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Seit April 2026 verhandelt das Oberlandesgericht Stuttgart gegen fünf pro-palästinensische Aktivist*innen wegen einer Sabotageaktion gegen die deutsche Niederlassung des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems in Ulm (kurz der Ulm 5 -Prozess). Die Anklage lautet auf Sachbeschädigung, Bildung einer kriminellen Vereinigung und strafverschärfend eine „antisemitische Motivation“. Die Verteidigung plädiert auf rechtfertigenden Notstand angesichts eines laufenden Genozids.
Der Fall lässt sich als Kristallisationspunkt zweier Kritiklinien an der deutschen Erinnerungskultur lesen. Meine These: Beide sind zwei Gesichter derselben ungelösten kollektiven Scham – einer Scham, die als Staatsräson politisch gebunden wird, sich an Gaza neu entzündet und sich in Beschämung, Repression und am Ende im Nutzen für eine autoritäre Politik und die politische Rechte entlädt.
Kollektive Scham als ungelöste Essenz der deutschen Erinnerungskultur
Erste Kritiklinie: „Versöhnungstheater“
Die deutsche Erinnerungskultur sei vor allem ein „Versöhnungstheater“ (Max Czollek), weil es ihr primär um die „Wiedergutwerdung“ der Nachkommenschaft der Täter*innen gehe, nicht um echte, aufrichtige Trauerarbeit über die begangenen Verbrechen: Diese Wiedergutmachung erzähle die Geschichte einer geläuterten, moralisch rehabilitierten Nation.
Der Ulm 5-Prozess zeigt, wie dieser Mechanismus weiterwirkt – ein juristisches Verfahren wegen Einbruch und Sachbeschädigung, das eine strafrechtliche Klärung herbeiführen soll und die eigentlich wichtige Frage gar nicht stellen kann, weil sie juristisch nicht zur Verhandlung steht: Wie ist deutsche Rüstungskooperation mit Israel angesichts der genozidalen Kriegsführung in Gaza mit Grundgesetz und Völkerrecht vereinbar?
Zweite Kritiklinie: Eindimensionale Erinnerung
Die deutsche Erinnerungskultur biete kaum Raum für eine „multidirektionale Einordnung“ palästinensischen Leids (Michael Rothberg) – und die NS-Vergangenheit und der Nahostkonflikt werden nicht als zwei zueinander in Beziehung stehende Erinnerungsstränge behandelt. Vielmehr werde die deutsche Verantwortung für den Holocaust nahezu automatisch in bedingungslose Solidarität mit der israelischen Regierungspolitik übersetzt. Für Palästinenser*innen in Deutschland bedeute das: Ihr Leid gelte nicht als eigenständig erinnerungswürdig, sondern nur im Verhältnis zur deutschen Solidarität mit Israel – und in dieser Konkurrenz verliere palästinensisches Leid strukturell seinen Platz neben dem Holocaust-Gedenken.
Auch dafür ist der Fall der Ulm 5 paradigmatisch: Die Angeklagten berufen sich auf das Leid in Gaza als Motiv ihres Aktivismus. Doch genau dieses Leid wird im Verfahren nicht verhandelt, sondern durch die Prüfung einer „antisemitischen Motivation“ präventiv delegitimiert und kriminalisiert, bevor es überhaupt inhaltlich zur Sprache kommen kann.
Beide Kritikpunkte sind zwei Symptome eines gemeinsamen Grundmusters – einer deutschen kollektiven Scham, die nie vollständig benannt und integriert wurde.
Warum Scham anders wirkt als Schuld
Die psychoanalytische Forschung – von Mitscherlich & Mitscherlich (1967) über Marks (2011 & 2021) bis Frie (2017) – kritisierte, dass der Fokus der deutschen Erinnerungskultur auf Fakten und rechtlicher Schuld die zugrunde liegenden Emotionen, vor allem Scham, überging. Der Grund liegt im Gefühl selbst. Schuld betrifft eine Tat und lässt sich eingestehen und wiedergutmachen, ohne das Selbst radikal infrage zu stellen. Scham bedroht das Selbstbild direkt. Und deshalb wandeln Individuen wie Kollektive sie lieber in handhabbarere Affekte um: Wut, Kontrolle und moralische Empörung gegen andere. Das ist kein bewusstes Kalkül, sondern ein automatischer, unbewusster Abwehrmechanismus. Stephan Marks (2021) nennt Scham, nach Leon Wurmser, die „Wächterin der Würde“ – ein Gefühl, das Gesellschaften eher tabuisieren als verhandeln.
Salman Rushdie hat den Kreislauf in „Shame“ (1983) literarisch vorweggenommen: Eine Gesellschaft, die Scham verdrängt, wird schamlos und damit gewaltfähig; sie verlagert die Aggression auf Sündenböcke und auf jene, die die Scham beim Namen nennen. Beschämung selbst wird dabei zur Waffe: Wer pauschal beschämt statt sachlich kritisiert, erzeugt Abwehr und Gegenaggression – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
Genau dieser Kreislauf liegt, so meine These, auch dem Verfahren gegen die Ulm 5 zugrunde: Das „Versöhnungstheater“ dämmt die Scham ein, statt sie zu benennen und zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Doch was nur eingedämmt und nie wirklich durchlebt wurde, hält dem Druck von außen nicht stand: Es bricht, sobald es mit fremdem Leid konfrontiert wird. Genau daran scheitert die multidirektionale Einordnung palästinensischen Leids.
Wie sich NS-Scham konkret zeigt
Dissoziierte Familiennarrative (wie „Opa war kein Nazi“) dominierten Jahrzehnte viele Familiendynamiken in West- und Ostdeutschland – mit der Konsequenz, dass die historischen Fakten des Nationalsozialismus abstrakt bekannt sind, aber auf einer kognitiven, distanzierten Ebene bleiben: Man „weiß“ etwas, ohne dass es die eigene Identität berührt. Die psychoanalytische Forschung, etwa Bar-on (1993), Rosenthal (1997) und Reddemann (2018), unterstreicht, wie wichtig es gerade auf familiärer Ebene ist, die emotionale Involviertheit der Täterschaft der Mehrheit der Deutschen anzuerkennen und sie zu einer bewusst integrierten, „gelebten Geschichte“ werden zu lassen. Erst diese Haltung führt zu echter, nicht nur rhetorischer politischer Verantwortungsübernahme.
Es fand in vielen deutschen Familien eine Delegation der unbenannten Scham an die Enkelgeneration („Kriegsenkel“) statt, verstärkt durch ein „dissoziiertes Großelternbild“: Der liebevolle Opa und seine NS-Vergangenheit werden als zwei getrennte, nie wirklich zusammengeführte Bilder gehalten.
Anstatt Scham zu benennen und auszuhalten, entwickelt eine Gesellschaft feste, wiederkehrende Formen, die Verantwortung demonstrieren, ohne die eigentliche, unbequeme Auseinandersetzung zu erfordern: nationale Rituale, Gedenktage, Bildungsangebote, Verfassungsbezüge zur NS-Vergangenheit sowie politische Loyalitätsformeln wie die deutsche Staatsräson. Diese Rituale sind ambivalent: Bestenfalls sind sie echter Ausdruck historischer Verantwortung, denn ohne sie gäbe es gar keine institutionalisierte Erinnerung. Andererseits erfüllen sie eine zweite, stillere, aber sehr mächtige Funktion: Sie liefern eine wiederholbare, sprachlich fertige Handlungsform, die es erlaubt, sich immer wieder verantwortlich zu zeigen, ohne jedes Mal neu die schwierige, persönliche Frage stellen zu müssen, was die NS-Geschichte für die eigene Familiengeschichte und das eigene gesellschaftspolitische Selbstverständnis im Hier und Jetzt bedeutet. Das Ritual wird zum bequemeren, performativen Ersatz für die fällige „gelebte“ Auseinandersetzung.
Der politische Mechanismus: Gaza als Kollisionspunkt
Die bedingungslose Unterstützung der Sicherheit Israels als „Teil der deutschen Staatsräson“ – erstmals 2008 von Angela Merkel so formuliert – funktioniert nach dieser Lesart erzähltechnisch ähnlich wie „Opa war kein Nazi“: Eine beschämende Wirklichkeit (Millionen Ermordete, Tätergesellschaft, ungeklärte familiäre Schuld) wird durch eine kurze, moralisch eindeutige Formel ersetzt. Man büßt durch Loyalität zu einem Staat, nicht durch gesamtgesellschaftliche Selbstkonfrontation – psychisch entlastend, weil aus einem passiven, beschämenden Zustand ein aktiver wird. Geprägt wurde diese Formel von einer Politikergeneration von Merz bis Baerbock, die selbst zur „Kriegsenkel“-Generation zählt.
Diese Formel funktionierte lange – solange sie sich nicht mit laufenden Massenmorden konfrontiert sah, an denen Deutschland auch über Rüstungskooperationen wie Elbit aktiv beteiligt war. Die täglichen Bilder aus Gaza irritieren diese Formel grundlegend: Was, wenn die Solidarität mit Israel bedeutet, dass Deutschland erneut sich schuldig an einem Genozid macht? Gaza konfrontiert die deutsche Gesellschaft und die politische Klasse mit einem verdächtigen Wiederholungsmuster: Ausgerechnet im Namen der „Wiedergutmachung“ für den Holocaust wird Deutschland an einem weiteren Völkermord mitschuldig.
Genau das aktiviert die nicht integrierte NS-Scham erneut – und mit ihr die alten Abwehrmuster: Rechthaberei statt Reflexion, Härte gegen die, die das Leid benennen, statt Auseinandersetzung mit der eigenen Mitverantwortung.
Für viele palästinensische Familien in Deutschland ist Vertreibung, Entrechtung und Besatzung eine wiederholte, generationenübergreifende Erfahrung (siehe Bulbeisi 2020) – von der Nakba 1948 bis heute. Sie in Deutschland auszusprechen, wird selbst zur Quelle neuer Verletzung: nicht, weil das Gesagte widerlegt würde, sondern weil sein Aussprechen als Angriff auf die deutsche Selbsterzählung behandelt wird.
Wenn palästinensische Autor*innen wie Adania Shibli oder die Filmemacher von „No Other Land“ kollektiv für Hamas-Taten in Haftung genommen werden, geschieht möglicherweise genau das: Die eigentliche, unerträgliche Scham wird nicht als eigene Scham empfunden und bearbeitet, sondern in einen moralischen Vorwurf gegen die sichtbaren Repräsentant*innen der „anderen Seite“ umgewandelt. Die Person, die dieses Leid benennt, wird zum Ziel, weil sie die einzige sichtbare, angreifbare Stelle ist, an der sich die unerträgliche Spannung entladen kann. Die Staatsräsonformel kann nicht angegriffen werden, ohne die gesamte moralische Selbsterzählung der Nachkriegsgesellschaft zu gefährden. Also wird die Überbringerin delegitimiert, pathologisiert und zunehmend kriminalisiert – exakt das Muster, das sich im Ulm 5-Prozess gerade juristisch vollzieht: Man beschämt, um die eigene Scham nicht fühlen zu müssen.
Die Konsequenzen: Beschämung, Profiteure, Repression
Beschämung als Kontrollinstrument
Wer in Deutschland Kritik an der israelischen Kriegspolitik äußert, wird schnell mit dem Antisemitismus-Vorwurf beschämt. Genau das zeigt sich auch im Ulm 5-Prozess bei der Erweiterung der Sach- zur Gesinnungsfrage, genauer bei der strafverschärfenden Prüfung der „antisemitischen Motivation“: Man ist entweder antisemitisch motiviert oder nicht. Das ist die justiziell verschärfte Form dessen, was sich diskursiv längst etabliert hat.
Der israelische Botschafter Ron Prosor erklärte im November 2025, linker Antisemitismus sei „der gefährlichste“, weil er sich an der Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Aufhetzung bewege.
Die Rechtswissenschaftlerin Nahed Samour kritisierte die juristische Begründung der Berliner Nakba-Gedenkverbote (seit 2021): Die Behörden begründeten die Verbote damit, dass unter den überwiegend jungen Teilnehmenden aus arabisch-migrantischen Communities mit antisemitischen Äußerungen zu rechnen sei. Das ist, so Samour, selbst ein rassistisches Argument: Es unterstellt den Teilnehmenden pauschal, wegen ihrer Herkunft besonders emotional zu reagieren, und wertet diese unterstellte Emotionalität von vornherein als gefährlich.
Besonders besorgniserregend ist der Fall antizionistischer, jüdischer Kritiker*innen der israelischen Politik. Hier stellt der Antisemitismusvorwurf implizit die Legitimität ihrer eigenen Verortung innerhalb der eigenen Verfolgungsgeschichte infrage – eine brutale Form der Enteignung eigener Erfahrung durch eine außenstehende, meist nicht-jüdische, staatliche Instanz.
Ob eine Aussage tatsächlich antisemitisch codiert ist, wird so sekundär gegenüber der Frage, ob sie die Abwehrformation stört – was erklärt, warum gerade die genauesten Zeugnisse die härtesten Reaktionen provozieren: „No Other Land“ wurde u. a. vom Berliner Bürgermeister als antisemitisch gebrandmarkt, der Regisseur erhielt Todesdrohungen. Die documenta-15-Gesprächsreihe „We Need to Talk!" !“ wurde vor ihrer Durchführung abgesagt, ebenso die von Rothberg und Breitz initiierte Nachfolgekonferenz. Ein offener Dialog hätte bedeutet, mehrere schmerzhafte Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten – deutsche Verantwortung, palästinensisches Leid, antimuslimischer Rassismus und reale Antisemitismusgefahr. Jede Absage lässt sich als Vermeidung dieser Ambiguitätstoleranz lesen.
Profiteure
Stephan Marks (2021) sieht in ungelöster NS-Scham vor allem eine Anfälligkeit für autoritäre und rechtspopulistische Bewegungen. Unbearbeitete kollektive Scham wird zu einem politisch nutzbaren Nährboden – für die einen als Loyalitätsformel (Staatsräson), für die anderen als Ressentiment gegen die „Heuchelei der Altparteien“ (AfD-Rhetorik). Die AfD demonstriert diesen Mechanismus schon vor 2023, nur radikaler und offener: Seit 2016 fordert sie eine „erinnerungspolitische Wende" und spricht vom „Schuldkult“. Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider verband nach dem 7. Oktober Kritik an Israels Vorgehen direkt mit einem Angriff auf die Erinnerungskultur: Dürfe man Israel keine Kollektivschuld zuschreiben, dürfe man das „den Deutschen“ für den Holocaust auch nicht.
Jelena Subotić beschreibt dieses Muster als wachsende „pro-israelische Form von Antisemitismus“: Solidarität mit Netanyahu erklären, dann eigene Islam- und Migrationsfeindschaft als Judenschutz tarnen. Wenn die politische Mitte den Antisemitismus-Vorwurf selbst zur Abwehr ungelöster Scham nutzt und pauschal auf jede Israel-Kritik anwendet, liefert sie der politischen Rechten das passende Vokabular und die Bühne.
Repression
Enzo Traverso warnt vor einem historischen Muster der Demokratiegefährdung: Repressionsinstrumente werden zunächst an klar abgegrenzten Gruppen erprobt – migrantischen, palästinensischen und muslimischen Netzwerken – durch Vereinsverbote oder die Kriminalisierung bestimmter Begriffe. Sind die Präzedenzfälle einmal gesetzt, dehnen sich diese Instrumente jedoch erfahrungsgemäß auf breitere gesellschaftliche Milieus aus. Instrumente wie die weite Auslegung der IHRA-Definition oder die Einstufung explizit jüdischer Organisationen wie der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ als „extremistisch“ zeigen bereits, dass die Grenze politischer Disziplinierung willkürlich ist – und genau diese Willkür ist das eigentlich brandgefährliche.
Die schamspsychologische Lesart erklärt Muster in der aktuellen deutschen Politik, die oft irrational oder widersprüchlich wirken. Aber sie ersetzt nicht die nüchternere, machtpolitische Erklärung: Bei Elbit Systems geht es um knallhartes wirtschaftliches Interesse: Rüstungsaufträge und Profit. Scham, Schamlosigkeit und Profitinteresse schließen sich nicht aus, sie verstärken sich gegenseitig: Die Schamabwehr liefert die moralische Rechtfertigung für eine autoritäre Politik und Kriegsökonomie, die ohnehin schon feststehen.



