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Interview , : Der iranische Feminismus – zwischen Krieg und Regime

Interview mit Firoozeh Farvardin

Wichtige Fakten

Details

Portrait, Halbtotale von Firoozeh Farvardin vor einer grauen Betonwand
„Wir brauchen eine Form der Solidarität, die keine Wahl zwischen dem Regime und dem Krieg erzwingt.“ (Firoozeh Farvardin) Irene Graf Fotografie

Der Krieg im Iran hat die politische Landschaft, die aus dem Aufstand von 2022 hervorgegangen ist, neu geformt: Er hat die Islamische Republik gestärkt, den monarchistischen rechten Kräften in der Diaspora neuen Schwung verliehen und den Spielraum für eine autonome feministische Politik eingeschränkt. In diesem Interview untersucht die iranische Wissenschaftlerin Firoozeh Farvardin, wie man sich dem Regime widersetzen kann, ohne eine ausländische Intervention zu unterstützen, und wie man Netzwerke der Fürsorge, des Widerstands und des Internationalismus von unten aufrechterhalten kann.
 

Im September 2022 löste die Tötung von Mahsa Jina Amini – einer 22-jährigen iranisch-kurdischen Frau, die in Teheran von der sogenannten „Sittenpolizei“ wegen angeblichen Verstoßes gegen die Hijab-Pflicht festgenommen worden war – einen der größten Aufstände im Iran seit der Gründung der Islamischen Republik aus. Unter dem kurdischen Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“) entwickelten sich die Proteste gegen die staatliche Kontrolle über die Körper von Frauen rasch zu einer umfassenderen Herausforderung für das Regime, seinen Unterdrückungsapparat und die Formen sozialer und politischer Ungleichheit, die die iranische Gesellschaft durchziehen.

Fast vier Jahre später hat sich die Lage dramatisch verändert. Staatliche Repressionen zerschlugen Aktivistennetzwerke, führten zur Inhaftierung von Aktivist*innen und zwangen viele Aktivist*innen ins Exil. Gleichzeitig hat die von Israel und den Vereinigten Staaten durchgeführte Militäroffensive die politische Landschaft neu geformt: Sie ermöglichte es der Islamischen Republik, sich als Verteidigerin der nationalen Souveränität zu präsentieren, Narrative der inneren Einheit zu stärken und die Kriminalisierung der Regimegegner*innen zu verschärfen. Unterdessen gewannen monarchistische und rechtsgerichtete Kreise, die insbesondere in der Diaspora aktiv sind, an Sichtbarkeit durch einen Diskurs, der einen Regimewechsel mit ausländischer Intervention verknüpft und darauf abzielt, sich als legitime Stimme der iranischen Opposition zu etablieren.

In diesem Interview, das von Carmín Rios Fukelman und Miranda Hochman geführt und ursprünglich in Nueva Sociedad auf Spanisch veröffentlicht wurde, reflektiert Firoozeh Farvardin über den Platz des Feminismus in einem von inneren Repressionen und Krieg geprägten Kontext, und stellt sich die Frage, wer für die iranische Opposition spricht.
 

Carmín Rios Fukelman / Miranda Hochman: Ein Großteil der internationalen Berichterstattung über die Krise im Iran orientiert sich an einer geopolitischen Perspektive: die Vereinigten Staaten, Israel, die Islamische Republik, Russland, China, regionale Mächte. In diesem Rahmen werden die Stimmen iranischer Feminist*innen oft beiseitegeschoben. Was geht verloren, wenn der Iran nur aus dieser Perspektive betrachtet wird? Und wie werden die Angriffe Israels und der Vereinigten Staaten von denjenigen interpretiert, die im Land selbst kämpfen?

Firoozeh Farvardin: Die Narrative, denen wir in den Medien und in weiten Teilen der öffentlichen Debatte begegnen, sind fast immer geopolitischer Natur. Ich will damit nicht sagen, dass diese Dimension unwichtig ist. Natürlich spielt sie eine Rolle. Aber wenn über diese Region und insbesondere über den Iran gesprochen wird, wird die Diskussion fast vollständig von diesem Rahmen bestimmt. Der Fokus liegt auf Staaten, Bündnissen, militärischen Kräfteverhältnissen und strategischen Interessen. Was dabei verschwindet, ist die iranische Gesellschaft selbst.

Ich möchte an einem anderen Punkt ansetzen: Ich möchte das Geschehen im Iran anhand der Erfahrungen gewöhnlicher Menschen betrachten. Das bedeutet, zu fragen, wie Innenpolitik und äußere Ereignisse miteinander in Beziehung stehen. Es handelt sich aber dabei nicht um getrennte Sphären. Krieg, Sanktionen, militärische Drohungen und staatliche Repression sind eng miteinander verflochten. Für die Menschen im Iran geht es nicht nur darum, welcher internationale Akteur an Einfluss gewinnt oder verliert, sondern auch darum, welche Möglichkeiten ihnen noch bleiben, sich zu organisieren, Widerstand zu leisten, ihre Stimme zu erheben und sich ein anderes Leben vorzustellen.

Unabhängig davon, ob die Islamische Republik gewinnt oder verliert, ist der Krieg ein Segen für das Regime.

Zunächst muss man verstehen, dass Krieg als konterrevolutionärer Moment fungiert. Seit 2016 erlebt der Iran einen Zyklus revolutionärer Bewegungen, der 2022 einen Höhepunkt erreichte und im Januar 2026 einen weiteren wichtigen Moment darstellte. Wie viele andere iranische Feminist*innen glaube auch ich, dass der Krieg die fortschrittlichsten Dimensionen dieses Zyklus blockiert. Unabhängig davon, ob die Islamische Republik gewinnt oder verliert, ist der Krieg ein Segen für das Regime, da er es ihm ermöglicht, die Oppositionsbewegung zu unterdrücken und sowohl im Inland als auch im Ausland an Legitimität zu gewinnen.

Was außerhalb des Iran geschieht, ist zutiefst besorgniserregend. In bestimmten Kreisen, die sich als fortschrittlich oder linksorientiert verstehen, wird das Regime mittlerweile fast automatisch als legitime Kraft angesehen, nur weil es den Vereinigten Staaten und Israel entgegentritt. Die Menschen vergessen, dass es erst vor kurzer Zeit ein Massaker gab, bei dem innerhalb weniger Tage Tausende Menschen getötet wurden. Nun werden der Oberste Führer und die Militärkommandanten, die rechtswidrig ermordet wurden, gepriesen, während übersehen wird, dass sie selbst ebenfalls für Morde und Unterdrückung verantwortlich waren. 

Unterdessen finden im Iran weiterhin täglich Hinrichtungen statt. Viele Menschen werden unter dem Vorwurf der Spionage, der Kriegsgegnerschaft oder der Unterstützung der Vereinigten Staaten und Israels verhaftet. Um es klar zu sagen: Ich bin der Meinung, dass das Land rechtswidrig überfallen wurde. Ob ich mit dem Regime übereinstimme oder nicht, ist irrelevant. Es war eine rechtswidrige Invasion. Die Ermordung des Staatsoberhaupts eines anderen Landes kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Hinzu kommt aber auch, dass das Regime diese Aggression als Vorwand für noch größere Unterdrückung nutzt.

Auch nationalistische Stimmungen nehmen zu. Das bedeutet nicht, dass jeder die Islamische Republik unterstützt. Viele Menschen kommen jedoch zunehmend zu der Überzeugung, dass sie angesichts eines illegalen Krieges den iranischen Staat als Beschützer der Nation unterstützen sollten. Ich teile diese Haltung nicht, verstehe aber, wie die Polarisierung manche Menschen zu der Überzeugung treibt, dass die Unterstützung des Staates weniger schädlich sei als die Unterstützung einer ausländischen Intervention.

Die Stimme, die in der Öffentlichkeit fehlt, ist die derjenigen, die einen dritten Weg suchen.

Ich sage dies nicht nur als Wissenschaftlerin, die außerhalb des Iran lebt, sondern auch als Feministin, die eng mit den dortigen Geschehnissen verbunden bleibt und die weiterhin, so weit wie möglich, mit Iraner*innen arbeitet und zu deren Erfahrungen forscht. Die Stimme, die in der Öffentlichkeit fehlt, ist die derjenigen, die einen dritten Weg suchen. Diese Stimme gibt es, sowohl im Iran selbst als auch in der Diaspora. Sie kommt von Menschen, die Basisnetzwerke aufrechterhalten, eine Politik der Fürsorge praktizieren und sowohl das Regime als auch den Krieg ablehnen. Doch diese Stimmen finden in den Medien kaum Beachtung. Oft sind es dieselben Menschen, die versuchen, die Netzwerke wieder aufzubauen oder am Leben zu erhalten, die während des Aufstands von 2022 entstanden sind.

Die Islamische Republik bereitet sich seit Jahren auf den Krieg vor. Sie verfügt über Raketen, Waffen und ein Militarisierungsprogramm, das trotz internationaler Sanktionen weiterlief. Doch sie hat sich nie darauf vorbereitet, ihre eigene Bevölkerung zu schützen: Sie hat keine Schutzräume gebaut, es gibt nach wie vor keine Schutzräume für die einfache Bevölkerung, und es gibt keinen langfristigen Plan für eine Kriegswirtschaft. Das Land befindet sich in einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Rezession. Vor diesem Hintergrund sind es genau diese Gruppen und Kreise, die bereits 2022 politisiert wurden, die jeden Tag konkrete Unterstützung leisten. Sie sind es, die weiterhin versuchen, das alltägliche Leben der einfachen Menschen, der Arbeiter und der politischen Gefangenen aufrechtzuerhalten – um sie zu unterstützen und den Menschen im Iran trotz allem eine Stimme zu geben.

Die fast vollständige Abschaltung des Internets im Land stellt ein großes Problem dar. Es ist äußerst schwierig, in Kontakt zu bleiben. Es gibt zwar ein internes, nationales Internet, doch die Verbindung zur Außenwelt wurde unterbrochen. Auch gibt es ein spezielles, sehr teures VPN, aber nur eine kleine Zahl von Menschen – diejenigen, die es sich leisten können, – hat Zugang dazu. Das macht es fast unmöglich zu erfahren, was tatsächlich im Iran geschieht. Doch den Nachrichten zufolge, die von Zeit zu Zeit durch Tweets oder bruchstückhafte Meldungen von Genoss*innen nach außen dringen, scheint es, als versuchten die Menschen weiterhin, diese Zellen und Gemeinschaften am Leben zu erhalten und zu überlegen, was sie als Nächstes tun können. Es handelt sich jedoch um eine Form des nackten Überlebens. Eine politische Positionierung findet derzeit so gut wie gar nicht statt.

Im Jahr 2022 schien die Oppositionsbewegung gegen das Regime von einem starken feministischen und emanzipatorischen Charakter geprägt zu sein. Nun scheinen jedoch monarchistische, militaristische und offen interventionistische Diskurse an Boden zu gewinnen. Wie hat sich die Lage zwischen dem Aufstand von 2022 und den jüngsten Mobilisierungen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Iran verändert?

Wenn ich sage, dass die Legitimität des Regimes zugenommen hat, sogar innerhalb des Iran, so meine ich damit nicht, dass seine Popularität zugenommen hätte. Es gibt nach wie vor sehr starken Widerstand. Viele einfache Menschen protestieren weiterhin gegen die Islamische Republik. Es gibt sogar Menschen, die sagen, sie wollten Krieg, weil das Leben unter dem Regime schlimmer sei als Krieg. Ich möchte sie nicht verurteilen oder ihnen ihre Handlungsfähigkeit absprechen. Aber ich glaube auch, dass wir ein konkretes Verständnis davon brauchen, was Krieg eigentlich ist. Jetzt, da Krieg herrscht, sagen weniger Menschen offen, dass sie den Krieg der Islamischen Republik vorziehen. Die Lage ist ausgesprochen gespalten.

Die neue monarchistische Welle und die Unterstützung für den Krieg sollten als konterrevolutionäre Reaktion verstanden werden. Die monarchistische extreme Rechte gab es bereits zuvor. Sie war auch während des Aufstands von 2022 präsent. Wie in jeder breiten sozialen Bewegung waren nicht alle beteiligten Kräfte progressiv. Doch im Jahr 2022 besaßen die Monarchisten keine politische oder diskursive Hegemonie. Feministische Stimmen, marginalisierte Gemeinschaften und progressive Positionen hatten weitaus größere Möglichkeiten, die öffentliche Meinungsbildung zu prägen.

Bis Januar 2026 hatten die Monarchisten jedoch erheblich an Raum gewonnen. Dies ist in erster Linie auf Repressionen zurückzuführen. Viele der Menschen, die bereits 2022 aktiv gewesen waren, waren entweder inhaftiert oder hatten das Land verlassen. Ein weiterer Grund ist jedoch die Unterstützung, die monarchistische Gruppen von Israel, den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien erhalten. Dies zeigt sich in Satellitenfernsehkanälen, sozialen Medien, TikTok und groß angelegten Bemühungen, die darauf abzielen, die Vorstellung zu verbreiten, dass die Wiederherstellung der Monarchie die einzige echte Alternative zum Regime sei.

Diese Position hat an Popularität gewonnen. Die Sprache und Rhetorik der Proteste im Januar 2026 unterschieden sich sowohl innerhalb als auch außerhalb des Iran von denen des Jahres 2022. Es ist offensichtlich, dass der Diskurs deutlich weniger feministisch geprägt war.

Vor der Invasion wurden Tausende durch staatliche Repression getötet. Jetzt, mit der Invasion, gibt es ebenfalls Tausende von Toten und Hunderte getöteter Kinder.

Gleichzeitig würde ich diese Bewegung – anders als andere Beobachter – nicht einfach als „faschistisch“ bezeichnen. So sehe ich das nicht. Ich glaube, dass es eine Kontinuität zu dem Protestzyklus gab, der 2022 nach der Ermordung von Mahsa Jina Amini begann. Die Beweise dafür liegen in diesen Netzwerken, in der Beteiligung progressiver Kräfte auf den Straßen und in den Organisationsformen, die fortbestanden haben. Doch gerade außerhalb des Iran war es der monarchistische Diskurs, der die politische Szene erfolgreich prägte.

Das beeinflusst die Interpretation des Krieges. Von außen könnte jemand zu dem Schluss kommen: „Das iranische Volk ist größtenteils monarchistisch und will daher Krieg.“ Diese Interpretation trägt dazu bei, einen Angriff auf den Iran zu rechtfertigen. Monarchisten gibt es zweifellos, und sie sind weiterhin präsent. Doch nachdem man monatelang gesehen hat, dass Krieg keinen Regimewechsel bringt, sondern vielmehr die Zerstörung des Landes und den Zusammenbruch des Staates, glaube ich, dass viele Menschen beginnen, etwas anderes zu verstehen. Der Krieg richtet sich nicht ausschließlich gegen die Islamische Republik. Er macht das Leben im Iran unmöglich. Aus diesem Grund glaube ich, dass viele Menschen, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes, diese Art von Intervention zunehmend weniger befürworten.

Eine der Folgen des Krieges, abgesehen von Zerstörung, Trauma und der Unmöglichkeit, den Alltag aufrechtzuerhalten, ist, dass die Islamische Republik nun über größere Macht verfügt. Aber sie ist auch geschwächt. Und das könnte sie sogar noch gefährlicher machen. Tragischerweise sind es die einfachen Menschen, die unabhängig vom Schicksal des Regimes den Kürzeren ziehen. Vor der Invasion wurden Tausende durch staatliche Repression getötet. Jetzt, mit der Invasion, gibt es ebenfalls Tausende von Toten und Hunderte getöteter Kinder.

Ich frage mich immer wieder, warum es so schwer geworden ist, um all diese Menschen zu trauern. Politisch ist es fast unmöglich geworden zu sagen: „Ich bin gegen die Tötung dieser Menschen“, ohne dass jemand entgegnet: „Dann unterstützt du die andere Seite.“ Vielleicht ist der Iran ein Extrembeispiel von etwas Allgemeinerem. Aber das ist der Zustand unserer Welt: eine brutale Polarisierung, in der Menschenleben weniger zählen als das politische Lager, dem man angeblich angehört. Es ist eine sehr traurige Geschichte.

Wie greifen feministische Bewegungen in diesem Kontext extremer Polarisierung ein? Welche Formen der Organisation und Fürsorge überleben, wenn das Regime unterdrückt, Krieg politisches Handeln blockiert und die lautesten Stimmen der Opposition in der Diaspora zwischen Islamischer Republik und ausländischer Intervention gefangen zu sein scheinen?

Die Beschreibung dessen, was heute im Iran geschieht, erfordert zwangsläufig ein gewisses Maß an Spekulation. Die Informationen sind äußerst begrenzt. Jeder scheint in dieser Polarisierung Partei zu ergreifen. Doch diejenigen, die im Iran tatsächlich etwas unternehmen, sind zivilgesellschaftliche Aktivist*innen – viele von ihnen Feminist*innen – sowie Netzwerke, die sich der Aufrechterhaltung des Alltagslebens widmen und bereits in verschiedenen Städten aktiv waren. Sie verstärken die Stimmen von Gefangenen, von Menschen, denen die Todesstrafe droht, und von betroffenen Familien. Sie helfen den Verwundeten und Inhaftierten, tauschen Informationen aus und leisten Unterstützung.

Dort findet echte Politik statt. Nicht unter jenen außerhalb des Iran, die zum Krieg aufrufen, und auch nicht unter jenen, die behaupten, das iranische Volk über Medien der Diaspora zu vertreten. Sie wird von diesen Aktivistengruppen ausgeübt, von denen viele in der Praxis feministisch sind, auch wenn sie sich nicht ausdrücklich als solche bezeichnen.

Derzeit befinden sich die Menschen größtenteils im Überlebensmodus. Einige Gruppen sammeln Geld, um Menschen zu unterstützen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, weil viele der Fabriken zerstört wurden. Im Iran gibt es zudem eine große Zahl von Plattformarbeiter*innen. Auch diese Arbeit ist weggefallen und unvorstellbar viele Menschen sind arbeitslos geworden. Und es gibt keinen staatlichen Plan, um der Situation zu begegnen. Infolgedessen beginnen diese Gruppen, kleine alternative Wirtschaftssysteme, Strukturen der gegenseitigen Hilfe sowie Wege zu schaffen, sich gemeinsam zu versorgen und durchzukommen.

Ein weiteres Beispiel ist die Hilfe für diejenigen, die während des Aufstands im Januar 2026 verwundet wurden. Viele konnten keine Krankenhäuser aufsuchen, da sie dort Gefahr liefen, verhaftet oder sogar getötet zu werden. Bei einigen stecken noch immer Schrotkugeln oder kleine Projektile im Körper. Die Menschen, die ihnen helfen, sind Mitglieder von Gruppen, die während des Jina-Aufstands entstanden sind – Netzwerke, die sich noch immer kennen, in Verbindung bleiben und sich bei Bedarf weiterhin mobilisieren.

Politisch fehlt diesen Netzwerken derzeit jedoch eine klare öffentliche Stimme. Zum einen, weil der Internetzugang unterbrochen wurde und sie nicht kommunizieren können. Zum anderen, weil die lautesten Stimmen außerhalb des Irans entweder regimenahen Kreisen oder den verschiedenen monarchistischen Strömungen angehören.

Frauenrechte wurden oft als Rechtfertigung für ausländische Interventionen im Nahen Osten herangezogen, ganz nach dem Motto, der Westen müsse Frauen vor islamischem Extremismus „retten“. Gleichzeitig versucht die Islamische Republik, sich bestimmte feministische Forderungen anzueignen und sie für ihre eigene Propaganda zu nutzen. Wie wirken sich diese konkurrierenden Aneignungen von Frauenrechten heute aus?

Wann immer Krieg ausbricht, taucht eine bestimmte Form hegemonialer Männlichkeit wieder auf: der heldenhafte Mann, der die Nation beschützt. Viele cis-geschlechtliche Männer, darunter auch einige, die sich als linksorientiert bezeichnen und sich kürzlich der Islamischen Republik angeschlossen haben, stellen den Krieg genau in diesem Licht dar. Sie sagen: „Wir schützen unser Territorium genauso, wie wir unsere Frauen schützen.“ Dieses Bild ist im Iran präsent, aber auch an vielen anderen Orten.

Wir wissen, dass ein Kriegszustand tendenziell zu einer Zunahme geschlechtsspezifischer Gewalt und häuslicher Gewalt führt. Ich verfüge über keine direkten Statistiken zur aktuellen Lage im Iran, doch Berichte und Zeugenaussagen deuten darauf hin, dass diese Zunahme der Gewalt tatsächlich stattfindet.

Das Regime eignet sich die durch den Kampf der Frauen errungenen Rechte an und nutzt sie für seine eigenen Zwecke.

Die Islamische Republik instrumentalisiert zudem das Thema des Hidschabs. Durch jahrelangen Kampf und Opfer haben Frauen gewisse Formen der Selbstbestimmung über ihren Körper errungen. Heute versucht das Regime zu behaupten: „Wir haben kein Problem mit dem Hidschab.“ Bei einigen Demonstrationen zugunsten der Islamischen Republik sind sogar Frauen ohne Hidschab zu sehen. Doch das ist Propaganda. Sie richtet sich an ein internationales Publikum und soll zeigen, dass Frauen die Islamische Republik unterstützen. Mit anderen Worten: Das Regime eignet sich die durch den Kampf der Frauen errungenen Rechte an und nutzt sie für seine eigenen Zwecke.

Ähnliches geschieht auch von außen. Wir haben gesehen, wie Israel „Frau, Leben, Freiheit“ auf Raketen schrieb und damit versuchte, sich diesen Kampf anzueignen. Es ist ein Kampf der Narrative. Beide Seiten versuchen, sich nicht nur die Frauenrechte, sondern auch die Kämpfe der indigenen Völker, die antikolonialen und antirassistischen Kämpfe anzueignen.

Das macht mich zutiefst traurig. Im iranischen Kontext werden Menschen, die das iranische Volk, die indigenen Völker des Iran, Kurden, belutschische Gemeinschaften, Minderheiten und Frauen unterdrückt haben, nun außerhalb des Iran zu Helden antikolonialer und antiimperialistischer Kämpfe umgedeutet. Die Logik scheint zu lauten: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wieder einmal werden die Leben der Menschen vor Ort vergessen.

Das Retter-Narrativ gibt es auf beiden Seiten. Dennoch glaube ich, dass es weniger genutzt wird als noch vor zwanzig Jahren während der Kriege im Irak und in Afghanistan. Nach allem, was geschehen ist, einschließlich der Rückkehr der Taliban an die Macht, scheinen die Vereinigten Staaten die Sprache des „Demokratieexports“ oder der „Frauenrechte“ als zentrale Rechtfertigung teilweise aufgegeben zu haben. Heute dreht sich die Rhetorik viel offener um wirtschaftliche Interessen, Öl, Geschäfte und darum, zu verhindern, dass der Iran zu mächtig wird. Die Idee, Demokratie zu bringen oder Frauen zu befreien, taucht zwar immer noch auf, nimmt aber nicht mehr den zentralen Platz ein, den sie einst hatte.

Auch in Lateinamerika erleben wir ein Wiederaufleben aggressiver Männlichkeitsbilder, die oft mit der Prekarisierung des Lebens verbunden sind. Wie verstehen Sie den Zusammenhang zwischen sozialer Ohnmacht, reaktionären Männlichkeitsbildern und der neuen Rechten?

Es ist eine Reaktion auf Ohnmacht. Wir alle haben auf die eine oder andere Weise das Gefühl, dass es uns an Handlungsfähigkeit mangelt. Doch die Reaktionen auf diesen Mangel an Handlungsfähigkeit unterscheiden sich. Die extreme Rechte sowie einige monarchistische Kreise im Iran bieten ein sehr verlockendes Versprechen: Sie sagen den Menschen, dass sie Macht zurückgewinnen, Teil eines erfolgreichen Projekts werden und etwas Sinnvolles tun können. Dieses Versprechen ist nicht real, aber es hat sehr konkrete Auswirkungen.

Progressive Kreise hingegen verlieren den Kampf, wenn es darum geht, ein greifbares Versprechen für die Zukunft zu bieten. Sehr oft erscheint die Zukunft als etwas allzu Abstraktes, als bloße Spekulation. Manche mögen denken, wir sollten sie ganz aufgeben und uns nur auf die Gegenwart konzentrieren. Doch um Ängste zu überwinden und ein normales Leben zu führen, brauchen die Menschen das Versprechen eines normalen Lebens. Wir können von den Menschen nicht verlangen, alles für eine unbekannte Zukunft oder für künftige Generationen zu opfern. Die Menschen brauchen etwas Konkretes für die Gegenwart und die nahe Zukunft.

Wir haben dieses Bedürfnis stark unterschätzt. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass wir es nicht ernster genommen haben. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unsere Projekte für gewöhnliche Menschen attraktiver gestalten können – für Menschen, die einfach nur besser leben, sich sicher fühlen und ein gewisses Maß an Kontrolle über ihr Leben haben wollen.

Sie haben kürzlich eine Gesprächsrunde mit dem Titel „Fascist Pleasures“ moderiert, in der es um die affektive Dimension von Autoritarismus und der extremen Rechten ging. In Lateinamerika spielt sich dieser Kampf ebenfalls im Alltag ab: Angesichts von Prekarität, Verschuldung und sinkenden Erwartungen verbreiten sich Versprechen individueller Autonomie – vom Unternehmertum über Finanzspekulationen und Kryptowährungen bis hin zur einfachen Idee, mit dem eigenen Geld „etwas anzufangen“. Die Rechte scheint den Wunsch, die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen, besser zu verstehen. Was sollte die Linke aus diesem Kampf um Emotionen und das Gefühl von Macht lernen?

Ich halte dies für eine zentrale Frage. Wir erleben gerade eine sehr schwierige Zeit für die Menschen im Iran, aber wir sollten dies nicht als Ausnahme betrachten. In den letzten Jahren haben wir über den Völkermord in Gaza gesprochen, als wäre es etwas, das „dort drüben“ an einem außergewöhnlichen Ort geschieht. Nun geschieht etwas Ähnliches im Iran. Doch das ist die Logik der heutigen Welt: ein Regime des Krieges und ein Prozess der Faschisierung, der an mehreren Fronten voranschreitet. Wir müssen begreifen, dass dies jeden von uns treffen kann.

Aus diesem Grund sollten wir den Iran nicht als Ausnahme betrachten und uns auch nicht nur fragen, wie es möglich ist, dass ein Teil der iranischen Diaspora – oder Menschen im Land selbst – einen Krieg unterstützen oder die Zerstörung ihres eigenen Landes hinnehmen könnte. Diese Tendenz existiert zwar, ist aber kein ausschließlich iranisches Phänomen. Weltweit ist ein destruktives Verlangen zu beobachten: Die Menschen wissen, dass auch sie durch das, was sie sich wünschen, Schaden nehmen werden, und dennoch sehnen sie sich danach. Dies steht nicht losgelöst vom Aufstieg postfaschistischer und rechtsextremer Bewegungen. Auch die extreme Polarisierung der Politik ist kein Phänomen, das nur im Iran zu beobachten ist.

Feministische Bewegungen verfügen über die einzigartige Fähigkeit, sehr unterschiedliche Kämpfe miteinander zu verbinden.

Ich möchte nicht mit einer allzu pessimistischen Note schließen. Wie ich bereits sagte, ist diese gesamte Bewegung aus Krieg und Unterdrückung ein konterrevolutionärer Versuch, zu verhindern, dass die Wellen, die 2016 und 2017 entstanden sind, etwas wirklich Neues hervorbringen. Doch die Überlebenskämpfe gehen weiter. Sie durchlaufen Unterbrechungen, Fortschritte und Niederlagen, doch sie gehen weiter. Meine Hoffnung ist, dass aus ihnen etwas entstehen kann.

Gleichzeitig weiß ich, dass eine rein nationale Lösung nicht gelingen kann. Alle autoritären Staaten der Region waren erschrocken über das, was seit 2022 in Rojava, in Kurdistan, im Iran und während der zweiten Welle des arabischen Frühlings geschah. Trotz ihrer Unterschiede hatten diese Prozesse viel gemeinsam. Und diese Staaten halfen sich gegenseitig dabei, die fortschrittlichen Bewegungen der Region zu unterdrücken.

Nach so vielen Mobilisierungen auf der ganzen Welt habe ich das Gefühl, dass sich im Leben der Menschen, die unter direkter Gewalt und anhaltendem Völkermord leiden, nur sehr wenig geändert hat. Das zwingt uns dazu, unsere politische Strategie zu überdenken. Massenmobilisierung bedeutet heute nicht mehr dasselbe wie vor zehn Jahren – wir erleben eine andere Konstellation der Beziehungen zwischen Staaten und Gesellschaften. Ich sage nicht, dass wir die Straße aufgeben sollten, aber Straßenmobilisierungen allein reichen nicht mehr aus.

Jetzt, angesichts des Krieges, ist alles noch schlimmer. Die Sprache der radikalsten Rechtsextremen hat sich normalisiert. Menschen können offen von der Vernichtung ganzer Zivilisationen sprechen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. In diesem Kontext verfügen populäre Feminismen über ein differenzierteres Verständnis und ein breiteres Handlungsrepertoire als bloßer Protest, weil sie den Alltag mit der Politik verbinden. Doch auch der Feminismus braucht Erneuerung. Auch feministische Bewegungen erleben derzeit eine Art Rückgang. Nicht überall – in Kenia beispielsweise gibt es nach wie vor eine sehr starke Bewegung –, aber allgemein gesprochen befinden wir uns weder in derselben Situation wie vor einem Jahrzehnt noch am Höhepunkt des Zyklus, der im Iran nach der Ermordung von Mahsa Jina Amini begann.

Deshalb glaube ich, dass wir alle die Art und Weise, wie wir Politik betreiben, überdenken müssen. Wenn wir Lösungen finden wollen, werden diese nicht auf nationaler Ebene entstehen. Die Frage ist, wie man einen neuen Internationalismus von unten aufbauen kann, und feministische Bewegungen können in diesem Prozess eine grundlegende Rolle spielen. Wie Verónica Gago argumentiert hat, verfügen sie über die einzigartige Fähigkeit, sehr unterschiedliche Kämpfe miteinander zu verbinden. Das bleibt ein Licht am Ende des Tunnels.

Krieg, technologische Umwälzungen, Prekarität und die wachsende Macht des Kapitals verändern den Kapitalismus rasant. Gleichzeitig scheinen viele Institutionen, die einst als fortschrittlich galten, nun von reaktionären Dynamiken eingenommen zu sein. Sehen Sie in dieser Krise Raum für neue Formen des Sozialismus, des Internationalismus oder einer emanzipatorischen Politik? Und was sollten lateinamerikanische Feminist*innen Ihrer Meinung nach über den heutigen iranischen Feminismus wissen? Welche Art von Solidarität oder Dialog ist in diesem Moment erforderlich?

Ich glaube, dass es sich um eine tiefgreifende Krise handelt, die auf mehreren Ebenen wirkt. Unter anderem zeigt der Krieg, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr über die Hegemonie und Macht verfügen, die sie einst hatten. Es gibt keine Garantie für eine strahlende Zukunft, aber das bedeutet nicht, dass alle Türen verschlossen sind.

Deshalb ist es wichtig, den Dialog zwischen verschiedenen Regionen zu fördern. Machtstrukturen versuchen, uns das Gefühl zu geben, voneinander entfernt zu sein: Argentinien und der Iran, Lateinamerika und der Nahe Osten, Kulturen und Religionen, die angeblich durch unüberwindbare Unterschiede getrennt sind. Doch die Gemeinsamkeiten sind größer als die Unterschiede. Uns verbinden Prekarität, geschlechtsspezifische Gewalt, der Aufstieg autoritärer rechter Bewegungen, das Gefühl, dass wir so nicht mehr weiterleben können, und die Notwendigkeit, uns eine andere Zukunft vorzustellen.

Wir alle erleben geschlechtsspezifische Gewalt, und das allein sollte schon ausreichen, um zu verstehen, was wir meinen, wenn wir sagen, dass die derzeitige Staatsstruktur feminisierten Körpern schadet.

Ich würde mir einen echten und ehrlichen Dialog mit Lateinamerika wünschen. In einigen progressiven und linken Kreisen sehe ich sehr wenig Empathie für die Menschen im Iran. Weil die Islamische Republik den Vereinigten Staaten und Israel gegenübersteht, kommen sie zu dem Schluss, dass das Regime daher auf der Seite des Volkes stehen müsse. Sie interpretieren die Situation als antiimperialistischen Kampf, übersehen dabei jedoch, was an der Basis geschieht.

Unter Feminist*innen ist dieses Problem meiner Meinung nach weniger ausgeprägt, wenn auch nicht gänzlich abwesend. Hier herrscht eine andere Sensibilität, da es durch die Politik des Alltags trotz aller kulturellen Unterschiede leichter ist, zu verstehen, was vor sich geht. Wir alle erleben geschlechtsspezifische Gewalt, und das allein sollte schon ausreichen, um zu verstehen, was wir meinen, wenn wir sagen, dass die derzeitige Staatsstruktur feminisierten Körpern schadet.

Wir brauchen eine Form der Solidarität, die keine Wahl zwischen dem Regime und dem Krieg erzwingt. Eine Solidarität, die fähig ist, denen zuzuhören, die Leben erhalten, sich um andere kümmern und von unten Widerstand leisten. Sich dem Imperialismus zu widersetzen, darf nicht bedeuten, die Augen vor der Gewalt der Islamischen Republik zu verschließen. Und sich der Islamischen Republik zu widersetzen, darf nicht bedeuten, die Zerstörung des Landes zu unterstützen. Das ist die Diskussion, die wir heute brauchen.

 

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