfassenden Gesundheitsvorsorge für die gesamte Bevölkerung. Zu den ersten Aktionen der kubanischen Revolutionsregierung gehörte eine groß angelegte Alphabetisierungskampagne. Besonders in den ersten Jahrzehnten der kubanischen Revolution legte die Regierung Wert darauf, dass Fachkräfte die schwere körperliche Arbeit der Landarbeiter*innen kennenlernten. Akademiker*innen sollten sich nicht zu einer vom Rest der Gesellschaft losgelösten Elite entwickeln. Die kubanischen Erfolge im Gesundheitswesen, beispielsweise bei der Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit oder der Impfpolitik, erregten weltweit Aufsehen. Die kubanischen Ärztemissionen retteten zahlreiche Leben auch in Ländern, die dem Inselstaat politisch nicht nahestanden.
Die absolut prägende Funktion von Fidel Castro in der kubanischen Politik hatte eine Kehrseite. Zwar verwahrte er sich Zeit seines Lebens gegen jeglichen Personenkult, doch sein Schatten fiel weit. Junger politischer Nachwuchs, der die Bevölkerung wie er selbst begeistern und überzeugen konnte, blieb aus. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war es Castro, der in den ökonomisch schwierigen Jahren der „Spezialperiode“ in der ersten Hälfte der 1990er Jahre der Bevölkerung noch Vertrauen in die Zukunft vermitteln konnte. Das ist nun Vergangenheit.
Fidel Castro war durchaus selbstkritisch. Doch sicherlich gehörte viel Mut dazu, ihm zu widersprechen. Vielleicht wurden dadurch Momente, in denen eine Modernisierung und Diversifizierung der Wirtschaft nicht nur nötig, sondern einfacher möglich gewesen wäre, verpasst. Je mehr die Revolution sich institutionalisierte, desto stärker verlangsamte die Bürokratie ehemals dynamische Prozesse. Die zeitweise starke Anlehnung an sowjetische Planwirtschaftskonzepte brachte der kubanischen Wirtschaft nicht die erhoffte Entwicklung.
Lange Zeit setzte Kuba auf die auf die Monokulturen Zucker und Tabak. Das zerstörte auf die Dauer viele gute und auch anderweitig landwirtschaftlich nutzbare Böden. Der internationale Tourismus war eine vielversprechende Alternative, erwies sich aber als krisenanfällig. Das lange Festhalten an einer rein fossilen Energieproduktion machte Kuba immer wieder verletzbar. Dabei wies gerade Fidel Castro in einer damals beachteten und heute visionär erscheinenden Rede auf dem Weltklimagipfel 1992 in Rio de Janeiro auf die enormen Risiken des Klimawandels, notwendige Energiereformen und internationale Kooperation bei diesem Thema hin. Schon in den 1980er Jahren sprach er die Potentiale der Wind- und Solarenergie in Kuba an. Doch für die Umsetzung fehlten die Mittel.
Nach einer schweren Erkrankung zog sich Fidel Castro 2006 mit 80 Jahren nach und nach aus allen politischen Spitzenfunktionen zurück. Bis kurz vor seinem Tod vor knapp 10 Jahren mischte er sich aber immer wieder mit Kolumnen in die öffentliche Debatte ein. Dabei warnte er vor den zerstörerischen Konsequenzen einer hegemonialen neoliberalen Weltordnung und des Klimawandels. In Erinnerung bleiben wird er aber vor allem wegen seiner Unbeugsamkeit gegenüber den USA, seinem ausgeprägten Internationalismus und dem Kampf gegen fortgesetzte koloniale Strukturen weltweit. Darum ist er immer noch und angesichts der geopolitischen Veränderungen erneut für Millionen Menschen im Globalen Süden relevant. „Fidel scheint uns ein Prozess zu sein, der weit über die Biografie eines Individuums hinausgeht“, schreibt Jaime Ortega.

